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Sonntag, 9. Dezember 2018

Felix Jackson: Berlin, April 1933



"Berlin, April 1933: Der Rechtsanwalt Dr. Hans Bauer kehrt nach einem viermonatigen Urlaub in der Schweiz nach Berlin zurück. Er muß feststellen, daß sich Deutschland während seiner Abwesenheit stark verändert hat. Der Erlaß neuer Gesetze und Verordnungen sowie die Omnipräsenz der Nationalsozialisten schaffen eine zuvor nicht gekannte Atmosphäre der Gewalt und Bespitzelung. Die radikale Unterscheidung von Ariern und Juden schlägt eine Schneise durch die Bevölkerung. Schockiert ist Bauer, als er bei einer Durchsicht seiner Familiendokumente feststellen muß, daß seine Großmutter jüdischer Abstammung war. Nach den Rassengesetzen der Nazis gilt Johannes Bauer damit als Jude und dürfte nicht mehr als Anwalt tätig sein. Seine Freundin Karin unterhält gute Kontakte zu Carl Adriani, einem hochrangigen und einflußreichen NS-Funktionär. Adriani könnte Bauer einen arischen Paß verschaffen, doch Hans Bauer wird schnell klar, daß er für dieses Papier einen hohen - Nicht nur finanziellen - Preis zahlen müßte." (Klappentext)

Der Autor wuchs in Deutschland auf und emigrierte 1936 in die USA. Der Roman, der eine Welt beschreibt, vor der der Autor selbst flüchten musste, erschien 1980, auf deutsch 1993. Nun war offenbar die richtige Zeit, ihn erneut zu verlegen.

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Samstag, 8. Dezember 2018

Simon Price/ Peter Thonemann: Die Geburt des Klassischen Europa. Eine Geschichte der Antike von Troja bis Augustinus



"Die Antike ist die Wiege der modernen europäischen Kultur. Aber sie entstand damals nicht aus dem Nichts. Genauso wie wir unsere Wurzeln zu Homer, Caesar und Konstantin dem Großen zurückverfolgen, verstanden auch bereits die Griechen und Römer als Nachfolger einer großen Vergangenheit. In ihren Mythen, ihrer Kunst, Architektur und Geschichtsschreibung offenbart sich die Entstehung des klassischen Europa, wie wir es heute kennen." (Klappentext)

Sich der Geschichte vergewissern, um die Gegenwart besser verstehen und umso klarer Ideen für die Zukunft formulieren zu können. Ok, das klingt ein wenig nach Plattitüde, sollten wir aber häufiger auch wirklich machen. ;)

Mein Dank an die WBG für dieses Rezensionsexemplar. :)

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Donnerstag, 6. Dezember 2018

David Mitchell: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet



„Fräulein Kawasemi?“ Orito kniet auf dem feuchten, muffigen Futon. „Hören Sie mich?“ (Seite 11)

Mitchells Roman beginnt im Japan des Jahres 1799 und ist eine – Achtung, schlimmes Wort – sprachgewaltige Reise in eine ferne Welt. 😉

Der Stadt Nagasaki vorgelagert ist eine kleine Handelsniederlassung der Niederländischen Ostindien-Kompagnie auf der Insel Dejima. Hierher verschlägt es den jungen Jacob de Zoet, der hofft, nach wenigen Jahren als gestandener Handelsmann einigermaßen vermögend wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Denn dort wartet Anna, die er von Herzen liebt und heiraten möchte.

Doch Dejima ist ein eigenartiger Ort, ein ganz eigener Kosmos. Jacob soll die mögliche Korruption von Vertretern der Kompagnie aufklären, womit er sich sogleich einer tiefen Abneigung und des Misstrauens der meisten hier ansässigen Ausländer erfreuen kann. Zugleich ist Dejima ein abgeschottetes Eiland, mit Nagasaki durch eine Landbrücke verbunden, die die Stadt hermetisch abriegelt. Japan mag keine Ausländer und ist ein verschlossenes Land. Niederländische Schiffe erreichen Dejima nur zu den jährlichen Handelszeiten.

Grandios fächert Mitchell die Verstrickungen unter den zum Teil schrägen Gestalten der Kompagnie auf, denen sich der geradlinige und ehrliche Jacob gegenüber sieht. Durch seine Augen werfen wir einen ersten Blick auf Nagasaki und den Palast des Statthalters des Shoguns. Hauptsächlich aber erlebt er Japan durch die Zusammenarbeit mit den japanischen Dolmetschern und die stark reglementierten Umgangsformen und Zeremonien.

Obwohl das japanische Reich sich so abschottet, sickert unter diesem engmaschigen Netz an Vorschriften und Reglements aber eben doch das echte Leben hindurch. Auch japanische Geschäftsleute schmuggeln, die Neugierde und Wissbegierde mancher Dolmetscher ist stärker als Verbote, Prostituierte passieren die Landbrücke, einige angehende Ärzte erhalten Unterricht beim Arzt der Kompagnie. Unter diesen Ärzten ist auch Orito, eine junge Hebamme aus gutem Hause, die sich mit ihrer Eigenwilligkeit und Charakterstärke in eine Position bringen konnte, die ihr das ermöglicht, was Frauen im Japan dieser Zeit grundsätzlich verwehrt wird: Lernen und Bildung.

Jacob trifft auf Orito, die seine Fantasie entzündet und seine Leidenschaft anfacht. Es bleibt ihm aber nur, sie aus der Ferne zu begehren. Orito wiederum versprach ihr Herz einem der Dolmetscher, mit dem auch Jacob Umgang pflegt. Und damit wären die drei Hauptfiguren des Buches beisammen.

Rund um diese Dreiecksbeziehung dieser Drei, deren Lebenswege sich immer nur kurz und nie frei kreuzen können, entfaltet Mitchell die Geschichte des Niederganges von Dejima als Handelsposten und Tor zu Japan oder auch als Japans Tor zur Welt, die Geschichte einer unmöglichen Liebe zweier junger Japaner, die in das starre gesellschaftliche Korsett ihrer Zeit gezwungen sind, bis hin zu den Machtkämpfen in einer japanischen Gesellschaft in einer Welt des Umbruchs.

Die Globalisierung des heraufziehenden 19. Jahrhunderts macht auch vor den Küsten Japans nicht Halt und wirkt sich natürlich auf das Machtgefüge des Shogunreiches aus. Auch die Menschen, die mit den wenigen Ausländern in Kontakt kommen, bleiben davon nicht unberührt. Sie erhaschen einen Blick auf eine Welt, die so anders funktioniert als ihre eigene, weltabgeschiedene.

Mit poetischen Beschreibungen bringt uns Mitchell dieses Japan näher. Über Dejima führt er uns tief in das noch mittelalterlich geprägte Japan, ganz ohne Sensationsgier – aber mit dramatischen Wendungen, deren Sog die Leser*innen immer mehr in ihren Bann zieht.

Dieser Roman gehört zu denen, die ich beim Schmökern wirklich nur schwer aus der Hand legen konnte. Während ich oft beim Lesen schon überlege, was ich als Nächstes in Angriff nehme, ist dies eines der Bücher, bei denen ich Seite für Seite hoffe, dass es einfach weiter gehen möge.

Kurz und gut: Ich habe David Mitchell für mich entdeckt. Tristes Herbstwetter und kurze Tage – dieser Roman hilft! 😉

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Mittwoch, 5. Dezember 2018

Mosaik #516



Saunawetter! Yeah! ;)

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Dienstag, 4. Dezember 2018

Jutta Voigt: Stierblut-Jahre. Die Boheme des Ostens



"Ein neues Meisterwerk der brillanten Feuilletonistin Jutta Voigt: Klug und unterhaltsam erzählt sie von der Sehnsucht nach einem anderen Leben in der DDR. Künstler, Bohemiens, am realexistierenden Sozialismus Gescheiterte - sie alle suchten das richtige Sein außerhalb der Kontrolle des falschen Systems." (Umschlagtext)

Ok, Jutta Voigt sagte mir bisher nichts. Aber ich höre ja gern mal auf Tipps. ;) Vor allen, wenn es jenseits von Ostalgie noch so viel zu fragen und zu wissen gibt.

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Montag, 3. Dezember 2018

Comixene #129



Montagmorgenlektüre gegen nasskalttrüben Dezemberblues. Check!

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Samstag, 1. Dezember 2018

Omar El Akkad: American War



„Die Sonne brach durch einen Pilgerzug aus Wolken und schaute mit unerbittlichem Auge herab auf das Mississippimeer.“ (Seite 17)

Wenn man eine Reihe Artikel über die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft liest und eine Idee davon gewinnen will, wie die Entwicklung womöglich weiter verlaufen könnte, dann lohnt sich ein Griff zu diesem 2017 in den USA erschienen Roman. Ich verrate sicher nicht zu viel, wenn ich jetzt schon schreibe: Das Buch bietet eine verstörend dystopische Version der Zukunft.

Am Ende des 21. Jahrhunderts wurde unübersehbare Realität, was das Amerika von Trump nicht wahrhaben will. Das Klima hat sich radikal gewandelt. Ein steigender Meeresspiegel lässt weite Küstengebiete untergehen. Die Menschen müssen sich in einer Welt zurechtfinden, die immer weniger dem ähnelt, was sie lange für unveränderbar hielten.

Die Spaltung der Gesellschaft führte zu zwei Bürgerkriegen, die sich unter anderem entlang der Frage entzündeten, wie die Energie der Zukunft gewonnen werden soll. Alle weiteren Zerwürfnisse zwischen Arm und Reich, konservativ und liberal, im Umgang mit Migration, Rassismus etc. schwelen weiter und brechen immer wieder in offenen Kampfhandlungen aus. Dabei steht ein konservativer, geschrumpfter Süden im Südosten der USA, wie wir sie kennen, dem Rest des Landes gegenüber.

Aber auch der Rest ist weit entfernt davon, noch Sehnsuchtsort und Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein. Der Status als Weltmacht oder auch nur als Regionalmacht hat sich erledigt. Andere Länder und Regionen haben die Führung übernommen, während die USA heillos in innere Konflikte und Kämpfe verstrickt ist.

Flüchtlingslager, Hoffnungslosigkeit, Hunger, Selbstmordattentate, Anschläge, rohe Gewalt – Amerikaner gegen Amerikaner – das ist die Realität am Ende des Jahrhunderts.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie im Süden, deren Kinder nach dem unsinnigen Tod des Vaters in einem der zahllosen Camps aufwachsen. Der Sohn schließt sich den Rebellen an, und die Hauptfigur Sarat Chestnut wird in ihrem Kampf ums Überleben selbst zur Waffe.

Die Geschichte ist trost- und hoffnungslos durch und durch. Den Atem anhaltend hab ich beim Lesen zugeschaut, wie das eigentlich Vorhersehbare erbarmungslos entfaltet. Mein zivilisiertes Wohlstandsgewissen rebellierte, weil wir doch sehr wohl um die Spirale von Gewalt, Hunger und Perspektivlosigkeit wissen. Leider agieren die Figuren in der Geschichte genauso kurzsichtig, rachsüchtig, gewalttätig und irrational wie wir Menschen offenbar noch immer sind.

Der Roman bleibt immer dicht seiner Hauptfigur auf den Fersen. Die großen Zusammenhänge liefern den Hintergrund, die Begleitmusik. Intensiv gezeichnet entfaltet sich das durch und durch vermurkste Leben von Sarat Chestnut. Obwohl sie selbst das Ausmaß ihres zerstörten Lebens immer klarer sieht, kann und will sie letztlich nicht mehr umsteuern. Ihr Leben ist eine Warnung in Sachen Ausweglosigkeit und davor, wozu Menschen ohne Perspektive sich getrieben fühlen können.

Kurz und gut: Passend für nasskalte, trübe Herbsttage – intensiv, verstörend, dystopisch und schnörkellos erzählt.

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