„Wir schliefen
in dem Raum, der einst die Turnhalle gewesen war.“ (Seite 11)
Wenn das 20.
Jahrhundert mit einer gewissen Zukunftsfreudigkeit endete, also wenigstens der
Annahme, die Zukunft könnte auch strahlend und hoffnungsfroh sein, dann scheint
die Menschheit im 21. Jahrhundert fest entschlossen, lieber die Realität den
Dystopien anzupassen, die sonst dem Film und der Literatur vorbehalten zu sein
schien.
Nehmen wir doch
den „Report der Magd“. 1985 erschien dieser Roman zuerst und wurde, soweit ich
weiß, auch schon viel gelesen. Offenbar war der Stoff immer noch gut genug, um
2017 bis 2025 als Serienformat ausgestrahlt zu werden.
Der Roman ist
einer der wenigen, die ich tatsächlich mehrfach gelesen habe. Das erste Mal, in
den 90ern, fand ich die Story krass, hatte aber nicht den Eindruck, etwas
anderes zu lesen als eine sehr düstere aber eher unwahrscheinliche Version
einer möglichen Zukunft. Nun, beim letzten Lesen, fühlte sich die Story gar
nicht mehr so weit weg an.
Zugegeben,
Romanvorlage und Verfilmung kurz hintereinander zu konsumieren erhöht schon
auch die Greifbarkeit und Unmittelbarkeit, allein, weil die Szenen im Wort plötzlich
realistisch mit nahbaren Figuren dargestellt werden. Aber viel unmittelbarer
entstand dieser Eindruck mit jeder neuen Schlagzeile, die das erneute Regime
(ja, den Begriff verwende ich hier absichtlich) des Donald Trump produziert.
Und nur ganz am
Rande: bekommt irgendjemand nicht sofort Kommandant-Waterford-Vibes beim
Anblick von JD Vance?
Die Handlung
brauche ich hier vermutlich tatsächlich niemandem mehr zusammenfassen. Lest das
Buch, schaut die Serie! 😉
Ich kann also
bei dem Punkt der Annäherung von Realität und Fiktion bleiben. Bitter genug,
dass darüber überhaupt zu sprechen ist.
In den 90ern
wirkte die Vorstellung, Religion könnte jenseits der Rolle als moralische
Stimme in der öffentlichen Debatte jemals wieder so prägend das Leben der
Menschen bestimmen wie ehedem, vorsichtig formuliert – skurril, schrullig.
Offenbar war das ein sehr getrübter Blick und schon auch stark europäisch,
ostdeutsch, Post-Wende geprägt. Jenseits kirchlicher Strukturen, die zumindest
in meiner Vorstellung lange synonym für Religion standen, gab es offensichtlich
Entwicklungen, die hierzulande nur langsam und spärlich sichtbar wurden.
Schräge Freikirchen-Mega-Events,
evangelikale Endzeitfantasien etc. waren so ein typisch-komisches Ding, dass halt
nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vorstellbar war – weniger im
Schwarzwald. Den Zulauf, den freikirchlich-evangelikale Zusammenhänge erfuhren
und erfahren, zu verstehen als Reaktion auf eine immer unsicherer werdende Welt
– seien es Kriege, seien es wirtschaftliche Entwicklungen, seien es Naturkatastrophen
– ist augenscheinlich keine Schrulle mehr.
Noch ein
Einschub: es ist doch verrückt, wie viel religiöser Content sich inzwischen auf
den Social Media Plattformen findet, verbreitet von eher jungen Menschen, die offensichtlich
im Hier und Heute und unter uns leben.
Und da wird
dann ein biopolitisches Thema auf einmal zum scheinbaren Spaltpilz eines ganzen
Landes. Die Fronten verlaufen dabei nicht mal zwischen unterschiedlichen Ethiken,
sondern dezidiert mit wissenschaftlich vs. religiös argumentierenden Seiten.
Dabei geht es nur vordergründig um die Pille und eine Abtreibung als
Möglichkeit zur eigenen Entscheidung derer, die schwanger werden können.
Zumindest aus meinem Blickwinkel geht es um die Verfügung über den weiblichen
Körper.
Daran reihen
sich ganz schnell eine ganze Menge Fragen danach, wie wir unsere Gesellschaften
denken und leben wollen auf. Frauen Freiheitsrechte einzuschränken, geht einher
mit einem Beschreiten des autoritären Pfades, an dessen Wegesrand dann auch
gleich noch erkämpfte Rechte von Minderheiten abgeräumt werden.
Im Roman
erfolgt dieser gesellschaftliche Rollback in Reaktion und als Antwort auf die moderne,
liberale Gesellschaft, wie wir sie kennen. Leider finden sich in der fiktionalen
Geschichte genügend Menschen, die glauben dies alles für eine bessere Zukunft
in Kauf nehmen zu können und zu wollen. Wie ausweglos, repressiv und gewaltvoll
dieser Weg ist, erzählt Atwood aus der Perspektive einer Magd. Ihr Preis des
Überlebens ist das sich Einfügen, das Akzeptieren. Erst dann wird ihr
Widerstand möglich.
Ein letzter
Gedanke, der sich immer wieder aufdrängt. Globalisierung und Digitalisierung
haben ein Ausmaß gesellschaftlicher Umwälzungen ermöglicht, dass allenfalls
Science Fiction Autor*innen vorhergesehen haben. Den Takt und die Richtung
scheinen aber ausschließlich Tech-Oligarchen vorzugeben, die als Nerds
gestartet sind, die sich womöglich in genau solchen Zukunftsfantasien verloren,
die sie heute in den schlimmstmöglichen Varianten umzusetzen scheinen wollen.
Das spricht
überhaupt nicht gegen solche Literatur, ganz im Gegenteil. Heute lesen wir diese
Texte erst recht als Mahnung und Aufruf an uns.
Kurz und gut: So
wichtig, so gut. Lesen!
(Übersetzung: Helga
Pfetsch)
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