Montag, 6. April 2026

Michael butter: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten


„Verschwörungstheorien sind oft Symptome für tieferliegende Ursachen. Begreift man sie pauschal als Bedrohung für die Demokratie, gerät aus dem Blick, was viel eher geeignet und nötig wäre, um unser politisches System zu stärken. Man adressiert die Folgen, statt die Ursachen zu behandeln.“ (Umschlagtext)

Und zurück zum Stapel mit den Mitbringseln von der #lbm26 😉

Schon den Band „Nichts ist, wie es scheint“ zum Thema Verschwörungstheorien von Michael Butter fand ich sehr hilfreich beim Verstehen und Sortieren. So wenig das Phänomen neu ist, sorgen doch gerade die sozialen Medien für eine sehr viel größere Verbreitung und Relevanz dessen, was sonst eher seltener so öffentlich sichtbar war.

Wie lässt sich aber die Welt noch verstehen, wenn so viel im Durcheinander von Fake News, Desinformation und abstrusen Erklärungen, die keine sind? Dass dies das Fundament demokratisch verfasster Gesellschaften direkt betrifft, weil es die Grundlagen von gesellschaftlicher Kommunikation in Frage stellt und unterminiert, ist inzwischen offensichtlich. Was können wir aber tun, wie umgehen mit denen, die aus lauter Verunsicherung gar nichts mehr glauben und niemandem mehr vertrauen wollen? Auf die Lektüre bin ich einmal mehr gespannt.

„Spätestens seit der Coronapandemie sind Verschwörungstheorien ein Signum unserer Zeit. Je komplexer unsere Welt wird, desto mehr Menschen scheinen für ihre erklärenden Sinnangebote empfänglich. Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, hat ein ganzes soziales Netzwerk in eine Schleuder für konspirationistische Erzählungen verwandelt. Donald Trump, der mächtigste Mensch der Welt, amtiert als conspiracy theorist in chief im Weißen Haus.
Michael Butter, Bestsellerautor und einer der renommiertesten Experten für das Thema, präsentiert die Ergebnisse seiner jahrelangen Forschung. So groß die Gefahr auch ist: Eine freie und demokratische Gesellschaft darf sich nicht von der Angst vor Verschwörungstheorien beherrschen lassen und in Alarmismus verfallen. Wie Populismus sind auch sie eine Reaktion auf eine empfundene oder befürchtete Exklusion. Wer sie bekämpfen will, sollte andere nicht einfach als Schwurbler oder Leichtgläubige hinstellen. Vielmehr gilt es, die gesellschaftlichen Ursachen zu bekämpfen. Inklusion und Teilhabe, so Butter, stellen den wirksamsten Schutz gegen Hetze und Unwahrheiten dar.“ (Klappentext)

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Sonntag, 5. April 2026

Tony Sandoval: Doomboy


„Hi, Spaghetti, was gibt´s neues, Mann?“ (Seite 6)

Du lebst als Teenager in irgendeiner Kleinstadt, da sind deine Kumpels, die Typen, die du nicht leiden kannst und in den Clubs ist eigentlich auch nichts los. Das wäre schon irgendwie ok, aber deine Freundin ist weggezogen. Und dann gestorben. Das ist wirklich viel für ein so junges Herz.

Also treibst du durch die Tage, und staunst darüber, dass dieses Loch in deinem Herzen immer größer wird, je mehr du an deine Freundin denkst. Und du wirst das Gefühl nicht los, nichts, zu wenig, das Falsche getan zu haben. Nichts stimmt mehr.

Als du deinem Todfeind deine E-Gitarre über den Kopf ziehst, glaubst du noch, der Tag könnte nicht merkwürdiger werden. Doch auf dem Nachhauseweg streift dich ein Hauch, etwas scheint dich mit sich tragen zu wollen, oder dich anstupsen. Plötzlich ist da diese Idee im Kopf – du schreibst Songs für deine Freundin, um dich endlich von ihr verabschieden zu können. Musik, die das Loch in deinem Herzen vielleicht ein wenig zu stopfen vermag. Ok, du bist eigentlich ein eher mieser Gitarrist, aber darum geht es ja hier nicht.

Am Strand richtest du mit einem Freund ein kleines „Studio“ ein und überträgst deine Musik auf einer alten Radiofrequenz, die niemand mehr nutzt. Schließlich brauchen deine Songs eine Art Übertragung, damit sie deine tote Freundin erreichen können.

Du ahnst dabei nicht, dass diese Übertragungen nicht unbemerkt bleiben und dein von echten, tiefen Gefühlen getragenes Spiel lässt dich über dich selbst hinauswachsen. Aus D wird Doomboy – und alle sprechen von dir. Und nur du hast keine Ahnung davon, genauso wenig, wie alle anderen wissen, wer genau eigentlich dieser mysteriöse, grandiose Gitarrist ist.

Na gut, Metall ist jetzt nicht die leiseste Musik und Schlägereien gibt es auch – aber insgesamt ist Sandoval hier eine wirklich sanfte, traurig-schöne und leise Geschichte gelungen darüber, was das Leben manchmal schon Teenagern abverlangt.

Mit wenigen Strichen und erzählerischen Kniffen baut Sandoval die Welt, in der D lebt. Da sind die prolligen Möchtergernmusiker, bei denen Posen und Ego sich aggressiv vermischen, Metallbräute, Freunde mit Geheimnissen – eine echte Teeniewelt in einer beliebigen Kleinstadt mit wenig Wahlmöglichkeiten fürs Leben darüber hinaus. Und ohne mehr über die Freundin, die erst wegzieht und dann plötzlich verstirbt erfahren wir auch nicht. Trotzdem ist sie in dem Loch in D´s Herzen, im Wind, in seinen Gedanken präsent genug, um die Geschichte und D voranzutreiben.

D braucht nicht viele Worte und würde in einer anderen Geschichte als typischer Außenseiter, maulfauler Teenie durchgehen. Sandoval schaut ihm jedoch tief ins Herz und macht seinen Schmerz, seine Schuldgefühle, seine Einsamkeit sichtbar.

Das alles in einem unverkennbaren Stil, der bei allen Mackerigkeiten und Härten des Lebens die Figuren eben auch als das zeigt, was sie sind: junge Menschen, am Beginn ihres Lebens, die noch dabei sind, sich zu finden, sich auszuprobieren und dabei auch dumme Dinge tun. In dieser Zerbrechlichkeit ist aber auch Stärke angelegt, Zuversicht. Und den aufkommenden Sturm an der Küste, den konnte ich beim Schmökern buchstäblich übers Gesicht fahren spüren.

Kurz und gut: Tolle, feinfühlige Geschichte mit ganz viel Atmosphäre. Unbedingt lesen!

(Übersetzung: Anne Bergen)

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Samstag, 4. April 2026

Uné Kaunaité: 2084


„In einer nahen Zukunft verbringen Menschen ihr Leben fast vollständig in der virtuellen Realität ‚Bubble‘. Die Grenzen zwischen Wahrheit, Erinnerung und Programmierung lösen sich auf. Kajus, ein stiller Beobachter dieser perfektionierten Welt, sucht nach dem, was noch echt ist: Gefühle, Nähe, Freundschaft – jenseits von Datenströmen, die Glück nur simulieren. Mit kühler Klarheit und philosophischer Tiefe erzählt Uné Kaunaité von Liebe und Verlust im digitalen Zeitalter und fragt, was geschieht, wenn künstliche Intelligenz beginnt, unsere Geschichte zu schreiben – und über unser Leben zu bestimmen. Ein Roman zwischen Dystopie und Liebesgeschichte, der George Orwells ‚1984‘ hundert Jahre später weiterdenkt – in einer Welt totaler Überwachung, algorithmischer Sehnsucht und emotionaler Simulation.“ (Umschlagtext)

In die Lesung und Buchvorstellung dieses Bandes bin ich auf der #lbm26 eher zufällig hineingestolpert und war angetan. Nicht, dass ich den #mitteldeutschenverlag als Hort von #sciencefiction auf dem Schirm gehabt hätte – aber es fällt schon auf, die gehäuft Geschichten aus der nahen Zukunft derzeit veröffentlicht werden. Utopien sind die wenigsten davon.

Es soll ja Zeiten gegeben haben, in denen die Menschen voller Lebenshunger begierig auf all das waren, was die vor ihnen liegende Zukunft so an Möglichkeiten bereithielt. Kann sich da noch jemand dran erinnern, und wann ist uns das eigentlich so gründlich abhandengekommen?

(Übersetzung: Markus Roduner)

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Freitag, 3. April 2026

Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft


„Über eine Linke, die den Terror feiert

Sie gibt sich progressiv, tritt aber seit dem Angriff der Hamas auf Israel zunehmend demokratiefeindlich auf: die neue autoritäre Linke. Mit dogmatischem Eifer deutet sie radikalislamische terroristische Gewalt zum dekolonialen Widerstand um. Propaganda und Desinformation autokratischer Regimes oder zweifelhafter ‚Alternativmedien‘ nimmt sie bereitwillig auf. Wer widerspricht, gilt schnell als Feind, gegen die Presse schürt sie Hass – bis hin zu Mordaufrufen.
Der Journalist Nicholas Potter gibt durch investigative Recherchen und seine persönliche Geschichte Einblicke in das Innerste dieser Bewegung. Er deckt das Netz der neuen autoritären Linken auf, zeigt, wie sie agiert, und fragt: Sind wir darauf vorbereitet?“ (Umschlagtext)

Dann kommen wir mal zur Ausbeute von den diesjährigen #lbm26 😉

Einer Buchvorstellung konnte ich im #tazstudio auf der Messe schon etwas lauschen. Es war rammelvoll und schwer, einen Platz mit guter Akustik zu ergattern. ^^

Klar war mir aber schon, dass im Ringen darum, all den gesellschaftlich-politischen Polarisierungen zum Trotz, Demokratie und demokratische Errungenschaften nicht aufs Spiel zu setzen, auch die Notwendigkeit besteht, Entwicklungen auf allen Seiten zu verfolgen. Natürlich ist das unangenehmer auf der eigenen Seite. Also auf zur Aua-Lektüre. 😉

„Feindeslisten, Fahndungsplakate, Mordaufrufe – die neue autoritäre Linke agiert immer bedrohlicher. Radikalisiert durch den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und den Krieg in Gaza, stellt sie auch nach dem Waffenstillstand in Nahost eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft dar.
Getrieben von einem unerbittlichen Freund-Feind-Denken und tiefsitzendem Antisemitismus, verklärt sie islamistische Terrorgruppen wie die Hamas, die Hisbollah und die Huthis zu revolutionären Verbündeten im Kampf gegen den westlichen Imperialismus.

Auf Demonstrationen, an Hochschulen, in den sozialen Medien und in linken Subkulturen ist diese Radikalisierung bereits deutlich spürbar. Und sie gefährdet zunehmend die freie Presse. Der Journalist Nicholas Potter, selbst ins Fadenkreuz dieser Szene geraten, zeichnet auf Basis seiner persönlichen Erfahrung und packender Investigativrecherchen ein eindrückliches Bild der neuen autoritären Linken: ihrer Akteure, ihrer Netzwerke, ihrer Ideologie – in Deutschland und darüber hinaus.

Ein eindringlicher Weckruf an die demokratische Gesellschaft, gegenüber jeglicher Form autoritären Denkens und politischen Extremismus wachsam zu sein.“ (Klappentext)

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Sonntag, 29. März 2026

Mosaik #604


 Puh, da köchelt was im Prag um 1600. 

😉

Ich musste jetzt immer mal wieder daran denken, dass ich als Jugendlicher Geschichten um Rabbi Löw und den Golem gelesen habe und sehr davon angetan war. Beim besten Willen komme ich aber nicht mehr darauf, was das für ein Buch gewesen sein könnte. 🤷‍♂️😅

Hach, so viele Bücher und Geschichten
… 😉

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Samstag, 14. März 2026

Indiebookday 2026


 Dank Wolfram gibt es in diesem Jahr noch viel mehr gute Gründe genau heute Bücher von unabhängigen Verlagen in der unabhängigen Buchhandlung eures Vertrauens zu kaufen. 

😜

Und ich hoffe sehr, dass von der #lbm26 in der nächsten Woche noch sehr viel mehr rote Karten in Richtung Kanzleramt gezeigt werden! ✊

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Dienstag, 10. März 2026

Sascha Reh: Biotopia

 


„Natürlich hatte Malu von der Störung gehört, immerhin war sie der Grund, weswegen die letzte Lieferung der Farm ausgeblieben war und sie das geplante Abendessen eine Nummer kleiner ausfallen lassen musste.“ (Seite 8)

Wenn doch aber alles so schön bio und nachhaltig ist …

Berlin in naher Zukunft. Klimatische und andere globale Entwicklungen zwingen immer mehr zu nachhaltigen Lösungen vor Ort. So ist es doch ganz wunderbar, dass ein Startup in Berlin genau solche anbietet. Auf dem Tempelhofer Feld entsteht und arbeitet eine Vertikalfarm, die die Stadt mit Lebensmitteln und allem möglichen Anderen versorgt. Großartig.

Ja gut, das Startup beginnt mit seinem Erfolg und Rahmenbedingungen immer mehr in die Stadtgesellschaft hineinzuwachsen. So kann sich der Staat ganz effizient auf immer weniger Verwaltungsaufgaben konzentrieren und damit ein Umfeld schaffen, das dem Startup nutzt, was natürlich den Menschen nutzt.

Also, wenn sie das zu schätzen wissen. Und nicht durch sämtliche Raster fallen. So wie Flüchtlinge zum Beispiel. Da gab es vor einigen Jahren Gerüchte, dass die wie Sklaven in der Fabrik auf dem Tempelhofer Feld gehalten würden. Aber wirklich stören konnten diese Gerüchte das neubürgerliche, nachhaltige Leben in der Stadt nicht.

Alle, die sich an die neuen Gegebenheiten anpassen wollten und wollen, sind ohnehin ausgewandert in den Speckgürtel und weiter hinaus. Auch wenn die Bezeichnung Speckgürtel für den immer weiter zerfallenden Raum jenseits der Stadt der Zukunft eigentlich eine eher unpassende Bezeichnung scheint. Dort leben auf jeden Fall all die unangepassten Nichtkonsumenten, Verweigerer:innen jeglicher Couleur, Habenichtse, Ewiggestrige. Aber auch sie sind und bleiben mit der Stadt so sehr verbunden, dass Malu, die Hauptfigur des Romans, ohne sie nicht weiterkommt.

Sie ist Ermittlerin, angestellt bei dem Reststaat, der in der Stadt noch existiert, und will die aktuellen Vorgänge in der Fabrik aufklären. Und diese Vorgänge sind verknüpft mit alten Gerüchten, mit immer geringeren individuellen Spielräumen gegenüber einer KI-gesteuerten Versorgung, die gesellschaftliche Verantwortung zu einer leeren Hülle hat verkommen lassen. Um also zu klären, was mitten in der Stadt passiert, muss sich Malu dem stellen, was in dieser Welt das logische Gegenstück zur bio-heilen, künstlichen Konsumentenstadt ist, dem abgehängten sehr realen Rest.

Zugegeben, so richtig mitreißend ist Sascha Reh dieser Roman nicht gelungen. Solide erzählt ist er aber allemal. Und so konnte ich mich letztlich auch sehr gut auf das Durchdeklinieren von Strängen einlassen, die ins Hier und Heute ragen. Vermeintlich grünes Wirtschaften, dem ausgerechnet Cybertechniken zum Durchbruch verhelfen. Ein vermeintlich grüner Hyperkapitalismus, der nur noch Individualismus zu kennen scheint, aber eigentlich ein privatwirtschaftliches Monopol gegenüber einer ausgehöhlten Gesellschaft meint. Eine Manipulation der Bürger:innen, die das auch noch für ein Heilsversprechen halten sollen und das Aussortieren all derer, die nicht in dieses Raster passen oder passen wollen.

Und obwohl jetzt häufiger das Wort grün gefallen ist, geht es eher um die libertär-autoritären Entwicklungen, die sich heute bei den amerikanischen Techgiganten ebenso beobachten lassen wie bei all den rechtspopulistischen/-extremen Gruppierungen, die angeblich eine hübsch bürgerliche Welt bauen wollen.

Kurz und gut: Ganz nah dran und darum: Lesen!

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