Freitag, 26. Juni 2026

Paul Lynch: Jenseits der See


„Vor der Küste Mexikos werden zwei Männer in ihrem Fischerboot in einem Sturm auf die offene See getrieben. Wie schon in ‚Das Lied des Propheten‘, geht es in diesem Roman von Booker-Preisträger Paul Lynch um alles. Um Überlebenswillen, Einsamkeit und die menschliche Existenz im Angesicht der Katastrophe.“ (Umschlagtext)

Ach, der Mensch und das Meer. Ist ja nicht so, dass wir das nicht schon in verschiedensten Variationen gelesen hätten. Aber – auch das gehört zur Wahrheit dazu – immer wieder kann das begeistern, ob nun Hemmingway oder auch Yann Martel, um nur zwei zu nennen, die mir da direkt einfallen.

„Das Lied des Propheten“ hat mich auf jeden Fall so begeistert, dass ich mich sehr auf die Variation aus der Feder von Paul Lynch freue.

„Der Fischer Bolivar lebt ein einfaches, unbeschwertes Leben. Im Gegensatz zu seinen Kollegen beginnt er seinen Tag meist erst mittags, raucht viel und trinkt Bier bei Rosa, der Frau, in die er verliebt ist. Er will gerade zu seinem Fang aufbrechen, als er von den Dorfbewohnern vor einem aufkommenden Sturm gewarnt wird. Aber Bolivar fährt entgegen jeder Vernunft an diesem Tag zur See. Er nimmt Hector mit, einen jungen Fischer, der das zusätzliche Geld gut gebrauchen kann, das Bolivar ihm für das Wagnis bietet. Obwohl er Angst vor dem Sturm hat, lässt er sich auf den Job ein. Als sie der Sturm aufs Meer treibt, blicken sie gemeinsam – und doch jeder für sich – dem Untergang ins Auge. ‚Jenseits der See‘ zeichnet ein eindringliches Bild der menschlichen Psyche und geht der Frage nach, wie man es schafft, die Hoffnung in einer aussichtslosen Situation nicht zu verlieren.“ (Klappentext)

(Übersetzung: Eike Schönfeld)

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Samstag, 20. Juni 2026

Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus


„In den USA wird massenhaft Verwaltungsmitarbeitern gekündigt, um einen KI-Staat zu errichten. Tech-CEOs verkaufen künstliche Intelligenz als Heilsbringer für die größten Probleme der Menschheit, obwohl die entsprechende Industrie auf Ausbeutung und Menschenverachtung beruht. Warum lässt sich die Öffentlichkeit durch Spekulation ober Erlösung oder Auslöschung durch KI von den erheblichen Schäden durch KI in unserer Gegenwart ablenken? Wie erkennen wir die zunehmend faschistischen Tendenzen, die sich im Zusammenspiel von Tech-Industrie und der neuen Rechten bilden?

Rainer Mühlhoff entwickelt Antworten und diskutiert Lösungsansätze.“ (Umschlagtext)

Beim Internet wie bei den Sozialen Medien ist ja der Eindruck wahrlich nicht so weit hergeholt, dass die Menschheit sich hier euphorisch auf Technologien einließ, für die wir irgendwie in der Breite noch lange nicht wirklich bereit genug zu sein scheinen. Nun also KI.

Und da ist sie wieder, diese Euphorie, die allüberall erschallt. Ängste werden abgetan als reine Panik, wo die neue Technologie doch jetzt wirklich alles besser machen soll – und vor allem schon übervolle Unternehmenskassen noch weiter anschwellen lässt.

Bei allen Rechtsrucken, autoritären Morgendämmerungen und derlei, für die gerade die Sozialen Medien einen so perfekten Resonanzraum zu bieten scheinen, ist es mehr als naheliegend, auch den Hype um KI kritisch zu hinterfragen. Ich bin gespannt.

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Sonntag, 14. Juni 2026

Lars Werner: Zwischen den Dörfern auf Hundert


„‘Partys sind ein Zustand. Den kann man nicht einfach verordnen, Arne! Der muss sich zwischen den Leuten herstellen.‘“ (Seite 7)

Der Osten mal wieder – also literarisch und auf meinem Lesestapel. Da die Geschichte hier 2005/2006 in Dresden und seinem Umland spielt, spüre ich eine deutliche Verschiebung meiner Perspektive. Und das hat mehr mit meiner eigenen Biografie als mit der Story selbst zu tun.

Nach 1994 hat mich mein Leben Stück für Stück aus dem Osten weggeführt. Bestenfalls hätte ich mich in den späten 90ern als Wossi bezeichnet, als … ähem … Wandler zwischen den Welten. Jaja, ich weiß. ^^ Um die Zeit, in der Lars Werners Roman spielt, war ich dann bereits in Berlin angekommen, eigentlich zurück im Osten, aber irgendwie auch nicht wirklich. Eine Jugend in und bei Dresden in dieser Zeit ist also schon recht weit weg von meinem Leben. Aber schauen wir mal. 😊

Benny lebt mit seinen Eltern im Dresdner Umland. Sein Alltag pendelt zwischen langweiliger Schule und dem Erwachsenwerden hin und her. Wie es mit 15, 16 Jahren so ist, fangen Menschen, mit denen man aufgewachsen ist, an sich zu verändern, neue und andere Freunde zu finden. Auch man selbst beginnt mit diesem Erwachsenwerden, was einige Irrungen und Wirrungen mit sich bringt, wie wir alle irgendwie erfahren haben.

Während also ehemalige Freunde aus Kindertagen sich scheinbar über Nacht zu Anhängern von Neonazis entwickeln, treiben Trotz und Wut tief im Bauch Benny eher zum Punk. Auch er lernt neue Leute kennen, findet Freundschaften, die ihn im Jugendzentrum Rosaluchs in einer benachbarten Kleinstadt eine neue Heimat finden lassen. Die ehemaligen Freunde und Benny finden sich also auf einmal auf gegnerischen Seiten wieder.

Nazi oder Punk, wenig Raum für ein dazwischen, das wiederum kommt mir dann doch irgendwie bekannt vor aus den frühen 90ern. Auch wenn das in meiner Jugend, in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, eher Geschichten aus dem Umland waren. Seine Schatten warfen diese Baseballschlägerjahre auch bis in diese beschauliche Landschaft.

Natürlich reibt sich Benny zwischen den natürlich spießigen Eltern, einem schwierigen Verhältnis zum schwierigen Vater, und den neuen Freunden, schwankenden Gefühlslagen, dem Ausprobieren von Gefühlen, Punkkonzerten und Schlägereien mit Nazis. Nein, aufreiben wäre zu viel gesagt, aber reiben, das passt schon. Dann das resultiert aus einerseits dem Gefühl selbst zu drängen, so aus sich heraus, ohne vielleicht genau die Gründe dafür schon erkennen zu können, aber eben auch aus dem Gedrängtwerden, durch Umstände, Situationen, das Handeln anderer aber auch durch Beziehungen, die schmerzen und guttun zugleich.

Zu Letzterem gehört eine Freundschaft, die zu einem Kuss führt, von einem Typen. Und als wenn nicht ohnehin alles schon kompliziert genug wäre, mit dem Erwachsenwerden, macht das für Benny noch einmal eine ganze Menge neue Fragen auf. Anwesende und zugewandte Eltern wären da irgendwie schön gewesen, gerade die hat er aber nicht. Also die sind mit sich und ihrem Leben beschäftigt und der Vater bestenfalls mit seinem Teeniesohn und dessen Welt überfordert. Es ist also die Welt, die sich Benny bis hierhin schon erobert hat, die seinen Weg weiterprägen wird. Freunde, mit denen er feiert, kotzt und weiterfeiert, die für ihn da sind, für die er da ist. Ein Moment, der mir auch sehr bekannt vorkommt: wenn nicht mehr die Eltern im Mittelpunkt der Welt stehen, sondern die Freunde, andere Menschen plötzlich viel mehr die Welt ausmachen. Das bedeutet aber auch eine Art Heimatlosigkeit, wenn derart die eigene Familie dafür nicht mehr so richtig taugt, eine neue aber noch nicht gefunden ist. Oder besser, es noch keinen neuen Ort gibt, den man so nennen könnte oder auch nur das Gefühl dafür noch fehlt, dass das etwas sein könnte, was man braucht. Es ist so ein Dazwischen.

Ok, ich fühle mich definitiv angesprochen und ahne, dass es diese Erinnerung ans eigene Erwachsenwerden sein könnte, die Coming-of-Age-Storys so oft so gut für so viele funktionieren lassen.

Und dann kommt noch Politik ins Spiel. Denn für Benny sind die Auseinandersetzungen zwischen den Neonazis und den Punks keine Spielerei. Auch das Erleben seiner Eltern in ihrer spießigen Selbstbezogenheit, die Erfahrung der Kollision mit der Staatsmacht – das unmittelbare Hereinbrechen der Außenwelt in die eigene, hier bricht sich die eigene Politisierung Bahn. Und auch das kennen viele von uns. Insbesondere unter denen, die sich auch als Erwachsene als politische Menschen verstehen, sich engagieren, ist oft genug der Moment der eigenen Politisierung immer wieder Thema und Bezugspunkt. Wie sich so etwas ganz lebensnah und praktisch vollzieht, lässt sich an Bennys Geschichte gut nachvollziehen.

Bei aller Trostlosigkeit, in der das Leben im Dresden der Jahre rund um das Sommermärchen spielt, bleibt mir eines hängen und ganz nah: Da wächst jemand auf, verortet sich in der Welt und findet Zugang zu seinen eigenen Wünschen, formt sein Ich, mit dem er sich der Welt stellt. Das sorgt für Blessuren und Tränen, hat aber auch etwas Tröstliches. Weil es eben auch die Menschen um Benny herum gibt, die ihn lassen.

Ich mag den Ton, die Stimme, die Lars Werner seiner Hauptfigur Benny gegeben hat. Damit hat er einen Ton getroffen, der hoffentlich viele, unterschiedlichsten Alters, erreicht. Ohne Zweifel gibt es auch heute genügend Teenager, die sich in dieser Geschichte wiedererkennen können und vielleicht genau diesen Trost am Ende wahrnehmen können. Und für alle, für die Bennys Geschichte eine fast vergessene Erinnerung ist, in welcher Hinsicht auch immer, mag es ein Innehalten und Verstehen auslösen.

Kurz und gut: Wichtiger Stoff, wirkungsvoll erzählt. Lesen!

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Montag, 8. Juni 2026

Mosaik #606


In lauen Sommernächten Comics auf dem Balkon lesen – lieben wir! 😊

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Samstag, 6. Juni 2026

Quinn Slobodian/ Ben Tarnoff: Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking

 

„Technologie, Macht und Größenwahn – wie Elon Musk die Demokratie herausfordert

‚Anhand von Leben und Werk des Elon Musk stellt uns dieses tadellos recherchierte und hervorragend geschriebene Buch etwas vor, das über die Person Musk hinausweist: den Muskismus, ein Programm, das den Staat nutzt, um das eigene Unternehmertum zu finanzieren und den Aufstieg sowie die Herrschaft einer neuen technokratischen Ingenieurselite sicherzustellen. Technisches Können soll nicht länger der Gleichheit, sondern ihrem Gegenteil dienen. Start-ups sind auf dem Weg zu Satrapen zu werden.‘ Branko Milanović“ (Umschlagtext)

Das Verrückte ist, dass seit einigen Jahren so viel und so schnell Verrücktes passiert, dass diese schiere Flut jede bisher als stabil wahrgenommene Normalität ertränkt. Flood the zone with shit.

So liegt das politische Treiben von Elon Musk im US-amerikanischen Regierungsapparat gefühlt schon wieder Jahre zurück. Dass dies nicht bedeutet, Musk hätte sich zurückgezogen, ist uns allen eigentlich klar. Worin sein Wirken seit Jahren besteht, das erhoffe ich mir in diesem Buch komprimiert dargestellt zu finden.

Und damit präsentiere ich mein letztes Mitbringsel von der #lbm26. 😉

„Mit Paypal hat Elon Musk die Finanzbranche aufgemischt, mit Tesla den Markt für E-Autos revolutioniert, nach seiner Übernahme Twitter kurzerhand auf rechts gedreht. Im US-Wahlkampf 2024 schwang er sich zu einem der wichtigsten Einflüsterer Donald Trumps auf, anschließend machte er sich mit seiner Abteilung für Regierungseffizienz daran, den amerikanischen Staat zu zerlegen.
Wie wurde aus dem genialischen Nerd eine kettensägenschwingende Ikone der globalen Rechten? Um die Welt zu begreifen, die Musk erschafft, müssen wir die Welten verstehen, die Musk erschaffen haben. Quinn Slobodian und Ben Tarnoff zeichnen nach, wie sich im Silicon Valley um die Vorstellungen von Disruption und tollkühnen CEOs ein regelrechter Kult bildete, wie soziale Medien und Videospiele die Erzählung vom heldenhaften Einzelgänger etablierten und wie rassistische Memes und Verschwörungstheorien Eingang fanden in die Gedankenwelt des reichsten Menschen der Erde. Der Muskismus, so Slobodian und Tarnoff, ist ein frankensteinisches Monster des zeitgenössischen Kapitalismus.“ (Klappentext)

(Übersetzung: Stephan Gebauer)

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Freitag, 5. Juni 2026

Helmut Krausser: Schweine und Elefanten


„Die Geschichte einer Amour fou im München der achtziger Jahre ist Entwicklungs- wie Schelmenroman, Selbstentblößung und Schule des Herzens, nicht zuletzt auch das Porträt einer zersprengten Post-Punk-Generation, die, umstellt von scheinbarem Wohlstand, um Identität und Ideale ringt. Komisch, melancholisch, poetisch, vor allem aber ungeschminkt wird ein Erwachsenwerden dokumentiert, ein bittersüß-selbstironisches Rebellentum.“ (Umschlagtext)

Helmut Kraussers erster Roman (Teil einer Trilogie, wie ich auch erst herausgefunden habe ^^) erschien zuerst 1999, diese Ausgabe 2010.

Ich hab das hier schon mal geschrieben, glaube ich, dass ich Kraussers „Melodien“ vor vielen Jahren zufällig in die Hände bekam und mit Begeisterung gelesen habe. Alle paar Jahre versuche ich dann immer wieder, meine Sammlung seiner Romane zu komplettieren – und komme einfach nicht hinterher. Weil so viel schon erschienen ist und Krausser auch einfach nicht mit dem Schreiben aufhört. Gut für mich. 😊

Und nur so am Rande: Einen Umschlagtext würde heute, 16 Jahre später, doch niemand mehr so schreiben, oder? 😉

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Donnerstag, 4. Juni 2026

Armin Nassehi: Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverhältnis


„Antisemitische Denkfiguren, Chiffren, Symbole und Taten erfahren derzeit eine erhebliche Sichtbarkeit – was nicht nur mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Jahre 2023 und den militärischen und politischen Folgen dieses Ereignisses zu tun hat. In seinem neuen Buch nimmt der Soziologe Armin Nassehi den verbindenden Kern antisemitischer Formen rechtsradikaler, bürgerlicher, linker, postkolonialer und islamistischer Natur in den Blick.“ (Umschlagtext)

Auch wenn im Mai eine kleine Lücke in meinem Bücherreigen entstanden ist, bleiben noch zwei Bände als Mitbringsel von der #lbm übrig. 😉

Da war die Hoffnung am Anfang des neuen Jahrtausends doch nicht wenig verbreitet, dass uns fortan hauptsächlich die Zukunft mit ihren neuen Technologien und Möglichkeiten beschäftigen würde. Nach einem Vierteljahrhundert sprechen wir aber eher darüber, wie die Schrecken vergangener Zeiten einfach nicht vergehen wollen und sich stattdessen immer wieder neue Kleider suchen.

Also, nicht nachlassen!

„Armin Nassehis explizit soziologisch gestellte Leitfrage in diesem Buch lautet: Was ist die Funktion des Antisemitismus in westlichen Gesellschaften? Sie wird mit der These beantwortet, dass antisemitische Denkungsarten stets mit ungeklärten Selbstverhältnissen derer zu tun haben, für die der Antisemitismus exakt dieses Problem löst: Fragen der Selbstbeschreibung und ihres Selbstverhältnisses zu lösen. Nassehis Buch ist damit zugleich ein Beitrag zu der Frage, wie die Selbstbezogenheit des ‚Westens‘ seine paradoxen Selbstverhältnisse auf etwas Fremdes richtet, das zugleich sein Vertrautestes selbst ist, das imaginierte Jüdische nämlich.“ (Klappentext)

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