Freitag, 16. Dezember 2016
Joost Zwagerman: Duell
Bücher - einmal im Haus sind sie einfach überall!
"Was passiert, wenn die Faust des Museumsdirektors ein 30 Millionen Euro teures Gemälde durchschlägt?" (Umschlagtext)
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Mittwoch, 14. Dezember 2016
Michael Schröter: Ein Häring unter Haien. Eene Kriminaljeschichte aus Berlin
„Na dit wird een Fest.“
Mäcke Häring ist Privatdetektiv, aber kein besonders
erfolgreicher. Dafür ist er ein grandioser Stadtführer durch das schrullige,
aufgewühlte, unfreundlich-herzliche Berlin der 20er Jahre. Dass er Frauen,
Musik und Alkohol deutlich zugetan ist, brauche ich wohl nicht extra zu
erwähnen. Irgendwie versteht sich das nahezu von selbst. ^^
In famos quirligem Stil zeigt uns Zeichner Michael Schröter
Stadt und Leute von ihrer ruppigsten und zugleich lebensfrohen Seite. Kein
gleichmäßiges Raster bändigt das unbändig Chaotische, das diese Stadt in diesen
Jahren ausgestrahlt haben muss. Der Verzicht auf eine farbenfrohe Kolorierung lässt
all die lässig komponierten Details umso eindrücklicher ins Auge springen.
Schröter verzichtet auf herkömmliche Sprechblasen und
platziert die Texte mal in Kästchen, mal in freien Blöcken. An der einen oder
anderen Stelle ist mir das dann etwas zu viel. Auch wenn es dem Comic nicht
wirklich schadet.
Mäcke Häring ist Berliner und klingt auch so. Etliche Stellen
hab ich mir selbst laut vorgelesen, um diesen eigentlich irgendwie fiesen
Dialekt als Sound über die Bilder zu legen. Das war überaus vergnüglich.
Jelacht hab ick, un zwar schallend. J
Dass ich die Zeichnungen grandios finde und die Atmosphäre
wirklich gut getroffen, ist die eine Sache. Unentschieden bin ich, ob Mäcke
Häring das Zeug hat, mehr als nur so ein Lokal-Comic zu sein. Detailverliebt,
atmosphärig, schrullig – aber ohne großen Anschluss darüber hinaus?
Zum Glück gibt es ja noch mehr Bände, dieses selbstverlegten
Comics. Ich werde also noch weiter Gelegenheit haben, der Frage nachzugehen,
und mich dabei köstlich unterhalten zu lassen. ^^
Dienstag, 13. Dezember 2016
César Aira: Der Literaturkongress
„Bei einer Reise, die mich kürzlich nach Venezuela führte,
hatte ich Gelegenheit, den berühmten ‚Faden von Macuto‘ zu bestaunen, eines der
Wunder der Neuen Welt, Erbstück von namenlosen Piraten, touristische Attraktion
und ungelöstes Rätsel.“ (Seite 7)
Dieser Faden hängt in der Luft und führt vom Festland auf
das Meer hinaus, wo er in der Tiefe verschwindet. Und niemandem gelang es
bisher zu bergen, was den Faden auf dem Meeresgrund beschwert. Achtung,
Auftritt von César, dem erfolglosen Schriftsteller.
Ihm gelingt es endlich, das Rätsel zu lösen. Die Belohnung
sorgt dafür, dass César, der des Nachts zum genialischen Wissenschaftler
mutiert, sich umso mehr seinem eigentlichen Projekt widmen kann – der Erringung
der Weltherrschaft. Als Instrument dazu benötigt er einen weltweisen,
charismatischen Führer. Das dies nur Carlos Fuentes, der mexikanische
Autoren-Heroe sein kann, liegt natürlich
auf der Hand und damit auch der teuflisch einfache Plan, Carlos Fuentes anlässlich
eines Literaturkongresses seiner DNA zu berauben und zu klonen.
Also ich glaube dem Autor jedes Wort. Vollkommen plausibel
und natürlich ironiefrei gleitet die Handlung in eine surreale Realität, in der
mich auch nicht mehr wundern würde, wenn walgroße, wabbelnde Krawatten sich aus
den Bergen auf eine Stadt stürzen würden. Ehrlich.
In einem eigens durchgeführten Feldexperiment konnte ich
nachweisen, dass einer von zwei Lesern sich grandios amüsierte und einhundert
Seiten lang vor sich hin kicherte. Das sind sagenhafte 50 Prozent, die sich, da
hege ich keinen Zweifel, noch unermesslich steigern ließen.
César Aira ist eine meiner persönlichen literarischen Entdeckungen
des Jahres!
Montag, 12. Dezember 2016
Michelle_Tea: Valencia
Valencia - vor der Tür knarzte nasenkneifende Kälte als mir auf der Verlagsschau queerer Verlage dieser Band ins Auge sprang. Aus verständlichen Gründen assoziierte ich also sofort Sonnenwärme ausatmende Nächte unter spanischem Himmel.
Tatsächlich entführt der Roman in die Wüste Arizonas und in das San Francisco der frühen 90er Jahre. Liebe, Riot Grrrls und die beginnende queer-lesbische Subkultur der Stadt liefern den Hintergrund für diesen Roman.
Also Heizung aufdrehen, Kissen zurecht rücken, kurz der spärlichen Herbstsonne zublinzeln und losgeschmökert. ^^
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Sonntag, 11. Dezember 2016
Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969
Also ich mache heute ausschließlich Sonntag! Dazu begrüße ich ganz herzlich diese "literarische Wundertüte" auf dem Küchenbüfet und hebe einen Kaffee auf Frank Witzels kleine Zeitreise. ^^
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Mittwoch, 7. Dezember 2016
Francois Durpaire/ Farid Boudjellal: Die Präsidentin
„Die Gefahr, die von einem endgültigen Sieg der extremen
Rechten ausgeht, betrifft nicht nur Frankreich, sondern eine Reihe von
europäischen Ländern, die der Welle des neuen Nationalismus zum Opfer zu fallen
drohen.“ (Vorwort, Seite 2)
Ausdrücklich auch in Reaktion auf den kontroversen Erfolg von
Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ schrieb der Historiker Francois Durpaire das
Skript für diesen Comic. Wie auch bei Houellebecq ist der Ausgangspunkt die Präsidentschaftswahl
in Frankreich – dieses Mal die im Mai 2017 bevorstehende.
Mit 50,41% siegt die Führerin des rechtsextremen Front
National (FN) knapp gegen den sozialistischen Amtsinhaber Francois Hollande.
Der Comic entwickelt anhand des realen Programms des FN, die Geschichte der
ersten Maßnahmen der neuen Präsidentin und deren Auswirkungen auf das Land.
Begleitet von Protesten wird der massenmediale Wind kälter
und schärfer. Akteure der Extremen Rechten bekommen nun Platz auf der großen
Bühne. Der Euro wird abgeschafft, der Franc wieder eingeführt. Unzählige
Menschen ohne gesicherten Aufenthaltstitel werden als Illegale diffamiert und
mit zunehmen rabiateren Methoden außer Landes geschafft. Der zur Abwehr des
Terrorismus ausgebaute Sicherheitsapparat wird mehr und mehr zur Überwachung
der gesamten französischen Gesellschaft umfunktioniert.
Gegenpart zur Präsidentin Le Pen ist eine kleine Gruppe
Widerständiger, die sich um die 90jährige, ehemalige Kämpferin der Resistance,
Antoinette Giraud, scharen. Sie stehen für das aufgeklärte, progressive
Frankreich, dass sich in Teilen vom öffentlichen Leben zurückzieht aber auch
aufbegehrt und sich nicht dem neuen Regime andient.
Der Comic versteht sich selbst als Warnung, aufklärende Intervention
und Kommentar zur aktuellen Situation – nicht nur in Frankreich. Damit liegt
nahe, dass er vermutlich eher nicht als großes Comic-Werk in die
Geschichtsbücher eingehen wird. Als weiteren Anlass zur Diskussion und
Auseinandersetzung mit der Welt um uns herum ist er dagegen bestens geeignet.
Da es im Mittelpunkt um das konsequente Anwenden der vorliegenden und
nachlesbaren Forderungen des FN auf die Realität geht und eben nicht darum, das
Führungspersonal vorzuführen, lässt sich diesem Werk nicht vorwerfen, reine
Propaganda zu sein.
Der Zeichenstil von Farid Boudjellal, die immer wieder
eingebauten Collagen und die fotoartigen Hintergründe sorgen für eine zwar
düstere aber eben auch angemessen distanzierte Atmosphäre. Hier soll bewusst
nicht auf Skandalisierung gesetzt werden.
Alles in allem ist „Die Präsidentin“ für meinen Geschmack
ein gelungener Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte. Auch das kann Comic.
Dienstag, 6. Dezember 2016
Jule Jakob Govrin: Sex, Gott und Kapital. Michel Houellebecqs Unterwerfung zwischen neoreaktionärer Rhetorik und postsäkularen Politiken
„In der spätkapitalistischen Krise des Begehrens schlägt der
libidinöse Leistungszwang in Lustlosigkeit um. Der Glaube an die Verheißungen
der sexuellen Liberalisierung erscheint zerrüttet. Was verbleibt ist
allumfassende Sinnleere. Dieses Narrativ findet sich im Werk Michel
Houellebecqs.“ (Seite 5)
Die Frage, warum sie den Roman nicht einfach nur als Roman
liest, beantwortet die junge Philosophin, Queertheoretikerin und
Literaturwissenschaftlerin mit dem Verweis auf die Wirkkraft des Werkes, das in
Frankreich just an dem Tag erschien, als im Januar 2015 von islamistischen
Terroristen der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo verübt wurde.
Es reiht sich ein in einen Diskurs, der in Frankreich von
den Neuen Philosophen zu den Neuen Rechten führte, vor dem Hintergrund so
gesellschaftspolitischer Großereignisse wie der Massenproteste gegen die
Homo-Ehe. Nicht zuletzt sorgt der Autor selbst immer wieder für Skandale mit
Äußerungen, die mit Ressentiments spielen und sein Werk aus der reinen Kunst,
die nichts anderes sein will, herausstellen.
Auf knapp 90 Seiten stellt Jule Jakob Govrin viele Bezüge
her, ordnet ein und sortiert – parteiisch, wie sie gleich zu Beginn ihrer
Studie selbst schreibt. Als Leser, der nicht viel Ahnung von den in Frankreich
laufenden Diskursen hat, entsteht für mich ein beängstigendes Bild der
Nachbarrepublik.
Automatisch muss ich an das gesellschaftliche Klima in
Deutschland denken. Wie oft werden auch hier wieder Nation und Familie bemüht,
die dann natürlich ausschließlich heteronormativ gedacht wird – als Angstreaktion
auf ankommende Flüchtlinge. Jeder Vorfall, jede Straftat mit Beteiligung von
geflüchteten Menschen gerät zum Beleg dafür, „dass die ja so sind“. Noch der
letzte Sexist meint, er könne nun Rumpöbeln und brennende Flüchtlingsunterkünfte
mit der Rettung der emanzipierten, deutschen Frau rechtfertigen. Obwohl, und
die persönliche Bemerkung will ich mir nicht verkneifen, reichlich klar und
offen zutage liegt, wer den Hass der Wutbürger_innen abbekommen wird, wenn die
Grenzen nur mal dicht wären und keine Menschen mehr zu uns flüchten könnten.
Govrins Studie ist – das liegt in der Natur der Sache –
keine ganz leichte Lektüre. Ich will sie aber gern allen ans Herz legen, die
nach dem Zuklappen von Houellebecqs Roman das Buch noch nicht ganz weglegen
können. Lest, geht mit offenen Augen durch die Welt und disktutiert mit anderen
darüber!
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