Sonntag, 25. Oktober 2026

Margaret Atwood: Der Report der Magd


„Wir schliefen in dem Raum, der einst die Turnhalle gewesen war.“ (Seite 11)

Wenn das 20. Jahrhundert mit einer gewissen Zukunftsfreudigkeit endete, also wenigstens der Annahme, die Zukunft könnte auch strahlend und hoffnungsfroh sein, dann scheint die Menschheit im 21. Jahrhundert fest entschlossen, lieber die Realität den Dystopien anzupassen, die sonst dem Film und der Literatur vorbehalten zu sein schien.

Nehmen wir doch den „Report der Magd“. 1985 erschien dieser Roman zuerst und wurde, soweit ich weiß, auch schon viel gelesen. Offenbar war der Stoff immer noch gut genug, um 2017 bis 2025 als Serienformat ausgestrahlt zu werden.

Der Roman ist einer der wenigen, die ich tatsächlich mehrfach gelesen habe. Das erste Mal, in den 90ern, fand ich die Story krass, hatte aber nicht den Eindruck, etwas anderes zu lesen als eine sehr düstere aber eher unwahrscheinliche Version einer möglichen Zukunft. Nun, beim letzten Lesen, fühlte sich die Story gar nicht mehr so weit weg an.

Zugegeben, Romanvorlage und Verfilmung kurz hintereinander zu konsumieren erhöht schon auch die Greifbarkeit und Unmittelbarkeit, allein, weil die Szenen im Wort plötzlich realistisch mit nahbaren Figuren dargestellt werden. Aber viel unmittelbarer entstand dieser Eindruck mit jeder neuen Schlagzeile, die das erneute Regime (ja, den Begriff verwende ich hier absichtlich) des Donald Trump produziert.

Und nur ganz am Rande: bekommt irgendjemand nicht sofort Kommandant-Waterford-Vibes beim Anblick von JD Vance?

Die Handlung brauche ich hier vermutlich tatsächlich niemandem mehr zusammenfassen. Lest das Buch, schaut die Serie! 😉

Ich kann also bei dem Punkt der Annäherung von Realität und Fiktion bleiben. Bitter genug, dass darüber überhaupt zu sprechen ist.

In den 90ern wirkte die Vorstellung, Religion könnte jenseits der Rolle als moralische Stimme in der öffentlichen Debatte jemals wieder so prägend das Leben der Menschen bestimmen wie ehedem, vorsichtig formuliert – skurril, schrullig. Offenbar war das ein sehr getrübter Blick und schon auch stark europäisch, ostdeutsch, Post-Wende geprägt. Jenseits kirchlicher Strukturen, die zumindest in meiner Vorstellung lange synonym für Religion standen, gab es offensichtlich Entwicklungen, die hierzulande nur langsam und spärlich sichtbar wurden.

Schräge Freikirchen-Mega-Events, evangelikale Endzeitfantasien etc. waren so ein typisch-komisches Ding, dass halt nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vorstellbar war – weniger im Schwarzwald. Den Zulauf, den freikirchlich-evangelikale Zusammenhänge erfuhren und erfahren, zu verstehen als Reaktion auf eine immer unsicherer werdende Welt – seien es Kriege, seien es wirtschaftliche Entwicklungen, seien es Naturkatastrophen – ist augenscheinlich keine Schrulle mehr.

Noch ein Einschub: es ist doch verrückt, wie viel religiöser Content sich inzwischen auf den Social Media Plattformen findet, verbreitet von eher jungen Menschen, die offensichtlich im Hier und Heute und unter uns leben.

Und da wird dann ein biopolitisches Thema auf einmal zum scheinbaren Spaltpilz eines ganzen Landes. Die Fronten verlaufen dabei nicht mal zwischen unterschiedlichen Ethiken, sondern dezidiert mit wissenschaftlich vs. religiös argumentierenden Seiten. Dabei geht es nur vordergründig um die Pille und eine Abtreibung als Möglichkeit zur eigenen Entscheidung derer, die schwanger werden können. Zumindest aus meinem Blickwinkel geht es um die Verfügung über den weiblichen Körper.

Daran reihen sich ganz schnell eine ganze Menge Fragen danach, wie wir unsere Gesellschaften denken und leben wollen auf. Frauen Freiheitsrechte einzuschränken, geht einher mit einem Beschreiten des autoritären Pfades, an dessen Wegesrand dann auch gleich noch erkämpfte Rechte von Minderheiten abgeräumt werden.

Im Roman erfolgt dieser gesellschaftliche Rollback in Reaktion und als Antwort auf die moderne, liberale Gesellschaft, wie wir sie kennen. Leider finden sich in der fiktionalen Geschichte genügend Menschen, die glauben dies alles für eine bessere Zukunft in Kauf nehmen zu können und zu wollen. Wie ausweglos, repressiv und gewaltvoll dieser Weg ist, erzählt Atwood aus der Perspektive einer Magd. Ihr Preis des Überlebens ist das sich Einfügen, das Akzeptieren. Erst dann wird ihr Widerstand möglich.

Ein letzter Gedanke, der sich immer wieder aufdrängt. Globalisierung und Digitalisierung haben ein Ausmaß gesellschaftlicher Umwälzungen ermöglicht, dass allenfalls Science Fiction Autor*innen vorhergesehen haben. Den Takt und die Richtung scheinen aber ausschließlich Tech-Oligarchen vorzugeben, die als Nerds gestartet sind, die sich womöglich in genau solchen Zukunftsfantasien verloren, die sie heute in den schlimmstmöglichen Varianten umzusetzen scheinen wollen.

Das spricht überhaupt nicht gegen solche Literatur, ganz im Gegenteil. Heute lesen wir diese Texte erst recht als Mahnung und Aufruf an uns.

Kurz und gut: So wichtig, so gut. Lesen!

(Übersetzung: Helga Pfetsch)

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