(Übersetzung: Alexander
Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hesse)
„Im Mai 1968 träumte
die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten. Die neue
Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder ‚beleidigt‘.“
(Seite 7)
Spätestens seit in
diesem Jahr das Buch „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht erschien, war
die Debatte um Identitätspolitik(en) und wenn ja, wie viel davon, im politisch
linken Meinungsspektrum vollends für eine breitere Öffentlichkeit angekommen. Das
erhöhte die Unübersichtlichkeit der Diskussionen für Menschen, die nicht jede
noch so kleine akademische Debatte verfolgen, ungemein. Immerhin kamen die
Stimmen, die sich über political correctness beklagten, das Gendern als
den Untergang der Sprache und der Zivilisation schlechthin ansahen, die
Geschlechterquoten für einen Angriff auf die armen Männer halten, und die
sowieso nicht verstehen wollten, warum jetzt alles Mögliche auch noch umbenannt
werden solle – diese Stimmen kamen recht zuverlässig aus dem rechten oder
wenigstens konservativen Lager. Wie es kam, dass sich der Disput nun aber auch
für eine breitere Öffentlichkeit ins linke Feld verlagerte, darüber lässt sich
in diesem schmalen Band der französischen Feministin und Filmemacherin Caroline
Fourest nachlesen.
Ich muss gar nicht
verschweigen, dass ich nicht jede Schlussfolgerung, Be- oder Zuschreibung der
Autorin teile oder ganz nachvollziehen kann. Ein lesenswerter Debattenbeitrag
ist dies aber gleichwohl – im Gegensatz zum oben genannten Text von Sahra
Wagenknecht, über den ich hier ja auch schon ausführlicher geschrieben habe.
Während sich der Wagenknecht-Text
wie eine eher garstige Wiederauflage der Debatte um Haupt- und Nebenwidersprüche
las, bei der es um das gegeneinander Ausspielen von sozialer Frage und Freiheitsrechten
zu gehen schien, gelingt es Fourest hier viel klarer zu beschreiben, was sie
kritisiert. Ansatzweise ordnet sie ein, wo manche Debatte wurzelt. Vor allem
aber listet sie jede Menge Anlässe und Vorfälle auf, bei denen sie klare
Tendenzen von Sprach- und Gedankenpolizei ausmacht, weil verschiedene Gruppen
Debatten oder Ausstellungen oder Theaterstücke etc. zu verhindern suchen.
Sie kritisiert, auch
mit drastischen Worten, dass mit dem Einfordern von safe spaces eben
auch Räume geschaffen würden, in denen Diskurs nicht mehr stattfindet. Die
Besinnung auf die eigene Identität – hier als Teil von Minderheiten, unterdrückten
Gruppen etc. – sorge in der Konsequenz dafür, dass sich Bewegungen nur noch auf
sich selbst fokussieren und notwendige Solidarität und Gemeinsamkeit damit
verschwinde. Dies wiederum öffne dem rechten gesellschaftlichen Rollback Tür
und Tor. Dabei träfen die Verdikte derer, die sie identitäre Linke nennt, oft
genug gar nicht den politischen Gegner sondern Linke.
Dankbar bin ich, dass
Fourest wenigstens an etlichen Stellen Ross und Reiter:in benennt, also für
manche der berichteten Episoden konkrete Personen oder Gruppierungen. Dem
deutschen Publikum dürften die, wie auch mir, weitgehend unbekannt sein. Sie
spielen in Frankreich, den USA oder auch in Kanada. Die Vermutung liegt nahe,
dass die Debatten dort tatsächlich auch noch mal anders geführt werden als wir
das hierzulande bisher erlebten. Fourests Warnung ist aber klar: Auch Diskurse
hier drohen davon in Mitleidenschaft gezogen zu werden.
Insbesondere den
Beispielen, die Fourest aus eigenem Erleben schildert, kann ich nicht absprechen,
dass sie überaus drastisch und vollkommen überzogen wirken. Offen bleibt für
mich aber dennoch die Frage, wie es sein kann, dass ursprüngliche
Kleinstgruppen aus anscheinend akademischen Blasen derart wirkmächtig werden
konnten, dass auch Öffentlichkeiten, Institutionen sogar Medien nach deren
Verdikten richten. Wenn die Generation, die Fourest hier beschreibt die
politische Enkel- oder Kindergeneration der Linken ist, die heute im zumindest
gesetzten Alter ist, dann stellt sich auch die Frage, was da an Generationentransfer
falsch gelaufen sein mag.
Fest scheint mir zu
stehen, dass da Welten aufeinandertreffen, die sich in den Debatten nichts
nehmen und fast unversöhnlicher miteinander ringen als mit dem politischen
Gegner auf der Rechten.
Kurz und gut: Streitbar
aber unbedingt lesenswert, auch weil Caroline Fourest lesbar zu beschreiben und
zu argumentieren versteht. Lesen!
#leseherbst #sachbuch #carolinefourest #editiontiamat
#verlagklausbittermann #identitätspoltik #debatte #politik #gesellschaft
#demokratie #achtsamkeit #sprachpolizei #lesen #leselust #lesenswert #bücher
#indiebook