Mittwoch, 7. Dezember 2016

Francois Durpaire/ Farid Boudjellal: Die Präsidentin



„Die Gefahr, die von einem endgültigen Sieg der extremen Rechten ausgeht, betrifft nicht nur Frankreich, sondern eine Reihe von europäischen Ländern, die der Welle des neuen Nationalismus zum Opfer zu fallen drohen.“ (Vorwort, Seite 2)

Ausdrücklich auch in Reaktion auf den kontroversen Erfolg von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ schrieb der Historiker Francois Durpaire das Skript für diesen Comic. Wie auch bei Houellebecq ist der Ausgangspunkt die Präsidentschaftswahl in Frankreich – dieses Mal die im Mai 2017 bevorstehende.

Mit 50,41% siegt die Führerin des rechtsextremen Front National (FN) knapp gegen den sozialistischen Amtsinhaber Francois Hollande. Der Comic entwickelt anhand des realen Programms des FN, die Geschichte der ersten Maßnahmen der neuen Präsidentin und deren Auswirkungen auf das Land.

Begleitet von Protesten wird der massenmediale Wind kälter und schärfer. Akteure der Extremen Rechten bekommen nun Platz auf der großen Bühne. Der Euro wird abgeschafft, der Franc wieder eingeführt. Unzählige Menschen ohne gesicherten Aufenthaltstitel werden als Illegale diffamiert und mit zunehmen rabiateren Methoden außer Landes geschafft. Der zur Abwehr des Terrorismus ausgebaute Sicherheitsapparat wird mehr und mehr zur Überwachung der gesamten französischen Gesellschaft umfunktioniert.

Gegenpart zur Präsidentin Le Pen ist eine kleine Gruppe Widerständiger, die sich um die 90jährige, ehemalige Kämpferin der Resistance, Antoinette Giraud, scharen. Sie stehen für das aufgeklärte, progressive Frankreich, dass sich in Teilen vom öffentlichen Leben zurückzieht aber auch aufbegehrt und sich nicht dem neuen Regime andient.

Der Comic versteht sich selbst als Warnung, aufklärende Intervention und Kommentar zur aktuellen Situation – nicht nur in Frankreich. Damit liegt nahe, dass er vermutlich eher nicht als großes Comic-Werk in die Geschichtsbücher eingehen wird. Als weiteren Anlass zur Diskussion und Auseinandersetzung mit der Welt um uns herum ist er dagegen bestens geeignet. Da es im Mittelpunkt um das konsequente Anwenden der vorliegenden und nachlesbaren Forderungen des FN auf die Realität geht und eben nicht darum, das Führungspersonal vorzuführen, lässt sich diesem Werk nicht vorwerfen, reine Propaganda zu sein.

Der Zeichenstil von Farid Boudjellal, die immer wieder eingebauten Collagen und die fotoartigen Hintergründe sorgen für eine zwar düstere aber eben auch angemessen distanzierte Atmosphäre. Hier soll bewusst nicht auf Skandalisierung gesetzt werden.

Alles in allem ist „Die Präsidentin“ für meinen Geschmack ein gelungener Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte. Auch das kann Comic.

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Dienstag, 6. Dezember 2016

Jule Jakob Govrin: Sex, Gott und Kapital. Michel Houellebecqs Unterwerfung zwischen neoreaktionärer Rhetorik und postsäkularen Politiken



„In der spätkapitalistischen Krise des Begehrens schlägt der libidinöse Leistungszwang in Lustlosigkeit um. Der Glaube an die Verheißungen der sexuellen Liberalisierung erscheint zerrüttet. Was verbleibt ist allumfassende Sinnleere. Dieses Narrativ findet sich im Werk Michel Houellebecqs.“ (Seite 5)

Die Frage, warum sie den Roman nicht einfach nur als Roman liest, beantwortet die junge Philosophin, Queertheoretikerin und Literaturwissenschaftlerin mit dem Verweis auf die Wirkkraft des Werkes, das in Frankreich just an dem Tag erschien, als im Januar 2015 von islamistischen Terroristen der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo verübt wurde.

Es reiht sich ein in einen Diskurs, der in Frankreich von den Neuen Philosophen zu den Neuen Rechten führte, vor dem Hintergrund so gesellschaftspolitischer Großereignisse wie der Massenproteste gegen die Homo-Ehe. Nicht zuletzt sorgt der Autor selbst immer wieder für Skandale mit Äußerungen, die mit Ressentiments spielen und sein Werk aus der reinen Kunst, die nichts anderes sein will, herausstellen.

Auf knapp 90 Seiten stellt Jule Jakob Govrin viele Bezüge her, ordnet ein und sortiert – parteiisch, wie sie gleich zu Beginn ihrer Studie selbst schreibt. Als Leser, der nicht viel Ahnung von den in Frankreich laufenden Diskursen hat, entsteht für mich ein beängstigendes Bild der Nachbarrepublik.

Automatisch muss ich an das gesellschaftliche Klima in Deutschland denken. Wie oft werden auch hier wieder Nation und Familie bemüht, die dann natürlich ausschließlich heteronormativ gedacht wird – als Angstreaktion auf ankommende Flüchtlinge. Jeder Vorfall, jede Straftat mit Beteiligung von geflüchteten Menschen gerät zum Beleg dafür, „dass die ja so sind“. Noch der letzte Sexist meint, er könne nun Rumpöbeln und brennende Flüchtlingsunterkünfte mit der Rettung der emanzipierten, deutschen Frau rechtfertigen. Obwohl, und die persönliche Bemerkung will ich mir nicht verkneifen, reichlich klar und offen zutage liegt, wer den Hass der Wutbürger_innen abbekommen wird, wenn die Grenzen nur mal dicht wären und keine Menschen mehr zu uns flüchten könnten.

Govrins Studie ist – das liegt in der Natur der Sache – keine ganz leichte Lektüre. Ich will sie aber gern allen ans Herz legen, die nach dem Zuklappen von Houellebecqs Roman das Buch noch nicht ganz weglegen können. Lest, geht mit offenen Augen durch die Welt und disktutiert mit anderen darüber!


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Montag, 5. Dezember 2016

Michel Houellebecq: Unterwerfung



Hier nun also ein Paradebeispiel für die literarische Variante des „das muss man doch mal sagen dürfen“.

Ich muss ja zugeben, dass ich den Roman von Houellebecq mit etwas Widerwillen gekauft habe und eigentlich hauptsächlich, weil mich die Studie „Sex, Gott und Kapital“ von Jule Govrin dazu interessierte. Die Berichterstattung um das Erscheinen des Buches und skandalumwehte Hype hatten mich schon ziemlich genervt und ließen wenig Vorfreude auf die Lektüre aufkommen.

Unvoreingenommen begegnen konnte ich mich dem aber weder aufgrund der Selbstinszenierung des Autors noch des gesellschaftlichen Klimas, in dem das Buch nun einmal erschien. Dies sei schon einmal vorweg geschickt.

Im Frankreich der nahen Zukunft, so die Story, erringt ein zunächst moderat wirkender muslimischer Kandidat die französische Präsidentschaft. Es folgt ein zügiger Umbau der Gesellschaft nach islamischen Prinzipien, der nicht ohne Gewalt und Gegengewalt von statten geht.

Die Hauptfigur Francois ist ein mittelalter, alleinstehender Akademiker, der sich den Entwicklungen nicht widersetzen kann. Seine Auseinandersetzung mit den dramatischen Veränderungen, sein Verhalten dazu, soweit die Story.

Francois ist ein ziemlich widerlicher Typ - vereinsamt, beziehungsunfähig und –unwillig, sexuell frustriert, mittelalt, weiß und lebenssatt. Als Universitätsdozent macht er einen Job, der ihm eigentlich nicht viel gibt. Sein Highlight ist es offenbar, zu Beginn jedes Semesters eine Affäre mit einer neuen Studentin zu beginnen, die dann auch mit Ablauf des Studienjahres wieder endet.

Die Geschehnisse in der realen Welt vor seiner Tür bringen ihn schließlich dazu, sich vor dem Chaos des Regierungswechsels in ein Kloster zurückzuziehen, wo ihm allerdings keine Erleuchtung zu Teil wird.

Zurück in Paris erlebt er einerseits, dass die jungen Frauen ihre körperlichen Reize in der Öffentlichkeit verhüllen, während ihm andererseits die Möglichkeit offeriert wird, mit einer Stellung im neuen, islamischen System zugleich willige Frauen quasi zugeteilt zu bekommen, die ihn allein aufgrund dieser Stellung schon anbeten würden. Er brauchte nur zum Islam zu konvertieren.

In seinen Äußerungen und nicht zuletzt in seiner Rede zur Annahme des Frank-Schirrmacher-Preises in diesem Jahr macht Houellebecq immer wieder deutlich, dass er selbst seinen Roman nicht als Fiktion, nicht als literarisches Was-wäre-wenn verstanden wissen will. Europa – die westliche Welt – ist dekadent, verweichlicht und nicht mehr lebenswert. Schuld sind offenbar Individualismus, Feminismus und alles, was herkömmliche, hierarchische Gesellschaftsstrukturen in den letzten Jahrzehnten aufgebrochen hat.

Er beschreibt es als unausweichlich, dass diese verkommene Gesellschaft sich einem in seiner traditionellen, reaktionären Form potenteren Islam ergibt. Damit schließt er sich nicht nur den Zustandsbeschreibungen unserer Welt an, wie sie Rechtspopulisten leider viel zu erfolgreich verbreiten, zugleich breitet er auch noch jedes antimuslimische Klischee aus, damit das Feindbild auch klar umrissen ist.

Das Bittere daran ist, dass dieses rechtsgewalkte Altmännergeschwurbel mitten aus dem Bildungsbürgertum herausragt und bei allen kleinen und großen Rechtrucken der letzten Zeit die gesellschaftlichen Koordinaten wieder ein Stück zu verschieben hilft. „Das muss man doch mal sagen dürfen“ ist eben kein reines Pegida-Phänomen mehr, das auf die Straßen Dresdens begrenzt ist. Wir fanden es in Paris bei den großen Demonstrationen gegen die Homo-Ehe, bei den Präsidentschaftswahlen in Österreich und schon länger in Ungarn – um nur wenige der viel zu vielen Beispiele aufzuzählen.

Dass, auch dies will ich gern schreiben, Houellebecq sein Handwerk als Autor versteht, ist keine Frage. Der Roman ist bestens lesbar, ohne allzu leichte Kost zu sein. Seinen Erfolg finde ich aber dennoch und umso mehr erschütternd.

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Samstag, 3. Dezember 2016

Katrin Heinau: Das Glückliche Leben. Eine moralische Erzählung



"Eine moralische Erzählung" mit satirischem Unterton, wie der Umschlagtext verspricht. Gnihihi! ^^ "... ein Stück weiblichen Lebens im Berlin der Gegenwart ..." "Was ist aus der Emanzipation geworden?" "... bemühte Mutter ..." Trennung, vermeintliches Paradies, "Stellvertreterkampf zwischen Arm und Reich" - soweit die Schlagworte vom Umschlag, die mich dann auch schon hatten. ;) #leseherbst #roman #katrinheinau #martapress #emanzipation #satire #berlin #brandenburg #frauen #Literatur #lesen #leselust #lesenswert

Donnerstag, 1. Dezember 2016

GROSSE FREIHEIT #2 - Tonis Grosse Freiheit



„So, ersma willkommen bei der Polizei Hamburg…
Dieses Jahr ist alles anders. Wie sie sehen, haben wir den ersten weiblichen Kollegen dabei.“ (Seite 2)

Der erste weibliche Kollege ist Nicole. Und Nicole darf gleich mal gegen einen männlichen Kollegen im Sprint auf dem Sportplatz antreten, über dem sanft der Schnee rieselt.

„Na Kruschinski, hast du auch richtig deine Möpse festgezurrt? Nich‘ dass die dich ausknocken.“

Die männlichen Kollegen feuern Nicole´s Kontrahenten Klaus an. Auf den letzten Metern zieht sie aber noch an ihm vorbei.

Joviales Schulterklopfen vom Vorgesetzten: „Heidewitzka! Ich sachma, beim Weglaufen sind sie jetzt schon unser bester Mann, Kruschinski.“

In Band zwei der „Grossen Freiheit“ begegnen wir der Polizeianwärterin Nicole Kruschinski. Sie stammt aus gutem, hanseatischen Haus, hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und beißt sich durch.

Ihre beste Freundin aus Jugendtagen, Jenny, ist die Verbindung zu Wolfgang, dem Ex-Soldaten, der im ersten Teil dieser selbstverlegten Serie im Mittelpunkt stand und seine „Grosse Freiheit“ auf dem Hamburger Kiez begann.

Geschickt knüpfen die Autoren das Netz, über das die verschiedenen Figuren in diesem Hamburger Biotop miteinander verknüpft sind. Der Vater von Nicole spielt hierbei ebenso eine Rolle wie natürlich auch der für diesen Band titelgebende Boxer Toni.

Ruppig geht es hier zu. Der Hamburger Kiez ist kein Kuschelzoo. Die Menschen sind hart und wortkarg. Doch trotz der Trostlosigkeit blitzt auch Herzlichkeit auf, wenn wir zum Beispiel Nicole sehen, wie sie die im Heim misshandelte Jenny zu trösten versucht.

Wie schon beim ersten Band kann ich auch hier die Story, die Zeichnungen von Fabian Stoltz und die Produktion des Heftes nur loben. Für mich stimmt hier einfach alles. Bleibt nur, diesem gelungenen Trip in die heute kultig anmutende Vergangenheit des Hamburger Kiezes, ein möglichst großes Publikum zu wünschen – und mir als Leser noch eine ganze Reihe mehr Ausgaben der „Grossen Freiheit“.

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