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Sonntag, 3. August 2025

Ernst Haffner: Blutsbrüder

 

„Anfang der 1930er Jahre, Weltwirtschaftskrise. Willi und Ludwig, zwei aus der Fürsorgeanstalt geflüchtete Jugendliche, leben in Berlin auf der Straße. Sie kämpfen ums Überleben und schließen sich der ‚Blutsbrüder‘-Bande an. Erst glücklich, dort aufgenommen worden zu sein, merken sie bald, dass sich die ‚Blutsbrüder‘ immer mehr zu einer professionellen Bande entwickeln und mit Kriminalität und Prostitution ihre Existenz sichern. Willi und Ludwig versuchen auszusteigen …“ (Umschlagtext)

Es ist doch wirklich unglaublich, wie viele Schriftsteller:innen und Werke der Furor der Nazis damals aus dem kulturellen Gedächtnis löschen konnte. Unglaublich auch, dass auch heute noch immer wieder Werke wiederentdeckt werden, die damit der Vergessenheit entrissen werden – und damit immerhin einige der unendlichen vielen Verfolgten und Opfer ihren Namen und ihre Stimme zurückerhalten.

Gut, dass diese Arbeit weitergeht. Offen bleibt, ob es uns gelingen wird, daraus etwas zu machen.

Und damit zurück zum Angeberstapel der feinen Buchgeschenke zum Geburtstag. 😉

„Ernst Haffner arbeitete zwischen 1925 und 1933 als Journalist und Sozialarbeiter in Berlin. Mit der Machtergreifung der NSDAP verliert sich seine Spur. Sein 1932 unter dem Titel ‚Jugend auf der Landstraße Berlin‘ erschienener und einziger Roman wurde von den Nazis verboten und öffentlich verbrannt. In Vergessenheit geraten, erschien das Buch nun 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ein zweites Mal: unter dem Titel ‚Blutsbrüder‘.

‚Berlin, Berlin … Der Name klingt ihm wie Musik. Als ob ausgerechnet in Berlin ein gedeckter Tisch und ein weiches Bett auf Willi Kludas warten.‘
Anfang der 1930er Jahre lebten in Berlin und anderen deutschen Großstätten infolge der prekären wirtschaftlichen Verhältnisse tausende Jugendliche auf der Straße. Sie verdingten sich als Tagelöhner und Laufburschen, aber häufig führte ihr Weg sie auch in die Kriminalität oder Prostitution. Zuflucht und ein wenig Sicherheit und soziale Wärme fanden sie in selbstorganisierten Gruppen. In stillgelegten Fabrikbaracken traf man sich, trank, tanzte und vergaß für einen Augenblick das Elend, das einen täglich umgab.
Poetisch und mit einem tieftraurigen Realismus folgt Ernst Haffner der Jugendbande ‚Blutsbrüder‘, lässt den Leser teilhaben an ihrem oft grausamen Überlebenskampf und schildert den unbändigen Freiheitswillen der Jugendlichen.“ (Verlagstext)

#lesesommer #roman #ernsthaffner #aufbau #berlin #1930er #jugend #banden #überleben #straßenleben #freiheit #niewiederistjetzt #lesen #leselust #leseratte #bücher #literatur

Sonntag, 6. Oktober 2024

Willem Frederik Hermans: Das heile Haus (Nachwort von Cees Nooteboom)


„Der große Ast, fast die ganze Krone, lag plötzlich unter dem Baum. Ich hatte kein Knirschen und Krachen gehört, der Knall aus einem kurzlebigen Buschwerk von Erdklumpen, nicht weit vom Baum entfernt, hatte alles übertönt.“ (Seite 9)

Das Faszinierende an dieser Bücherwelt ist ja, dass ich schon viele Jahre sehr viel gelesen haben und literarisch die Welt bereist haben kann – und doch findet sich immer wieder ein neuer Name, der andernorts wohl bekannt ist, von dem ich aber bisher noch nichts gehört habe. Und obwohl man denken könnte, dass die Themen sich irgendwann wiederholen müssten, gibt es durch diese persönlichen Neuentdeckungen immer wieder literarische erste Male. Ich finde das großartig.

Der Niederländer Willem Frederik Hermans ist einer der Namen, die mir bisher unbekannt waren. Aber immerhin seine Texte, nach dem Klappentext des Verlags, in den Niederlanden Schullektüre also Teil des Kanons.

Bei dieser Novelle, die im Krieg spielt, kann ich das zumindest gut nachvollziehen. Die Intensität des Textes, die erzählerische Dichte fangen Grauen und Schrecken des Krieges wirklich eindringlich ein.

Der Krieg, um den es hier geht, wird nicht weiter spezifiziert. Wir wissen nur, dass Deutsche, Russen und Partisanen sich an einer namenlosen Front gegenüberstehen. Mitten im Frontverlauf liegt in einer Ortschaft ein Haus, das jede der Seiten immer mal wieder einnimmt und besetzt. Der Erzähler ist einer der Kämpfer auf Seiten der Partisanen.

Mitten im Kampf wird er versprengt, verliert seine Kameraden und findet sich in dem fast schon idyllisch gelegenen Haus wieder. Er ist allein und beginnt das schier endlos große Anwesen und das Gebäude zu durchsuchen.

Zunächst traut er dem „Frieden“ nicht, wird aber sicherer, je länger er auf niemanden trifft. Umso erregter wird der Partisan, als er feststellt, dass das Haus doch nicht gänzlich unbewohnt ist. Außerdem drängt auch der Krieg sich wieder in diese Idylle. Das Haus wird einmal mehr besetzt.

Bei all dem verschwimmt immer mehr die Realität oder das, was im Grauen des Krieges noch davon übrigbleibt. Wer ist Feind, wer Freund, was bedeuten diese Kategorien überhaupt, wenn es dem Einzelnen nur noch ums Überleben gehen kann?

Und damit ist für mich der Kern des Textes erreicht. Jenseits aller heroischen Kriegspropaganda egal welcher Seite, die nur versucht, mehr „Menschenmaterial“ für die endlosen Schlachten zu gewinnen, bleibt da nichts als Grauen, Wahnsinn, das nackte, jeder Hoffnung beraubte Leben. All die Erzählungen und Begründungen für Kriege können dieses Höllenloch nicht stopfen.

Womit ich nicht sagen will, dass es egal sei, wer aus welchem Grund in den Krieg zieht. Angesichts gerade der beiden die Presse und die Diskussionen beherrschenden Kriege wird das besonders deutlich. Aber die konkreten, individuellen Auswirkungen auf alle Menschen, die sich in diesen Schrecknissen wiederfinden, sind und bleiben unbeschreiblich und letztlich nicht zu rechtfertigen.

Das widerspricht auch jeder Propaganda, die die Gegenseite zu entmenschlichen sucht und unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit von weltweit geltenden Konventionen, die gerade so massiv unter Beschuss stehen. Und das ist sicher kein Kollateralschaden.

Wer also gegen Krieg spricht, dafür aber mit Kriegspropaganda argumentiert, möge diesen Text lesen.

Kurz und gut: Kein leichter Stoff und leider offenbar zeitlos. Lesen!

(Übersetzung: Waltraud Hüsmert)

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Dienstag, 13. September 2022

Dietmar Schultke: "Keiner kommt durch". Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer


„Dietmar Schultke informiert prägnant über alle Fakten der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer.

Und er schildert seinen Alltag als DDR-Grenzsoldat im Harz: die Ausbildung zum Hundeführer, Postendienste, Träume, Zweifel, Fluchtgedanken, Kameradschaft, das Verhältnis zu Offizieren und zum Staat.“ (Umschlagtext)

 

Und wieder ein Buch über dieses manchmal ganz merkwürdige, untergegangene Land. Und ich bin ganz froh, dass es noch genügend Menschen gibt, die es erlebt haben und davon berichten.

 

„Dietmar Schultke, geboren 1967 in Brandenburg, Zerspanungsfacharbeiter, Grundwehrdienst an der innerdeutschen Grenze, nach der Wende Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium der Politik- und Erziehungswissenschaft, Psychologie und Raumplanung in Duisburg und Dortmund. 1994 bei der UNO in New York tätig, freischaffender Publizist.

Dietmar Schultkes akribisch recherchierte Darstellung der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer enthält alle relevanten Informationen über das Grenzregime der DDR bis 1990 sowie eine Zeittafel und ausgewählte Befehle an die Grenztruppen der DDR.

Dietmar Schultke erzählt vom militärischen Drill, vom Umgang mit dem Schießbefehl und Schikanen innerhalb der Truppe, aber auch von Kameradschaft und der engen Beziehung zu den Hunden, mit denen er die Grenze am Brocken bewachte.

Jürgen Fuchs und Günter Wallraff sprechen über ihre Einstellung zur Armee und zur innerdeutschen Grenze.“ (Verlagstext)

 

#lesesommer #sachbuch #dietmarschultke #aufbauverlag #zeitgeschichte #ddr #grenze #deutschland #militär #gewalt #geteiltesland #polbil #lesen #leselust #leseratte #bücher

Sonntag, 16. Januar 2022

Willem Frederik Hermans: Das heile Haus


"Von Großmeister der niederländischen Literatur, erstmals auf Deutsch: eine Parabel auf den Krieg, brillant und eindringlich. Der Ort des Geschehens, ein Haus mitten auf der Frontlinie, mag heil sein. Seine Bewohner sind es nicht. Sie sind Bürger eines sadistischen Universums, aus dem ein Entrinnen nicht möglich ist. Jedenfalls nicht in diesem aufrüttelnden Buch." (Umschlagtext)

Oha, mal wieder ein Klassiker, der mir bisher nichts sagte. Diese Ausgabe von 2011 versichert aber, Texte des Autors seien in den Niederlanden Schullektüre. Die Prämisse dieser Novelle klingt aber in jedem Fall interessant.

Und es gibt ein Nachwort von Cees Nooteboom. 🤓

(Übersetzung: Waltraud Hüsmert)

"Ein literarisches Kabinettstück, in dem sich die Quintessenz von Hermans´ großem Werk findet: ein Landstrich zwischen den Fronten, in dem völlige Gesetzlosigkeit herrscht und der sich abwechselnd in der Hand von Deutschen, Russen und Partisanen befindet. Zu Letztgenannten gehört der namenlose Erzähler. Im Chaos von Luftangriffen, Panzerwagen und marodierenden Russen trachtet jeder nur danach, mit dem Leben davon zu kommen, so auch der Held. In diesem grauenhaften Durcheinander funktioniert seine Beobachtungsgabe erschreckend präzise, und dadurch wird das Haus, in das er sich flüchtet, zur zweiten Hauptfigur der Geschichte. Es ist verlassen und so groß, dass er lange für dessen Erkundung braucht. Am Ende bleibt das Haus ausgebrannt und zerstört zurück, mitsamt seinen Bewohnern. Bewohnern eines sadistischen Universums des Mutwillens und Missverständnisses." (Klappentext)

#lesewinter #novelle #willemfrederikhermans #Aufbau #krieg #überleben #zivilisation #gesellschaft #lesen #leselust #bücher #literatur

Sonntag, 5. Dezember 2021

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern


„Durch das Bullauge des Flugzeugs sind bereits die ersten Felder zu sehen, ihnen folgt ein Häusermeer und verschwindet wieder, dann schwenkt die Tragfläche nach oben und durch das Fenster ist nur noch das Himmelblau zu sehen.“ (Seite 11)

Hammoudi sitzt im Flieger. Für eine bürokratische Formalität unterbricht er sein Medizinstudium in Paris und reist nach Syrien, in sein Heimatland. Bevor er in die östlich gelegene Stadt weiterreist, in der seine Familie lebt und wo er sein Visum verlängern lassen will, genießt er noch ein paar Tage Damaskus.

Hier lebt auch Amal, eine junge Schauspielerin und Studentin aus gutem Hause, wie man so schön sagt. Sie ist erfolgreich, sieht gut aus und genießt ein unbeschwertes Leben in der quirligen Großstadt.

Die Ankunft bei seiner Familie in Deir az-Zour am Euphrat gleicht einer Zeitreise. Das Leben, dem Hammoudi hier entfloh, hat so gar nichts mit seinem Leben in Paris zu tun. So schön es irgendwie für ihn ist, seine Eltern, die Geschwister, Verwandte und Freunde wiederzusehen – hier gehört er schon lange nicht mehr her. Doch die einfache Formalität, deretwegen er gekommen ist, zieht sich immer länger hin.

Amal spielt eine Hauptrolle in einer Serie. Doch in ihr Leben zwischen Schauspielstudium und beruflichem Erfolg mischt sich auch Unzufriedenheit mit den Verhältnissen. Gerade weil sie so frei und selbstbestimmt leben kann, fallen ihr immer wieder Grenzen auf, die dem Leben hier durch das Regime von Assad gezogen sind. Die ersten Funken von dem, was der Westen den Arabischen Frühling nennen wird, sorgen für eine unbenannte Unruhe bei ihr. Fast eher aus Neugierde geht sie zu Demonstrationen gegen das Regime und begeistert sich an dem Gefühl, Teil einer zunehmend erstarkenden Bewegung zu sein.

Hammoudi muss einsehen, dass er seine Angelegenheiten so schnell nicht wird lösen können. Ihm wird klar, dass er bis auf Weiteres Syrien nicht mehr wird verlassen können. Also muss er sich entscheiden, sich hier vor Ort um eine Arbeit zu bemühen. Trotz seiner Ausbildung in Frankreich ist das leichter gesagt als getan. In Assads Syrien zählt nicht unbedingt die formale Qualifikation. Wenigstens so lange nicht, wie der eigenen Leistung nicht entsprechende Gelder für korrupte Beamte beigelegt sind, die am Ende bewilligen oder verweigern können.

Erstmalig erlebt Amal, wie sich die Konfrontation mit dem Regime ganz persönlich anfühlt. Wie unbarmherzig Geheimpolizisten auftreten, wie skrupellos sie Gewalt einsetzen. So unvermittelt sie diese Erkenntnis trifft, kann sie sich doch zunächst darauf verlassen, dass ihr Vater mit seinen Beziehungen dafür sorgen kann, dass sie zu ihrem normalen Leben zurückkehren kann. Doch es tun sich Risse auf, weil ihr immer bewusster wird, wie brüchig die Fassade ist, die hier Normalität vortäuscht.

Olga Grjasnowa stellt uns zwei junge Menschen vor, deren Leben sich gar nicht so sehr von unserem unterscheidet, die wir hier mitten in Europa leben. Sie sind qua Ausbildung und durch ihre Familien eher privilegiert, sie wollen sich ihren Platz im Leben erobern. Doch beider irgendwie heile Welt bröckelt mit dem Aufkommen der Unruhen in Syrien immer mehr. Sie finden sich auf der Seite derer wieder, die gegen das Regime aufbegehren. Die brutale, harte Realität der Diktatur wird für beide immer sichtbarer, obwohl sie davor bisher so sehr behütet waren. Das Auswachsen der Proteste gegen das Regime zum Bürgerkrieg verlangt ihnen beiden Entscheidungen ab, die sie jede:r für sich beantworten müssen. Und für beide geht es recht bald nicht mehr nur um die Frage, wie ihre Zukunft aussehen wird, sondern um Leben und Tod.

Amal und Hammoudi werden gezwungen sein, Syrien zu verlassen, wenn sie überleben wollen. Doch wo immer sie landen, es wird ihnen nichts anderes übrigbleiben als weiterzuziehen – wie all die anderen, die sich wie sie selbst auf der Flucht befinden. In Grjasnowas Geschichte begegnen sich Amal und Hammoudi kurz und folgenlos in Damaskus. Sie werden sich sehr viel später vollkommen zufällig wiedersehen – in Berlin – als Geflüchtete, von deren vormaligem Leben buchstäblich nichts übriggeblieben ist.

Die große Stärke dieses Textes ist, dass die Autorin nicht auf Betroffenheit setzt. Unprätentiös und schnörkellos lässt sie uns am Leben ihrer Hauptfiguren teilhaben. Folgerichtig widmet sich der Hauptteil dieser Geschichte dem Leben von Amal und Hammoudi bevor sie letztlich doch flüchten müssen. Damit gibt sie den beiden, die wir hier nur als Geflüchtete wahrnehmen würden, ihr Leben zurück und kann unaufgeregt verdeutlichen, was und wie viel die beiden zuvor verloren haben und erleiden mussten, bevor sie letztlich als Geflüchtete in Europa stranden. Diese Geschichte sei denen ins Gesicht geschleudert, die nicht Menschen in Not, sondern nur Sozialschmarotzer und Gefahr erkennen können.

Olga Grjasnowa schafft es ganz ohne Klischee und kitschiges Drama, das mir persönlich Amal und Hammoudi so nah kommen konnten, wie es Leute, die bei PEGIDA und Co mitmarschieren nie sein werden.

Kurz und gut: Ein grandioses Buch, stark erzählt und konsequent humanistisch. Lesen!

#leseherbst #roman #olgagrjasnowa #aufbau #syrien #rebellion #widerstand #bürgerkrieg #flucht #gesellchaft #lesen #leselust #lesenswert #bücher #literatur

Sonntag, 27. Juni 2021

Jutta Voigt: Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens


„Es war einmal ein Land, in dem Lampen ohne Fransen und Kaffeetassen ohne Blümchen die Parteitage beschäftigten.“ (Seite 11)

Dieses feine Büchlein erzählt mal wieder eine für die so oft als trist und grau beschriebene kleine DDR eine überraschende Geschichte. Die Unangepassten, die Lebenskünstler stehen in ihrem Mittelpunkt- die Boheme des Ostens, wie der Untertitel lautet.

Ich kann inzwischen gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon meine Überraschung geschildert habe, darüber wie viele verschiedene und unterschiedliche Realitäten offenbar in diesem kleinen Land steckten und möglich waren, das ich nur aus der dörflichen Perspektive in Thüringen kennenlernte. Und selbst für diesen Ort, unweit der Grenze zu Hessen, würde ich trist und grau als Adjektive schon nicht annehmen wollen.

Rückwirkend gab es auch hier bohemehafte Momente. Wenn zum Beispiel in der großen Hofpause die Fenster des Jugendklubs im Keller geöffnet wurden, Boxen zum Hof gedreht und Musik von den Rolling Stones erschallte – protegiert durch den stellvertretenden Direktor, der Teil eines größeren Stones-Fan-Netzwerkes war, wie ich Jahre später erfahren habe. Oder aber beim Tanzstunden-Abschlussball, der Moment, als unsere Direktorin ganz allein mitten auf der Tanzfläche stand, ein Glas Whiskey oder ähnliches in der einen Hand, das Mikrofon am langen Kabel in der anderen. Eine Zigarette war, glaube ich, auch noch im Spiel. Und ganz ohne Begleitung aber mit unglaublich rauchig-brüchiger Stimme sang sie das Haifischlied von Bert Brecht. Alle hatten diesen legendären Moment herbeigesehnt, von dem uns die älteren Jahrgänge raunend erzählten.

Gänzlich verwundert kann ich also doch nicht sein, über das, was Jutta Voigt aus der für mich damals so fernen Hauptstadt berichtet. Genaugenommen sind es die Geschichten, die für so viele genau den Reiz ausmachen, für den der alte Prenzlauer Berg immer so bewundert wurde – auch wenn hier meist der Kiez in der Wendezeit und in den frühen Neunzigern gemeint ist. Aber vielleicht ging das ja auch fließend ineinander über.

Möglicherweise lässt ein Gesellschaftssystem wie die DDR ja auch eine Boheme, Unangepasste, Kreative, Gradwanderer erst so richtig schillern, weil sich all die braven Bürger:innen so sehr konform verhielten oder aber das Schillern aufs rein Private begrenzten. Hier dagegen wurde mindestens in den nächtlichen Anlaufstellen das Private ordentlich zur Schau getragen, ausgelebt und zwar hemmungslos. So wirkt es wenigstens nachträglich.

Jutta Voigt hat kein Sachbuch geschrieben. Es ist viel mehr ein sehr literarisches und, glaube ich, sehr persönliches Erinnerungsbuch. Sie streift durch die Lokale und Zeiten mit atmosphärisch dichten Bildern, rauchgeschwängert und von Stierblut vollgesogen. Das ist wirklich grandios zu lesen.

Je mehr ich über dieses seit über dreißig Jahren verschwundene Land lese, um so weniger kann ich für mich sagen, was und wie es denn nun eigentlich gewesen sein mag. Also trage ich weiter all diese Mosaiksteinchen zusammen und genieße solche Perlen wie dieses Buch. Das will auch so gar nicht vergessen machen, welche auch wirklich schrecklichen Ecken und Seiten es dort auch gab.

Kurz und gut: Passt bestens zu einer Flasche Stierblut. Diesen ungarischen Wein muss es schon allein deswegen noch geben, weil es solch unglaublich guten Texte gibt. Lesen!

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Freitag, 30. April 2021

Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land


„Nach zwanzig Jahren …

Mehrmals pro Woche flattern Hinweise auf Diskussionsrunden oder größere Foren, die sich mit der DDR beschäftigen, in meine Briefkästen.“ (Seite 11)

Im Original erschien diese Studie 1999. Zwanzig Jahre später ist da Thema offenbar immer noch präsent und relevant genug, um eine überarbeitete Neuauflage zu rechtfertigen. Der Staat, das System, das diese ostdeutsche Gesellschaft so nachhaltig geprägt hat, ist zum Zeitpunkt der Neuauflage des Buches seit 29 Jahren nurmehr ein historischer Gegenstand, dessen Gründung 2019 70 Jahre zurücklag.

Im Jahr 2030 wird die DDR genauso lang Gegenstand historischer Forschung und diverser Debatten sein wie sie real existierte: 40 Jahre. Und es gibt zumindest heute keinen Grund zur Annahme, dass sich das Nachdenken über die Ostdeutschen und ihre Gesellschaft dann erledigt haben könnte.

Engler konzentriert sich in diesem Buch auf gesellschaftliche Entwicklungen und lässt das politische System und klassische Strukturgeschichte außen vor. Es ist also hilfreich, ein wenig über die Geschichte der DDR zu wissen, wenn man seiner Darstellung folgen will. Und wer das tut, wird mit einem breiten Blick auf diese Gesellschaft belohnt, von der man nachträglich fast nicht glauben mag, dass sie in dieser oft als so trist und unbeweglich beschriebenen DDR existiert haben kann.

Überhaupt begegnet mir das Phänomen auch bei Englers Schilderungen wieder, dass ich trotz ein wenig biografischen Wissens, trotz vielen angelesenen und abgehörten Wissens immer wieder Facetten entdecke, die mich staunen lassen, über dieses merkwürdige Land und die Menschen, die dort lebten.

Eindrücklich sind mir Englers Berichte über die verschiedenen Generationen, die in dieser Gesellschaft aufeinander folgten und auch miteinander rangen. Ein wenig vom Geist der frühen DDR lässt Engler durch die Seiten wegen, der eben auch geprägt war von einer Generation von Menschen, die den Aufbruch in die Nachkriegszeit enthusiastisch gelebt haben. Zugleich ist es diese Generation, die von Nachgeborenen wie mir als die grauen alten Leute erlebt wurden, die nur noch in Phrasen sprachen, die als hohl, überholt und halsstarrig wahrgenommen wurden.

Kopfschüttelnd lese ich Englers Erinnerung an die kulturellen Kämpfe, die da ausgefochten wurde. Wie viel an intellektuellem Porzellan da zerschlagen wurde, vermeintlich im Sinn einer guten Idee. Welche Verbiegungen Menschen hinnahmen und auf sich nahmen.

Die Auswirkungen all dessen ließen sich durchaus auch in dem kleinen, abseits gelegenen Dorf erleben, in dem ich aufgewachsen bin – zumindest würde ich das heute so einschätzen. Ich frage mich aber auch, wie viel von diesen Details als konkrete Erinnerungen Einzelner noch vorhanden sind, wenn sie nicht gerade Beteiligte/Betroffene waren.

Und trotzdem kann ich all dem Lob, was sich über Englers Arbeit findet, nur zustimmen, dass all diese zwiespältigen und auch widersprüchlichen Entwicklungen dann eben doch mitgedacht werden müssen, wenn wir heute überlegen, was die ostdeutsche Gesellschaft heute denn ausmacht. Nimmt man noch Arbeiten wie „Lütten Klein“ von Steffen Mau hinzu und weitere, die die gesellschaftlichen Entwicklungen nach der Wiedervereinigung im Osten in den Blick nehmen, dann rundete sich dieser Blick vielleicht ab.

Die Schwierigkeit bei all dem besteht zweifellos darin, dass es sich aus bundesdeutscher Perspektive nur um Nischenthemen handelt. Aller paar Jahre werden sie hervorgekramt, wenn mal wieder ein Jahrestag ansteht, der aber zumeist auch kein originär ostdeutscher ist und sein soll, oder aber irgendeiner dieser Gruselgeschichten passiert. Bei Jana Hensel zum Beispiel findet sich der Hinweis in vielen Texten hinreichend deutlich beschrieben. Die westdeutsch geprägte Mehrheitsgesellschaft spricht über den Osten, der selten mal dabei zu Wort kommt. Leider gibt es die ostdeutsche Gesellschaft auch nicht, die das in für die Menschen förderlicher Weise aufheben könnte. Dieser Osten mit seiner DDR-Vergangenheit wird also noch lange ein mindestens unterschwelliges Thema bleiben – mindestens bis 2030.

Kurz und gut: Zeit nehmen, innehalten, Engler lesen und dann mal mit Menschen über Erinnerungen reden. Lesen!

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Montag, 1. März 2021

Emilia Roig: why we matter. Das Ende der Unterdrückung


"EMILIA ROIG deckt die Muster der Unterdrückung auf und leitet zu radikaler Solidarität an. Sie zeigt - auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie -, wie Rassismus und Black Pride, Trauma und Auschwitz, Homofeindlichkeit und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen." (Umschlagtext)

Ein wenig mehr Verlagstext:

"Wie erkennen wir unsere Privilegien? Wie können Weiße die Realität von Schwarzen sehen? Männliche Muslime die von weißen Frauen? Und weiße Frauen die von männlichen Muslimen? Die Aktivistin und Politologin Emilia Roig zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie, in der wie unter einem Brennglas Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Auschwitz, Homophobie und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen –, wie sich Rassismus im Alltag mit anderen Arten der Diskriminierung überschneidet. Ob auf der Straße, an der Uni oder im Gerichtssaal: Roig schafft ein neues Bewusstsein dafür, wie Zustände, die wir für „normal“ halten – die Bevorzugung der Ehe, des männlichen Körpers in der Medizin oder den Kanon klassischer Kultur – historisch gewachsen sind. Und dass unsere Welt eine ganz andere sein könnte."

Es ist gut zu sehen, wie viele Bücher es inzwischen auch in Verlage jenseits der linken Nische schaffen - seit #meetoo #blm ...

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Samstag, 12. Dezember 2020

Jana Hensel: Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland


„Es war schlicht der Zufall, der mich zum journalistischen Schreiben brachte. Zuvor war ich eine Lesende gewesen, so wie eigentlich alle Frauen in meiner Familie Lesende sind.“ (Seite 9)

 

Es ist, glaube ich, fünf Jahre her, dass ich bei einer Podiumsdiskussion als Zeitzeuge auftreten durfte. Eine Ostberliner Geschichtswerkstatt hatte sich vorgenommen, die übliche Abfolge etwas zu durchbrechen. Nicht die Jungen sollten hier die Alten befragen, wie es früher so war. Dieses Mal wollte die Elterngeneration Fragen stellen – an die Generation derer, die die Wendezeit als Jugendliche und junge Erwachsene erlebt haben.

 

Klar, auch schon früher waren die Erfahrungen meiner Generation Thema in privaten Gesprächen, meist in Form von typischen Anekdoten, das klassische „Weißt du noch“ eben. Über mich als Teil einer Generation hatte ich da allerdings noch nicht viel weitergehender nachgedacht. Eher reihten sich Beobachtungen über die Jahre aneinander.

 

Bei dieser Diskussionsrunde nun wurden wir Zeitzeugen nicht nur nach unseren persönlichen Erlebnissen gefragt. Wie hatten wir die Zeit des Umbruchs erlebt? In welchem Verhältnis stand unser damaliges Freiheitsgefühl zu den schlagartig existenziell werdenden Sorgen und Nöten unserer Eltern? Wie habe diese Zeit uns persönlich geprägt? In diese Richtung gingen die Fragen.

 

Zugleich stand aber schnell der Begriff „3. Generation Ost“ ist Raum und eben auch Fragen danach, was von unseren persönlichen Erfahrungen verallgemeinerbar wäre. Möglicherweise ist es ja auch typisch, dass ich mich erst mit einigem Abstand überhaupt als Teil einer bestimmten Generation denken konnte. Sicher bin ich mir da aber nicht. 

 

Historisches, zumal über die DDR, hatte mich auch unabhängig von dieser Veranstaltung immer wieder interessiert. Gelesen habe ich dazu aber eher unsystematisch und sporadisch. Die aktuelle Jahrestagsflut an weiteren Veröffentlichungen zu Ostdeutschland, dem Ende der DDR und der Zeit der systemischen und gesellschaftlichen Transformation fällt mir aber nun doch gezielter ins Auge. Gleichzeitig fällt mir auf, dass ich immer wieder auf Jüngere als mich treffe, im Osten Geborene und Aufgewachsene, die Ostdeutschland nicht mehr als DDR kennengelernt haben, bei denen mich das Gefühl beschleicht, sie seien so viel mehr typische Ostdeutsche, Ossis im besten Sinne, als ich es selbst jemals war.

 

Das wiederum führt mich dann doch immer wieder zu der Frage, was meine Generation denn nun ausmacht? Welchen Blick auf Ostdeutschland aber Deutschland insgesamt bringen wir ein? Sind da Erfahrungen, Stimmen, die bei allem, was so über diesen Landstrich im Osten und seine Bewohner:innen berichtet wird, gehört und bedacht werden sollte? Bis hin zu der Frage, ob es einen identifikatorischen Aufbruch Ost bräuchte, um Bewegung in die schrumpfende, alternde, erstarrte Gesellschaft im Osten zu bringen? Und ja, das auch vor dem Hintergrund der erschreckenden Zustimmungsraten, die die AfD und das, was sie politisch vertreten hier erzielen.

 

Eines der Bücher, dass mich mit all diesen Fragen und vielen anderen mehr ordentlich durchgerüttelt hat, war der Gesprächsband von Jana Hensel und Wolfgang Engler („Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Aufbau Verlag 2018). Neugierig geworden landete nun also auch dieser Band von Jana Hensel aus dem Jahr 2019 auf meinem Lesestapel.

 

Hier sind eine ganze Reihe journalistischer Texte von 2004 bis 2019 versammelt. Nach ihrem Debüt „Zonenkinder“ war Hensel, wie sie schreibt, eher zufällig dazu gekommen, journalistisch zu arbeiten – und sie blieb ihrem Thema Ostdeutschland treu. Obwohl uns vermutlich verschiedene politische Positionen und Schlussfolgerungen trennen, hab ich ihren Ton, ihren Blick auf dieses Land und die Leute sofort verstanden. Jana Hensel ist 1976 geboren, also ein gutes Jahr jünger als ich – aber eben eindeutig Teil der Generation Ost, als deren Teil ich mich inzwischen selbst diffus erkenne.

 

Hensel schreibt ihre Texte stets in persönlichem Tonfall. Es geht um ihren Blick, ihre Erfahrungen. Ich habe sehr genossen, sie bei ihrer Reise durch dieses Ostdeutschland zu begleiten. Für mich zumindest war die Brücke geschlagen und funktionierte das durch ihre Texte ausgelöste Nachdenken über dieses Etikett. Ich räume auch gern ein, dass mich derlei Sammelbände sonst nicht unbedingt erreichen. 

 

Kurz und gut: Dank Entschleunigung durch Corona und passend zur gern mal nachdenklich stimmenden Jahresendzeit nicke ich anerkennend zu diesem Buch von Jana Hensel. Lesen!

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