Sonntag, 12. Dezember 2021

Gert Loschütz: Besichtigung eines Unglücks


"Im Dezember 1939 kommt es vor dem Bahnhof von Genthin zum schwersten Zugunglück der deutschen Geschichte. Zwei Züge prallen aufeinander, zahlreiche Menschen sterben. In einem davon sitzt Carla, die schwer verletzt überlebt. Verlobt ist sie mit Richard, einem Juden aus Neuss, aber nicht er ist ihr Begleiter, sondern ein Italiener namens Giuseppe Buonomo, der durch den Aufprall und Leben kommt. Warum Carla sich nach dem Unglück als dessen Frau ausgegeben hat, versucht viele Jahre später der Journalist Thomas Vandersee zu ergründen. Bald ahnt er, dass sein eigenes Familienschicksal mit dem der mysteriösen Reisenden verflochten sein könnte.

Vor dem Hintergrund einer historischen Katastrophe erzählt der Romancier Gert Loschütz eine große, unter die Haut gehende Geschichte von Liebe und Verrat." (Umschlagtext)

Cover und Beschreibung und Herstellung - you got me Schöffling! 🤓😘

"Im Dezember 1939 kommt es vor dem Bahnhof von Genthin zu dem schwersten Zugunglück, das sich jemals auf deutschem Boden ereignet hat. Zwei Züge prallen aufeinander, zahlreiche Menschen sterben. In einem davon sitzt Carla, die schwer verletzt überlebt. Verlobt ist sie mit Richard, einem Juden aus Neuss, aber nicht er ist ihr Begleiter, sondern der Italiener Giuseppe Buonomo, der durch den Aufprall ums Leben kommt. Das Ladenmädchen Lisa vom Kaufhaus Magnus erhält den Auftrag, der Verletzten, die bei dem Unglück alles verloren hat, Kleidung zu bringen. Aber da gibt Carla sich bereits als Frau Buonomo aus. Von diesem mysteriösen Vorfall erfährt viele Jahre später Lisas Sohn Thomas Vandersee, dem die Mutter zugleich ihre eigene Liebes- und Unglücksgeschichte erzählt. Kann er Carlas Geheimnis ergründen? Hängt es womöglich mit seiner eigenen Familie zusammen?
Vor dem Hintergrund einer historischen Katastrophe erzählt der Romancier Gert Loschütz eine große, unter die Haut gehende Geschichte von Liebe und Verrat." (Klappentext)

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Freitag, 10. Dezember 2021

Ole Nymoen/ Wolfgang M. Schmitt: Influencer. Die Ideologie der Werbekörper


"Influencer sind eine erst zu nehmende Gefahr, da sie antiaufklärerisch agieren und ihre Follower manipulieren. Sie erzeugen ein falsches Bewusstsein, das sie wiederum gewinnbringend auszubeuten wissen, ja, sie verherrlichen das 'beschädigte Leben' im Spätkapitalismus." (Umschlagtext)

Na, fühlt sich schon jemand angesprochen? 😜

Hier noch etwas Klappentext:
"Menschen über dreißig kennen oft nicht einmal ihre Namen, für jüngere Jahrgänge sind sie Topstars: Influencer. Junge Erwachsene und sogar Kinder filmen sich beim Schminken, auf Reisen oder beim Sport und teilen ihre Tipps über soziale Medien mit ihren Fans. Dabei platzieren sie geschickt Produkthinweise und verdienen so ihren Lebensunterhalt - oder gar ein Vermögen.
Für Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt sind die Influencer symptomatische Sozialfiguren unserer Zeit. In der Abstiegsgesellschaft scheinen noch einmal Aufstiegsträume wahr zu werden, der Spätkapitalismus hübscht sein Gesicht mit Filtern und Photoshop auf, mit einer revolutionären Form der Werbung komplettieren Instagrammer und Youtuber das Geschäftsmodell des kommerziellen Internets. Bei aller ausgestellten Modernität, so Nymoen und Schmitt, beeinflussen die Influencer jedoch noch in einer weiteren Hinsicht den Zeitgeist: Indem sie rückwärtsgewandte Rollenbilder, Konsumismus und rigide Körpernormen propagieren, leisten sie einem konservativen Backlash Vorschub." (Klappentext)

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Donnerstag, 9. Dezember 2021

Flix: Spirou in Berlin


„Liebe Genossinnen und Genossen, wir sind PLEITE!“ (Seite 5)

Diese Erkenntnis in Ost-Berlin sollte in der Folge dazu führen, dass es Spirou und Fantasio, die beiden franko-belgischen Comichelden in den wilden Osten verschlägt – natürlich mitten in die spannende Zeit kurz vor der Wende 1989. Geschrieben und gezeichnet hat das rasante Abenteuer mit Flix erstmalig ein deutscher Zeichner. Wow.

Aber in aller Kürze von vorn: Graf Rummelsburg, ein guter Freund von Spirou, erhält im Sommer 1989 eine Einladung zum Ersten Internationalen Mykologenkongress – nach Ost-Berlin. Dass der dort gar nicht hinreisen will, dann aber auf einmal aus seiner Villa verschwunden ist, ruft Spirou und seinen Freund Fantasio auf den Plan. Auf der Suche nach dem Grafen landen sie unweigerlich – in Ost-Berlin.

Wie Spirou so ist, kann er nicht ruhen, bis er nicht seinem Freund, dem Grafen helfen konnte. Der eigensinnige Fantasio wittert dagegen seine große Chance al Reporter. Immerhin kann er hier von hinter dem Eisernen Vorhang berichten.

Und zu berichten gibt es dann recht schnell so einiges. Fantasio bringt sich mal wieder in Windeseile in Schwierigkeiten und landet auch noch prompt im Stasiknast. Derweil schließt Spirou Bekanntschaft mit einigen Bürgerrechtler:innen, die im Widerstand arbeiten.

Während der Suche nach dem Grafen werden die beiden belgischen Helden natürlich die ganze Zeit über von der Stasi beobachtet und verfolgt. Immerhin sind sie ganz ungeahnt einem weltverändernden großen Geheimnis des Regimes auf der Spur.

Puh, und am Ende geht es gerade noch mal gut aus. 😊

Insbesondere für Fans in Deutschland ist die Flix-Variation von Spirou natürlich ein echtes Highlight. Zum einen, weil Comicfans schon lange sehr neidisch ins Franko-Belgische schauen, wo Comics als Kulturgut ganz selbstverständlich dazu gehören – im Gegensatz zum eher unterentwickelten Deutschland in dieser Hinsicht. Zum anderen weil gerade dieses Abenteuer von Spirou mitten hinein führt, in die jüngere deutsche Geschichte.

Und Flix meistert das erzählerisch wie zeichnerisch wirklich grandios. Die Story ist rasant, witzig und herrlich abgedreht. Der Zeichenstil wirkt für diese inzwischen ja auch altehrwürdigen Figuren angenehm frisch. Alles bestens also.

Ok, ich muss zugeben, dass ich trotz aller Begeisterung dann doch irgendwie etwas gestutzt habe. Vielleicht war es der Ossi in mir, der da zuerst etwas trotzig geschnauft hat. Ich bin nicht sicher. Aber beim drüber nachdenken hakte dann doch etwas für mich.

Vollkommen klar, dass wir hier über ein kinder-/jugendkompatibles Comicabenteuer sprechen und nicht über eine historische Dokumentation. Aber andererseits hat sich Flix ja schon einige Mühe mit der Genauigkeit gemacht, wie verschiedene Rezensionen gern hervorgehoben haben.

Der Comic macht sich die Mühe, den Leser:innen kurz zu erklären, was die DDR war. Auf einer kleinen eingefügten Erklärseite (ja, immer noch als Comic) wird dieses lustige Land vorgestellt, in dem es gar nicht so lustig zuging. Immerhin handelt es sich hier, wie festgestellt wird, um eine kommunistische Diktatur. Passend zu dieser kleinen Einführung erlebt Fantasio, ganz der Reporter, zunächst die unglaublich friedliche und bunte DDR – bevor er dann flugs im Stasiknast landet, weil er mit der falschen Person gesprochen hat. Zur Ehrenrettung dieses offensichtlichen Schurkenstaats gibt es aber auch noch die Bürgerrechtler:innen, ganz dem Klischee verpflichtet natürlich ein wenig kauzig dargestellt.

Für das Erzählen eines solchen Abenteuers in diesem Genre ist das Böse natürlich passenderweise so richtig richtig böse. In diesem Fall funktioniert die humorige Action halt vor einem typischen Kalter Krieg Hintergrund. Als Mittel der Erzählung verstehe ich das und finde es auch wirklich gelungen. Und trotzdem grummelt da was in mir, weil ich mir denke, dass es schon noch eine DDR jenseits der Erklärseite gab und hier halt ein Narrativ für die Story verwendet wird, dass schon so lange auf Kosten der Ostdeutschen und ihrer Geschichte erzählt wird.

Und dann denke ich wieder: Aber es ist doch nur ein witziger Comic.

Und ich bleibe etwas hin und her gerissen zurück. Kann das jemand nachvollziehen?

Kurz und gut: Flotte Comicaction in und aus Berlin. Lesen!

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Mittwoch, 8. Dezember 2021

Marcel Beyer: Kaltenburg


"Vor dem Hintergrund von einem halben Jahrhundert DDR- Geschichte erzählt Marcel Beyer in seinem hochgelobten Roman meisterlich von menschlichen Lebensläufen." (Umschlagtext)

"Wer ist Kaltenburg? Ein Ornithologe und Verhaltensforscher, der nach dem Krieg in Dresden ein Forschungsinstitut aufbaut. Ein Exzentriker, der den Dienstwagen samt Stasi-Chauffeur stehenläßt und Motorrad fährt. Für Hermann Funk, der seine Eltern in der Dresdner Bombennacht verlor, wird er zum Ziehvater. Als alter Mann erinnert sich Funk: an die Gründung des Instituts und der DDR, an Kaltenburgs plötzliches Verschwinden nach dem Mauerbaum an ein möglicherweise dunkles Kapitel in dessen Vergangenheit. Vor dem Hintergrund von einem halben Jahrhundert DDR-Geschichte erzählt Marcel Beyer in seinem hochgelobten Roman meisterlich von menschlichen Lebensläufen." (Verlagstext)

Ein halbes Jahrhundert sind ja 50 Jahre. Die DDR hat ihren 41. Geburtstag knapp nicht mehr erlebt. Andererseits wirkt die Geschichte der DDR ja irgendwie auch in ihren ehemaligen Bewohner:innen fort ...

Ich bin also gespannt, was der Umschlagtext da meint und wovon der Autor erzählt. 🤓

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Sonntag, 5. Dezember 2021

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern


„Durch das Bullauge des Flugzeugs sind bereits die ersten Felder zu sehen, ihnen folgt ein Häusermeer und verschwindet wieder, dann schwenkt die Tragfläche nach oben und durch das Fenster ist nur noch das Himmelblau zu sehen.“ (Seite 11)

Hammoudi sitzt im Flieger. Für eine bürokratische Formalität unterbricht er sein Medizinstudium in Paris und reist nach Syrien, in sein Heimatland. Bevor er in die östlich gelegene Stadt weiterreist, in der seine Familie lebt und wo er sein Visum verlängern lassen will, genießt er noch ein paar Tage Damaskus.

Hier lebt auch Amal, eine junge Schauspielerin und Studentin aus gutem Hause, wie man so schön sagt. Sie ist erfolgreich, sieht gut aus und genießt ein unbeschwertes Leben in der quirligen Großstadt.

Die Ankunft bei seiner Familie in Deir az-Zour am Euphrat gleicht einer Zeitreise. Das Leben, dem Hammoudi hier entfloh, hat so gar nichts mit seinem Leben in Paris zu tun. So schön es irgendwie für ihn ist, seine Eltern, die Geschwister, Verwandte und Freunde wiederzusehen – hier gehört er schon lange nicht mehr her. Doch die einfache Formalität, deretwegen er gekommen ist, zieht sich immer länger hin.

Amal spielt eine Hauptrolle in einer Serie. Doch in ihr Leben zwischen Schauspielstudium und beruflichem Erfolg mischt sich auch Unzufriedenheit mit den Verhältnissen. Gerade weil sie so frei und selbstbestimmt leben kann, fallen ihr immer wieder Grenzen auf, die dem Leben hier durch das Regime von Assad gezogen sind. Die ersten Funken von dem, was der Westen den Arabischen Frühling nennen wird, sorgen für eine unbenannte Unruhe bei ihr. Fast eher aus Neugierde geht sie zu Demonstrationen gegen das Regime und begeistert sich an dem Gefühl, Teil einer zunehmend erstarkenden Bewegung zu sein.

Hammoudi muss einsehen, dass er seine Angelegenheiten so schnell nicht wird lösen können. Ihm wird klar, dass er bis auf Weiteres Syrien nicht mehr wird verlassen können. Also muss er sich entscheiden, sich hier vor Ort um eine Arbeit zu bemühen. Trotz seiner Ausbildung in Frankreich ist das leichter gesagt als getan. In Assads Syrien zählt nicht unbedingt die formale Qualifikation. Wenigstens so lange nicht, wie der eigenen Leistung nicht entsprechende Gelder für korrupte Beamte beigelegt sind, die am Ende bewilligen oder verweigern können.

Erstmalig erlebt Amal, wie sich die Konfrontation mit dem Regime ganz persönlich anfühlt. Wie unbarmherzig Geheimpolizisten auftreten, wie skrupellos sie Gewalt einsetzen. So unvermittelt sie diese Erkenntnis trifft, kann sie sich doch zunächst darauf verlassen, dass ihr Vater mit seinen Beziehungen dafür sorgen kann, dass sie zu ihrem normalen Leben zurückkehren kann. Doch es tun sich Risse auf, weil ihr immer bewusster wird, wie brüchig die Fassade ist, die hier Normalität vortäuscht.

Olga Grjasnowa stellt uns zwei junge Menschen vor, deren Leben sich gar nicht so sehr von unserem unterscheidet, die wir hier mitten in Europa leben. Sie sind qua Ausbildung und durch ihre Familien eher privilegiert, sie wollen sich ihren Platz im Leben erobern. Doch beider irgendwie heile Welt bröckelt mit dem Aufkommen der Unruhen in Syrien immer mehr. Sie finden sich auf der Seite derer wieder, die gegen das Regime aufbegehren. Die brutale, harte Realität der Diktatur wird für beide immer sichtbarer, obwohl sie davor bisher so sehr behütet waren. Das Auswachsen der Proteste gegen das Regime zum Bürgerkrieg verlangt ihnen beiden Entscheidungen ab, die sie jede:r für sich beantworten müssen. Und für beide geht es recht bald nicht mehr nur um die Frage, wie ihre Zukunft aussehen wird, sondern um Leben und Tod.

Amal und Hammoudi werden gezwungen sein, Syrien zu verlassen, wenn sie überleben wollen. Doch wo immer sie landen, es wird ihnen nichts anderes übrigbleiben als weiterzuziehen – wie all die anderen, die sich wie sie selbst auf der Flucht befinden. In Grjasnowas Geschichte begegnen sich Amal und Hammoudi kurz und folgenlos in Damaskus. Sie werden sich sehr viel später vollkommen zufällig wiedersehen – in Berlin – als Geflüchtete, von deren vormaligem Leben buchstäblich nichts übriggeblieben ist.

Die große Stärke dieses Textes ist, dass die Autorin nicht auf Betroffenheit setzt. Unprätentiös und schnörkellos lässt sie uns am Leben ihrer Hauptfiguren teilhaben. Folgerichtig widmet sich der Hauptteil dieser Geschichte dem Leben von Amal und Hammoudi bevor sie letztlich doch flüchten müssen. Damit gibt sie den beiden, die wir hier nur als Geflüchtete wahrnehmen würden, ihr Leben zurück und kann unaufgeregt verdeutlichen, was und wie viel die beiden zuvor verloren haben und erleiden mussten, bevor sie letztlich als Geflüchtete in Europa stranden. Diese Geschichte sei denen ins Gesicht geschleudert, die nicht Menschen in Not, sondern nur Sozialschmarotzer und Gefahr erkennen können.

Olga Grjasnowa schafft es ganz ohne Klischee und kitschiges Drama, das mir persönlich Amal und Hammoudi so nah kommen konnten, wie es Leute, die bei PEGIDA und Co mitmarschieren nie sein werden.

Kurz und gut: Ein grandioses Buch, stark erzählt und konsequent humanistisch. Lesen!

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