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Freitag, 9. November 2018

J.G. Ballard: Betoninsel



„Kurz nach drei Uhr am Nachmittag des 22. April 1973 fuhr ein fünfunddreißig Jahre alter Architekt namens Robert Maitland mit hoher Geschwindigkeit die Ausfahrt des Westway-Kreuzes in der Londoner Innenstadt hinunter.“ (Seite 5)

Ein Vorderreifen platzt. Der Jaguar kommt von der Straße ab, stürzt die steile Böschung hinunter und kracht gegen dort liegende, rostende Autowracks. Robert Maitland ist gestrandet. Er lebt, muss aber feststellen, dass er mit einer üblen Beinverletzung auf einer grünen Insel inmitten des Autobahnkreuzes festsitzt. Von den umliegenden Straßen ist der Ort kaum oder gar nicht einsehbar.

Die Vorstellung des Settings hatte mich ja gleich gekriegt: Inmitten dieses Inbegriffs der Moderne und der Mobilität – eines Autobahnkreuzes in der Londoner Innenstadt – liegt in abgeschlossenes, unerreichbares Areal. Niemand kommt je hierher, niemand achtet darauf, niemand hält an. Das Leben zieht buchstäblich an diesem armen Robinson vorbei.

Selbst als er es mühsam die Böschung heraufschafft, sehen die vorbeifahrenden Großstädter nichts als einen Vagabunden in abgerissenen Klamotten, der wirr gestikuliert. Er wird buchstäblich auf die Insel zurückgeschleudert.

Seine Verletzungen, Hunger und Durst und das wechselhafte Wetter kosten in Kraft. Selbst die Insel scheint gegen ihn zu kämpfen. Das hohe Gras verschlingt den ramponierten Jaguar und macht jedes Herumstreifen auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit oder auch nur nach Essen zu einem ungleichen Kräftemessen.

Während seine Kraft zusehends schwindet wird ihm irgendwann klar, dass er nicht allein auf dieser Insel ist. Ob das Rettung oder nur einen Gegner mehr bedeutet, das will ich hier gar nicht verraten. 😉

Verraten möchte ich aber, dass die nüchtern-klare Sprache von Ballard schon auf den ersten Seiten ihren Sog entfaltet. Die eher kurzen, klar strukturierten Kapitel stärken das Berichthafte dieses Romans. Trotzdem ist die zunehmende Verwirrung, das fieberne Driften des verletzten Maitland intensiv spürbar.

Ich freue mich auf jeden Fall über eine Entdeckung und bin gespannt darauf, noch mehr von J.G. Ballards Texten zu entdecken. Und überhaupt: Wieso kannte ich den bisher nicht? ^^

Kurz und gut: Der Roman ist perfekt, um ihn direkt an einem Stück wegzuschmökern und sich damit selbst auf eine kleine Insel inmitten der hektisch weiterflutenden Moderne zu katapultieren und innezuhalten. Krass gut!

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