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Sonntag, 22. Dezember 2024

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings


„Afrika.
Die durchweichte Zeit.“ (Seite 11)

Da passiert tatsächlich mal etwas in einem Provinzkaff in der Sierra Nevada. Eine Frau stürzt in eine Schlucht. Allerdings deutet viel daraufhin, dass sie aus ihrem von der Straße abgekommenen Wagen geflüchtet ist und der Sturz eher kein Unfall war.

Über das Autokennzeichen findet der örtliche Sheriff Luther Opoku den Weg zu einer einsam und gut verborgen gelegenen Forschungsanlage, die natürlich ordentlich mysteriös erscheint. Sie gehört zu einem Hightechkonzern aus dem Silicon Valey und ehrlich, das schreit doch schon nach abgefahrenen Experimenten und geheimnisvollen Vorgängen.

Und wo heute so viel über KI diskutiert und philosophiert wird, passt dieser Roman von 2018 doch ganz wunderbar. Denn dieser Konzern forscht natürlich an einer KI, die alles an künstlicher Intelligenz in den Schatten stellen soll.

Nun ist das hier kein philosophischer Essay, sondern ein ordentlich handlungsgetriebener Thriller, in dem Schätzing aus seiner Sicht einmal ausbuchstabiert, wohin derlei führen könnte. Ganz praktisch soll diese KI eigentlich die Welt retten und entdeckt dazu auch noch den Zugang zu Parallelwelten.

Und ehe man sich versieht, geht es auch schon um die Frage, ob die Menschheit wohl in der Lage wäre, es endlich mal besser zu machen und unsere Welt aus purem Gewinnstreben nicht einfach nur in Schutt und Asche zu legen, vom Klimawandel mal ganz zu schweigen.

Da wäre es natürlich total praktisch, wenn man aus einer Vielzahl von parallelen Welten das Beste zusammentragen könnte, um unsere Probleme hier zu lösen. Dumm nur, dass der Faktor Mensch als unberechenbare Größe immer noch eine Rolle spielt.

So spiegeln die ganzen Welten unsere eben in so ziemlich jeder Hinsicht. Es gibt sie in harmonischer, kriegerischer, neoliberaler und jeder anderen Ausprägung. Und nicht immer ist davon auszugehen, dass die dort jeweils Einheimischen es gut finden, wenn da jemand reinschneit und Technologien und Wissen klaut – und sei der Zweck noch so gut gemeint.

Nicht überraschend ist es auch, wenn es in anderen Welten ähnliche Bestrebungen gibt – mit womöglich auch nicht so gut gemeinten Intentionen. Und da reden wir noch gar nicht darüber, dass sich auch gut gemeinte Ideen im Hier und Heute mitunter Menschen bedienen, die es nicht unbedingt genauso gut meinen. Oder die plötzlich eigene Bestrebungen entwickeln. Menschen halt.

Tja, und der Provinzsheriff Luther befindet sich plötzlich mittendrin und weiß ganz schnell gar nicht mehr so sicher, welche Welt die Richtige ist und wer er selbst nun ist.

Aber ist das alles dann doch nicht nur reine Unterhaltung? Ich hab das selbst ja mal, ganz jung und sehr idealistisch, auch anders gesehen, aber über die Jahre hab ich entdecken können, dass auch unterhaltende Texte nicht einfach nur die Klischees aus dem Bestsellerbaukasten runterrattern müssen, sondern durchaus mit relevanten Themen verknüpft sein können.

Und dies lässt sich bei Frank Schätzing, auf den ich auch erst mit dem „Schwarm“ aufmerksam geworden bin, durchaus unterstellen. Schreiben und fesselnd erzählen, auch über mehrere hundert Seiten lang, das kann er definitiv. Mit Recht lese ich seine Bücher also immer wieder gern und bin gespannt, was mir da als Nächstes von Schätzing auf den Lesestapel flattern wird.

Kurz und gut: Netflix einfach mal aussetzen. Ruhig lesen, lohnt sich!

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Samstag, 16. November 2024

Garth Risk Hallberg: City on Fire


„Ein Weihnachtsbaum kam die Eleventh Avenue herauf.“ (Seite 15)

Eines schon mal vorweg: Dieser wirklich dicke Schinken war viel zu gut, um ihn abzubrechen. Aber ich habe eine halbe Ewigkeit gebraucht und etliche Leseabschweifungen dabei mitgenommen.

Kennt ihr das: Immer, wenn man mal wieder eine erste Seite gelesen hat, mag man das Buch gar nicht so schnell weglegen. Aber trotzdem gibt es eine Hürde, immer wieder dazu zurückzukommen?

An der Story hat das definitiv nicht gelegen. Das ist schon, wie der Umschlagtext verspricht, ein New York Roman. Die Stadt vorrangig in den Siebzigern ist das literarische Spielfeld und auf jeder Seite präsent. Ob es der Gegensatz zwischen heruntergekommenen Vierteln, die nur darauf warten, dass sie zum Spekulationsobjekt werden, und dem unfassbaren und protzig zur Schau gestellten Reichtum ist. Oder das Lebensgefühl entweder am Abgrund zu leben oder unfassbar satt und zugleich gierig zu sein. Das Leben nur noch mit Drogen zu betäuben oder mit rotzigem Punk oder mit beidem. Sex auch, weil man nichts Besseres zu tun weiß. Und ein bisschen Apokalypsenfeeling obendrauf.

Der Hauptbogen spannt sich zwischen einer Winternacht, in der Entwicklungen in Gang gesetzt werden, und dem darauffolgenden Sommer, in dem ein Blackout nicht nur die ganze Stadt lahmlegt, sondern gleich noch unumkehrbare Einsichten bringt.

Wie lose Enden verfolgt die Geschichte das Leben zweier Punk Teenager aus der Vorstadt, einen an sich selbst scheiternden Möchtegernautor, zwei viel zu reich geborene Geschwister, die beide an ihrem Erbe verzweifeln, einen Fast-noch-Ehemann auf abwegigen Abwegen, einen zweifelnden Polizisten mit mehr als einem Gebrechen, einen nicht ganz so rasenden Reporter. Und natürlich haben alle etwas miteinander zu tun.

Der Roman lässt sich auch gut Zeit damit, die Verbindungen aufzudecken. Erzählt das aber letztlich recht unterhaltsam, durchaus auch mit ironischem Ton. Immer wieder hab ich mich dabei ertappt, dass ich dachte, dass auf den letzten 30 Seiten auch gut hätte mehr passieren können. Es ist aber nicht so, dass mich diese Art der Langsamkeit tatsächlich genervt hätte.

Zwischendurch habe ich immer wieder überlegt, ob das Lebensgefühl in diesen westlichen Metropolen – auch über die Zeiten hinweg – nicht letztlich immer große Ähnlichkeiten aufweist. Ich meine, eine Stadt der Gegensätze ist Berlin durchaus auch. Menschen, die glauben, sie hätten schon alles gesehen und erlebt oder die einfach lebenssatt und bis ins Mark gelangweilt sind – das klingt doch irgendwie bekannt.

Da ich in den Siebzigern gerade zur Welt kam, kann ich nicht recht ermessen, was das Lebensgefühl in diesem Jahrzehnt ausgemacht haben könnte. Aber es wirkt in diesem Roman alles so merkwürdig dazwischen. Die gute alte Zeit scheint definitiv vorüber zu sein, ohne dass schon klar wäre, ob die kommende eine bessere würde oder eben nicht. Irgendwas zwischen Aufbruch und Resignation. Und vielleicht ist auch alles egal. Aber das sind eher nur meine Assoziationen.

Ist das ein guter Roman? Ich denke schon. Er ist unterhaltsam, nachdenklich, geschrieben mit genauem Blick auf Details und ohne Angst, Situationen wirklich auszuerzählen. Trotzdem wird er wohl eher ins Regal wandern, ohne dass ich daran denke, ihn vielleicht irgendwann noch einmal zu lesen. Irgendwie dazwischen halt.

Kurz und gut: Sind doch nur knapp 1070 Seiten. Kann man lesen!

(Übersetzung: Tobias Schnettler)

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Sonntag, 9. April 2023

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen


„Eine neue Kapitalismuskritik
und eine Liebeserklärung
an menschliches Handeln

Katastrophen können bloßlegen, was längst untragbar ist. Protestbewegungen wie Black Lives Matter, Fridays for Future und NiUnaMenos kämpfen derzeit weltweit gegen Rassismus, Klimakatastrophe und Gewalt gegen Frauen. So unterschiedlich sie sein mögen, verfolgen diese Widerstandskräfte ein gemeinsames Ziel: die Rettung von Leben. Im Kern richtet sich ihr Kampf gegen den Kapitalismus, der unsere Lebensgrundlagen zerstört, indem er im Namen von Profit und Eigentum lebendige Natur in toten Stoff verwandelt.
Die Revolution für das Leben bietet unseren Tätigkeiten eine neue, solidarische Form: Wir könnten pflegen statt beherrschen, regenerieren statt erschöpfen, teilhaben statt verwerten.“ (Umschlagtext)

Wenn ich auf meine Leseliste insbesondere in den letzten drei Jahren zurückschaue, fällt mir auf, dass ich hin und her pendle zwischen Untersuchungen von den Gruppierungen und Haltungen, die unser Zusammenleben und unsere Gesellschaften bedrohen und denen, die für Minderheiten eintreten, das Klima und damit die Welt retten wollen und denen, die den Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem kritisch hinterfragen.

Ich möchte gern weiter glauben, dass letztere sich als resilienter und dauerhafter erweisen werden. Mein Teil an Unterstützung ist, mich weiterzubilden und viel darüber zu sprechen, privat oder in Coachings, Workshops etc. Und ihr so?

„Der Kapitalismus zerstört die Grundlagen des Lebens und das Leben selbst. Er knüpft die Herrschaft an das Eigentum und unsere Tätigkeiten an Profit; er durchdringt unsere Demokratien und spaltet unsere Gesellschaften. Er verwertet uns und unseren Planeten rücksichtslos. In autoritären Tendenzen und rassistischen Ausschreitungen, in massiven Klimaveränderungen und einer globalen Pandemie zeigt er seine verheerendsten Seiten. Aber in den Zwischenräumen der katastrophalen Entwicklungen regt sich Widerstand. Aktivist*innen kämpfen gegen die Zerstörung von Leben – Zerstörung durch häusliche und polizeiliche Gewalt, Grenzregime oder steigenden Meeresspiegel.
Die neuen Protestbewegungen von Black Lives Matter über Fridays for Future bis hin zu NiUnaMenos setzen an scheinbar unterschiedlichen Punkten an. In Eva von Redeckers Deutung wird jedoch eine gemeinsame Logik erkennbar. Wir erleben Ansätze einer Revolution, die die verheerende kapitalistische Ordnung stürzen könnte und unseren grundlegenden Tätigkeiten eine neue Form verspricht: Wir könnten pflegen statt beherrschen, regenerieren statt erschöpfen, teilhaben statt verwerten.“ (Verlagstext)


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Sonntag, 6. März 2022

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts


Nachts auf einer eisglatten Autobahn, achtzig Kilometer vor Berlin: Ein Tanklaster kippt um und legt sich quer. Auf dem Standstreifen, für den Bruchteil einer Sekunde: ein einzelner Wolf. Bis Berlin folgen wir seinen Spuren, und sein Weg kreuzt sich immer wieder mit den Wegen und Schicksalen unterschiedlicher Menschen. Wie in einem Schwarzweißfilm, in dem gelbes Winterfeuer flackert, ziehen die Bilder und Geschichten dieses Romans an uns vorbei. Sie erzählen vom Suchen und Verlorensein, von der Kälte unserer Zeit und der Sehnsucht nach einem anderen Leben." (Umschlagtext)

Schon der Titel klingt nach einem Film. Und nein, die Hundine ist natürlich kein Wolf. ;)

"An einem klaren, eiskalten Januarmorgen überquert ein Wolf kurz nach Sonnenaufgang die Grenze zwischen Deutschland und Polen. Bis Berlin reichen die Spuren des Wolfs, und sein Weg kreuzt sich immer wieder mit den Wegen und Schicksalen unterschiedlicher Menschen. Sie alle werden sich begegnen, sie alle sehen den Wolf, und sie sehen in ihm die Einsamkeit ihres eigenen Lebens.
Da ist zum Beispiel Tomasz, ein polnischer Bauarbeiter, der es ohne seine Freundin Agnieszka nicht aushalten kann. Da sind Elisabeth und Micha, zwei Jugendliche, die von zu Hause weglaufen und auf ihrer Flucht durch den Schnee fast auf einem Güterzug erfrieren. Da ist die Frau, die morgens auf dem Balkon die Tagebücher ihrer Mutter verbrennt. Und da ist Elisabeths Vater, ein berühmter Bildhauer, der in seinem Atelier vor einem großen Walskelett aus Stahl steht und sich fragt: Was mache ich da eigentlich? Und wozu?
Was mache ich da eigentlich? Und wozu? Wie geht es weiter mit mir und uns und dem Leben? Das sind die Fragen dieses Romans, der mit seinen scharfen Schnitten und kühlt gesetzten Motiven mitten ins Herz unserer Gegenwart trifft." (Verlagstext)

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Mittwoch, 9. Februar 2022

Roberto Bolaño: Chilenisches Nachtstück


"Eine packende Erzählung und eine brillante Meditation: die Geschichte eines Mannes, der bei allem dabei war und von nichts gewusst hat. Der Mitläufer, der in Chile die Kirchen von den Tauben befreien wollte und Pinochet das 'Kommunistische Manifest' erklärte." (Umschlagtext)

Seit mir "2666" in die Hände fiel, komme ich immer wieder einmal auf diesen Autor zurück. Ist doch spannend, wie sich Beziehungen so entwickeln. 🤓

"Das 'Chilenische Nachtstück' ist ein radikaler Gegenentwurf zu Roberto Bolaños eigenem Leben. Während Bolaño unter Pinochet ins Exil geht und dort zu einem weltliterarischen Autor reift, kann sich sein Protagonist Sebastian Urrutia Lacroix nicht von Chile lösen. Er ist Literaturkritiker, versteht sich als Künstler, ist aber auch Priester. Er liegt im Sterben und versucht in einer großen Suada, sein Leben zu rechtfertigen.

Und dieses Leben hat es in sich: es gibt homoerotische Neigungen, omanzen und Literaturpäpste; um Pinochet und seine Generäle zu erleuchten, diskutiert er mit ihnen Marx. Während sich draußen die Demonstranten gegen Pinochet versammeln, liest er griechische Tragödien. Als der Militärputsch erfolgt und Allende tot ist, hält er kurz inne, 'einen Finger zwischen den Seiten des Buchs, das ich las, und dachte: Welch ein Frieden.'" (Verlagstext)

Sonntag, 2. Januar 2022

Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge


(Übersetzung: Norbert Stöbe)

„Seit einer Woche wartete Mr. Childan nun schon mit Spannung auf die Post.“ (Seite 7)

„Was? Aber das ist ein Klassiker!“ Jaja, ich weiß. Und ich habe ihn jetzt erst gelesen. 😉 Und mal ehrlich, wer hat denn wirklich ALLE Klassiker gelesen oder nimmt ernst, dass man etwas nur gelesen haben muss, weil jemand es zum Klassiker erhebt?

Egal! 😉 Vor ziemlich genau einem Jahr fand dieses feine Exemplar seinen Weg auf meinen Lesestapel, nachdem ich zuvor schon die Verfilmung als Serie gesehen hatte. Ehrlicherweise war mir bei meinen vier Anläufen, mit der Serie warm zu werden, noch gar nicht bewusst, dass es sich um eine Romanverfilmung handelt. Beim vierten Anlauf der für meinen Geschmack doch etwas sperrigen Verfilmung hab ich ja schließlich Feuer gefangen.

Letztlich war es die Prämisse der Geschichte, die mich dann auch auf die Vorlage neugierig werden ließ. Und die ist leicht umrissen:

Der Zweite Weltkrieg ging anders aus, als wir es aus den Geschichtsbüchern kennen. Deutschland und Japan gewinnen und besetzen die USA an der Ost- und an der Westküste. In der Mitte bleibt ein Pufferstaat bestehen, in dem sich natürlich allerhand spionierendes Volk umtreibt. Die Situation zwischen dem Reich und Japan ist angespannt, die Lage im Reich selbst aufgrund erwartbarer Diadochenkämpfe aber auch. Es ist also einiges in der Schwebe, bzw. in Bewegung. Die Amerikaner selbst haben sich zum Teil mit der Situation arrangiert oder versuchen zu profitieren. Aber natürlich regt sich auch Widerstand.

Mit den Charakteren, deren Geschichte Philip K. Dick erzählt, führt er eine ganze Bandbreite von Menschen vor, die in dieser Welt leben. Da ist Mr. Childan aus dem ersten Satz des Romans, der amerikanische Antiquitäten an wohlhabende Japaner:innen verkauft. Ein japanischer Handelsbauftragter kauft zum Beispiel bei Mr. Childan ein, bringt damit aber auch die Perspektive einen quasi Kolonialbeamten mit in Spiel. Frank Frink wiederum versucht sich zu arrangieren und zu überleben und nähert sich dem Gedanken an Widerstand stetig an.

Der Roman führt hauptsächlich ins japanisch besetzte San Francisco und auch in den Pufferstaat – die Serie bietet hier auch noch einen Blick ins von den Deutschen besetzte Amerika mit Ausflügen nach Berlin.

Ein ganz wunderbarer Dreh ist es, ein Buch ins Spiel zu bringen, das in aller Munde ist und in dem etwas Unerhörtes erzählt wird: Nämlich eine alternative Geschichte darüber, wie der Krieg ausging. Unsere historische Realität wird hier zur verrückten Alternativgeschichte. Und angesichts der totalitären Regimes, die im Roman die Welt beherrschen, grenzt das natürlich an Aufruhr.

In der Serie werden aus dem Buch Filmbänder, die heimlich geschmuggelt und weitergereicht werden. Auch insgesamt ist die Widerstandsgeschichte, die sich darum rankt, sehr viel breiter auserzählt. Die japanische Besatzung ist sehr viel rabiater als im Buch, Angedeutetes aus dem Roman wird viel mehr Raum gegeben. Ich finde aber, dass beides sehr gut nebeneinander bestehen kann.

Dicks Text kommt zumindest für meinen Geschmack viel weniger spröde daher als die Serie. Dafür kippt er am Ende merklich ins Surreale, was aber eine gewisse Sogwirkung entfaltet.

Kurz und gut: Das war nicht der letzte Philip K. Dick, den ich gelesen habe. Lesen!

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Montag, 30. August 2021

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings


"Kalifornien, Sierra Nevada: Mordermittlungen führen Provinzsheriff Luther Opoku zu einer geheimen, in dem Wäldern verborgenen Forschungsanlage. Zweihundert Meilen westlich davon, im Silicon Valley, wetteifern Visionäre um die Erschaffung der ersten maschinellen Superintelligenz. Als Luther erkennt, dass sein beschauliches Naturidyll längst Testgelände mysteriöser Experimente ist, gerät nicht nur er in höchste Gefahr. Etwas entsteht hier, dass die Menschheit in ein neues, goldenes Zeitalter zu führen verspricht - oder geradewegs in ihren Untergang." (Umschlagtext)

"Kalifornien, Sierra Nevada. Luther Opoku, Sheriff der verschlafenen Goldgräberregion Sierra in Kaliforniens Bergwelt, hat mit Kleindelikten, illegalem Drogenanbau und steter Personalknappheit zu kämpfen. Doch der Einsatz an diesem Morgen ändert alles. Eine Frau ist unter rätselhaften Umständen in eine Schlucht gestürzt. Unfall? Mord? Die Ermittlungen führen Luther zu einer Forschungsanlage, einsam gelegen im Hochgebirge und betrieben von der mächtigen Nordvisk Inc., einem Hightech-Konzern des zweihundert Meilen entfernten Silicon-Valley. Zusammen mit Deputy Sheriff Ruth Underwood gerät Luther bei den Ermittlungen in den Sog aberwitziger Ereignisse und beginnt schon bald an seinem Verstand zu zweifeln. Die Zeit selbst gerät aus den Fugen. Das Geheimnis im Berg führt ihn an die Grenzen des Vorstellbaren - und darüber hinaus." (Verlagstext)

Da hab ich mir mal wieder einen Schätzung gegönnt, natürlich wieder ein ordentlicher Backstein. 😉 Ich bin gespannt auf die Story und hoffe auf gute Unterhaltung. 🤓

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Freitag, 28. Mai 2021

László Krasznahorkai: Satanstango



(Übersetzung: Hans Skirecki)

„Am Morgen eines Tages Ende Oktober, kaum daß die ersten Tropfen des schier endlosen Herbstregens auf den rissigen Salzboden westlich der Siedlung gefallen waren (wo dann ein stinkendes Meer aus Schlamm bis zu den ersten Frösten die Feldwege unbegehbar und die Stadt unerreichbar machen würde), erwachte Futaki davon, dass er Glocken läuten hörte.“ (Seite 9)

Die Glocken deuten hier aber nichts Tröstliches an, sondern läuten vielmehr einen nicht enden wollenden Kreislauf aus Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Vergeblichkeit ein. Nein, eine leichte Sommerlektüre für die Hängematte ist dieses Buch nicht.

In einem kleinen Dorf mitten im ungarischen Nirgendwo ist alles Stagnation. Die Bewohner:innen wirken in ihrem Handeln und Wollen so verfallen wie das ganze Dorf an sich. Mag sein, dass alle hier auch einmal ein Leben, eine Zukunft hatten. Das ist aber offenbar lange her. Nicht nur jedes einzelne Leben besteht offenbar ausschließlich aus Trostlosigkeit sondern auch die Beziehungen der Dorfbewohner:innen zueinander.

Mitten in einen nicht minder trostlosen Regentag hinein taucht ein Mann zwischen den Regenschauern auf, der hier früher einmal lebte. Er kommt als Bote vermeintlicher Hoffnung, als Prediger, Verführer und gestrenger Richter. Und so ziemlich alle geben sich ihm und seinen Worten hin. Ihm, der doch nur ein Polizeispitzel ist, der rein gar nichts zu bieten hat, was tatsächlich Anlass zur Hoffnung geben würde.

Doch auch dieser Mann ist eingewoben in ein auswegloses System, das jedem hoffnungsvollen Impuls den Atem raubt. Träume verstauben hier, erdrückt von Aktenbergen, aufgespießt von penibel gespitzten Stiften, die noch aus jedem Tun oder Lassen eine Verfehlung zu formulieren wissen. Und alle, alle fügen sich hier drein, vergrauen und stolpern so in den nächsten und nächsten Tag.

Den Verlagstexten zum Roman und Rezensionen lässt sich entnehmen, dass dieser Text sich beispielhaft am gerade untergehenden real existierenden Sozialismus in Ungarn abarbeitet. Und wie ließe sich dem widersprechen, dass ein System, so gut es gemeint gewesen sei, zurecht untergeht, wenn es die Menschen derart zurichtet, dass jede Hoffnung auf Zukünftiges aus ihnen weicht und damit auch jeder Anlass für anständiges Handeln. Das ist nicht nur trostlos sondern auch drastisch geschildert und beschrieben.

Andererseits werde ich den Eindruck nicht los, dass wir Menschen irgendwie bisher auch noch jedes System, jede Form gesellschaftlichen Zusammenlebens auch pervertieren konnten. Allein, ich mag nicht einsehen, warum dies nicht erst recht Ansporn sein sollte, im Suchen nach dem Besseren nicht nachzulassen. Da das Bessere aber eben nicht von allein entsteht und nur, weil wir behaupten, dass es jetzt doch viel besser sein müsste, tut auch solche schmerzhafte, erschütternde Lektüre not.

Kurz und gut: Dieser Roman erspart weder den Figuren noch den Leser:innen eine unglaubliche Trostlosigkeit. Vielleicht kein Lieblingsbuch, aber eine Leseempfehlung!

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Samstag, 2. Januar 2021

Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge



"Was wäre, wenn die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten?

In seinem elektrisierenden Roman sucht Philip K. Dick eine Antwort auf die Frage, die im Schatten der Historie lebt. Er erzählt die Geschichte gegen den Strich: Die Deutschen rasen mit Raketenflugzeugen rund um den Globus und haben sich mit den Japanern die USA aufgeteilt. In der Mitte ist ein Pufferstaat, und ausgerechnet hier sitzt das Orakel von Berge. Philip K. Dicks wagemutige Vision wurde zu einem legendären Klassiker der amerikanischen Literatur. (Rolling Stone)" (Umschlagtext)

Zugegeben, in dem Fall hab ich erst die Serie entdeckt, die auf diesen Roman fußt - "The Man in the High Castle". Und ich habe ganze vier Anläufe gebraucht, bis ich sie dann doch durchgesuchtet habe. Nun fiel mir endlich die Romanvorlage in die Hände, die im Original bereits 1962 erschien. 🤓

(Übersetzung: Norbert Stöbe)

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