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Mittwoch, 24. Juli 2024

Philippa Perry: Das Buch, von dem du dir wünscht, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)


(Übersetzung: Karin Schuler)

„Dies ist kein Erziehungsbuch im engeren Sinn.
Es geht hier nicht ums Töpfchen-Training oder ums Abstillen, sondern vielmehr um die Beziehungen zu unseren Kindern und um die Frage, was einer guten Verbindung im Weg stehen und was sie verbessern kann.“ (Seite 9)

Als ich über diesen Band stolperte, musste ich selbst etwas darüber schmunzeln, dass mich der Titel irgendwie neugierig machte, obwohl ich ja in der Erwachsenenbildung unterwegs bin und nicht in der Kindererziehung. Im zweiten Gedanken enthüllte meine Neugierde aber einen eigentlich folgerichtigen Sinn: Die Zielgruppen, mit denen ich so arbeite, bestehen oft aus Eltern, die genau solche Bücher lesen. Oder es sind die nicht mehr kindlichen Kinder derjenigen, die solche Ratgeber lesen und womöglich unter anderem dadurch geprägt wurden.

Oder anders formuliert: Wenn ich als Kommunikationstrainer wissen will, was Teilnehmende in meinen Veranstaltungen so im Gepäck haben, erscheint es nur logisch, auch mal zu schauen, was diese Menschen als Kinder oder eben als Eltern so geprägt haben könnte. Und sind letztlich die Beziehungserfahrungen, die wir familiär von Klein an erfahren nicht ohnehin grundlegend für unseren späteren Umgang mit anderen in der Welt.

Spannend ist es natürlich ebenso, bei solcher Lektüre mal nebenher die Erinnerungen an die eigenen Eltern und deren Erziehungsmethoden und ihre Auswirkungen zu betrachten. Jaja, Mutti, so ist das. 😊

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern. Es geht um die Frage, wann und in welcher Art diese Beziehungsarbeit einsetzt. Die Autorin will, und das empfand ich als glaubwürdig, keine Rezepte bieten sondern eher Anknüpfpunkte, um das eigene Handeln zu reflektieren. Ein Ansatz, der mir sympathisch ist. 😉

Im Grunde dreht sich, wenig überraschend, alles um Kommunikation und kommunikatives Handeln. Das beinhaltet den Hinweis, dass Eltern sich über die eigenen Motive, Motivationen und Erfahrungen im Klaren sein sollten, wenn sie ihren Kindern erzieherisch gegenübertreten.

Gut und beispielreich herausgearbeitet empfand ich den Punkt, Kinder jedweden Alters in ihrem Wollen, Handeln usw. ernst zu nehmen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass es natürlich erst einmal ein ungleiches Beziehungsverhältnis ist. Wer mehr weiß, wer Verantwortung für wen trägt, wer über den anderen bestimmt – all das ist ja recht eindeutig verteilt und zugewiesen. Warum und wie dieses Ernstnehmen aber dennoch gelingen kann, das versucht die Autorin zu beschreiben.

Das dies kein Fachbuch für ein Fachpublikum ist, ist offensichtlich. Es richtet sich an Eltern, die im Zweifelsfall nicht ausgebildete Pädagogen sind. Das lässt die Beschreibungen oder Erkenntnisse für meinen Geschmack manchmal etwas banal wirken. Andererseits ist es sicher auch dem geschuldet, dass im englischsprachigen Raum immer etwas mehr Wert auf Eingängigkeit und Verständlichkeit gelegt wird. Und eingängig und verständlich ist der Text in jedem Fall.

Kurz und gut: Ob mit oder ohne Kinder: In Sachen Kommunikation und Beziehungsarbeit geht das Buch als Leseempfehlung durch. 😉

#lesesommer #sachbuch #philippaperry #ullstein #ratgeber #erziehung #kommunikation #beziehungsarbeit #eltern #kinder #gesellschaft #polbil #trainerlife #lesen #leselust #lesenswert #leseratte #bücher

Sonntag, 7. Juli 2024

Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung


„Das vorliegende kleine Buch stellt die erweiterte Fassung eines Artikels zur innerdeutschen Gemengelage dar, den ich am 4. Februar 2022 unter dem Titel Wie sich der Westen den Osten erfindet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht habe.“ (Seite 11)

Na huch, eine wilde Debatte im Feuilleton und ich lese mal wieder schonungslos hinterher. Also so zeitlich gesehen. 😉 Das soll mich aber wie immer nicht davon abhalten, trotzdem noch ein paar Gedanken zur Lektüre aufzuschreiben.

Vorneweg aber wieder mal die Erkenntnis: Je weiter mein Aufwachsen in der DDR zurückliegt, umso öfter führt mich meine Lesereise dann doch wieder zurück. Meist spielt die Wendezeit eine Rolle, häufiger noch aber die Zeitspanne seither, als aus der DDR Ostdeutschland wurde. Lausche ich in mich hinein, verbinden sich persönliche Anekdoten, die eine Biografie nun einmal auch ausmachen, mit Einschätzungen, die wohl oft erst mit zeitlichem oder räumlichem Abstand möglich und erträglich werden. Man bekommt das Kind aus dem Osten heraus aber niemals den Osten aus dem Kind? – Mal in kleiner Abwandlung einer dieser Volksweisheiten und irgendwie rhetorisch gefragt.

Es gibt so einige Dinge, bei denen ich den Erfahrungen und Schilderungen Oschmanns bestens folgen kann. Das Sich-Erklären-Müssen zum Beispiel. Nach dem Abitur hab ich, zumindest für die Arbeitswoche, den Osten verlassen. Und immer dann, wenn ich mit Menschen aus den alten Bundesländern – oder eben Wessis – zu tun hatte, ergaben sich Gesprächssituationen, die mich geradezu zwangen oder dafür sorgten, dass ich mich gezwungen sah, mich zu erklären – als Ossi. Ob das nun politische Einschätzungen oder Einstellungen waren oder Alltagserfahrungen, immer wieder war etwas zu erklären, habe ich mich erklärt. In den 90ern war das schon noch massiver und alltäglicher als heute.

Heute entdecke ich mich doch ab und an dabei, dass ich Gespräche, Reaktionen und Handlungen anderer danach abscanne, ob ich eine Ostsozialisation ausmachen kann oder halt „typische Wessis“. Komisch, weil es mir eigentlich egal ist. Offenbar bin ich aber, egal ob ich will oder nicht, Teil einer Identitätsdebatte.

Ein anderes Ding: Ja, die Ossis sind auch in meiner Wahrnehmung erst nach dem Ende der DDR aufgetaucht. War deren Erfindung eine der Wessis, die all die unsäglichen Zurücksetzungen rechtfertigten, oder aber war es eine Trotzreaktion derer, die sich betrogen fühlten, betrogen um ihre Biografien, ihre Vergangenheit, ihrer Gegenwart oder auch ihrer Zukunft? Vielleicht stimmt ja auch beides gleichzeitig. Zumindest fügten sich die Menschen irgendwie in das System, dass sie zu DDR-Bürger:innen machte, ebenso wie in das neue System, in dem sie dann Ossis wurden.

Ja, schon klar, das ist grob gehauen, weil es ja immer und überall auch Leute gab und gibt, auf die das Raster nicht zutrifft. Aber jeder Besuch zuhause im Osten, ob in den 90ern oder auch später, schien mir dieses Raster zu bestätigen.

In dieses eher passive Sicheinfügen, gepaart mit viel Jammern und Klagen (hier ohne Wertung der Berechtigung oder nicht) mischte sich aber auch nach meiner Wahrnehmung schon früh Wut. Und Wut spricht ja schon auch aus dem lautstarken Text von Oschmann. Das ist, und dafür bin ich Autor und Text dankbar, eine andere Wut als die, die PEGIDA und Co. irgendwann anfingen auf die Straße zu tragen. Aber es ist eine Wut, die natürlich mit Identität zu tun hat, sei sie nun selbstgereift, übergestreift oder angeheftet worden.

Es gibt, wenn ich so drüber nachdenke, tatsächlich gar nicht so viel in dem Buch, wo ich dem Autor widersprechen möchte. Aber dennoch verursachte mir die Lektüre ein Unwohlsein. Ich verstehe die vehement vorgetragene Kritik, ich teile das Entsetzen und die Enttäusch über zum Beispiel die beschämend niedrigen Zahlen von Ossis in Führungsverantwortung selbst im Osten. Und trotzdem, hab ich den Drang widersprechen zu wollen.

Vielleicht behagt mir eine mögliche Konsequenz nicht, die sich bösartig aus dem Buch ziehen ließe, bei der ich mir schon recht sicher bin, dass der Autor sie nicht gemeint hat. Die Konsequenz wäre möglicherweise das Freisprechen von eigenen Unzulänglichkeiten, Dummheiten und Schlimmerem. Und damit lande ich natürlich zielsicher beim Wahljahr 2024, dass sich 2022 zur Fertigstellung des Buches ja erst in der Ferne abzeichnete.

Das ist der Moment, in dem ich mit Blick auf Wahlergebnisse, Debatten vor Ort etc., selbst am Osten verzweifeln mag. Gerade weil ich hier und da so viele grandiose Menschen kennenlernen konnte, die Oschmanns Kritik sicher teilen und trotzdem anders handeln. Anders als der medial vermittelte „Ossi“, den ich aber eben auch gut genug aus der freien Wildbahn kenne. Was hilft da aber dieses Buch?

Wenn die Intention war, der zutiefst westdeutsch geprägten Gesellschaft ordentlich einen einzuschenken und mit dem Holzhammer Punkte einzuhämmern, die allseits bekannt und leider gar nicht neu sind, dann ist das sicherlich für einen kurzen medialen Moment gelungen.

Im Osten aber befürchte ich, dass es über ein lapidares „endlich sagts mal eener“ kaum hinausgeht. Den Ossis hat dieses Buch, für mein Gefühl nicht viel zu sagen. Vermutlich, nein ganz sicher, wurde das Dirk Oschmann schon oft genug gesagt, dass sein Debattenband letztlich genau nach den Regeln der Debatte spielt, die er beklagt. Ich glaube, das ist auch, was mir das Unwohlsein beim Lesen verursacht hat. Aber es ist ja, zum Glück, nicht das einzige Buch zum Osten. Einige mehr fanden ja schon ihren Weg auf meinen Lesestapel und auch in mein Lesetagebuch.

Kurz und gut: Ich hab mich an dem Text gerieben, bin aber froh, dass ich ihn letztlich doch gelesen habe. Ist doch mal was. 😉

#lesesommer #sachbuch #dirkoschmann #ullstein #deutschland #ostdeutschland #gesellschaft #debatte #ossi #identität #spaltung #polbil #lesen #leselust #lesenswert #leseratte #bücher

Freitag, 26. November 2021

Samira El Ouassil & Friedemann Karig: Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen


"Eine starke Geschichte kann Leben retten, Wahlen entscheiden, Gesellschaften verändern. Aber sie kann auch Kriege auslösen und Menschen für verfeinden. Samira El Ouassil und Friedemann Karig verfolgen diese ambivalente Wirkmacht anhand wichtiger Narrative von der Antike bis zur Gegenwart: von Jesus bis Frodo, von Kassandra bis Greta. Sie zeigen, welche Erzählungen uns heute gefährden und warum wir dringend neue benötigen, um unsere Welt zu erhalten." (Umschlagtext)

"Wie gelingt es, die Klimakrise so zu erzählen, dass ein weltweites Handeln einsetzt? Aus welchen Narrativen entstehen Rassismus und Antisemitismus? Mit welchen Storys manipulierte Trump seine Anhänger, weshalb verfangen die Lügen der Rechtspopulisten und Verschwörungsideologinnen? Was erzählen wir seit jeher über uns selbst - als Deutsche, als Europäer, als Humanistinnen? Geschichten sind ein maßgeblicher Teil unserer Sozialisation, mehr noch, sie sind Kern unserer Identität. Kein Wunder, dass wir die Welt in Geschichten sortieren. Sie durchdringen Politik, Medien und Kultur, lehren uns, unterhalten uns, verführen uns, formen unsere Wirklichkeit. Samira El Ouassil und Friedemann Karig erforschen die Kraft der Narrative, die sich im griechischen Drama ebenso manifestiert wie in einer Netflix-Serie, im Roman wie im Rap. Und sie machen sich auf die Suche nach einer wirkmächtigen neuen Erzählung der Aufklärung." (Klappentext)

Ihr wisst schon: Es stand da so rum ... wie hätte ich nein sagen können?! 🤓🙈🤷‍♂️

#leseherbst #sachbuch #samiraelouassil #friedemannkarig #Ullstein #Kommunikation #narrative #geschichtenerzählen #gesellschaft #Kultur #polbil #lesen #bücher #leselust

Dienstag, 4. August 2020

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken. Ansichten eines vorlauten Beuteltiers



"Mal bissig, mal absurd, dann wieder liebevoll und ironisch erzählt Marc-Uwe Kling vom Alltag und den Eskapaden eines ungewöhnlichen Duos." (Umschlagtext)

Jaja, ich weiß. Alle kennen es schon und haben es abgefeiert. Nur ich war nicht bei der Party. 🥳

Dank Corona misten andere aus und stellen Bücherkisten vors Haus. Das nenne ich mal eine für mich abgesenkte Einstiegshürde. 😅

Lotti, hier im Bild, ist offenbar noch nicht ganz sicher interessiert. Vielleicht fand sie es aber auch zuviel, dass ich sie gleich nach dem Kennenlernen fotografiert habe. 🙈🤐

Hier noch etwas mehr Verlagstext:

"Marc-Uwe lebt mit einem Känguru zusammen. Das Känguru ist Kommunist und steht total auf Nirvana. Marc-Uwe ist ein Kleinkünstler, der nicht Kleinkünstler genannt werden möchte. Eine klassische Kreuzberger Wohngemeinschaft, in der die großen Fragen ausdiskutiert werden: Ist das Liegen in einer Hängematte schon passiver Widerstand? Könnte man die Essenz des Hegel´schen Gesamtwerkes in eine SMS packen? War das Känguru wirklich beim Vietcong? Wieso ist es schnapspralinensüchtig? Und wer ist besser - Bud Spancer oder Terence Hill?"

#lesesommer #marcuwekling #ullstein #känguruhchroniken #zeitgeist #berlin #wg #texte #humor #lesen #leselust #bücher #literatur #catsandbooks

Sonntag, 5. Mai 2019

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster



„Als Sandra Anfang der Siebziger geboren wurde, war es Mode, den Kindern kurze Namen zu geben. Leicht auszusprechen, unprätentiös.“ (Seite 5)

Ich folge ja eher selten einem Lektüreplan und greife mir meist, was mich unmittelbar anspricht. Manchmal wird man als Leser*in ja aber auch vom Buch ausgesucht. Ich vermute, ihr wisst, was ich meine.

Nachdem ich gerade noch viele Seiten lang mit Elena Ferrante in Neapel zugebracht hatte, immer irgendwie mit so einem atmosphärischen Gefühl, wie in einem Film aus den Fünfzigern, der in Süditalien spielt, und bei dem die Bilder so eine warme, leicht verwaschene Patina zu haben scheinen, drängelte sich dieser Roman von Anke Stelling in der Lesereihe ganz nach vorn. Das gab eine echt harte Landung in Berlin, im Prenzlauer Berg, quasi in der Nachbarschaft.

Die ersten Seiten von Sandras Bericht waren eine echte Herausforderung, was ich aber gern auf den Kontrast zwischen den beiden Lesewelten schiebe. Plötzlich war nichts mehr verspielt, Gefühle, auch die schweren, kamen nicht mehr so leichtfüßig daher, das Klima war – in jeder Hinsicht – so ungleich rauer als im Neapel von Elena Ferrante.

Sandras Geschichte also. Sandra ist offenbar wenig älter als ich, hat zwei Kinder und einen Mann. Gemeinsam leben sie in einem Mehrgenerationenhaus in Berlin, dass sie mit anderen Familien als großes Gemeinschaftsprojekt gebaut haben. Es hat bodentiefe Fenster, was für die Offenheit stehen sollte, mit der diese Gemeinschaft sich der Welt und eben auch sich selbst präsentiert. So ein echtes „Gutmenschenprojekt“ eben.

Sandras Geschichte ist aber eigentlich gar nicht so recht eine Geschichte, vielmehr eine langes Sinnieren, Lamentieren, Reflektieren und Leiden – während im Grunde kaum etwas passiert, also handlungstechnisch.

Es gibt Treffen mit Freundinnen, Gemeinschaftsaktivitäten im Haus, der Jüngste muss in die Kita gebracht werden und alles steuert ziemlich unvermeidlich auf einen Burnout zu. Wenn ich das gerade selbst noch einmal so lese, merke ich, wie nervig ich Sandras Bericht beim Lesen fand. Ich meine das aber durchaus in einem literarisch guten Sinne. Und ich versuche das zu erklären.

Sandras Mutter dürfte in etwa zu der Generation gehören wie auch Elena in Neapel. Sie hat viel auf sich genommen, um mit Bildung und Haltung der miefig-patriarchalen Welt der Nachkriegszeit und der Aufbaujahre zu entkommen. Ihren Kindern ein anderes Aufwachsen zu ermöglichen, mit Kinderladen und Co, war Teil ihrer eigenen Emanzipation. Mutter zu sein, wie sie es verstand und lebte, war aber zugleich anscheinend das, was sich nicht emanzipatorischer leben und ausfüllen ließ. Selbstaufopferung, damit die Kinder es mal besser haben und besser machen, dieses irgendwie grundkonservative Motto bestimmte dann eben doch ihr Leben.

Es bestimmt aber eben auch Sandras Leben, deren Bericht eine lange Frage ist, was dieses „besser haben“ denn eigentlich sein und wie das gehen soll. Der Burnout ist das anscheinend unausweichliche Scheitern an dieser Mitgift ihrer Mutter.

Beim Lesen drängte sich mir unweigerlich der rote Faden auf, der sich durch meine ja eigentlich zufällige Lektürefolge schlängelte. Hier Elena, die durch Bildung entdecken kann, wie weit sie sich aus den engen Küchen ihres Viertels, dem üblichen Platz für die Frauen, befreien kann. Die aber auch die Grenzen zu spüren bekommt, die ihre Herkunft ihr zieht. Auf der anderen Seite Sandra, die ihre Tochter sein könnte und im Berlin der Jetztzeit eigentlich alles ganz selbstverständlich im Gepäck hat, was sich Elena erst erarbeiten, erkämpfen musste. Sandra bräuchte das Erbe nur anzutreten und es eben besser machen und das „es besser haben“ zu genießen.

Sandras Problem ist, dass ihr genau das nicht gelingt. Und Anke Stellings Text seziert diese eigentliche Nichthandlung Stück für Stück. Der unangenehme Geschmack beim Lesen kam wenigstens für mich auch dadurch zustande, dass ich keine Frau sein muss, um immerhin so manche Szene deutlich mitfühlen zu können. Als nur ein Beispiel will ich das Plenum des Mehrgenerationenhauses nennen, das ja eigentlich der offene Raum für alle sein sollte. Transparenz, fairer Umgang miteinander, das gemeinsame Ringen um gemeinsame Entscheidungen. Sandra leidet daran, dass da dann doch nur Machtfragen auf der Tagesordnung stehen, und zwar nicht im aufklärerischen, emanzipatorischen Sinn.

Überrascht hat mich, dass der Spielraum für die Eroberung gesellschaftlichen Raums für Elena so viel größer wirkt als der von Sandra, die viel mehr gefangen scheint zwischen Kita, Haushalt und Freundinnen, die alle irgendwie auch nur die besseren Mütter und Frauen sein wollen. Was bleibt also von dem: Du sollst es mal besser haben und es besser machen?

Der Roman von Anke Stelling ließ mich da mit vielen Fragen zurück, zum Glück. Er war, glaube ich, auch nicht dazu gedacht, die Antworten gleich mal mitzuliefern. Geschlechtergerechtigkeit ist ganz offenbar keine Sache von nur zwei Generationen, wenn sie mehr sein soll als formale Quoten, wenn sie das „es besser haben“ wirklich lebbar machen will. Offen scheint mir auch die Frage zu sein, auf welche Siege die Töchtergeneration verlassen kann, und welche Kämpfe sie möglicherweise auch selbst noch einmal ausfechten muss.

Kurz und gut: „Klar und unerbittlich, witzig und ironisch“ steht auf dem Backcover, und das ist nicht übertrieben. Dass der Roman auch derbe in die Magengrube boxt, füge ich anerkennend an. Lesen!

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Montag, 11. März 2019

Norbert Frei/ Franka Maubach/ Christina Morina/ Maik Tändler: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus



"Nationalismus, Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit haben Konjunktur. Doch viele der heute verbreiteten Parolen sind alles andere als neu. Sie haben eine Vorgeschichte, die kennen muss, wer ihnen entgegentreten will. Dieses Buch legt Kontinuitäten rechten Denkens und rechter Mobilisierung in Deutschland seit 1945 und 1989/90 frei - und verdeutlicht so, was auf dem Spiel steht: das demokratische Selbstverständnis und die liberale politische Kultur der Bundesrepublik." (Umschlagtext)

Ein Auszug aus dem Buch in den "Blättern für deutsche und internationale Politik" machte mich aufmerksam und neugierig auf diese Neuerscheinung. Und eine hoffentlich brauchbare historische Studie hat noch nie geschadet. ^^

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Mittwoch, 28. November 2018

Ulrike Guérot: Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde



"Europa steckt tief in der Krise. Die von den Rechtspopulisten angestrebte Rückkehr zu nationalstaatlicher Konkurrenz kann nicht die Lösung sein. Ulrike Guérot plädiert für einen radikalen Neuanfang: Dem gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Währung muss endlich eine gemeinsame europäische Demokratie folgen. Nur so können wir das weltoffene Europa bewahren, das die Mehrheit der Europäer nach wie vor will." (Umschlagtext)

Ok ok, diese Streitschrift ist aus dem letzten Jahr, und Streitschriften sind ja aktuelle Einlassungen. Es kann aber auch spannend sein, mit etwas Abstand zu lesen und mit der tatsächlichen Entwicklung abzugleichen, was zuvor argumentiert wurde. ^^

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Mittwoch, 18. Juli 2018

Marc-Uwe Kling: QualityLand



„Nun reist du also zum ersten Mal in deinem Leben nach QualityLand. Bist du schon aufgeregt? Ja? Aus gutem Grund! Denn bald betrittst du das Land, das so wichtig ist, dass mit seiner Gründung eine neue Zeitrechnung begann: die QualityTime.“ (Seite 9)

Und da in QualityLand gut natürlich nicht gut genug ist, liegt hier vor mir die beste Satire über eine Zukunft, die so nah ist, dass sie schon längst angebrochen ist.

Marc-Uwe Kling muss sich gar nicht so viel neu ausdenken, um ein Bild der nahen Zukunft zu entwerfen. Arbeit wird immer mehr automatisiert, der Mensch kann sich dagegen ganz auf das Konsumieren konzentrieren. Dass alles und jede immer und überall vermessen, gewogen und kategorisiert wird, ist folgerichtig – dient aber natürlich nicht nur der vorauseilenden Befriedigung der Wünsche, die die Konsumenten selbst noch gar nicht ahnen. Geld lässt sich so offenbar soviel machen, dass das System sich selbst immer wieder bestätigt und die Einteilung der Menschen nach Rängen sich wunderbar von Mal zu Mal reproduziert.

Zwei Ereignisse erschüttern die bunte, digitale Welt von QualityLand. Peter Arbeitsloser bekommt per Drohne einen Delfindildo geliefert. Dass Drohnen ungefragt andauernd etwas liefern, was nach statistischen Berechnungen ihres Profils in ihnen schlummernde Bedürfnisse befriedigt, das ist Alltag in QualityLand. Peter aber mag sich so gar nicht mit dem Delfindildo anfreunden und stößt auf einen Fehler im System.

Das zweite Ereignis ist, dass die Fortschrittspartei zur anstehenden Präsidentschaftswahl einen Roboter mit Superintelligenz als Kandidaten präsentiert, was die Maschinenstürmer auf den Plan ruft, als hätte es die letzten 200 Jahre nicht gegeben.

Ach, ich will eigentlich lieber nicht so viel von der gar vergnüglichen Lesereise verraten, die der Roman bereithält. Aber loben will ich noch ein wenig: Zum einen die Ausstattung und Gestaltung des Buches, das obendrein auch noch in zwei unterschiedlichen Umschlagfarben aufgelegt wurde. Zum anderen hab ich mich wunderbar über Klings Humor und die grandiose Detailverliebtheit gefreut, mit der in dieser Zukunftssatire so vieles aus unserem Alltag als mahnende Anspielung untergebracht oder in logischer Konsequenz weiter gesponnen wurde.

Ich habe immer noch keine Ahnung, ob ich mit den allenthalben so gelobten Känguru-Chroniken nun wirklich etwas verpasst habe. Diesen satirischen Roman zu verpassen konnte ich aber zum Glück vermeiden. 😉

Kurz und gut: Perfekt für ein Sommerwochenende in der Hängematte! Wenn der Roman nicht in kürzester Zeit verfilmt wird, soll mich der Schlag treffen! 😉

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Montag, 16. Juli 2018

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise



"Seine Großeltern versuchten, mit Fleiß und Mobilität der Armut zu entkommen und sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Doch letztlich war alles vergebens. J.D. Vance erzählt die Geschichte seiner Familie - eine Geschichte vom gescheiterten Aufstieg und von der Resignation einer ganzen Bevölkerungsschicht. Sein Buch bewegte Millionen von Lesern in den USA und erklärt nicht zuletzt den Wahltriumph eines Donald Trump." (Umschlagtext)

Autobiografisches, um gesellschaftliche Phänomene, politische Entwicklungen und gleich ein ganzes Land zu erklären - das ist ja wieder schwer in Mode. Neugierig bin ich aber doch. 😉

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Mittwoch, 13. Juni 2018

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster



"Sandra hat Angst, wie ihre Mutter zu werden. Nichts zu ändern, einfach nur vor sich hin zu leben. Dabei sollte Sandras Generation alles besser machen. Bewusst leben, die Umwelt schützen, die Welt verbessern. Doch Sandra ist müde: Die basisdemokratische Kommunikation in ihrem Mehrgenerationenhaus geht ins Leere, ihre Freundinnen wetteifern immer nur darum, welche den Kindern das gesündeste Bio-Essen vorsetzt. so hat sie sich das mit der besseren Welt nicht vorgestellt." (Umschlagtext)

Das klingt doch deutlich nach einem Roman aus Pankow oder dem Prenzlberg. Vielleicht reicht das Bild aber tatsächlich sehr viel weiter ... das verspricht wenigstens der Verlagstext. ;)

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