Dienstag, 23. September 2025

Thomas Röthlisberger: Steine zählen


„Eigentlich irrt sich der Hund nie.“ (Seite 9)

Was soll auf gut 170 Seiten schon passieren? Thomas Röthlisberger packt einfach mal mehrere Leben und ihre Verstrickungen in einen schmalen Band und hat die Geschichte dabei auserzählt. Und das auf großartige Art und Weise.

Ein alter Mann liegt mit Schusswunde und Gewehr in der Hand in seinem eigenen Blut auf einem abgelegenen Hof in Südfinnland. Seine Frau hat ihn nach Jahrzehnten verlassen. Der Sohn ist schon lange auf und davon und kommt nur zurück, wenn er gerade mal Geld braucht. Ein echt trostloses Land.

Von Finnland hab ich so gar kein Bild vor Augen, nur die Textzeile von Rainald Grebe im Ohr: Finnen sind alle depressive Trinker. Finninnen auch. (Sinngemäß zitiert.) Die Geschichte, oder vielmehr die Geschichten, die der Schweizer Röthlisberger hier erzählt, illustrieren das ganz klar. 😉

Märtas Leben beginnt fast hoffnungsvoll mit einer großen Liebe, der sie bereitwillig überall hin gefolgt wäre. Wenn der Typ nicht auf einmal spurlos verschwunden wäre. Aber ihre Eltern hielten ohnehin nichts von ihm. Dumm nur, dass die Leidenschaft nicht folgenlos blieb. So heiratete sie kurzerhand einen anderen und ihr noch ungeborener Sohn hatte damit einen Vater. Ob der etwas ahnte, bleibt ungewiss.

Da ist dieser Typ, eher ein Einzelgänger, eher ruhig. Aber aufbrausen kann der, dass Nasen brechen und Blut fließt. Eigentlich will er ja nur das Beste und mithalten will er, sich nicht ausstechen lassen. Aber irgendwie zieht er nie das große Los. Bis dann Märta, die er lange genug mit seinem ganz eigenen Charme umschwärmt hat, sich doch tatsächlich in seine Arme wirft und ihn gar heiratet. Matti hätte das nicht für möglich gehalten, aber große Selbstzweifel sind seine Sache nun auch nicht. Also, das passt schon und der abgelegene Hof, den er erbt, muss ja auch bewirtschaftet werden. Nur gut, dass ein Nachkomme so schnell unterwegs ist.

Olli wächst auf zwischen Liebe und Angst. Seine Mutter Märta umsorgt ihn liebevoll. Doch Matti, sein Vater, findet, sie würde den Bengel nur verziehen und verwöhnen. Hart soll er werden und irgendwann den Hof übernehmen. Stattdessen flüchtet Olli sich in die nächste Stadt und in ein etwas aus der Bahn geratenes Leben und in Drogen.

Den Polizisten, der Matti auf dem Hof findet und rätselt, was hier wohl passiert sein könnte, lasse ich mal außen vor. In den Kapiteln, die abwechselnd von den verschiedenen Figuren im Roman erzählen, dröselt Röthlisberger die einzelnen Leben mit ihren Entscheidungen und ihrem Hineingeworfensein auf und verknotet sie gleich wieder kunstvoll miteinander.

Mit seiner klaren Sprache webt der Autor einen wirklichen dichten Erzählteppich, der trotzdem an keiner Stelle überlastet wirkt. Es ist einfach nur kein Wort zu viel und damit womöglich eine treffende Zeichnung der Stimmung in diesem Südfinnland.

Ein bisschen spannend finde ich aber die Frage, wie diese Geschichte nach Südfinnland gelangte, obwohl sie der Anlage nach auch gut in der Schweiz hätte spielen können, wo der Autor lebt. Aber darauf gibt der Roman natürlich keine Antwort. 😊

Kurz und gut: Ein schönes Beispiel für richtig gute Literatur in einem kleinen, fast unscheinbaren Verlag. Lesen!

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Donnerstag, 18. September 2025

Mosaik #597


So war dit also. Dieses Mal dürfen die drei knuffigen Zeitreisenden die Anfänge Berlins miterleben. Nach ein paar Tagen an Berlins größter Badewanne passt das doch wunderbar, um hier wieder anzukommen. 😊

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Montag, 15. September 2025

Ilko-Sascha Kowalczuk/ Bodo Ramelow: Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten


„Der Osten, der Westen und die gefährdete Demokratie

Vieles von dem, was nach 1990 im Osten schiefgelaufen ist, lässt sich aus Versäumnissen und Fehlern im Vereinigungsprozess erklären. Anderes geht auf überzogene Erwartungen und ein falsches Verständnis von Freiheit zurück. So ist eine toxische Stimmung entstanden, die immer größere Teile der Bevölkerung erfasst – nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Denn die ‚neue Mauer‘ verläuft nicht nur entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, sondern auch zwischen den Verteidigern der Demokratie und jenen, die sie – gezielt oder leichtfertig – in Gefahr bringen.“ (Umschlagtext)

Tja, wenn wir heute über Ostdeutschland reden, sprechen wir eigentlich auch immer über gesellschaftliche Spaltung, den Rechtsruck, die Gefahren für die Demokratie. Nicht erst seit gestern stand ja auch das Bild von Ostdeutschland als einer Art Laboratorium im Raum, in dem Entwicklungen früher und wie unter einem Brennglas einsetzen.

Dieser Gesprächsband verspricht erst einmal Ähnliches. Das Interessante sind zweifelsohne die beiden, die da miteinander sprechen. Auch ohne das Buch schon gelesen zu haben, rechne ich fest mit einer gut gewürzten Debatte und vielen klaren Worten, die manchmal auch wehtun. Für genau das schätze ich die beiden, so gut man sich sicher auch jeweils an den Positionen mal reiben kann.

Meine Leseerwartung ist also hoch. 😊

„Ilko-Sascha Kowalczuk ist einer der besten Kenner der DDR-Geschichte und seit vielen Jahren ein ebenso kritischer wie kluger Beobachter des Vereinigungsprozesses. Die FAZ nannte ihn den ‚Punk unter den deutschen Historikern‘. Bodo Ramelow ist seit 1990 in Ostdeutschland politisch aktiv und war von 2014 bis 2024 Ministerpräsident in Thüringen. Die beiden haben sich zusammengesetzt, um nach den Ursachen für den flächendeckenden Wahlsieg der AfD in den neuen Bundesländern und nach den Perspektiven für unsere Demokratie zu fragen. Der Zeithistoriker und der Politiker lassen es dabei nicht an deutlichen Worten fehlen und gelangen zu einem sehr differenzierten Bild der deutsch-deutschen Gegenwart.“ (Klappentext)

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Sonntag, 14. September 2025

Helmut Krausser: Aussortiert


Berlin, ein heißer Sommer: Vier kaltblütige Morde erschüttern die Stadt. Alles deutet auf einen selbsternannten Racheengel hin, der seine Opfer wegen ihrer moralischen Verfehlungen ‚aussortiert‘. Doch die beiden Kommissare Kai Nabel und Lidia Rauch glauben nicht an diese Lösung …“ (Umschlagtext)

Ich fülle meinen Regalmeter Krausser auf. Zum Beispiel mit diesem Kriminalroman von 2007. Sollte ich das nicht enden wollende Werk vom Autor jemals auf den aktuellen Stand bekommen, wird der Meter im Regal vermutlich auch nicht ausreichen.

Was mich immer noch schwer beeindruckt, ist die Varianz in den Themen und Erzählstimmen, soweit ich das bislang nachvollziehen kann. Ich habe also allen Grund anzunehmen, dass ich auch mit diesem Buch bestens unterhalten werde. 😊

„Berlin, ein heißer Sommer: Vier kaltblütige Morde erschüttern die Stadt. Alles deutet auf einen selbsternannten Racheengel hin, der seine Opfer wegen ihrer moralischen Verfehlungen auswählt. Seine Motive hinterlässt er am Tatort, mit lila Tinte auf kleinen Schildchen notiert. Doch der frustrierte, leicht depressive Kriminalhauptkommissar Kai Nabel und seine übereifrige Kollegin Lidia Rauch glauben nicht an diese Theorie. Ihre kriminalistische Intuition sagt ihnen, dass dem Fall viel niedrigere Instinkte zugrunde liegen …“ (Verlagstext)

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Donnerstag, 11. September 2025

Ruth Hoffmann: Das deutsche Alibi. Mythos "Stauffenbberg-Attentat" - wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird


„Ein Datum im Dienst der Politik

Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 scheint bestens erforscht. Und doch ist nur wenigen bewusst, dass ein breites Bündnis von rund 200 Menschen unterschiedlicher politischer Couleur am sogenannten ‚Stauffenberg-Attentat‘ beteiligt war.

Ruth Hoffmann unternimmt eine längst überfällige Dekonstruktion des legendenhaft überhöhten Anschlags auf Hitler. Sie lenkt den Blick auf die gesellschaftliche Breite der Verschwörung und zeigt, wie der 20. Juli seit Gründung der Bundesrepublik instrumentalisiert wird: mal um sich gegen die DDR abzusetzen, mal um ehemaligen Nationalsozialisten eine Nähe zum Widerstand anzudichten, oder, wie die AfD, um die eigene Demokratiefeindlichkeit mit einem angeblichen Widerstandsgeist in der Tradition Stauffenbergs zu kaschieren.

Der profund recherchierte Beitrag zu einem schicksalhaften Tag in der deutschen Geschichte“ (Umschlagtext)

Die Frage, was war, ist mindestens so spannend wie die, was nachfolgende Generationen dann darüber sagen und interpretieren. Zurecht wird die Art und Weise, wie Geschichte befragt wird, nicht weniger intensiv untersucht als die historischen Gegenstände selbst. Zumal hier unsere jeweiligen Interessen im Hier und Heute damit oft klarer zutage treten.

Zu den Facetten von Widerstand gegen das Nazi-Regime und dessen Verbrechen gibt es inzwischen viele Regalmeter Literatur, darunter viel Hilfreiches und einiges Hilflose. Leider ist die Aufarbeitung offensichtlich noch nicht abgeschlossen, Aufklärung und Nachdenken über das Damals heute so wichtig wie zuvor. Und unser daraus resultierendes Handeln im Heute erst recht.

„‘Der 20. Juli 1944 war schon immer ein Stachel im Fleisch deutscher Selbstgewissheit – weil er das Märchen vom verführten Volk entlarvte, das von nichts gewusst habe, und weil er zeigte, dass es möglich gewesen wäre, sich anders zu verhalten. Nur die allerwenigsten wollten sich das eingestehen, doch als Kronzeugen für jenes ‚andere Deutschland‘ durften die Widerständler gern herhalten. Das war nützlich für die Selbstdarstellung gegenüber dem Ausland und die Selbstvergewisserung nach innen.

Wie wir dieses Ereignis heute beurteilen, ist kein gesellschaftlicher Konsens, sondern das Produkt einer wechselvollen Entwicklung voller Widersprüche, empörender Vereinnahmungen und Versäumnisse.‘ Ruth Hoffmann“ (Klappentext)

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Mittwoch, 10. September 2025

Robert Seethaler: Das Feld

„Wenn die Toten auf ihr Leben zurückblicken könnten, wovon würden sie erzählen? Wäre es eine Geschichte oder die Erinnerung an einen Moment, an ein bestimmtes Gefühl, eine Regung?

Das Feld handelt von den letzten Dingen. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem großen Bild menschlicher Koexistenz.“ (Umschlagtext)

Hach, der Seethaler! Mit dem Trafikanten hat er sich mir ja ins Herz geschlichen und seither nicht enttäuscht. Einfach gute Geschichten, ganz unprätentiös erzählt und selbst Kitschiges ist plötzlich plausibel und ok.

So jemanden trifft man gern in unregelmäßigen Abständen immer wieder, setzt sich zusammen, lauscht einer Geschichte, lässt sich mitreißen – bis zum nächsten Mal.

„Was bleibt von einem Leben?

Einer wurde geboren, verfiel dem Glücksspiel und starb. Ein anderer hat nun endlich verstanden, in welchem Moment sich sein Leben entschied. Eine erinnert sich daran, dass ihr Mann ein Leben lang ihre Hand in seiner gehalten hat. Eine andere hatte siebenundsechzig Männer, doch nur einen von ihnen hat sie geliebt. Einer war vernünftig genug, sich seine Träume nicht zu erfüllen. Und einer dachte: Man müsste mal raus hier. Doch dann blieb er.
In Robert Seethalers neuem Roman geht es um die letzten Dinge: um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem großen Bild menschlicher Koexistenz.“ (Klappentext)

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