„Natürlich
hatte Malu von der Störung gehört, immerhin war sie der Grund, weswegen die
letzte Lieferung der Farm ausgeblieben war und sie das geplante Abendessen eine
Nummer kleiner ausfallen lassen musste.“ (Seite 8)
Wenn doch
aber alles so schön bio und nachhaltig ist …
Berlin in
naher Zukunft. Klimatische und andere globale Entwicklungen zwingen immer mehr
zu nachhaltigen Lösungen vor Ort. So ist es doch ganz wunderbar, dass ein Startup
in Berlin genau solche anbietet. Auf dem Tempelhofer Feld entsteht und arbeitet
eine Vertikalfarm, die die Stadt mit Lebensmitteln und allem möglichen Anderen
versorgt. Großartig.
Ja gut, das
Startup beginnt mit seinem Erfolg und Rahmenbedingungen immer mehr in die Stadtgesellschaft
hineinzuwachsen. So kann sich der Staat ganz effizient auf immer weniger
Verwaltungsaufgaben konzentrieren und damit ein Umfeld schaffen, das dem Startup
nutzt, was natürlich den Menschen nutzt.
Also, wenn
sie das zu schätzen wissen. Und nicht durch sämtliche Raster fallen. So wie
Flüchtlinge zum Beispiel. Da gab es vor einigen Jahren Gerüchte, dass die wie
Sklaven in der Fabrik auf dem Tempelhofer Feld gehalten würden. Aber wirklich
stören konnten diese Gerüchte das neubürgerliche, nachhaltige Leben in der
Stadt nicht.
Alle, die
sich an die neuen Gegebenheiten anpassen wollten und wollen, sind ohnehin
ausgewandert in den Speckgürtel und weiter hinaus. Auch wenn die Bezeichnung
Speckgürtel für den immer weiter zerfallenden Raum jenseits der Stadt der
Zukunft eigentlich eine eher unpassende Bezeichnung scheint. Dort leben auf
jeden Fall all die unangepassten Nichtkonsumenten, Verweigerer:innen jeglicher Couleur,
Habenichtse, Ewiggestrige. Aber auch sie sind und bleiben mit der Stadt so sehr
verbunden, dass Malu, die Hauptfigur des Romans, ohne sie nicht weiterkommt.
Sie ist
Ermittlerin, angestellt bei dem Reststaat, der in der Stadt noch existiert, und
will die aktuellen Vorgänge in der Fabrik aufklären. Und diese Vorgänge sind
verknüpft mit alten Gerüchten, mit immer geringeren individuellen Spielräumen
gegenüber einer KI-gesteuerten Versorgung, die gesellschaftliche Verantwortung
zu einer leeren Hülle hat verkommen lassen. Um also zu klären, was mitten in
der Stadt passiert, muss sich Malu dem stellen, was in dieser Welt das logische
Gegenstück zur bio-heilen, künstlichen Konsumentenstadt ist, dem abgehängten
sehr realen Rest.
Zugegeben, so
richtig mitreißend ist Sascha Reh dieser Roman nicht gelungen. Solide erzählt
ist er aber allemal. Und so konnte ich mich letztlich auch sehr gut auf das Durchdeklinieren
von Strängen einlassen, die ins Hier und Heute ragen. Vermeintlich grünes
Wirtschaften, dem ausgerechnet Cybertechniken zum Durchbruch verhelfen. Ein
vermeintlich grüner Hyperkapitalismus, der nur noch Individualismus zu kennen
scheint, aber eigentlich ein privatwirtschaftliches Monopol gegenüber einer
ausgehöhlten Gesellschaft meint. Eine Manipulation der Bürger:innen, die das
auch noch für ein Heilsversprechen halten sollen und das Aussortieren all
derer, die nicht in dieses Raster passen oder passen wollen.
Und obwohl
jetzt häufiger das Wort grün gefallen ist, geht es eher um die libertär-autoritären
Entwicklungen, die sich heute bei den amerikanischen Techgiganten ebenso
beobachten lassen wie bei all den rechtspopulistischen/-extremen Gruppierungen,
die angeblich eine hübsch bürgerliche Welt bauen wollen.
Kurz und
gut: Ganz nah dran und darum: Lesen!
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