„Das
vorliegende kleine Buch stellt die erweiterte Fassung eines Artikels zur
innerdeutschen Gemengelage dar, den ich am 4. Februar 2022 unter dem Titel Wie
sich der Westen den Osten erfindet in der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung veröffentlicht habe.“ (Seite 11)
Na huch,
eine wilde Debatte im Feuilleton und ich lese mal wieder schonungslos
hinterher. Also so zeitlich gesehen. 😉 Das soll mich aber wie immer nicht
davon abhalten, trotzdem noch ein paar Gedanken zur Lektüre aufzuschreiben.
Vorneweg
aber wieder mal die Erkenntnis: Je weiter mein Aufwachsen in der DDR
zurückliegt, umso öfter führt mich meine Lesereise dann doch wieder zurück. Meist
spielt die Wendezeit eine Rolle, häufiger noch aber die Zeitspanne seither, als
aus der DDR Ostdeutschland wurde. Lausche ich in mich hinein, verbinden sich
persönliche Anekdoten, die eine Biografie nun einmal auch ausmachen, mit
Einschätzungen, die wohl oft erst mit zeitlichem oder räumlichem Abstand
möglich und erträglich werden. Man bekommt das Kind aus dem Osten heraus aber
niemals den Osten aus dem Kind? – Mal in kleiner Abwandlung einer dieser
Volksweisheiten und irgendwie rhetorisch gefragt.
Es gibt so
einige Dinge, bei denen ich den Erfahrungen und Schilderungen Oschmanns bestens
folgen kann. Das Sich-Erklären-Müssen zum Beispiel. Nach dem Abitur hab ich,
zumindest für die Arbeitswoche, den Osten verlassen. Und immer dann, wenn ich
mit Menschen aus den alten Bundesländern – oder eben Wessis – zu tun hatte, ergaben
sich Gesprächssituationen, die mich geradezu zwangen oder dafür sorgten, dass
ich mich gezwungen sah, mich zu erklären – als Ossi. Ob das nun politische
Einschätzungen oder Einstellungen waren oder Alltagserfahrungen, immer wieder
war etwas zu erklären, habe ich mich erklärt. In den 90ern war das schon noch
massiver und alltäglicher als heute.
Heute
entdecke ich mich doch ab und an dabei, dass ich Gespräche, Reaktionen und
Handlungen anderer danach abscanne, ob ich eine Ostsozialisation ausmachen kann
oder halt „typische Wessis“. Komisch, weil es mir eigentlich egal ist. Offenbar
bin ich aber, egal ob ich will oder nicht, Teil einer Identitätsdebatte.
Ein anderes
Ding: Ja, die Ossis sind auch in meiner Wahrnehmung erst nach dem Ende der DDR
aufgetaucht. War deren Erfindung eine der Wessis, die all die unsäglichen
Zurücksetzungen rechtfertigten, oder aber war es eine Trotzreaktion derer, die
sich betrogen fühlten, betrogen um ihre Biografien, ihre Vergangenheit, ihrer
Gegenwart oder auch ihrer Zukunft? Vielleicht stimmt ja auch beides
gleichzeitig. Zumindest fügten sich die Menschen irgendwie in das System, dass
sie zu DDR-Bürger:innen machte, ebenso wie in das neue System, in dem sie dann
Ossis wurden.
Ja, schon
klar, das ist grob gehauen, weil es ja immer und überall auch Leute gab und
gibt, auf die das Raster nicht zutrifft. Aber jeder Besuch zuhause im Osten, ob
in den 90ern oder auch später, schien mir dieses Raster zu bestätigen.
In dieses
eher passive Sicheinfügen, gepaart mit viel Jammern und Klagen (hier ohne
Wertung der Berechtigung oder nicht) mischte sich aber auch nach meiner
Wahrnehmung schon früh Wut. Und Wut spricht ja schon auch aus dem lautstarken
Text von Oschmann. Das ist, und dafür bin ich Autor und Text dankbar, eine
andere Wut als die, die PEGIDA und Co. irgendwann anfingen auf die Straße zu tragen.
Aber es ist eine Wut, die natürlich mit Identität zu tun hat, sei sie nun
selbstgereift, übergestreift oder angeheftet worden.
Es gibt,
wenn ich so drüber nachdenke, tatsächlich gar nicht so viel in dem Buch, wo ich
dem Autor widersprechen möchte. Aber dennoch verursachte mir die Lektüre ein
Unwohlsein. Ich verstehe die vehement vorgetragene Kritik, ich teile das
Entsetzen und die Enttäusch über zum Beispiel die beschämend niedrigen Zahlen
von Ossis in Führungsverantwortung selbst im Osten. Und trotzdem, hab ich den
Drang widersprechen zu wollen.
Vielleicht
behagt mir eine mögliche Konsequenz nicht, die sich bösartig aus dem Buch ziehen
ließe, bei der ich mir schon recht sicher bin, dass der Autor sie nicht gemeint
hat. Die Konsequenz wäre möglicherweise das Freisprechen von eigenen
Unzulänglichkeiten, Dummheiten und Schlimmerem. Und damit lande ich natürlich
zielsicher beim Wahljahr 2024, dass sich 2022 zur Fertigstellung des Buches ja
erst in der Ferne abzeichnete.
Das ist der
Moment, in dem ich mit Blick auf Wahlergebnisse, Debatten vor Ort etc., selbst
am Osten verzweifeln mag. Gerade weil ich hier und da so viele grandiose
Menschen kennenlernen konnte, die Oschmanns Kritik sicher teilen und trotzdem anders
handeln. Anders als der medial vermittelte „Ossi“, den ich aber eben auch gut
genug aus der freien Wildbahn kenne. Was hilft da aber dieses Buch?
Wenn die
Intention war, der zutiefst westdeutsch geprägten Gesellschaft ordentlich einen
einzuschenken und mit dem Holzhammer Punkte einzuhämmern, die allseits bekannt
und leider gar nicht neu sind, dann ist das sicherlich für einen kurzen
medialen Moment gelungen.
Im Osten
aber befürchte ich, dass es über ein lapidares „endlich sagts mal eener“ kaum
hinausgeht. Den Ossis hat dieses Buch, für mein Gefühl nicht viel zu sagen.
Vermutlich, nein ganz sicher, wurde das Dirk Oschmann schon oft genug gesagt,
dass sein Debattenband letztlich genau nach den Regeln der Debatte spielt, die
er beklagt. Ich glaube, das ist auch, was mir das Unwohlsein beim Lesen
verursacht hat. Aber es ist ja, zum Glück, nicht das einzige Buch zum Osten.
Einige mehr fanden ja schon ihren Weg auf meinen Lesestapel und auch in mein
Lesetagebuch.
Kurz und
gut: Ich hab mich an dem Text gerieben, bin aber froh, dass ich ihn letztlich
doch gelesen habe. Ist doch mal was. 😉
#lesesommer #sachbuch #dirkoschmann #ullstein #deutschland
#ostdeutschland #gesellschaft #debatte #ossi #identität #spaltung #polbil
#lesen #leselust #lesenswert #leseratte #bücher