Samstag, 8. Februar 2025

Christoph Hein: Guldenberg


„Die Farbe der Stadt, ihr Geschmack, ihr Geruch hatten sich verändert. Die Gleichgültigkeit der Bewohner füreinander war geblieben, die kühle Freundlichkeit untereinander, doch eine Unruhe, eine hektische nervöse Anspannung hatte sich im Ort verbreitet.“ (Seite 7)

Kannste dir ja leider nicht ausdenken.

In die – vielleicht – fiktive Kleinstadt Guldenberg im Osten Deutschlands lässt Christoph Hein in diesem recht fix zu lesenden Roman Unruhe einziehen. Unruhe unter den Einwohner:innen, ausgelöst durch einige jugendliche Migranten, die im Alten Seglerheim untergebracht werden.

Das ergibt eine denkbar einfache und leider nach aller Erfahrung aus der Realität absehbare Versuchsanordnung. Erst ist es ein kleines Rumoren, einige Stimmen säen Gerüchte, nichts Greifbares. Aber es kommt, wie es anscheinend kommen muss, die Gerüchte werden massiver und spätestens, als rumgeht, eine junge Frau sei vergewaltigt worden, kippt die Stimmung, weil die biedere Bürgerseele gleich ganz genau Bescheid weiß. Natürlich müssen die jungen Migranten schuld sein.

Hein bietet einen Blick hinter die Kulissen der Stadtgesellschaft. Da ist der Bürgermeister, der einerseits Vorgaben umzusetzen hat und andererseits um den Ruf der Stadt fürchtet. Sein Konkurrent ums Amt stellt sich, natürlich so halb versteckt, an die Spitze des „Widerstands“. Und natürlich finden sich Deppen, die das Alte Seglerheim angreifen und anzünden wollen.

Die Geschichte ist, ich kann nichts anderes sagen, solide erzählt. Beim Lesen selbst hatte ich, wie es heute so schön heißt, harte ZDF Vibes und war mir die ganze Zeit über unsicher, ob ich das literarisch nicht eigentlich zu platt finde. Und auch mit Abstand, habe ich das Gefühl, das hätte Hein besser, komplexer und literarischer (ja, ich weiß, doofer Begriff an der Stelle) erzählen können.

Aber vielleicht braucht es manchmal auch das Plakative, um deutlich zu machen, dass da oft genug Probleme von denen konstruiert werden, die sich dann am lautesten über diese Probleme beklagen und schon Lösungen in der Hand halten, wenn noch gar nichts passiert ist. Was Hein, tatsächlich ohne moralischen Zeigefinger vorführt, ist wie ein struktureller Rassismus instrumentalisiert wird, für den eigenen Vorteil – vollkommen patriotismusfrei. Es ist das Zündeln, dass hier gezeigt wird, während die Leser:innen zugleich wissen, dass es keine faktische Grundlage dafür gibt.

Christoph Hein geht es in diesem Band nicht darum, in aller angemessenen Komplexität zu beschreiben, dass die Aufnahme von Geflüchteten natürlich auch Herausforderungen bedeuten. Im Mittelpunkt steht die Gesellschaft dieser Kleinstadt als Mikrokosmos, in dem Ressentiments gezielt und absichtlich geschürt werden und den Urheber:innen die ganz konkreten und gewalttägigen Konsequenzen für eine Handvoll junger Geflüchteter vollkommen egal sind. Nicht weniger schlimm: es ist auch vollkommen egal, ob die Jugendlichen überhaupt irgendetwas anstellen. Rassismus aus der Mitte.

Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen, des bedenkenlosen Normalisierens einer Zusammenarbeit mit der noafd durch Parteien wie CDU/CSU, FDP und BSW – Stichwort Brandmauer – liest sich dieser Roman, der 2021 erstmalig erschien, doch schon ganz anders. Alarmierender.

Kurz und gut: Liest sich eigentlich wie ZDF-Fernsehen, ist aber leider aktueller, als es sich Christoph Hein hätte ausdenken können. Daher: Lesen!

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