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Sonntag, 14. August 2022

Matthias Gnehm: Salzhunger


„Ein spannender Thriller um den Kampf gegen ein global agierendes Rohstoffunternehmen. […]“ (Umschlagtext)

Dieser Thriller ist ein weiteres Mitbringsel vom diesjährigen Comic-Salon in Erlangen und bereits 2010 erschienen. Das hier ist die zweite Auflage von 2020 und ich bin gespannt. 🤓

„Ein spannender Thriller um den Kampf gegen ein global agierendes Rohstoffunternehmen.

Arno Beder sucht zusammen mit der Umweltaktivistin Paula Hofer und dem nigerianischen Blogger Anthony Nwoko in Lagos, Nigeria, Beweise für die umweltschädigenden Geschäftspraktiken des global tätigen Rohstoffriesen Boromondo. Dies führt ihn in ein unentwirrbares Netz aus Korruption und Verrat, aber auch in die Abgründe seiner eigenen Innenwelt.

«Weisst du, was ich denke?», sagt Anthony Nwoko zu Arno Beder, «Alles ist fade geworden. Du hast keinen Appetit mehr auf dein Leben. Du hast keinen Salzhunger mehr.»

Doch als Arno Zeuge der Tötung eines Jugendlichen bei der widerrechtlichen Zerstörung eines Slums wird, weckt ihn dies aus seiner Lethargie und er findet schliesslich seine Bestimmung.“ (Verlagstext)

#lesesommer #comic #graphicnovel #matthiasgnehm #editionmoderne #afrika #lagos #korruption #kapitalismus #gesellschaft #indiebook #lesen #leselust #leseratte #bücher #literatur #yesyoucomican

Donnerstag, 30. Juni 2022

Samstag, 25. Juni 2022

Matthias Gnehm: Gläserne Gedanken


„Eine App, die Gedanken in geschriebenen Text umwandeln kann! Genial, oder? …“ (Umschlagtext)

Jenseits des klassischen Albums oder Heftchens lädt das Medium Comic immer wieder dazu ein, auch mit den Druckformaten zu spielen. Und wenn die Story schon um eine App kreist, was läge dann näher, als dem Buch die Form eines Handys zu verpassen? Das Blättern wird so zum Scrollen. Und ich bin jetzt gespannt, wie gut das funktioniert. 😉

„Während Markus seine Bücher ins Mikrofon seines Smartphones ­diktiert und mittels einer Spracherkennungs-App in geschriebenen Text umwandeln lässt, lehnt Anninas Freundin Conny alles Digitale ab. Umso erstaunter sind ihre Freund*innen, als Conny eines Tages Gerhard anschleppt, Programmierer beim Tech-Start-up Brainfon. Brainfon arbeitet an einer Komponente, die Gedanken in geschriebenen Text umwandeln kann …“ (Verlagstext)

Mitbringsel 1 vom Comic-Salon Erlangen.

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Montag, 21. Dezember 2020

Frank Schmolke/ Marc O. Seng: Freaks. Du bist eine von uns





"Als Wendy sich von einem freakigen Stadtstreicher überzeugen lässt, ihre Psychopharmaka abzusetzen, macht sie eine unglaubliche Entdeckung: Die Medikamente haben weit mehr im Zaum gehalten als nur ihre Gefühle. Zunächst kann Wendy kaum fassen, wie ihr geschieht. Doch bald findet sie Gefallen an den neu gewonnenen Superkräften, dank derer sie nun all ihre bisherigen Alltagsprobleme mit links aus dem Weg schaffen kann. Ihre neuen 'Talente erwiesen sich aber auch mehr und mehr als Fluch ..." (Umschlagtext)

Gesehen, geblinzelt, gekauft! 🤓
Kater Wutz war ebenso angetan, dass es gleich drei Bilder brauchte. 🐈😅

Samstag, 4. April 2020

Nils Knoblich: Fortmachen



„1989.
Na Kleiner, wie kann ich dir helfen?
Ich hätte gern zwei große Pomm Fritz.“ (Seite 7/8)

Autobiografische Werke machen mich ja eher selten wirklich neugierig, obwohl ich schon einige wirklich gute gelesen habe. Irgendwie lässt mich die Skepsis nicht so richtig aus ihren Fängen und ich erwarte meistens etwas unnötig Bescheidenes, bei dem ich gar nichts über die jeweilige Person erfahre, oder aber etwas über Gebühr Geschwätziges.

Wenn der erzählte Stoff sich dann auch noch in einem sensiblen zeitgeschichtlichen Raum bewegt, der ohnehin die Gemüter erhitzt und Meinungen sich gern polarisieren lässt, dann möchte ich gern oft die Finger davon lassen.

Nun ja, eines mal gleich vorweg: Fortmachen hat keine meiner Befürchtungen bestätigt. ;)

Nils Knoblich ist 1984 in der DDR geboren. Im gleichen Jahr stellen seine Eltern einen Ausreiseantrag. 1989 kann die Familie in die Bundesrepublik übersiedeln – drei Monate vor dem Fall der Mauer.

Jahre später will Nils mehr über die Umstände der Ausreise, das Leben – auch sein Leben – in der Zeit bis zur Bewilligung des Antrags herausfinden. Er erzählt in diesem Comic die Geschichte der Familie und von deren Ausreise und auch die seiner Suche nach den Erinnerungen.

Die Verknüpfung der Erinnerungen mit ihren Auswirkungen auf die Familie im Hier und Heute machte für mich beim Lesen die Geschichte authentisch. Knoblich erliegt nicht der Versuchung, die DDR als Ganzes fassen und beurteilen zu wollen. Die Wirkung dessen, was er und seine Angehörigen erfahren und erleben mussten, gerät dadurch umso eindringlicher.

Eine junge Familie entscheidet sich für die Ausreise aus dem Land, in dem sie aufgewachsen sind, ihre Freunde und Angehörigen leben, das sie geprägt hat. Bis heute finde ich es schwer zu fassen, wie viel zusammenkommen musste, damit Menschen einen solchen Schritt gehen wollen. Zumal die Bundesrepublik kaum anders denkbar war als entweder paradiesischer Zukunftsort oder als Hort kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung.

Die Schikanen, denen die jungen Eltern aber auch deren Angehörige ab dem Moment der Antragstellung ausgesetzt sind, geben der Sehnsucht nach Flucht aus diesem Land in jedem Fall recht. Es wird Druck ausgeübt, um eine Rücknahme der Entscheidung zu erzwingen. Es wird getratscht, mit dem Finger gezeigt. Der Alltag gerät zum Spießrutenlauf, ohne dass ein Ende absehbar ist. Ungewissheit, Ablehnung, Druck – die Reaktionen des Systems auf den Wunsch auszuwandern sind unmenschlich.

Knoblich zeichnet all das recht reduziert, ohne allzu sehr detaillierte Hintergründe. Einerseits wird die Geschichte dadurch sehr durch talking heads getragen, andererseits läuft Knoblich nicht Gefahr, eben doch „Wahrheit“ abbilden zu wollen. Erinnerungen sind Ausrisse aus der Wirklichkeit getränkt von ganz persönlichen Einsichten und Sichtweisen. Der Zeichenstil des Comics trägt dem Rechnung.

Auch das Ende autobiografischer Werke empfinde ich als große Herausforderung: Pathos? Ein unglaublich weiser Schlusssatz? Und wo bricht man die eigene Geschichte am besten ab?

Mir gefällt Knoblichs Dreh, der im Heute eine Pointe setzt, die gleichwohl einen Bezug zu den erzählten Erinnerungen herstellt. Mehr verrate ich hier aber nicht. 

Kurz und gut: Wie war das denn früher? Nils Knoblich erkundet die Geschichte seiner Familie und hat zum Glück für uns einen Comic daraus gemacht. Lesen!

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Freitag, 20. Juli 2018

Nils Knoblich: Fortmachen



"DDR,1984: Die Familie Knoblich stellt einen Ausreiseantrag. Und damit beginnen die Schikanen. [...]

Nils Knoblich, Jahrgang 1984, erzählt - basierend auf den Erzählungen seiner Eltern und Großeltern - wie seiner Familie nach Jahren voller zermürbender Kämpfe die Reise von Deutschland nach Deutschland gelang. Drei Monate später fällt die Mauer ..." (Umschlagtext)

Biografisches geht ja immer. 😏 Trotzdem erhoffe ich mir auch hier Erhellendes und einen guten Comic.

1984 - da kam ich in die dritte Klasse. Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich gerade nicht, wie ich das finde. 🙄🤣

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Sonntag, 29. April 2018

Philippe Ôtié/ Li Kunwu: Ein Leben in China. Band 3: Die Zeit des Geldes



„Naiverweise dachten Li und ich anfangs, dass die größte Herausforderung bei dieser Arbeit darin bestehen würde, möglichst nahe am Genre der Autobiografie und also am realen Leben der Hauptperson Lao Li zu bleiben, ohne die Realität zu verbiegen oder den Leser mit den Details der durchaus friedlichen Existenz eines Menschen zu langweilen, der so gar nicht das Zeug zum Helden hat.
Wir hatten ja keine Ahnung.“ (Philippe Ôtié, Vorwort, Seite 7)

Dass die Erzählung „Ein Leben in China“ ein echtes Mammutprojekt war, macht schon der Umfang der drei Bände, wenn sie so nebeneinander liegen, deutlich genug. Im Vorwort zum letzten Band beschreibt der Autor Philippe Ôtié aber noch eine weitere Herausforderung, der er sich zusammen mit dem Zeichner Li Kunwu gegenübersah.

Lis Leben sollte der rote Faden sein. Zugleich würde Li aber in den Augen der Leser_innen, in und auch außerhalb Chinas, zu einer Figur, in der alle anderen Chines_innen seiner Zeit zusammenfließen würden. Auch der französische Autor würde zum Fremden schlechthin, der sich China fragend zu erschließen sucht. Das Selbstverständnis des chinesischen Volkes und die eigenen bitteren, wie auch mitreißenden Erfahrungen prallen auf die Sicht von außen, der so vieles an Gründen und Entwicklungen in China verschlossen bleibt.

Einmal mehr versuchte ich beim Lesen, nicht der Faszination am Exotischen zu erliegen, sondern erinnerte mich an die Zeit der Transformation von der kollektivistisch geprägten, realsozialistischen Gesellschaft hin zum Leben im Kapitalismus, wie wir es in einem Teil Deutschlands seit der Wende ja auch erlebt haben.

Dabei erlebte ich noch einmal das Staunen darüber, wie schnell Menschen sich anpassen können. Vermeintlich längst überwundene Verhaltensweisen, Moralvorstellungen kehren zurück – oder werden wieder sichtbar, weil sie womöglich nie ganz verschwunden waren.

Nach den Schilderungen der Entbehrungen während der großen Hungersnot, der Rolle von Mao und der Partei für das Leben der einzelnen Menschen, der Auswirkungen von Kulturrevolution und Großem Sprung auf das Gefüge der chinesischen Gesellschaft, der Familien und der individuellen Lebensläufe – da ist es frappierend zu sehen, wie rasant sich Spielregeln ändern können und wie schnell Menschen bereit und in der Lage sind, dies zu akzeptieren und danach zu handeln. Eben noch war schon die Herkunft aus einer Familie von Großgrundbesitzern ein fast nicht zu tilgender Makel, schon gilt das Streben nach Gewinn als einzig denkbares Lebensziel. Eben noch Bekenntnisse zum antifaschistischen Schutzwall und schon geht es weiter im selbstoptimierten Sauseschritt hin zur Eigentumswohnung und zu Selbstoptimierung für die bessere Selbstvermarktung.

Der Unterschied ist, dass dieser Wandel in China von der gleichen Partei verordnet wurde, die zuvor schon das Leben bestimmte. Die die Parolen vorgab und weiter vorgibt. Ob das Abstreifen eines gelebten Lebens, wie wir es im Osten Deutschlands so oft erleben mussten, der gesündere Weg ist, darüber lässt sich sicher hinreichend streiten. „Ein Leben in China“ zwingt, wie ich finde, zum Relativieren vermeintlich sicherer moralischer Positionen dazu, was das richtige Leben sei. Nicht, weil das Leben dort romantisch verklärt vorgestellt würde. Vielmehr lädt das Zeigen eines Lebens, wie es auch möglich ist, zum Hinterfragen des eigenen Weges ein. Das gilt umso mehr, wenn nicht nur ein isoliertes, individuelles Leben gezeigt, sondern eben auch die Gesellschaft mit ihren Anforderungen an den Einzelnen dargestellt wird.

Kurz und gut: Lest „Ein Leben in China“! Einmal mehr, danke, Edition Moderne! ;)

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Samstag, 14. April 2018

Philippe Ôtié/ Li Kunwu: Ein Leben in China. Band 2: Die Zeit der Partei



„Mein lieber Vater,
nun sind bereits vier Tage vergangen seit der Vorsitzende Mao uns verlassen hat. Nie hätte ich gedacht, dass dies geschehen könnte, dass wir ohne ihn leben müssen, alleine, hilflos.

Mich quält ein Gefühl bodenloser Leere, es erinnert mich daran, wie wir uns damals fühlten, Mama, Meimei und ich, als die Roten Garden dich vor zehn Jahren mitnahmen.

Viele hier in der Kaserne essen und schlafen nicht mehr.

Einerseits trauern wir noch immer um unseren Vorsitzenden, andererseits wissen wir nicht, was aus der Kulturrevolution werden soll. Das macht uns große Angst.

Ich mache mir Sorgen um dich.

Dein Sohn, Xiao Li“ (Seiten 9-11)

Es mutet schon reichlich skurril an, wenn der Sohn an den leiblichen Vater schreibt, voller Trauer über den Tod Maos. Der Vater sitzt währenddessen in einem Umerziehungslager, in das er aufgrund der von Mao losgetretenen Kulturrevolution in China erst gesteckt wurde. Und doch leiden beide zugleich am Tod Maos, der beiden zugleich – und mit ihnen Millionen von Chinesen – als Vaterfigur galt.

Schon im ersten Band der Erinnerungen Li Kunwus war eine Welt zu bestaunen, von deren Funktionieren ich mir wirklich kaum eine Vorstellung machen kann. Nicht viel weniger staunend lese ich von den nächsten Jahren, die hier als „Zeit der Partei“ bezeichnet werden.

Xiao Li ist Soldat als die Nachricht vom Tode Maos das Land und die Menschen erschüttert. In allem Chaos und Terror der Kulturrevolution war er den Menschen offenbar immer noch Fix- und Leitstern. Die Zeit scheint für einen kurzen Moment den Atem anzuhalten. Die Menschen erstarren in Trauer und Angst vor der Ungewissheit darüber, was nun kommen mag.

Die Machtauseinandersetzungen in Herzen des Apparates hallen in den Weiten des Landes als Selbstvergewisserung nach, dass all die Entbehrungen, das Leiden, der Hunger, die Repression nicht umsonst gewesen sein dürfen. Die Klärung der Machtfrage im Zentrum endet mit dem Benennen von Schuldigen für die Auswüchse der Kulturrevolution und dem Schwenk hin zur Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft – durchaus auch nach westlichen Maßstäben. Die Verurteilung der „Viererbande“ scheint die Zeit der Ungewissheit zu beenden und führt zu Freudenfeiern bei den Menschen.

Einzigen Halt während der Ungewissheit bietet Xiao Li die Partei, oder auch die Idee von der Partei. Mehrfach scheitert er mit dem Versuch endlich als Mitglied aufgenommen zu werden. Tiefe Scham erfüllt ihn gegenüber seinem Vater, als sein Gesuch zunächst abgelehnt wird. Xiao Li erlegt sich ein entbehrungsreiches Programm auf, um sich der Aufnahme endlich würdig zu erweisen.

Ich empfinde es als Stärke der Erzählung, dass sie nicht versucht Geschichtsschreibung zu ersetzen, sondern ganz bei der Perspektive Xiao Lis bleibt. Das macht es zwar notwendig, die eine oder andere historische Entwicklung nachzuschlagen, eröffnet aber uns westlichen Lesern einen Blick auf die Menschen, die in diesen Zeiten und an diesem Ort versuchten ihr Leben zu leben. Der Preis ist die Erkenntnis, dass manches, das für unser Verständnis ungeheuerlich erscheint, im China der Zeit womöglich anders gewichtet und wahrgenommen wurde.

Einmal mehr lässt mich Li Kunwus Geschichte mit vor Staunen offenem Mund darüber zurück, was Menschen im Namen einer Idee zu ertragen bereit sind, und welch ungeheure Macht von Ideen ausgeht. Was sind unsere Ideen?

Kurz und gut: Beeindruckend in seiner erzählerischen Kraft, kein Strich zu viel oder zu wenig – und zu meinem Glück als Leser gibt es noch den dritten Band. 😉

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Sonntag, 4. März 2018

Philippe Ôtié/ Li Kunwu: Ein Leben in China. Band 1: Die Zeit meines Vaters



„Einst gliederte man Chinas lange Geschichte in Dynastien, von denen einige über Jahrhunderte hinweg Bestand hatten. In der neueren Geschichte aber sind Dynastien zu Generationen geschrumpft, die in einem immer schnelleren Rhythmus aufeinanderfolgen.“ (Vorwort von Pierre Haski, Seite 9)

Mitten hinein in diesen sich zunehmend überschlagenden gesellschaftlichen Wandel wird Xiao Li in den Fünfzigerjahren als Sohn eines kommunistischen Funktionärs geboren. Mit dem Makel behaftet, einer Familie von Großgrundbesitzern zu entstammen, hatte dieser sich von seiner Familie losgesagt und sein Leben der Revolution gewidmet.

In Xiao Lis jungem Leben ist Mao Zedong omnipräsent. Schon die Kinder werden in der Schule vom revolutionären Furor erfasst. Um die Stahlproduktion anzukurbeln ziehen die Knirpse los, jedes noch so kleine Quäntchen Erz zu finden und krempeln dabei ihre Stadt um. Mit dem Aufkommen der Roten Garden denunzieren sie ihre Lehrer, greifen tätlich jede Form von Traditionalismus an und reißen sich schließlich auch mit gegenseitigen Beschuldigungen ins Elend. So landet Xiao Lis Vater nach einer Denunziation für Jahre im Umerziehungslager.

Gefangen im Strudel aus revolutionärem Eifer und gegenseitigen Beschuldigungen bleibt offenbar nur der unbedingte Glaube an Mao und die Partei als Rettungsanker, nach dem sich das Leben auszurichten hat. Selbst die der Kulturrevolution folgende große Hungersnot kann diesen unbedingten Glauben daran, das Richtige zu tun, nicht erschüttern. Die Nachricht vom Tod des Großen Führers 1976 bricht dann auch wie eine Naturgewalt über die Menschen herein. Xiao Li erlebt das als junger Soldat, fern von seiner Familie.

„Ein Leben in China“ erzählt vom Leben des Zeichners Li Kunwu, der – wie auch die Figur Xiao Li später – unter anderem Propagandabilder malt. Die Verlagsbeschreibung spricht davon, dass die Erzählung dicht am Leben vom Li Kunwu entlang entwickelt wird. Insofern handelt es sich also nicht um eine reine Autobiografie.

Beim Lesen musste ich immer mal wieder an meine Kindheit in der DDR denken, an die Jahre als Jung- und Thälmannpionier. Frühe Ideologisierung und Indoktrination empfinde ich nachträglich durchaus sehr viel deutlicher als mir das damals bewusst gewesen ist. Im Vergleich zum China unter Mao Zedong sorgte der relative Wohlstand in der späten DDR aber zumindest in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, für eine deutliche Abmilderung der Auswirkungen. Wenn wir Timur und seinem Trupp nacheiferten und Rentner*innen in der Nachbarschaft die Kohlen aus dem Keller in die Wohnung hinauftrugen, war das sicher weit entfernt von dem inquisitorischen Gehabe der Roten Garde gegenüber den öffentlich verächtlich gemachten, vorgeführten und erniedrigten Lehrern in Li Kunwus Erinnerungen.

Wie wohl die meisten europäischen Leser*innen habe ich nur wenig Vorstellung vom Leben im China unter Mao und der Allmacht der Kommunistischen Partei dort. Die Schilderungen im Buch sind drastisch und regten mich immer wieder dazu an, eigene Erinnerungen an das Leben im Realsozialismus zu reaktivieren und dagegen zu halten. Allein das hätte die Lektüre schon gelohnt.

Aber auch zeichnerisch finde ich das Werk überzeugend. Die Figuren wirken zumeist leicht überzogen und perspektivisch verzerrt, was sowohl drastische Szenen verstärkt als auch die kleinen, leisen und nachdenklichen Momente zur Geltung kommen lässt. Der Comic braucht keine langen textlichen Erklärungen, weil die Bilder und Dialoge alles Wichtige zeigen und sagen. Hier wird nicht belehrt, nicht pathetisch überhöht, sondern ein Leben erzählt und gezeigt.

Ich freue mich auf die Bände zwei und drei, die vom Leben in China nach dem Tod Mao Zedongs erzählen und wie sich die Gesellschaft im Zeichen kommunistischer Marktwirtschaft entwickelt.

Kurz und gut: Unbedingte Empfehlung, auch weil nicht extra „Graphic Novel“ auf das Cover gedruckt wurde. Danke, Edition Moderne! ;)

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Montag, 8. Januar 2018

Maximilien Le Roy/ Loïc Locatelli Kournowsky: Überlebt!



„Meine Freunde, es ist sicherlich das letzte Mal, dass ich mich an euch wende. Die Luftstreitkräfte haben die Sendeanlagen von Radio Portales und Radio Corporación bombardiert. Es liegt keine Bitterkeit in meinen Worten, nur Enttäuschung …“ (Seite 43)

Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär unter dem späteren Diktator Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten, linken Präsidenten Salvador Allende. Während der Präsidentenpalast La Moneda von den Putschisten umstellt und unter Feuer genommen wurde, wendete sich der Präsident ein letztes Mal in einer Radioübertragung an das Volk. Diese Rede zieht sich als roter Faden durch die erste Hälfte des Comics – immer wieder neu ansetzend, legt sie sich über die verschiedenen Stationen der Erzählung. In jeder Szene, in der sie erneut aus dem Radio schallt, sich über die Stadt, das Land und die Panel schwingt, kommt ein weiterer Absatz hinzu. Bis der Palast gestürmt ist und Salvador Allende, der sich nicht ergeben mochte, seinem Leben selbst ein Ende setzt.

„Überlebt!“ ist aber nicht die Geschichte vom Präsidenten Salvador Allende sondern die einer Überlebenden. Die Story von Maximilien Le Roy basiert auf den Erinnerungen von Carmen Castillo, die der linksextremen MIR angehörte. Sie überlebte und reiste aus ihrem Exil in Frankreich Jahre später zurück nach Chile, um den Ort zu besuchen, an dem ihr Partner Miguel Enriquez erschossen wurde.

Wir erleben sie im Jetzt dieses Besuches und tauchen gemeinsam mit ihr in die Erinnerungen ein. Die Zeit der Debatten und Diskussionen über die strategische Ausrichtung der Linken in Chile, als der Wahlsieg Allendes noch Zukunftsmusik und so nicht absehbar war; die drei intensiven Jahre der Regierung Allendes, in denen der Kontakt zur extremen Linken nie abbrach und sich die zunehmende Gegenwehr der Rechten abzeichnete; die Zeit des Putsches und der Verfolgung der in den Untergrund abgetauchten linken Aktivist*innen. All diese Zeitebenen der Story werden verwoben durch die Stimme Allendes aus dem Radio. Die stete Wiederholung ergibt einen intensiven Rhythmus, der mich unweigerlich in seinen Bann zog.

Nach dem Tod Allendes konzentrieren sich die Erinnerungen auf die Flucht und das Leben im Untergrund. Nach und nach werden Freunde der Untergetauchten denunziert, enttarnt und, wenn sie nicht gleich ermordet wurden, gefoltert, um die Aufenthaltsorte der anderen zu erfahren. So zieht sich die Schlinge immer enger, bis schließlich auch Carmen und Miguel gefasst werden. Miguel überlebt das nicht, die schwangere Carmen kommt mit dem Leben davon und wird schließlich aus dem Land verstoßen.

Im Exil versucht sie mit ihren Erinnerungen zu leben und wird von anderen Überlebenden als Witwe eines Helden gefeiert. Während sie selbst mit diesem Status hadert, versucht sie dennoch auf diese Art, die Erinnerung an die Ermordeten und Verschwundenen wach zu halten. Schließlich darf sie 1987 Chile wieder besuchen. Sie entscheidet sich, diesen Besuch nicht als Bühne zu nutzen, sondern nur gemeinsam mit einer Freundin die Orte ihres Lebens im Untergrund aufzusuchen. In einem ersten Impuls beschließt sie, das Haus, in dem sie zuletzt lebte und gemeinsam mit Miguel von den Häschern des Regimes gestellt wurde, zu kaufen. Ein Museum, ein Erinnerungsort für Miguel Enriquez solle es werden. Erst in einem Gespräch mit einem linken Aktivisten der späteren Generation, viel jünger als sie, lässt sie sich umstimmen, damit die Toten zwar nicht vergessen werden aber einen Neuanfang nach Pinochet und damit eine gesellschaftliche Aussöhnung auch nicht unmöglich machen. So fand sie ihren Weg zwischen Erinnerung und dem Blick nach vorn.

„Überlebt!“ ist kein Comic, der sich schnell lesen und dann Beiseite legen lässt. Das Ineinandergreifen der verschiedenen Zeitebenen zwingt immer wieder zum Innehalten und entwickelt zugleich einen intensiven Sog. Dabei spricht aus den Erinnerungen zwar persönlich erfahrenes Leid aber kein wehleidiges Klagen, sondern eher der Stolz darauf, was so viele aufrichtige Menschen in Chile bei allen Niederlagen und Rückschlägen erreichen konnten.

Kournwskys Zeichenstil passt sich dem in Form und Farbgebung bestens an. Er findet den passenden Rhythmus der Bilder, ohne im Heldenpathos zu verschwimmen, und kann so sowohl die stillen Momente zeigen wie auch Kampf- und Folterszenen.

Vor- und Nachwort von Le Roy und ein Interview mit Carmen Castillo runden den Band ab, ordnen und laden ein, sich noch einmal genauer anzuschauen, was damals in Chile geschah.

Kurz: Ein intensiver und bewegender Comic in einer von der Edition Moderne gut gemachten Ausgabe. Hervorragend!

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Donnerstag, 25. Mai 2017

Javier de Isusi: Ich habe Wale gesehen. Eine Freundschaft im Baskenland



Spanien, Baskenland. Nach einer wahren Begebenheit aus den Achtzigerjahren.

Der Priester Anton verlor vor 25 Jahren seinen Vater. Der fiel einem Attentat der baskischen Separatisten von der ETA zum Opfer und hinterließ seinen Sohn als Waisen. Als junger Seminarist erklärte er öffentlich, dass er den Tätern verzeihe. Das war eine mutige, eine weitreichende Geste, die sein weiteres Leben prägen sollte.

Josu kämpfte für die ETA und ist dafür seit Jahren inhaftiert. Seine Frau und sein Sohn besuchen ihn, der im Gefängnis im Kreise ehemaliger Mitkämpfer seine Tage fristet. Er ist mit Anton seit der Jugendzeit befreundet. Josu war am Attentat auf Antons Vater nicht beteiligt, aber es waren seine Genossen.

Ebenfalls im Gefängnis sitzt Emmanuel. Er verbüßt seine Strafe für Auftragsmorde, die er für die paramilitärische GAL verübte und die sich gegen die ETA richteten. Als illegaler Arm des spanischen Staates tötete er die Mörder von Antons Vater.

Mit vielen Rückblenden erzählt Javier de Isusi die Geschichte dieser drei Männer, wie ihre Leben direkt oder indirekt miteinander verwoben sind und von der Möglichkeit, im ehemaligen Feind ein menschliches Antlitz zu entdecken.

Die Art und Weise, auf die die Schicksale verflochten sind, ist dabei der Ausgangspunkt. De Isusi zeigt, wie wirkmächtig die Bande der inhaftierten Kämpfer selbst im Gefängnis noch sind. Auch hier scheint es kein Entrinnen aus den Feindschaften und Gräben zu geben, in denen die Beteiligten auf beiden Seiten auf Leben und Tod festsitzen. Niemand darf hier ausbrechen, bei Strafe der Verdammung durch die eigenen Kameraden.

Wie aber können die blutigen Auseinandersetzungen und die mit Blut geschriebenen Erzählungen davon jemals zu einem Ende kommen? Wie sollte Verzeihen möglich sein?

De Isusi erzählt die Geschichte ohne Vorwürfe in irgendeine Richtung. Er lässt seinen Figuren den Raum, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Der Stil, ein fast schon zarter Strich mit Aquarell eher zurückhaltend koloriert, fügt sich wunderbar in diese Erzählung, unterstreicht die Nuancen in der Entwicklung der Charaktere.

Nichts in dieser Geschichte ist leicht oder leicht verdaulich. Es gelingt dem Comic aber, das Ganze ohne unnötigen Pathos zu erzählen und damit den Menschen, um die es hier geht, die Möglichkeit zu geben, in all ihren Zweifeln und Ängsten, in ihrer Wut und Ohnmacht hervorzutreten.

Für mich ist dieser Band von Javier de Isusi eine echte Entdeckung!

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Sonntag, 23. April 2017

Joe Sacco: Sarajevo



"Joe Sacco ist Journalist und Zeichner Comics. Er kommt damit den Menschen, ihren Nöten und Ängsten, ungleich näher als viele seiner Kollegen. Was auch darin liegen mag, dass ihn die branchenübliche Objektivität nicht interessiert. [...]" (Zitat von Matthias Schmidt auf dem Umschlag)

Drei Comic-Reportagen über Sarajevo am Ende des Bosnienkrieges.

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