„Schon Monate vorher träumte ich nachts immer wieder von der Abfahrt, wenn die Kinder in aller Frühe von ihren Eltern im Bahnhofsgebäude abgegeben werden.“ (Seite 7)
Ganz wie Jens, Hauptfigur und Erzähler in diesem Text, war auch ich im Sommer 1989 im Ferienlager, und ich war ebenfalls 14 Jahre alt. Im Gegensatz zu Jens konnte ich damals drei Wochen (glaube ich mich zu erinnern) in ein Betriebsferienlager in der Nähe des tschechischen Ostrava fahren. Jens im Text fährt ins Ferienlager Schneckenmühle, bei Liebstadt, südlich von Sachsen. Bestimmt auch schön. 😊
Das Phänomen Ferienlager ist für mich also sofort anschlussfähig. Dieses ganz eigene Biotop, in dem Kinder und Jugendliche in bunt zusammengewürfelten Gruppen irgendwo, gern im Nirgendwo, in Baracken untergebracht waren – aber immerhin weg von zuhause, ohne Eltern und mit oft genug recht seltsamen Gestalten als Betreuer*innen.
Auch dieses Gefühl, plötzlich in eine Gruppe unbekannter Menschen reingeworfen zu werden, mit denen man auf einmal das Zimmer teilen muss, schnarchend, schnatternd, demonstrativ furzend, in durchgehangenen Doppelstockbetten untergebracht – achja, auch daran kann ich mich noch gut erinnern.
Aus der lauten Masse an Kindern schälten sich dann einzelne Charaktere heraus, die vermutlich jeder Sammlung von Stereotypen wunderbar entsprochen hätten. Laute Rumkrakeeler, strenge Sportler, nachdenklich Leise, und und und. Niemand weiß, ob Eltern jemals wussten, welche Macken ihre Lieblinge in solchen Konstellationen dann gerne mal offenbarten.
Auch die Gruppenaktivitäten schienen sich zu gleichen. Es gab Apelle, Sport und Spiel im Wald, mit Glück an einem See in der Nähe, Wanderungen, Ausflüge, Bergfeste, Neptunfeste (nur mit See, nehme ich an) und natürlich die berühmt-berüchtigte Nachtwanderung als Höhepunkt.
Und alles kam uns unglaublich bedeutsam, einmalig vor. Hach, auch deswegen lesen und erzählen wir alle so gern über diese Zeit, damals, als wir jung waren. 😊
Jochen Schmidt lässt Jens, seinen Erzähler, in vielen kleinen Absätzen allerhand aus dem Lagerleben aber auch vom Zuhause in Berlin in einer christlichen Familie erzählen. Dabei springen die kleinen Anekdoten in Zeit und Ort hin und her und bleiben für meinen Geschmack viel zu unverbunden in der Luft hängen. Es ist zwar klar, dass die Zeit in Schneckenmühle das erzählerische Jetzt ist, aber irgendwie entstand für mich kein konsistenter roter Faden – es blieben eher sehr viele lose Enden.
Auch das Herstellen der Authentizität dieser zeitgebundenen Geschichte empfand ich nicht so geglückt. Das viele Namedroping von DDR-Typischem hat mich beim Lesen eher genervt, als dass es mich in die Zeit zurückversetzt hätte.
Wenn mich meine eigene Erinnerung nicht trügt, war das Ferienlager in diesem Sommer sehr stark geprägt davon, dass es die bekannte, ein bisschen militärisch-sportiv angehauchte Struktur des Lagerlebens immer noch gab, die schon immer in leichter Diskrepanz zu den gern wilden Dynamiken stand, die sich gern ergeben, wenn so viele Kinder und Jugendliche über mehrere Wochen an einem Ort zusammen sind. Dazu kam im Sommer 1989 eben auch, dass die Welt da draußen, die sich ja in diesen Monaten rasend weiterdrehte, auch vor diesen idyllischen Zeitinseln keinen Halt machte. Eine gewisse Unruhe stellte sich unter den Erwachsenen eigentlich überall ein aufgrund all der Entwicklungen.
Irgendwie weht auch das ein wenig zwischen die Zeilen, erreichte mich aber beim Lesen nicht wirklich. Damit blieb der Text für mich zwar kurzweilig zu lesen aber eben leider auch viel zu banal, um tatsächlich wirken zu können. All die lobenden Blurbs auf dem Buchumschlag verhallten für mich. Ein bisschen schade eigentlich!
Kurz und gut: Irgendwie
ein bisschen Ostalgie. Muss man nicht lesen!






