Dienstag, 9. Januar 2018
Theodor Buhl: Winnetou August
"Rudi Rachfahl erinnert sich an seine Kindheit: an die Flucht vor der Roten Armee, an das brennende Dresden, den Hunger und an das Mädchen, das direkt neben ihm vergewaltigt wurde. Vor allem jedoch erinnert er sich an seinen Vater August, dessen steifer Arm und Hang zum Alkohol noch aus dem Ersten Weltkrieg herrühren. August rettet seine Familie durch eine Welt, in der Tod und Gewalt alltäglich sind. Neben seinem Vater lässt Rudi nur einen anderen Helden gelten: Karl May, dessen Geschichten für ihn zum Lebenselixier werden." (Umschlagtext)
Das klingt vielversprechend.
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Montag, 8. Januar 2018
Maximilien Le Roy/ Loïc Locatelli Kournowsky: Überlebt!
„Meine Freunde, es ist sicherlich das letzte Mal, dass ich mich an
euch wende. Die Luftstreitkräfte haben die Sendeanlagen von Radio Portales und
Radio Corporación bombardiert. Es liegt keine Bitterkeit in meinen Worten, nur
Enttäuschung …“ (Seite 43)
Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär unter dem
späteren Diktator Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten, linken
Präsidenten Salvador Allende. Während der Präsidentenpalast La Moneda von den
Putschisten umstellt und unter Feuer genommen wurde, wendete sich der Präsident
ein letztes Mal in einer Radioübertragung an das Volk. Diese Rede zieht sich
als roter Faden durch die erste Hälfte des Comics – immer wieder neu ansetzend,
legt sie sich über die verschiedenen Stationen der Erzählung. In jeder Szene,
in der sie erneut aus dem Radio schallt, sich über die Stadt, das Land und die
Panel schwingt, kommt ein weiterer Absatz hinzu. Bis der Palast gestürmt ist
und Salvador Allende, der sich nicht ergeben mochte, seinem Leben selbst ein
Ende setzt.
„Überlebt!“ ist aber nicht die Geschichte vom Präsidenten Salvador
Allende sondern die einer Überlebenden. Die Story von Maximilien Le Roy basiert
auf den Erinnerungen von Carmen Castillo, die der linksextremen MIR angehörte.
Sie überlebte und reiste aus ihrem Exil in Frankreich Jahre später zurück nach
Chile, um den Ort zu besuchen, an dem ihr Partner Miguel Enriquez erschossen
wurde.
Wir erleben sie im Jetzt dieses Besuches und tauchen gemeinsam mit
ihr in die Erinnerungen ein. Die Zeit der Debatten und Diskussionen über die
strategische Ausrichtung der Linken in Chile, als der Wahlsieg Allendes noch
Zukunftsmusik und so nicht absehbar war; die drei intensiven Jahre der
Regierung Allendes, in denen der Kontakt zur extremen Linken nie abbrach und
sich die zunehmende Gegenwehr der Rechten abzeichnete; die Zeit des Putsches
und der Verfolgung der in den Untergrund abgetauchten linken Aktivist*innen.
All diese Zeitebenen der Story werden verwoben durch die Stimme Allendes aus
dem Radio. Die stete Wiederholung ergibt einen intensiven Rhythmus, der mich
unweigerlich in seinen Bann zog.
Nach dem Tod Allendes konzentrieren sich die Erinnerungen auf die
Flucht und das Leben im Untergrund. Nach und nach werden Freunde der
Untergetauchten denunziert, enttarnt und, wenn sie nicht gleich ermordet
wurden, gefoltert, um die Aufenthaltsorte der anderen zu erfahren. So zieht
sich die Schlinge immer enger, bis schließlich auch Carmen und Miguel gefasst
werden. Miguel überlebt das nicht, die schwangere Carmen kommt mit dem Leben
davon und wird schließlich aus dem Land verstoßen.
Im Exil versucht sie mit ihren Erinnerungen zu leben und wird von
anderen Überlebenden als Witwe eines Helden gefeiert. Während sie selbst mit
diesem Status hadert, versucht sie dennoch auf diese Art, die Erinnerung an die
Ermordeten und Verschwundenen wach zu halten. Schließlich darf sie 1987 Chile
wieder besuchen. Sie entscheidet sich, diesen Besuch nicht als Bühne zu nutzen,
sondern nur gemeinsam mit einer Freundin die Orte ihres Lebens im Untergrund
aufzusuchen. In einem ersten Impuls beschließt sie, das Haus, in dem sie
zuletzt lebte und gemeinsam mit Miguel von den Häschern des Regimes gestellt
wurde, zu kaufen. Ein Museum, ein Erinnerungsort für Miguel Enriquez solle es
werden. Erst in einem Gespräch mit einem linken Aktivisten der späteren
Generation, viel jünger als sie, lässt sie sich umstimmen, damit die Toten zwar
nicht vergessen werden aber einen Neuanfang nach Pinochet und damit eine
gesellschaftliche Aussöhnung auch nicht unmöglich machen. So fand sie ihren Weg
zwischen Erinnerung und dem Blick nach vorn.
„Überlebt!“ ist kein Comic, der sich schnell lesen und dann
Beiseite legen lässt. Das Ineinandergreifen der verschiedenen Zeitebenen zwingt
immer wieder zum Innehalten und entwickelt zugleich einen intensiven Sog. Dabei
spricht aus den Erinnerungen zwar persönlich erfahrenes Leid aber kein
wehleidiges Klagen, sondern eher der Stolz darauf, was so viele aufrichtige
Menschen in Chile bei allen Niederlagen und Rückschlägen erreichen konnten.
Kournwskys Zeichenstil passt sich dem in Form und Farbgebung
bestens an. Er findet den passenden Rhythmus der Bilder, ohne im Heldenpathos
zu verschwimmen, und kann so sowohl die stillen Momente zeigen wie auch Kampf-
und Folterszenen.
Vor- und Nachwort von Le Roy und ein Interview mit Carmen Castillo
runden den Band ab, ordnen und laden ein, sich noch einmal genauer anzuschauen,
was damals in Chile geschah.
Kurz: Ein intensiver und bewegender Comic in einer von der Edition
Moderne gut gemachten Ausgabe. Hervorragend!
Sonntag, 7. Januar 2018
Ivan Vladislavić: Double Negative
Südafrika - durch die Augen eines Fotografen besehen, der nach Jahren in London in seine Heimat nach dem Ende der Apartheid zurück kehrt.
Der Roman "[...] ist ein subtiles Triptychon, das das gewöhnliche Leben des Neville Listers während der außergewöhnlichen Revolution Südafrikas einfängt. Ivan Vladislavić ist ein äußerst genauer Erzähler der Wirklichkeit, die ihn umgibt, und weiß diese differenziert und mit höchster sprachlicher Eleganz in poetische Bilder umzusetzen." (Klappentext)
Ein Vorwort von Teju Cole gibt es gleich auch noch dazu. ^^
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Samstag, 6. Januar 2018
Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990
„Andreas Baader, der 1968 wegen Brandstiftung zu drei Jahren
Haft verurteilt wurde, entdeckte im Gefängnis das Briefeschreiben. Er
schilderte das Elend des Alleinseins, schimpfte über das Wachpersonal und bat
seine Freunde, ihn mit dem Nötigsten zu versorgen. Abgesehen von Wurst und
Tabak waren das in erster Linie Bücher.“ (Seite 12)
„Heute, wo die intellektuellen Energien von ´68 in schwach
glimmende Substanzen zerfallen sind, fällt es schwer, sich die Faszination
eines Genres zu vergegenwärtigen, das Generationen von Lesern in seinen Bann
gezogen hat. Theorie war mehr als eine Folge bloßer Kopfgedanken; sie war ein
Wahrheitsanspruch, ein Glaubensartikel und ein Lifestyle_Accessoire.“ (Seite
12)
1968 und Westberlin – diese Kombination geistert immer
wieder durch politische Debatten, sei es, weil konservative und neurechte
Kreise Sittenverfall und Kulturverlust daran festmachen oder mal wieder, wie
jüngst aus der CSU zu hören ist, eine konservativ-moralische Wende fordern, die
sich am (vermeintlichen) Erbe der 68er abarbeiten soll.
Auf der anderen Seite des politischen Spektrums wird gern
ein sehnsuchtsvoller Blick zurückgeworfen, auf eine wilde Zeit, die so viele
gesellschaftliche Gewissheiten gebrochen und so vieles ermöglichte. Junge
Menschen interessierten und engagierten sich, es wurde debattiert und
theoretische Konstrukte als Zugang zur Welterklärung standen hoch im Kurs. Ohne
diese Vorgeschichte als Bestandteil der eigenen Biografie im Gepäck ist manche
Diskussion mit so geprägten Alt-Linken recht anstrengend. Das Gefühl nicht
mitreden zu können, ohne noch einmal viele Jahre des Textstudiums absolviert zu
haben, macht sich da schnell breit.
Ich kenne das Gefühl gut und habe immer wieder versucht in
Texten und Gesprächen einen Eindruck davon zu erhalten, was dieses 1968 denn
nun war – und was uns davon geblieben ist und vielleicht auch weiterhin bleiben
wird. Und auch, wie auf die theorie- und diskussionsfreudigen Spätsechziger und
Siebziger dann die hedonistischen Achtziger und Neunziger folgen konnten. Mit
Felschs Arbeit über den Merve Verlag fand sich für mich ein weiterer
Mosaikstein zum besseren Verständnis – ganz abgesehen davon, dass es für mich
eines der besten Sachbücher ist, das ich im letzten Jahr gelesen habe.
„Dieses Buch erzählt von Peter Gentes Bildungserlebnissen,
von den Irrfahrten des Merve-Kollektivs und von den Entdeckungen des
Verlegerpaares. Es folgt der Spur ihrer Lektüren, ihrer Debatten und
Lieblingsbücher – aber es dringt nicht ins Innere der Bleiwüsten ein.“ (Seite
19)
Dafür liefert der Text eine atmosphärische Ahnung vom linken
Westberlin im Umfeld des Merve Verlages und viele Theorie-Zipfel, die anregen,
um daran zu zupfen und manches nachträglich zu entdecken. Felsch schafft es
fesselnd zu erzählen und ließ wenigstens mich nicht erschlagen von all den
großen Namen zurück, wie es Berichte dieser Art sonst gern so an sich haben.
Spannend – und für mich nach wie vor offen – ist noch die
Frage, wie es passieren konnte, dass trotz so viel Lust am Denken und
theoretischer Durchdringung der Welt am Ende so wenig Gegenwehr gegen das
Aufkommen des Neoliberalismus erfolgte. Wie wurde es möglich Die Grünen, die
sich selbst als Partei ja am deutlichsten in der Tradition von 1968 sehen,
vorrangig als grün angestrichene Neoliberale wahrzunehmen?
Ich hoffe sehr, dass es gerade in diesem Jahr – mit 50
Jahren Abstand – viele Publikationen geben wird, die hier weitere Hinweise und
Erkenntnisse liefern können. Felschs Buch wird dabei ganz sicher eine der ganz
wichtigen Arbeiten bleiben, gerade weil sie in der Lage ist, weit über den
wissenschaftlichen Kreis hinaus zu wirken. Immerhin gibt es, kein Scherz,
inzwischen eine Verfilmung, an der auch Philipp Felsch mitwirkte.
Kurz: Auch Sachbücher können gut geschrieben und trotzdem
informativ sein. Philipp Felsch liefert dafür ein mehr als überzeugendes
Beispiel. Lesen! ^^
Donnerstag, 4. Januar 2018
James Wood: Die Kunst des Erzählens
Leser und Kritiker James Wood macht sich Gedanken über das Erzählen, wie es funktioniert und wirkt, und warum Literatur uns so packen kann.
Ok, ich bin gespannt, ob mich das packt. ;)
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Mittwoch, 3. Januar 2018
Vernor Vinge: Das Ende des Regenbogens
2025 gibt es kaum noch Bücher, als der berühmte Poet Robert Gu nach zwanzig Jahren wieder erwacht. Die Alzheimer Krankheit hat er überstanden und mit seinen 75 Jahren sieht er doch knackig jung aus. Willkommen in der Zukunft also.
Ich bin gespannt auf diese Version des Digitalen Zeitalters. ;)
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Dienstag, 2. Januar 2018
Marcello Quintanilho: Tungstênio
Krimi, Spannung, Brasilien - ähem, geht klar, oder? ;)
"Durch einen scheinbar unbedeutenden Zwischenfall an der Küste v von Salvador de Bahia kreuzen sich die Wege von vier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Caju, schlitzohriger Kleindealer, Seu Ney, autoritärer Ex-Militär, Richard, abgebrühter Undercover-Polizist und Keira, die versucht, aus ihrer gewalttätigen Beziehung zu entkommen. Sie alle vereint vor allem eines: Sie sind Getriebene, deren Vergangenheit immer wieder droht, sie einzuholen, und für die Stillstand den Untergang bedeutet." (Umschlagtext)
Da kann es doch wegen mir heute ruhig draußen noch so grau bleiben. ;)
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