Donnerstag, 5. November 2026

Margaret Atwood: Die Zeuginnen


„Nur Tote dürfen Denkmäler haben, ich aber habe zu Lebzeiten eines bekommen.“ (Seite 9)

Dieses Jahr habe ich mir noch mal die volle Gilead-Dosis gegeben und den „Report der Magd“ noch mal, diesen Folgeband zum ersten Mal gelesen und natürlich auch die Serie noch einmal durchgesuchtet. Hossa!

Die Verfilmung der „Zeuginnen“ wird auch schon gesendet. Es gab also gute Gründe das Buch auch endlich mal zu lesen. 😊

Gelohnt hat sich die Lektüre allemal und auch das Drumherum in der Entstehung ist spannend. Gerade weil Fortsetzungen ja so gerne mal am eigenen Anspruch und/oder dem der Fans scheitern.

In diesem Fall wird berichtet, dass Margaret Atwood sowohl Bezüge zur Serie mit aufgenommen habe, die ausgestrahlt wurde, als sie diesen Band verfasste (Erscheinung des Originals und der Übersetzung 2019), als auch Anregungen von Fans. Das klingt schon irgendwie cool.

Gelungen und spannend finde ich den Inhalt auch. 😉 In drei parallellaufenden Strängen kommen drei Frauen zu Wort. Was sie berichten, spielt einige Jahre nach der Handlung des „Reports“ in der Phase des Niederganges von Gilead, dem faschistoid-religiösen Staatsgebilde, das manchen Vorstellungen von realexistierenden christlichen Fundamentalisten erschütternd nahekommt.

Tante Lydia ist eine der drei Stimmen und diejenige, die am vertrautesten aus dem ersten Band ist. Sie war da wahrlich keine Sympathieträgerin. Immerhin ersann und stärkte sie das System der Tanten, die für die Ausbildung und Züchtigung der Mägde zuständig sind. Der einzige Zweck dieser jungen Frauen in Gilead ist es, anstelle der Ehefrauen den Kommandeuren Kinder zu gebären. Kinder, die in rituellen Vergewaltigungsakten gezeugt und den leiblichen Müttern direkt nach der Geburt entrissen werden.

Im „Report“ berichtete die Magd Desfred von ihrem Leben und ermöglichte einen Blick auf Gilead aus genau dieser Perspektive. Mit Tante Lydia erweitert sich dieser Blick, zumal hier auch deren Lebensweg hin zur ihrer Position als Tante beschrieben wird. Sie erlebt und erduldet Folter und Gewalt, wird aber durch ihre Position im System selbst zur erbarmungslosen Täterin.

Durchaus plausibel finde ich die Wendung, dass Tante Lydia mit ihrem Wissen über das Funktionieren von Gilead, die Korruption und Gewalt hinter der religiösen Fassade, aktiv dazu beiträgt, das System zu stürzen. Das macht sie als Person nicht sympathischer, aber wirft noch einmal ein Schlaglicht darauf, wie solche Regimes sich halten oder aber eben auch nicht.

Die beiden anderen Figuren sind junge Frauen, die eine in Gilead aufgewachsen, die andere im freien Kanada. Mehr will ich gar nicht verraten, weil das Rätseln beim Lesen ja auch ein wenig Vergnügen bringt. Und ja, ich weiß, dass sich das auch einfach im Netz nachlesen lässt. Aber wer würde sich denn freiwillig das Ende schon vorwegnehmen? 😉

Ich hab von gemischten Reaktionen auf Atwoods Folgeband gelesen, kann aber für mich festhalten: Ich war von den „Zeuginnen“ nicht weniger begeistert als vom „Report“. Atwood bleibt auch hier eine grandiose und präzise Erzählerin des Grauens eines solchen totalitären und autoritären Regimes. Das ist umso höher anzurechnen, da die Fiktion des ersten Romans aus den 1980ern beim Schreiben des Zweiten so viel realistischer wirken musste.

Kurz und gut: Erschütternd gut und aktuell. Lesen, unbedingt!

(Übersetzung: Monika Baark)

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