Gregors Liste
Freitag, 6. November 2026
Mosaik #611
Mystisches, Alchemie und verwunschene Gassen in einer altehrwürdigen Stadt – ja doch, das passt doch zum November. 😊 #leseherbst #comic #abrafaxe #mosaik #früheneuzeit #prag #rabbilöw #tychobrahe #hradschin #alchemie #abenteuer #zeitreise #lesen #leselust #lesenswert #leseratte #bücher #literatur #yeswecomican
Donnerstag, 5. November 2026
Margaret Atwood: Die Zeuginnen
„Nur Tote dürfen Denkmäler haben, ich aber habe zu Lebzeiten eines bekommen.“ (Seite 9)
Dieses Jahr habe ich mir noch mal die volle Gilead-Dosis gegeben und den „Report der Magd“ noch mal, diesen Folgeband zum ersten Mal gelesen und natürlich auch die Serie noch einmal durchgesuchtet. Hossa!
Die Verfilmung der „Zeuginnen“ wird auch schon gesendet. Es gab also gute Gründe das Buch auch endlich mal zu lesen. 😊
Gelohnt hat sich die Lektüre allemal und auch das Drumherum in der Entstehung ist spannend. Gerade weil Fortsetzungen ja so gerne mal am eigenen Anspruch und/oder dem der Fans scheitern.
In diesem Fall wird berichtet, dass Margaret Atwood sowohl Bezüge zur Serie mit aufgenommen habe, die ausgestrahlt wurde, als sie diesen Band verfasste (Erscheinung des Originals und der Übersetzung 2019), als auch Anregungen von Fans. Das klingt schon irgendwie cool.
Gelungen und spannend finde ich den Inhalt auch. 😉 In drei parallellaufenden Strängen kommen drei Frauen zu Wort. Was sie berichten, spielt einige Jahre nach der Handlung des „Reports“ in der Phase des Niederganges von Gilead, dem faschistoid-religiösen Staatsgebilde, das manchen Vorstellungen von realexistierenden christlichen Fundamentalisten erschütternd nahekommt.
Tante Lydia ist eine der drei Stimmen und diejenige, die am vertrautesten aus dem ersten Band ist. Sie war da wahrlich keine Sympathieträgerin. Immerhin ersann und stärkte sie das System der Tanten, die für die Ausbildung und Züchtigung der Mägde zuständig sind. Der einzige Zweck dieser jungen Frauen in Gilead ist es, anstelle der Ehefrauen den Kommandeuren Kinder zu gebären. Kinder, die in rituellen Vergewaltigungsakten gezeugt und den leiblichen Müttern direkt nach der Geburt entrissen werden.
Im „Report“ berichtete die Magd Desfred von ihrem Leben und ermöglichte einen Blick auf Gilead aus genau dieser Perspektive. Mit Tante Lydia erweitert sich dieser Blick, zumal hier auch deren Lebensweg hin zur ihrer Position als Tante beschrieben wird. Sie erlebt und erduldet Folter und Gewalt, wird aber durch ihre Position im System selbst zur erbarmungslosen Täterin.
Durchaus plausibel finde ich die Wendung, dass Tante Lydia mit ihrem Wissen über das Funktionieren von Gilead, die Korruption und Gewalt hinter der religiösen Fassade, aktiv dazu beiträgt, das System zu stürzen. Das macht sie als Person nicht sympathischer, aber wirft noch einmal ein Schlaglicht darauf, wie solche Regimes sich halten oder aber eben auch nicht.
Die beiden anderen Figuren sind junge Frauen, die eine in Gilead aufgewachsen, die andere im freien Kanada. Mehr will ich gar nicht verraten, weil das Rätseln beim Lesen ja auch ein wenig Vergnügen bringt. Und ja, ich weiß, dass sich das auch einfach im Netz nachlesen lässt. Aber wer würde sich denn freiwillig das Ende schon vorwegnehmen? 😉
Ich hab von gemischten Reaktionen auf Atwoods Folgeband gelesen, kann aber für mich festhalten: Ich war von den „Zeuginnen“ nicht weniger begeistert als vom „Report“. Atwood bleibt auch hier eine grandiose und präzise Erzählerin des Grauens eines solchen totalitären und autoritären Regimes. Das ist umso höher anzurechnen, da die Fiktion des ersten Romans aus den 1980ern beim Schreiben des Zweiten so viel realistischer wirken musste.
Kurz und gut: Erschütternd gut und aktuell. Lesen, unbedingt!
(Übersetzung: Monika
Baark)
Montag, 2. November 2026
Andreas Rödder: 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart
„Dieses Buch ist ein Abenteuer.“ (Seite 11)
Puh, das ist eines der Bücher, bei denen es mir schwerfällt, einen Leseeindruck zu schreiben. Ich hab so einige Rezensionen gelesen, die voll des Lobes waren. Aber um ehrlich zu sein, kann ich mich denen nicht wirklich anschließen.
In mal mehr, mal weniger essayistischen Kapiteln schreibt Rödder über die digitale Revolution, die Globalisierung, den Klimawandel – den Blick auf die historischen Entwicklungen in Deutschland, später im Buch dann auch weiter gespannt bis hin zur großen Weltpolitik.
Nun gut, dieser Band stammt aus dem Jahr 2015. Acht Jahre später gab es dann eine überarbeite Neuauflage mit neuem Titel. Vielleicht mag mein verspätetes Lesen der ersten Ausgabe die eine oder andere Irritation erklären, weil Historiker im Allgemeinen nicht so gut in die Zukunft schauen können.
Wenn Sie das versuchen, fangen sie üblicherweise an, Politik zu machen, also ihre eigentliche Profession zu verlassen. Umgekehrt wiederum heißt das nicht, dass eigene Urteile oder auch Vorurteile sich nicht auch in historischen Arbeiten finden. Das tun sie ganz sicher.
Aber wenn sich beim Lesen so ein Eindruck bildet, dass es sich dann eigentlich doch wenigstens in Teilen eher um ein politisches Programm handelt, dann fänd ich es angemessen, es auch so zu benennen.
Ich will es an zwei Themen festmachen, die mir noch im Kopf geblieben sind, auch wenn die Lektüre schon wieder einen ganzen Moment her ist:
Familien – 2015 blieb die CDU noch dabei, dass die Ehe ausschließlich für Mann und Frau gedacht sei. Rödder war damals schon CDU-Mitglied und wurde potenziell als Kabinettsmitglied einer möglichen Regierung unter Julia Klöckner gehandelt. Soweit ich erkennen konnte, gehörte er nicht nur mit diesem Text zu denen in der Partei, die eine neue Richtung einschlagen wollten und das Familienbild eher an dem Vorhandensein von Kindern ausrichten. Wenn aber gleichzeitig Individualisierung in der Gesellschaft eher als hedonistisches Zerrbild verstanden und vorgestellt wird, zeichnet sich dann doch schnell ab, in welchem biopolitischen Verständnis die vermeintlich fortschrittliche Haltung an dieser Stelle fußt.
Klimawandel – Schon 2015 galt, was 2026 noch viel klarer ist. Der wissenschaftliche Konsens zum Klimawandel, zu dessen Ursachen und Auswirkungen, ist überdeutlich. In diesem Zusammenhang der Wissenschaft einen Hang zu Weltuntergangsszenarien zu attestieren, fänd ich in einem Meinungsstück in der Zeitung ok. In einem Werk, das ausdrücklich als das eines Historikers und eben nicht als politische Wortmeldung daherkommt, hat das dann doch mehr als ein Geschmäckle.
Ich will es bei diesen beiden Beispielen belassen, wenn ich den Eindruck, den ich damit beschreiben wollte, dann doch an sehr viel mehr Stellen im Buch hatte.
Alles in allem empfand ich beim Lesen den Politiker Andreas Rödder, mit dem Weg, den er in der Folge genommen hat (gegen „Cancel Culture“, Leiter CDU-Grundwertekommission, gegen die Brandmauer zur Abgrenzung zur Afd …), dann doch etwas zu deutlich vorweggenommen in einem Buch, das einen anderen Anspruch zu haben vorgibt.
Kurz und gut: Weiße,
patriarchale Geschichtsschreibung. Kann man lesen …!
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Sonntag, 1. November 2026
Jochen Schmidt: Schneckenmühle
„Schon Monate vorher träumte ich nachts immer wieder von der Abfahrt, wenn die Kinder in aller Frühe von ihren Eltern im Bahnhofsgebäude abgegeben werden.“ (Seite 7)
Ganz wie Jens, Hauptfigur und Erzähler in diesem Text, war auch ich im Sommer 1989 im Ferienlager, und ich war ebenfalls 14 Jahre alt. Im Gegensatz zu Jens konnte ich damals drei Wochen (glaube ich mich zu erinnern) in ein Betriebsferienlager in der Nähe des tschechischen Ostrava fahren. Jens im Text fährt ins Ferienlager Schneckenmühle, bei Liebstadt, südlich von Sachsen. Bestimmt auch schön. 😊
Das Phänomen Ferienlager ist für mich also sofort anschlussfähig. Dieses ganz eigene Biotop, in dem Kinder und Jugendliche in bunt zusammengewürfelten Gruppen irgendwo, gern im Nirgendwo, in Baracken untergebracht waren – aber immerhin weg von zuhause, ohne Eltern und mit oft genug recht seltsamen Gestalten als Betreuer*innen.
Auch dieses Gefühl, plötzlich in eine Gruppe unbekannter Menschen reingeworfen zu werden, mit denen man auf einmal das Zimmer teilen muss, schnarchend, schnatternd, demonstrativ furzend, in durchgehangenen Doppelstockbetten untergebracht – achja, auch daran kann ich mich noch gut erinnern.
Aus der lauten Masse an Kindern schälten sich dann einzelne Charaktere heraus, die vermutlich jeder Sammlung von Stereotypen wunderbar entsprochen hätten. Laute Rumkrakeeler, strenge Sportler, nachdenklich Leise, und und und. Niemand weiß, ob Eltern jemals wussten, welche Macken ihre Lieblinge in solchen Konstellationen dann gerne mal offenbarten.
Auch die Gruppenaktivitäten schienen sich zu gleichen. Es gab Apelle, Sport und Spiel im Wald, mit Glück an einem See in der Nähe, Wanderungen, Ausflüge, Bergfeste, Neptunfeste (nur mit See, nehme ich an) und natürlich die berühmt-berüchtigte Nachtwanderung als Höhepunkt.
Und alles kam uns unglaublich bedeutsam, einmalig vor. Hach, auch deswegen lesen und erzählen wir alle so gern über diese Zeit, damals, als wir jung waren. 😊
Jochen Schmidt lässt Jens, seinen Erzähler, in vielen kleinen Absätzen allerhand aus dem Lagerleben aber auch vom Zuhause in Berlin in einer christlichen Familie erzählen. Dabei springen die kleinen Anekdoten in Zeit und Ort hin und her und bleiben für meinen Geschmack viel zu unverbunden in der Luft hängen. Es ist zwar klar, dass die Zeit in Schneckenmühle das erzählerische Jetzt ist, aber irgendwie entstand für mich kein konsistenter roter Faden – es blieben eher sehr viele lose Enden.
Auch das Herstellen der Authentizität dieser zeitgebundenen Geschichte empfand ich nicht so geglückt. Das viele Namedroping von DDR-Typischem hat mich beim Lesen eher genervt, als dass es mich in die Zeit zurückversetzt hätte.
Wenn mich meine eigene Erinnerung nicht trügt, war das Ferienlager in diesem Sommer sehr stark geprägt davon, dass es die bekannte, ein bisschen militärisch-sportiv angehauchte Struktur des Lagerlebens immer noch gab, die schon immer in leichter Diskrepanz zu den gern wilden Dynamiken stand, die sich gern ergeben, wenn so viele Kinder und Jugendliche über mehrere Wochen an einem Ort zusammen sind. Dazu kam im Sommer 1989 eben auch, dass die Welt da draußen, die sich ja in diesen Monaten rasend weiterdrehte, auch vor diesen idyllischen Zeitinseln keinen Halt machte. Eine gewisse Unruhe stellte sich unter den Erwachsenen eigentlich überall ein aufgrund all der Entwicklungen.
Irgendwie weht auch das ein wenig zwischen die Zeilen, erreichte mich aber beim Lesen nicht wirklich. Damit blieb der Text für mich zwar kurzweilig zu lesen aber eben leider auch viel zu banal, um tatsächlich wirken zu können. All die lobenden Blurbs auf dem Buchumschlag verhallten für mich. Ein bisschen schade eigentlich!
Kurz und gut: Irgendwie
ein bisschen Ostalgie. Muss man nicht lesen!
Donnerstag, 29. Oktober 2026
Jan Jekal: Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941-1953
„Von Brecht bis zu den Manns, von Vicki Baum bis William Wyler: Ein Panorama des ‚Deutschen Hollywood‘
Los Angeles zu Beginn der 1940er-Jahre: Aus Europa treffen die vor den Nazis Geflüchteten ein. Sie werden Teil der boomenden Filmindustrie Hollywoods, finden im paradiesischen Kalifornien eine neue Heimat. Doch mit dem Ende des Krieges schlägt die Stimmung um. Eben noch als noble Nazi-Gegner gefeiert, wird jetzt ihr Müll vom FBI durchsucht. Der McCarthyismus macht aus Freigeistern feindliche ‚Kommunisten‘. Das Land, das Zuflucht war, wird zum Ort der Repression und Verfolgung.
Fesselnd und stimmungsvoll zeichnet Jan Jekal anhand bisher unveröffentlichter Dokumente nach, wie die deutschen Exilierten in Hollywood am autoritären Amerika verzweifelten – oder sich wehrten: mit Witz, Courage und mit Filmen, die zu Klassikern geworden sind.“ (Umschlagtext)
Vor vielen, vielen Jahren erlebte ich an der Uni die eine oder andere Veranstaltung zu Exilliteratur deutscher Exilant*innen in der Zeit des Nationalsozialismus. All die Geschichten des Dazwischen, des Ankommens, der Fremdheit, der Zerrissenheit, dann der Verfolgung und des erneuten Widerstands berührten mich damals schon sehr. Ich freue mich auf eine breitere Sicht auf die Exil-Szene und deren Leben im Zeichen des McCarthyismus.
Und es macht vermutlich mal so richtig Sinn erneut einen Blick auf diese Geschichte zu werfen – die USA unter Trump und die autoritären Entwicklungen weltweit vor Augen.
Ganz am Rande: geiles Cover, hat mich gleich gekriegt! 😉
„Santa Monica, Pacific Palisades und Beverly Hills – das sind die klingenden Namen des kalifornischen Idylls, in dem sie Zuflucht gefunden haben: Filmemacher und Schauspieler, Schriftsteller und Intellektuelle, die vor den Nazis aus Europa flüchten mussten, darunter Bertolt Brecht, Helene Weigel und Hanns Eisler, Billy Wilder und Fritz Lang, Thomas und Heinrich Mann. Zusammen mit jenen, die schon zuvor dem Ruf der Filmindustrie Hollywoods gefolgt sind, bilden sie eine Solidargemeinschaft der Exilierten.
Doch dieses romantische
‚Weimar am Pazifik‘ ist nicht die ganze Geschichte: Noch während sie im
beginnenden Krieg ihren Beitrag aufseiten der Alliierten leisten, werden die
Geflüchteten zu Verdächtigen. Genau jene Eigenschaften, die sie erst beliebt
machten, werden ihnen bald zum Verhängnis: Ist das, was man zunächst für
kosmopolitisch hielt, nicht eigentlich unamerikanisch?“ (Verlagstext)
Sonntag, 25. Oktober 2026
Margaret Atwood: Der Report der Magd
„Wir schliefen in dem Raum, der einst die Turnhalle gewesen war.“ (Seite 11)
Wenn das 20. Jahrhundert mit einer gewissen Zukunftsfreudigkeit endete, also wenigstens der Annahme, die Zukunft könnte auch strahlend und hoffnungsfroh sein, dann scheint die Menschheit im 21. Jahrhundert fest entschlossen, lieber die Realität den Dystopien anzupassen, die sonst dem Film und der Literatur vorbehalten zu sein schien.
Nehmen wir doch den „Report der Magd“. 1985 erschien dieser Roman zuerst und wurde, soweit ich weiß, auch schon viel gelesen. Offenbar war der Stoff immer noch gut genug, um 2017 bis 2025 als Serienformat ausgestrahlt zu werden.
Der Roman ist einer der wenigen, die ich tatsächlich mehrfach gelesen habe. Das erste Mal, in den 90ern, fand ich die Story krass, hatte aber nicht den Eindruck, etwas anderes zu lesen als eine sehr düstere aber eher unwahrscheinliche Version einer möglichen Zukunft. Nun, beim letzten Lesen, fühlte sich die Story gar nicht mehr so weit weg an.
Zugegeben, Romanvorlage und Verfilmung kurz hintereinander zu konsumieren erhöht schon auch die Greifbarkeit und Unmittelbarkeit, allein, weil die Szenen im Wort plötzlich realistisch mit nahbaren Figuren dargestellt werden. Aber viel unmittelbarer entstand dieser Eindruck mit jeder neuen Schlagzeile, die das erneute Regime (ja, den Begriff verwende ich hier absichtlich) des Donald Trump produziert.
Und nur ganz am Rande: bekommt irgendjemand nicht sofort Kommandant-Waterford-Vibes beim Anblick von JD Vance?
Die Handlung brauche ich hier vermutlich tatsächlich niemandem mehr zusammenfassen. Lest das Buch, schaut die Serie! 😉
Ich kann also bei dem Punkt der Annäherung von Realität und Fiktion bleiben. Bitter genug, dass darüber überhaupt zu sprechen ist.
In den 90ern wirkte die Vorstellung, Religion könnte jenseits der Rolle als moralische Stimme in der öffentlichen Debatte jemals wieder so prägend das Leben der Menschen bestimmen wie ehedem, vorsichtig formuliert – skurril, schrullig. Offenbar war das ein sehr getrübter Blick und schon auch stark europäisch, ostdeutsch, Post-Wende geprägt. Jenseits kirchlicher Strukturen, die zumindest in meiner Vorstellung lange synonym für Religion standen, gab es offensichtlich Entwicklungen, die hierzulande nur langsam und spärlich sichtbar wurden.
Schräge Freikirchen-Mega-Events, evangelikale Endzeitfantasien etc. waren so ein typisch-komisches Ding, dass halt nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vorstellbar war – weniger im Schwarzwald. Den Zulauf, den freikirchlich-evangelikale Zusammenhänge erfuhren und erfahren, zu verstehen als Reaktion auf eine immer unsicherer werdende Welt – seien es Kriege, seien es wirtschaftliche Entwicklungen, seien es Naturkatastrophen – ist augenscheinlich keine Schrulle mehr.
Noch ein Einschub: es ist doch verrückt, wie viel religiöser Content sich inzwischen auf den Social Media Plattformen findet, verbreitet von eher jungen Menschen, die offensichtlich im Hier und Heute und unter uns leben.
Und da wird dann ein biopolitisches Thema auf einmal zum scheinbaren Spaltpilz eines ganzen Landes. Die Fronten verlaufen dabei nicht mal zwischen unterschiedlichen Ethiken, sondern dezidiert mit wissenschaftlich vs. religiös argumentierenden Seiten. Dabei geht es nur vordergründig um die Pille und eine Abtreibung als Möglichkeit zur eigenen Entscheidung derer, die schwanger werden können. Zumindest aus meinem Blickwinkel geht es um die Verfügung über den weiblichen Körper.
Daran reihen sich ganz schnell eine ganze Menge Fragen danach, wie wir unsere Gesellschaften denken und leben wollen auf. Frauen Freiheitsrechte einzuschränken, geht einher mit einem Beschreiten des autoritären Pfades, an dessen Wegesrand dann auch gleich noch erkämpfte Rechte von Minderheiten abgeräumt werden.
Im Roman erfolgt dieser gesellschaftliche Rollback in Reaktion und als Antwort auf die moderne, liberale Gesellschaft, wie wir sie kennen. Leider finden sich in der fiktionalen Geschichte genügend Menschen, die glauben dies alles für eine bessere Zukunft in Kauf nehmen zu können und zu wollen. Wie ausweglos, repressiv und gewaltvoll dieser Weg ist, erzählt Atwood aus der Perspektive einer Magd. Ihr Preis des Überlebens ist das sich Einfügen, das Akzeptieren. Erst dann wird ihr Widerstand möglich.
Ein letzter Gedanke, der sich immer wieder aufdrängt. Globalisierung und Digitalisierung haben ein Ausmaß gesellschaftlicher Umwälzungen ermöglicht, dass allenfalls Science Fiction Autor*innen vorhergesehen haben. Den Takt und die Richtung scheinen aber ausschließlich Tech-Oligarchen vorzugeben, die als Nerds gestartet sind, die sich womöglich in genau solchen Zukunftsfantasien verloren, die sie heute in den schlimmstmöglichen Varianten umzusetzen scheinen wollen.
Das spricht überhaupt nicht gegen solche Literatur, ganz im Gegenteil. Heute lesen wir diese Texte erst recht als Mahnung und Aufruf an uns.
Kurz und gut: So wichtig, so gut. Lesen!
(Übersetzung: Helga
Pfetsch)
Dienstag, 20. Oktober 2026
Marcus Hawel/ Stefan Kalmring (Hrsg.): (Ohn)Macht überwinden! Politische Bildung in einer zerrissenen Gesellschaft
„Es ist wahr, wir leben in schwierigen Zeiten.“ (Seite 7)
Wenn es schwierig ist, politische Konfliktlagen undurchsichtig erscheinen, Bewegungen oder Parteien tief in der Krise stecken – dann schlägt die Zeit politischer Bildung. Zumindest wird immer dann am lautesten danach gerufen. Und mir scheint, dass die Rufenden dann gern auch mal deutlich andere Vorstellungen davon haben, was politische Bildung denn nun sei oder vermöchte.
Allein schon deshalb gebührt den Herausgebern und Autor*innen dieses Sammelbandes ein dicker Dank dafür, dass sie fußend auf der Arbeit im Kosmos der Rosa-Luxemburg-Stiftung Erfahrungen, Erkenntnisse und Fragen zusammengetragen haben. Danke also! 😊
Was also kann politische Bildung nun? Ganz grundsätzlich kann sie aufklären, Politikfähigkeit und -verständnis stärken, Handwerk vermitteln und Räume gestalten, in denen inhaltlich wie handwerklich experimentiert werden kann. Ein Denkraum, Handlungsraum und Aushandlungsraum. Sie ist aber eben kein Ersatz dafür, tatsächlich Politik zu gestalten, politisch aktiv zu werden. Und sie ist kein Notfall-Kit, dass sich hervorziehen lässt, wenn es eigentlich an der Zeit ist zu handeln.
Politische Bildung braucht Ressourcen, Zeit, Planung und den Willen, Menschen mit dem Erlernten und Erarbeiteten dann auch wirken zu lassen.
In der Praxis fällt mir oft auf, dass natürlich alle gern über die großen Themen sprechen wollen. Politische Bildung aber auf das rein Inhaltliche zu reduzieren, springt für meinen Geschmack zu kurz. Weil das die Fragen nach der eigenen Organisierung und der der Gesellschaft unbeantwortet lässt, die ja aber essenziell sind, wenn wir mit dem schönen Wissen auch tatsächlich etwas anfangen wollen.
Was uns hier helfen kann, sind kommunikative Grundlagen und Fähigkeiten. Bei all dem Wissen um Kommunikation, dass inzwischen Allgemeingut und in Teilen sogar Schulwissen ist, bleibt oft eben doch zu beobachten, dass zum Beispiel gesellschaftliche Polarisierungen eben auch dazu führen, dass dieses Wissen dem reinen Meinunghaben geopfert wird. Wenn sich Politik machen aber darin erschöpft, ist für aufklärerische, emanzipatorische, progressive Ziele nicht viel zu gewinnen.
Nicht weniger hilfreich finde ich all die Ansätze, die sich in den Kämpfen um Anerkennung, Sichtbarkeit und Selbstwirksamkeit herausgebildet haben. Das ganze woke Zeug eben; auch wenn das inzwischen zum allgemeinen Schimpfwort geworden zu sein scheint.
Und das Wichtigste will ich natürlich nicht vergessen. Politische Bildung ist niemals ein Selbstzweck, sondern zielt auf gesellschaftliche Veränderung. Dafür braucht Menschen mit klarem Blick, offenen Herzen und all den Kenntnissen und Fähigkeiten, die uns helfen können, die Welt ein Stück besser zu machen.
Kurz und gut: Ein
feiner Band zum Reflektieren und Stöbern für alle, die praktische
Bildungsarbeit für eine bessere Welt machen. Lesen!






