Sonntag, 16. August 2026

Carel van Schaik/ Kai Michel: Mensch sein. Von der Evolution für die Zukunft lernen


„Mit dem Leben stimmt etwas nicht.“ (Seite 7)

Das Buch erschien 2023 zum ersten Mal. Eine verrückt lange Zeit ist das her, gemessen daran, mit welchem Tempo Entwicklungen aktuell – und auch nicht erst seit gestern – auf uns einprasseln. Es scheint aber folgerichtig, dass die Überlegungen dieses Buches just da greifen, wo, nachdem unter Corona die Welt zumindest kurzzeitig den Atem anzuhalten schien, alles scheinbar auf einmal nachgeholt und vorangetrieben werden musste. 

Insbesondere der Ausgangspunkt dieses Buches, das Unbehagen so vieler Menschen am eigenen Leben, den Lebensumständen, ja der Welt, griff mit den Debatten um die Pandemie, und wie ihr zu begegnen sei, um sich. Mit den sozialen Medien und Plattformen boten sich unzähligen Lesarten dieses Unbehagens Möglichkeiten endloser Verbreitung.

Versteht mich nicht falsch, autoritäre, neoliberale, rechte, verschwörerische Haltungen gab es auch schon vor Corona. Aber das Bild des Schwurblers brachte dann „alternative Fakten“ und derlei schließlich in einem Ausmaß in Umlauf, dass heute ja schon anachronistisch wirkt, wer Spaß am Leben hat und nicht motzt.

Bei mir selbst bemerke ich seit geraumer Zeit ein wachsendes Interesse daran, mehr über die Entwicklung unserer Gattung zu erfahren, vor allem, je drängender dieser Kulturkampf von rechts uns einreden will, was „natürlich“ und dem Menschen gemäß sei. Alter Wein, ich weiß. Aber es verfängt ja offenbar.

Männer sind so, Frauen so. Familie sei schon immer … Ich muss das gar nicht alles hier aufzählen.

Mit diesem Band machten sich nun ein Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe auf der einen und ein Historiker und Literaturwissenschaftler auf der anderen Seite auf, um dem nachzuspüren, was denn den Menschen nun wirklich ausmache – und was vor allem eben doch nur menschengemacht ist.

Menschengemacht bedeutet hier immer wieder, dass es Interessen gibt, etwas als quasi natürlich und unverrückbar darzustellen, zu dem nur zurückgekehrt werden müsse, und schon wäre alles wieder gut.

Zurück und gut – nunja.

Das die Welt sich vor noch nicht so langer Zeit scheinbar viel langsamer drehte, das Leben irgendwie noch überschaubarer war, das ist letztlich eine Binse. Und es bedeutet vor allem nicht, dass vorher alles gut gewesen sei.

Van Schaik und Michel gehen eher davon aus, dass uns die letzten paar tausend Jahre Menschheitsgeschichte, also seit dem wir vom Aufkommen von Zivilisationen und Gesellschaften sprechen, eigentlich alles eher darauf angelegt war, menschliches Leben in Zwänge zu packen, die der Evolution so gar nicht entsprechen.

Vereinzelung des Individuums und Flucht ins Materielle, aktuell die Durchdigitalisierung des Lebens, der Versuch der Homogenisierung von Gesellschaften zum Beispiel durch Nationalstaaten und deren Narrative, materielle und gesellschaftliche Ungleichheit, Arbeit als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, die immer nur Lohnarbeit meint … Die Liste ließe sich beliebig weiter fortsetzen.

Unterm Strich beschreibt auch dieses Buch, wie viel von dem, was wir heute als „natürlich“ imaginieren, letztlich menschengemacht ist und Interessen dient. Ich finde das, trotz aller bedrohlichen Zeiten, eine Erkenntnis, die Hoffnung machen kann. Denn was menschengemacht ist, kann auch von Menschen geändert werden. Vielleicht entlarven wir noch zu zaghaft, Interessen, die sich zumeist auf die eigene Macht beziehen, und uns manipulierend einreden, wie der Mensch wirklich sei.

Was mir Hoffnung macht: in der Evolutionsgeschichte zeigte sich die Überlebensstärke des Menschengeschlechts darin, kooperativ, kreativ, offen, ausgleichend, sozial und vieles mehr an guten Adjektiven zu sein. Dass der Mensch immer des Menschen Wolf sei, ist ein Konstrukt, dass wir nicht als unser wahres Wesen annehmen müssen. Es ist eine Geschichte, die uns erzählt wurde und wird von Interessen, denen dieses Konstrukt dient.

Kurz und gut: Mal wieder ein sehr lesenswerter Baustein für die Frage, was wir als Menschen besser machen können, damit wir mit der Welt doch nicht untergehen. Lesen!

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Montag, 10. August 2026

Nnedi Okorafor: BINTI

 

„Der Nebula-Award-Gewinner endlich in einem Band: Die Sammlung der drei Novellen BINTI: ALLEIN, BINTI: HEIMAT und BINTI: NACHTMASKERADE

Ihr Name ist Binti und sie ist die erste Himba, die jemals an der Oomza Universität, einer der besten Lehranstalten der Galaxis, angenommen wurde. Aber diese Möglichkeit bedeutet, dass sie ihren Platz innerhalb ihrer Familie aufgeben und mit Fremden zwischen den Sternen reisen muss, die weder ihre Denkweise teilen, noch ihre Bräuche respektieren.

Die Welt, deren Teil sie werden möchte, hat einen langen Krieg gegen die Medusen hinter sich und Bintis Reise zwischen den Sternen lässt sie dieser Spezies näher kommen, als ihr lieb ist. Wenn Binti das Vermächtnis eines Krieges überleben will, mit dem sie nichts zu tun hatte, wird sie die Gaben ihres Volkes brauchen und die Weisheit, die sich in der Universität verbirgt – aber zuerst muss sie es bis dorthin schaffen, lebendig.“ (Umschlagtext)

Gerade habe ich entdeckt, dass das neueste Buch der Autorin Anfang 2026 in einem größeren Publikumsverlag, nämlich bei Ullstein, erschienen ist. Es bleibt zu hoffen, dass sie dann nicht mehr nur ein Geheimtipp hierzulande bleiben wird.

Schon ein paar Mal hatte ich mich einerseits begeistert von Okorafors Schreiben gezeigt und zugleich ein dickes Danke an Cross Cult formuliert, wo ihre bisher ins Deutsche übersetzten Texte erschienen sind. Auch wenn Cross Cult nun nicht mehr Indie ist, hätte ich ihnen viel mehr Erfolg mit dieser Autorin gewünscht.

Sei es drum. Die hier vorliegende Ausgabe ist tatsächlich nur noch antiquarisch zu finden und ansonsten als Print on Demand erhältlich.

(Übersetzung: Claudia Kern)

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Samstag, 1. August 2026

Asma Mhalla: Cyberpunk. Das neue totalitäre System


„Asma Mhalla zeigt in ‚Cyberpunk‘, wie im 21. Jahrhundert ein zweiköpfiges technopolitisches Herrschaftsmonster entsteht: ein neuer Leviathan aus politischer Inszenierung und technologischer Programmierung. Statt historischer Vergleiche nutzt sie die Bildwelt der Science-Fiction – von Blade Runner bis Matrix -, um den Umbau der Demokratie sichtbar zu machen.“ (Umschlagtext)

Wenn derzeit mit viel Marketingblingbling über die Möglichkeiten von KI und Technologien gesprochen wird, klingt es ja immer wieder nach Science-Fiction, die da um die nächste Ecke liegt. Was läge also näher als genau das, was dieser Essay dem Umschlagtext nach vornimmt: Sprache und Ästhetik eines Erzählgenres zu nutzen, um die Welt zu beschrieben, die sich gerade auftut.

Ich bin gespannt, wie fruchtbar diese Herangehensweise ist. Unterhaltsam dürfte sie allemal sein. ;)

„Asma Mhalla ist die Pariser Starintellektuelle der Stunde. Ihr Essay ‚Cyberpunk‘ stand in Frankreich zuletzt monatelang auf der Bestsellerliste und erscheint nun auf Deutsch. Darin beschreibt sie auf bestechende Weise die politischen Entwicklungen unserer Zeit: Ein hybrides, technopolitisches Regime ist am Werk, das einerseits eine große Show inszeniert, während im Hintergrund das System programmiert wird. Sein Einfluss breitet sich still und leise global aus, gestaltet die Demokratie um und kolonisiert Körper wie Geist. Um den aktuellen Verfall der liberalen Demokratie zu verstehen, hilft laut Mhalla kein Rückgriff auf die 1920er- und 1930er-jahre. Stattdessen führt sie uns in die dystopische Welt der Science-Fiction: in stahlharte technologische Gehäuse, in denen desillusionierte Individuen durch apokalyptische Städte irren und von hochzentralisierten Autoritäten mittels KI-Systemen gesteuert werden. Blade Runner und Matrix lassen grüßen.“ (Klappentext)

(Übersetzung: Stephanie Singh)

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Samstag, 25. Juli 2026

Xiao Bai: Die Verschwörung von Shanghai


„Ein Attentat im Hafen und die bildhübsche Ehefrau an der Seite des Opfers verschwunden. Die Spur führt in die Französische Konzession: 1931 eine zu Reichtum gekommene europäische Enklave mitten in Shanghai, bevölkert von Gangstern, korrupten Polizisten, Revolutionären und Spionen … Xiao Bai spinnt eine meisterhafte Intrige rund um ein verhängnisvolles Begehren, literarisch, spannend, atmosphärisch.“ (Umschlagtext)

Hui, vom Insel Verlag hatte ich länger nichts mehr auf dem Lesestapel und erwarte gute Unterhaltung, ein gepflegtes UE also. (U-nterhaltung, E-rnste Kunst 😉)

Und mal ehrlich, wie schon häufiger an dieser Stelle angemerkt, wir kennen trotz all der unendlich vielen Neuerscheinungen in jedem Jahr dann doch so wenig von der Literatur in der ganzen Welt. Natürlich unterliegt die Auswahl der Verlage immer auch Trends, die sicher nicht nur literaturwissenschaftlich begründet sind, sondern eben eher politischen Trends folgen. Die wiederum können ja dann doch auch oft ein Interesse bei uns, dem Publikum, entfachen. Schade nur, dass es solcher Konjunkturen bedarf, gelle. ^^

Egal, ich bin dann mal gespannt. 😊

„An Deck des Ozeandampfers mit Kurs auf Shanghai schießt Hsueh heimlich ein Bild von ihr. Er ist Fotograf, sie wunderschön, sie verlieren einander aus den Augen. Doch als nach den Schüssen unten am Hafen ihr Gesicht in jeder Zeitung auftaucht und er ihr dann in den Gassen der Französischen Konzession wiederbegegnet, verfällt er ihr hoffnungslos. Um in ihrer Nähe zu sein, wird er Teil eines doppelbödigen Spiels, als Spitzel für die Polizei, Kämpfer für die Revolution und als Waffenhändler. Nur hat Leidenschaft allein in der Französischen Konzession noch niemanden vor einer Kugel bewahrt, das weiß er ganz genau …“ (Klappentext)

(Übersetzung: Lutz-W. Wolff)

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Freitag, 24. Juli 2026

Mosaik #607 und #608


Ok, die Hundine will offenbar eher ins Wochenende schlummern. Umso mehr bleibt mir Zeit für Eskapismus in Bunt. ;)

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Sonntag, 19. Juli 2026

Morten Paul (Hrsg.): Was war Faschismustheorie?


„Zu fragen, was Faschismustheorie war, heißt, dem vertrackten Verhältnis von Verstehen und Verhindern nachzugehen. […]“ (Umschlagtext)

Der weltweite Aufstieg von Rechtsautoritären, hierzulande ein Rechtsruck bis weit in die Mitte der Gesellschaft – natürlich haben wir zu reden.

Bei allem „Nie wieder“ bleibt die Frage ja immer noch offen, wie wir als Gesellschaft widerstehen können, was jetzt zu tun ist. Schon die aktuelle Debatte um den neuen Song von Danger Dan „Keine Angst“ weist in die Richtung, die auch dieser Sammelband einschlägt: Wir müssen wissen, womit wir es zu tun haben, damit wir wissen, welche Strategien des Widerstands für die Demokratie helfen können. Und vermutlich braucht es mehr als eine davon.

„Der Faschismus ist zurück – und mit ihm die Frage, wie wir ihn verstehen und bekämpfen können. Das Buch nimmt sich dieser Frage auf besondere Weise an. Es richtet den Blick auf die über hundertjährige Geschichte der Faschismustheorie selbst. Statt hektisch eine weitere Deutung anzubieten, beleuchtet es ihre Kontroversen und Brüche, ihre blinden Flecken und vergessenen Einsichten. An diesen Punkten sind die Theorien der Vergangenheit noch heute besonders produktiv. Zu fragen, was Faschismustheorie war, heißt dann nämlich, dem nicht immer einfachen Verhältnis von Verstehen und Verhindern nachzugehen.
Das Buch ‚Was war Faschismustheorie?‘ richtet sich an alle, die über Faschismus nicht nur reden, sondern herausfinden wollen, wie dieses Reden beschaffen sein muss, um zu einem antifaschistischen zu werden.

Mit Beiträgen von Caroline Adler, Luce deLire, Alex Demirović, Frank Engster, Fernando Esposito, Laura Rivas Gagliardi, Stefan Höhne, Mona Leinung, Martin G. Maier, Maria Muhle, Francesca Raimondi, Yanara Schmacks, Philipp Schönthaler, Cecilia Sebastian, Friederike Sigler, Tatjana Söding und Elena Stingl.“ (Verlagstext)

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Samstag, 18. Juli 2026

Benjamin von Eckartsberg/ Chaiko: GUNG HO. Tanaka


„Das ist die Pflicht eines Samurai.

Er stirbt, damit wir leben.

Das ist der Weg des Kriegers.

Eine eigenständige Geschichte, die vor der Hauptreihe spielt.“ (Umschlagtext)

Aus den Weiten Sibiriens überrollt eine Flut weißer, vierbeiniger Monster ganz Europa. Die Menschen flüchten sich in große Städte, die sie mit Mauern umgeben, die Sicherheit bieten und missliebige Menschen ausschließen. Abgesetzt von den Städten gibt es Vorposten, die für Nahrung sorgen und die „weiße Flut“ beobachten und abfangen sollen. In einem solchen Vorposten spielt die Hauptreihe.

Und bevor ich es vergesse: Kreiiiiiiiisch!

Gung Ho ist vollkommen zurecht so hochgelobt worden, finde ich und bin so froh, dass es mit den Prequels nun mehr Lesestoff gibt. 😉

Sehr gespannt bin ich auf die Zeichnungen, die nun von Chaiko gemacht werden. Der wiederum sprang schon bei der „Chronik der Unsterblichen“ ein. Also, ich bin schon wieder drauf! 😊

„Das langerwartete Prequel zum deutschen Comichit!

Tanaka Hasegawa ist ein Actionfilmsstar. Als Elitesoldat stellt er seine Kunst nicht nur in den Dienst des Kinos, sondern auch in den der japanischen Spezialkräfte. Derzeit ist er mit seiner Frau und seiner Tochter auf Promotiontour für seinen neuesten Film in Paris. Dabei schenkt er den Weltnachrichten keine Beachtung, insbesondere dieser neuen Weißen Plage ...

Eine neue Spezies ist aufgetaucht und scheint sich überall einzuschleichen ...

Sie lauert in den Tunneln, schleicht versteckt voran und schlägt dann blitzschnell zu ...

Die Menschheit ist in Gefahr!

Gung Ho-Autor Benjamin von Eckartsberg tut sich sich mit Zeichner Tsai Chaiko (Les Misérables) zusammen und präsentiert die spannende Vorgeschichte von Gung Ho, die sich in jedem Band einem anderen Charakter widmet. Dieses Mal: Tanaka Hasegawa.“ (Verlagstext)

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