„Durch das Bullauge des
Flugzeugs sind bereits die ersten Felder zu sehen, ihnen folgt ein Häusermeer
und verschwindet wieder, dann schwenkt die Tragfläche nach oben und durch das
Fenster ist nur noch das Himmelblau zu sehen.“ (Seite 11)
Hammoudi sitzt im
Flieger. Für eine bürokratische Formalität unterbricht er sein Medizinstudium
in Paris und reist nach Syrien, in sein Heimatland. Bevor er in die östlich
gelegene Stadt weiterreist, in der seine Familie lebt und wo er sein Visum
verlängern lassen will, genießt er noch ein paar Tage Damaskus.
Hier lebt auch Amal,
eine junge Schauspielerin und Studentin aus gutem Hause, wie man so schön sagt.
Sie ist erfolgreich, sieht gut aus und genießt ein unbeschwertes Leben in der
quirligen Großstadt.
Die Ankunft bei seiner
Familie in Deir az-Zour am Euphrat gleicht einer Zeitreise. Das Leben, dem
Hammoudi hier entfloh, hat so gar nichts mit seinem Leben in Paris zu tun. So
schön es irgendwie für ihn ist, seine Eltern, die Geschwister, Verwandte und
Freunde wiederzusehen – hier gehört er schon lange nicht mehr her. Doch die
einfache Formalität, deretwegen er gekommen ist, zieht sich immer länger hin.
Amal spielt eine
Hauptrolle in einer Serie. Doch in ihr Leben zwischen Schauspielstudium und
beruflichem Erfolg mischt sich auch Unzufriedenheit mit den Verhältnissen. Gerade
weil sie so frei und selbstbestimmt leben kann, fallen ihr immer wieder Grenzen
auf, die dem Leben hier durch das Regime von Assad gezogen sind. Die ersten
Funken von dem, was der Westen den Arabischen Frühling nennen wird, sorgen für eine
unbenannte Unruhe bei ihr. Fast eher aus Neugierde geht sie zu Demonstrationen gegen
das Regime und begeistert sich an dem Gefühl, Teil einer zunehmend erstarkenden
Bewegung zu sein.
Hammoudi muss einsehen,
dass er seine Angelegenheiten so schnell nicht wird lösen können. Ihm wird
klar, dass er bis auf Weiteres Syrien nicht mehr wird verlassen können. Also
muss er sich entscheiden, sich hier vor Ort um eine Arbeit zu bemühen. Trotz seiner
Ausbildung in Frankreich ist das leichter gesagt als getan. In Assads Syrien zählt
nicht unbedingt die formale Qualifikation. Wenigstens so lange nicht, wie der
eigenen Leistung nicht entsprechende Gelder für korrupte Beamte beigelegt sind,
die am Ende bewilligen oder verweigern können.
Erstmalig erlebt Amal,
wie sich die Konfrontation mit dem Regime ganz persönlich anfühlt. Wie unbarmherzig
Geheimpolizisten auftreten, wie skrupellos sie Gewalt einsetzen. So unvermittelt
sie diese Erkenntnis trifft, kann sie sich doch zunächst darauf verlassen, dass
ihr Vater mit seinen Beziehungen dafür sorgen kann, dass sie zu ihrem normalen
Leben zurückkehren kann. Doch es tun sich Risse auf, weil ihr immer bewusster wird,
wie brüchig die Fassade ist, die hier Normalität vortäuscht.
Olga Grjasnowa stellt
uns zwei junge Menschen vor, deren Leben sich gar nicht so sehr von unserem
unterscheidet, die wir hier mitten in Europa leben. Sie sind qua Ausbildung und
durch ihre Familien eher privilegiert, sie wollen sich ihren Platz im Leben
erobern. Doch beider irgendwie heile Welt bröckelt mit dem Aufkommen der
Unruhen in Syrien immer mehr. Sie finden sich auf der Seite derer wieder, die
gegen das Regime aufbegehren. Die brutale, harte Realität der Diktatur wird für
beide immer sichtbarer, obwohl sie davor bisher so sehr behütet waren. Das
Auswachsen der Proteste gegen das Regime zum Bürgerkrieg verlangt ihnen beiden
Entscheidungen ab, die sie jede:r für sich beantworten müssen. Und für beide
geht es recht bald nicht mehr nur um die Frage, wie ihre Zukunft aussehen wird,
sondern um Leben und Tod.
Amal und Hammoudi
werden gezwungen sein, Syrien zu verlassen, wenn sie überleben wollen. Doch wo
immer sie landen, es wird ihnen nichts anderes übrigbleiben als weiterzuziehen –
wie all die anderen, die sich wie sie selbst auf der Flucht befinden. In
Grjasnowas Geschichte begegnen sich Amal und Hammoudi kurz und folgenlos in
Damaskus. Sie werden sich sehr viel später vollkommen zufällig wiedersehen – in
Berlin – als Geflüchtete, von deren vormaligem Leben buchstäblich nichts übriggeblieben
ist.
Die große Stärke dieses
Textes ist, dass die Autorin nicht auf Betroffenheit setzt. Unprätentiös und
schnörkellos lässt sie uns am Leben ihrer Hauptfiguren teilhaben. Folgerichtig widmet
sich der Hauptteil dieser Geschichte dem Leben von Amal und Hammoudi bevor sie letztlich
doch flüchten müssen. Damit gibt sie den beiden, die wir hier nur als
Geflüchtete wahrnehmen würden, ihr Leben zurück und kann unaufgeregt
verdeutlichen, was und wie viel die beiden zuvor verloren haben und erleiden
mussten, bevor sie letztlich als Geflüchtete in Europa stranden. Diese
Geschichte sei denen ins Gesicht geschleudert, die nicht Menschen in Not,
sondern nur Sozialschmarotzer und Gefahr erkennen können.
Olga Grjasnowa schafft
es ganz ohne Klischee und kitschiges Drama, das mir persönlich Amal und
Hammoudi so nah kommen konnten, wie es Leute, die bei PEGIDA und Co mitmarschieren
nie sein werden.
Kurz und gut: Ein
grandioses Buch, stark erzählt und konsequent humanistisch. Lesen!
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