„‘Partys
sind ein Zustand. Den kann man nicht einfach verordnen, Arne! Der muss sich
zwischen den Leuten herstellen.‘“ (Seite 7)
Der Osten
mal wieder – also literarisch und auf meinem Lesestapel. Da die Geschichte hier
2005/2006 in Dresden und seinem Umland spielt, spüre ich eine deutliche
Verschiebung meiner Perspektive. Und das hat mehr mit meiner eigenen Biografie
als mit der Story selbst zu tun.
Nach 1994 hat
mich mein Leben Stück für Stück aus dem Osten weggeführt. Bestenfalls hätte ich
mich in den späten 90ern als Wossi bezeichnet, als … ähem … Wandler zwischen
den Welten. Jaja, ich weiß. ^^ Um die Zeit, in der Lars Werners Roman spielt,
war ich dann bereits in Berlin angekommen, eigentlich zurück im Osten, aber
irgendwie auch nicht wirklich. Eine Jugend in und bei Dresden in dieser Zeit
ist also schon recht weit weg von meinem Leben. Aber schauen wir mal. 😊
Benny lebt
mit seinen Eltern im Dresdner Umland. Sein Alltag pendelt zwischen langweiliger
Schule und dem Erwachsenwerden hin und her. Wie es mit 15, 16 Jahren so ist,
fangen Menschen, mit denen man aufgewachsen ist, an sich zu verändern, neue und
andere Freunde zu finden. Auch man selbst beginnt mit diesem Erwachsenwerden,
was einige Irrungen und Wirrungen mit sich bringt, wie wir alle irgendwie
erfahren haben.
Während also
ehemalige Freunde aus Kindertagen sich scheinbar über Nacht zu Anhängern von
Neonazis entwickeln, treiben Trotz und Wut tief im Bauch Benny eher zum Punk.
Auch er lernt neue Leute kennen, findet Freundschaften, die ihn im
Jugendzentrum Rosaluchs in einer benachbarten Kleinstadt eine neue Heimat
finden lassen. Die ehemaligen Freunde und Benny finden sich also auf einmal auf
gegnerischen Seiten wieder.
Nazi oder
Punk, wenig Raum für ein dazwischen, das wiederum kommt mir dann doch irgendwie
bekannt vor aus den frühen 90ern. Auch wenn das in meiner Jugend, in der Gegend,
in der ich aufgewachsen bin, eher Geschichten aus dem Umland waren. Seine
Schatten warfen diese Baseballschlägerjahre auch bis in diese beschauliche
Landschaft.
Natürlich
reibt sich Benny zwischen den natürlich spießigen Eltern, einem schwierigen Verhältnis
zum schwierigen Vater, und den neuen Freunden, schwankenden Gefühlslagen, dem
Ausprobieren von Gefühlen, Punkkonzerten und Schlägereien mit Nazis. Nein,
aufreiben wäre zu viel gesagt, aber reiben, das passt schon. Dann das resultiert
aus einerseits dem Gefühl selbst zu drängen, so aus sich heraus, ohne
vielleicht genau die Gründe dafür schon erkennen zu können, aber eben auch aus
dem Gedrängtwerden, durch Umstände, Situationen, das Handeln anderer aber auch
durch Beziehungen, die schmerzen und guttun zugleich.
Zu Letzterem
gehört eine Freundschaft, die zu einem Kuss führt, von einem Typen. Und als
wenn nicht ohnehin alles schon kompliziert genug wäre, mit dem Erwachsenwerden,
macht das für Benny noch einmal eine ganze Menge neue Fragen auf. Anwesende und
zugewandte Eltern wären da irgendwie schön gewesen, gerade die hat er aber
nicht. Also die sind mit sich und ihrem Leben beschäftigt und der Vater bestenfalls
mit seinem Teeniesohn und dessen Welt überfordert. Es ist also die Welt, die
sich Benny bis hierhin schon erobert hat, die seinen Weg weiterprägen wird.
Freunde, mit denen er feiert, kotzt und weiterfeiert, die für ihn da sind, für
die er da ist. Ein Moment, der mir auch sehr bekannt vorkommt: wenn nicht mehr
die Eltern im Mittelpunkt der Welt stehen, sondern die Freunde, andere Menschen
plötzlich viel mehr die Welt ausmachen. Das bedeutet aber auch eine Art
Heimatlosigkeit, wenn derart die eigene Familie dafür nicht mehr so richtig
taugt, eine neue aber noch nicht gefunden ist. Oder besser, es noch keinen neuen
Ort gibt, den man so nennen könnte oder auch nur das Gefühl dafür noch fehlt,
dass das etwas sein könnte, was man braucht. Es ist so ein Dazwischen.
Ok, ich
fühle mich definitiv angesprochen und ahne, dass es diese Erinnerung ans eigene
Erwachsenwerden sein könnte, die Coming-of-Age-Storys so oft so gut für so
viele funktionieren lassen.
Und dann
kommt noch Politik ins Spiel. Denn für Benny sind die Auseinandersetzungen
zwischen den Neonazis und den Punks keine Spielerei. Auch das Erleben seiner
Eltern in ihrer spießigen Selbstbezogenheit, die Erfahrung der Kollision mit
der Staatsmacht – das unmittelbare Hereinbrechen der Außenwelt in die eigene, hier
bricht sich die eigene Politisierung Bahn. Und auch das kennen viele von uns.
Insbesondere unter denen, die sich auch als Erwachsene als politische Menschen
verstehen, sich engagieren, ist oft genug der Moment der eigenen Politisierung
immer wieder Thema und Bezugspunkt. Wie sich so etwas ganz lebensnah und
praktisch vollzieht, lässt sich an Bennys Geschichte gut nachvollziehen.
Bei aller
Trostlosigkeit, in der das Leben im Dresden der Jahre rund um das Sommermärchen
spielt, bleibt mir eines hängen und ganz nah: Da wächst jemand auf, verortet
sich in der Welt und findet Zugang zu seinen eigenen Wünschen, formt sein Ich,
mit dem er sich der Welt stellt. Das sorgt für Blessuren und Tränen, hat aber
auch etwas Tröstliches. Weil es eben auch die Menschen um Benny herum gibt, die
ihn lassen.
Ich mag den
Ton, die Stimme, die Lars Werner seiner Hauptfigur Benny gegeben hat. Damit hat
er einen Ton getroffen, der hoffentlich viele, unterschiedlichsten Alters,
erreicht. Ohne Zweifel gibt es auch heute genügend Teenager, die sich in dieser
Geschichte wiedererkennen können und vielleicht genau diesen Trost am Ende
wahrnehmen können. Und für alle, für die Bennys Geschichte eine fast vergessene
Erinnerung ist, in welcher Hinsicht auch immer, mag es ein Innehalten und
Verstehen auslösen.
Kurz und
gut: Wichtiger Stoff, wirkungsvoll erzählt. Lesen!
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