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Samstag, 14. März 2026

Indiebookday 2026


 Dank Wolfram gibt es in diesem Jahr noch viel mehr gute Gründe genau heute Bücher von unabhängigen Verlagen in der unabhängigen Buchhandlung eures Vertrauens zu kaufen. 

😜

Und ich hoffe sehr, dass von der #lbm26 in der nächsten Woche noch sehr viel mehr rote Karten in Richtung Kanzleramt gezeigt werden! ✊

#lesewinter #indiebookday26 #roman #sachbuch #matthesseitzberlin #memoranda #lesen #leselust #leseratte #bücher #literatur

Montag, 21. Juli 2025

Alain Damasio: Die Horde im Gegenwind


„Eine leere Welt, in der tagein, tagaus der Sturm tost. Ohne Unterlass weht der Wind, und stets in dieselbe Richtung: von Fernstromauf nach Fernstromab. Immer wieder werden speziell ausgebildete Gruppen – genannt ‚Horden‘ – losgeschickt, um stromaufwärts gegen den Wind zu gehen, immer weiter, bis zu seinem Ursprung, um die alles überschattende Frage zu beantworten: Woher weht der Wind? Und warum? Was ist da oben, in den unwegsamen Gebieten, die ‚Fernstromauf‘ genannt werden? Dreiunddreißig Horden sind bislang verschollen, umgekommen oder entmutigt am Wegesrand sesshaft geworden. Doch die vierunddreißigste Horde ist fest entschlossen, die letzte zu sein, die Geschichte vom Wind zu Ende zu schreiben.

Eine Abenteuergeschichte, wie es sie noch nie gegeben hat – am Ende wird es viele Antworten geben. Doch passen sie zu den Fragen?“ (Umschlagtext)

Ein gutes Jahr bin ich jetzt um diesen Band herumgeschlichen. Das ist mal wieder ein feines Beispiel dafür, wie ein Cover, eine kurze Beschreibung und der richtige Moment sagen: Du liebe:r Leser:in bist jetzt mein! 😉

Na gut, ich weiß natürlich nicht, ob ich es mich dann beim Lesen auch so kriegt. Aber ich bin guter Dinge und sehr gespannt darauf. Und – Büchergutscheine sind schon auch was Feines! 😊

(Übersetzung: Milena Adam)

#lesesommer #roman #alaindamasio #matthesseitz #dystopie #leere #wissen #neugier #überleben #menschheit #lesen #leselust #leseratte #bücher #literatur

Sonntag, 26. Januar 2025

Irina Rastorgueva: Pop-Up-Propaganda. Epikrise der russischen Selbstvergiftung


“Propaganda hat das 20. Jahrhundert geprägt, noch jedes autoritäre Regime war bis zu seinem Ende auf sie angewiesen, und auch der moderne Westen ist vor ihr nicht gefeit. Wie Propaganda im Hier und Jetzt funktioniert, zeigt besonders deutlich Putins Russland: Ein planmäßiger Wahnsinn überzieht das Land. Irina Rastorgueva reicht uns den Schlüssel, um ihn zu dechiffrieren.” (Umschlagtext)

Seit einigen Jahren reiben wir sehr aufgeklärten Menschen im Westen uns verwundert die Augen und fragen uns, was denn mit unserer faktenbasierten Welt jenseits der Ideologien passiert sei. Fassungslos schauten wir nach Ungarn, nach Polen, in Richtung der USA und eben auch nach Russland. Mit #noafd und BSW traten selbst im eigenen Haus Kräfte auf den Plan, die sich populistischer Propaganda bedienen, wie wir sie sonst nur mit autoritären Regimes in Verbindung bringen – und sind erfolgreich.

Fake News und Co bestimmen nun schon etliche Jahre auch unsere Debatten. Aber nichts scheint diesem gesellschaftlichen Giftcocktail gewachsen zu sein. Eine redaktionelle Gesellschaft, wie sie zum Beispiel von #Correctiv gefordert wird, spricht sicher ganz viel Richtiges an.

Neben genauen und präzisen Analysen dessen, was autoritär gestimmte Propagandisten da genau veranstalten, wie es wirkt und was dagegen helfen könnte, lohnt sich ganz sicher auch ein kritischer Blick auf unsere eigenen Gesellschaften, deren Immunität sehr viel geringer auszufallen scheint, als wir uns bisher erfolgreich eingeredet haben.

Ich bin sehr gespannt, was sich aus diesem Blick auf Russland schließen lässt.

„Während innerhalb Russlands das Verbot kritischer Medien und die Gleichschaltung der verstaatlichten Sender eine geradezu karikaturhafte Erzählung über traditionelle Werte und die Notwendigkeit der ‚Militärischen Spezialoperation‘ hervorbringen, führen sorgfältig geplante Aktionen im Rest der Welt zur Destabilisierung demokratischer Gesellschaften. Putins Propagandamaschine erzeugt ein toxisches Amalgam religiöser, pseudowissenschaftlicher und nationalistischer Ideen, bedient sich der Esoterik und einer auf Wortneuschöpfungen basierenden Sprache – und zielt mit der Bildkultur der sozialen Medien nicht mehr nur auf den Intellekt, sondern rückhaltlos auf Emotionen und die niedersten Instinkte.

In unverwechselbarem Ton, so präzise wie ironisch, zeigt Irina Rastorgueva in einer Montage aus Zeitungsfundstücken und unabhängigen Berichten, aus der eigenen Erfahrung genauso wie aus der Analyse kremlkritischer und russlandtreuer Autoren und Medien das Wirken der russischen Propaganda als Mittel der Selbstvergiftung eines ganzen Landes.“ (Klappentext)

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Samstag, 28. Januar 2023

Andreas Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen


„In diesem mitreißenden Manifest fordert Andreas Malm nichts weniger als die Eskalation: Wir müssen den Verbrauch fossiler Brennstoffe zum Stillstand bringen – durch unser Handeln, mit unseren Körpern, mit allem, was uns zur Verfügung steht. Können Sabotage und die Zerstörung von Eigentum und Infrastruktur gerechtfertigte Mittel sein, um den Druck auf die Machthabenden zu erhöhen, die dringend notwendigen Veränderungen endlich einzuleiten? Unsere Welt steht schon längst in Flammen, nun gilt es, für sie kämpfen zu lernen.“ (Umschlagtext)

Ich empfinde die Verdrehung von Begriffen wie den des „Klimaterroristen“ zunehmend als populistisch überwältigend, Fakten verweigernd, verdrehend und zugleich verharmlosend in die Richtung derer, die tatsächlich als Terroristen gelten müssen. Dieses Stimmungmachen nehme ich als deutlich gefährlicher wahr als die Aktionen von Klimaaktivisten. Zugleich finde ich die Debatte darüber, wie ein Kampf fürs Klima aussehen kann, darf und auch soll für absolut überfällig.

Ich weiß nicht genau, ob und wie dieser Text verzahnt ist mit den Aktionen der „Letzten Generation“ zum Beispiel, die in den letzten Monaten immer wieder durchgeführt wurden. Aber ich bin gespannt darauf, diesen Text zu entdecken.

„Müssen wir Gewalt anwenden, um unsere Zukunft zu retten? Eine brisante Streitschrift.

Die wissenschaftlichen Fakten bezüglich der Klimakrise, die Daten, die das Massenaussterben und die Erderwärmung beziffern, liegen auf dem Tisch, an dem führende Politikerinnen und Politiker regelmäßig zusammenkommen, um Klimaziele zu vereinbaren. Auf den Straßen vor den Tagungshotels und Regierungspalästen protestieren nicht erst seit gestern immer mehr Men­schen. Sie starten Petitionskampagnen und sammeln Unterschriften. Trotz­dem haben wir es mit einer nach wie vor boomenden Industrie für fossile Brennstoffe zu tun, die Gewinne steigen kontinuierlich. Ist es also an der Zeit, das kaputt zu machen, was uns kaputt machen wird? In diesem mitreißen­den Manifest fordert Andreas Malm nichts weniger als die Eskalation: Wir müssen die Förderung fossiler Brennstoffe zum Stillstand bringen – mit unserem Handeln, unseren Körpern, mit allem, was uns zur Verfügung steht. In seiner historisch fundierten Lesart der Geschichte erfolgreicher sozialer Bewegungen – für das Frauenwahlrecht, gegen die Apartheid – zeigt Andreas Malm, dass jeder dieser Kämpfe Grenzen überschritten hat: Eigentum wurde zerstört, Infrastruktur angegriffen. Nur so konnte der notwendige Druck aufgebaut werden, um Veränderung voranzutreiben. Mit der Leidenschaft eines Aktivisten und dem Wissen eines Forschers diskutiert Andreas Malm das Spannungsfeld zwischen Gewaltfreiheit und direkter Aktion, Strategie und Taktik, Demokratie und sozialer Veränderung. Und zeigt uns, wie wir in einer Welt kämpfen können, die längst in Flammen steht.“ (Verlagstext)

(Übersetzung: David Frühauf)

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Dienstag, 8. November 2022

Viktor Jerofejew: Der gute Stalin


„Aufgewachsen in nächster Nähe zur Macht, erlebte Viktor Jerofejew die letzten Jahre Stalins, zu dessen Hofstaat sein Vater gehörte. Aus dieser Perspektive erzählt Jerofejew in seinem mitreißenden autobiografischen Roman die Weltgeschichte des Kalten Kriegs aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive. Zwischen der glücklichen Kindheit in einem goldenen Käfig und der Aufmüpfigkeit des werdenden Dissidenten erzählt Jerofejew provozierend ehrlich von seiner Geburt als Schriftsteller, aber auch vom Fall seines Vaters, den er zu verschulden hatte, und liefert eine liebevoll-kritische Hommage an einen Homo sowjeticus.“ (Umschlagtext)

Geschichte werden wir nicht einfach los – egal, was im Hier und Heute sich an Gegenwart ereignet - aller Brüche, Kehrtwenden und Aktenlücken und was auch immer zum Trotz. Darum bleibt Erinnerung lebenswichtig, auch in Form von literarischen Texten.

(Übersetzung: Beate Rausch)

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Donnerstag, 2. Januar 2020

Dietmar Dath: Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine



"Dietmar Daths umfassende Theoriegeschichte und persönliche Genreerkundung der Science Fiction stellt eine Einladung an alle dar, spekulative Literatur als essenziell für unsere Perspektive auf die Zukunft zu begreifen. Science Fiction ist nicht Eskapismus angesichts der Schieflagen in unserer Gegenwart, ihr Boom ist Ausdruck des Hungers nach Möglichkeiten, die Welt anders zu denken. Wer die Zukunft erkunden will, muss die Geschichte der Zukunftsvisionen entdecken." (Umschlagtext)

Der MM sagt, das ist kein Weihnachtsgeschenk sondern ein Einfach-so-Geschenk, weil er sich sicher sei, dass es mich interessieren würde. Ach du! 🥰😘

Jetzt wird mich der MM also längere Zeit mit dem Dietmar teilen müssen. Selbst Schuld. 🤓🤷‍♂️😜

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Freitag, 5. Oktober 2018

Frank Witzel: Vondenloh



"Frank Witzels hinreißend komischer Roman über Leben und Werk der Schriftstellerin Bettine Vondenloh ist Literaturbetriebskrimi ebenso wie skurrile Dorfgeschichte: Ein gigantischer Wal beginnt darin gehörig zu stinken, die Psychoanalytiker Jacques Lacan und Wilhelm Reich entkommen knapp einem gefährlichen Sturz, eine riesige Wachsstatue Himmlers offenbart ihr Innenleben und der Erzähler kommt in Verdacht, ein Verhältnis mit der in die Jahre gekommenen Schriftstellerin gehabt zu haben. Am Ende wissen wir zwar nich mehr als zuvor, aber sind um einiges klüger." (Umschlagtext)

Frank Witzel geht ja irgendwie bedenkenlos. Matthes & Seitz sind sowieso cool. Und die neue Paperbackreihe wollte ich mir ohnehin anschauen. Voila!  Fehlt nur noch ein langes und freies Wochenende ... ähem ... ^^

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Freitag, 23. März 2018

César Aira: Die Schneiderin und der Wind



"Es war einmal in Colonel Pringles, jenem mythischen Städtchens César Airas: Dort lebte eine Näherin ohne Geschmack, aber von unendlicher Fingerfertigkeit. Wie viele andere Frauen in Pringles hatte sie einen einzigen Sohn. Eines Tages glaubt sie ihm entführt und nach Patagonien verschleppt. Sie rafft das Brautkleid zusammen, das sie noch schnell für die örtliche Kunstlehrerin nähen sollte, springt in ein Taxi und folgt ihrem Sohn in wilder Jagd. Als ihr Mann davon erfährt, entschließt er sich, ihr zu folgen, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Unterwegs verliebt sich ein Wirbelwind in die Näherin und offenbart sich ihr irgendwo am Ende der Welt. Er verspricht ihr, (fast) all ihre Wünsche zu erfüllen." (Klappentext)

Matthes & Seitz machen weiter mit der ganz wunderbaren Bibliothek César Aira. Und jedes Jahr kaufe ich in Leipzig einen Band. 😉

Mitbringsel #4 von der #lbm18 😍

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Montag, 18. September 2017

Marie-Luise Scherer: Der Akkordeonspieler



"Die wahre Geschichte eines in der Berliner U-Bahn spielenden Musikers aus der Ukraine, der mit dem wenigen Geld, das ihm die Passanten zuwerfen, seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder in der fernen Heimat ernährt." (Umschlagtext)

Kein Roman, dafür eine literarische Reportage. Sowas lese ich ja sonst irgendwie viel zu selten. Bei der gewohnt schicken Matthes & Seitz Aufmachung fiel mir die Entscheidung in dem Fall aber doch sehr leicht. ^^

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Mittwoch, 24. Mai 2017

Jonathan Littell: In Stücken



An das dicke Ding mit dem Titel "Die Wohlgesinnten" habe ich mich bisher nicht getraut. Aber ich bin fest gewillt, Jonathan Littell mit diesem zarten Band eine erste Chance zu geben.

Ein "rauschhaftes Glanzstück" wird auf dem Umschlag versprochen. Auch ist die Rede von Erotik und Erscheinungen. ;)

Also, willkommen Jonathan Littell. ^^

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Freitag, 28. April 2017

César Aira: Wie ich Nonne wurde



"Meine Geschichte, die Geschichte, 'wie ich Nonne wurde', begann sehr früh in meinem Leben, und zwar kurz nach meinem sechsten Geburtstag." (Umschlagtext)

Ah, Matthes & Seitz machen eine Aira Bibliothek. Da bin ich mit Band 1 doch schonmal dabei. ;)

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Sonntag, 16. April 2017

Hermann Amborn: Das Recht als Hort der Anarchie. Gesellschaften ohne Herrschaft und Staat



„Einmal war bei einer Prügelei zwischen zwei Brüdern der eine der beiden ums Leben gekommen.“ (Seite 9)

Der überlebende Bruder wird beim Oberhaupt des Klans als Mörder angezeigt. Der verurteilt ihn zum Tode. Währenddessen ruft der so Beschuldigte in seinem Versteck Freunde zusammen und erzählt von einem ganz anderen Tathergang. Der tote Bruder habe ihn betrogen und verprügelt und sei dann im Handgemenge einer Verletzung erlegen.

Es wird beschlossen, dass ab sofort ein Gremium solche Vorfälle prüfen und bewerten müsse, um dann eine gemeinsame Lösung zu finden. Der Klanälteste solle nicht länger allein entscheiden und urteilen, sondern vielmehr nur noch das Urteil des Gremiums vollstrecken, dem er auch nicht länger angehören dürfe.

Diese Geschichte stellt der Ethnologe Hermann Amborn seiner Studie über gesellschaftliche Rechtsprechung jenseits eines staatlichen Gewaltmonopols voran. Sie spielt in Südäthiopien vor langer, langer Zeit.

Das klingt für unsere Ohren ja ein wenig nach heiler Welt und lässt uns aufgeklärte Bürger*innen gleich skeptisch schauen. Jede Rechtsprechung, bei der Justitia nicht ihren Auftritt mit verbunden Augen hat, erscheint uns irgendwie zwangsläufig als rückständig – im Guten wie im Schlechten.

Zugleich wachsen wir auf mit der tiefsitzenden Erkenntnis, dass Rechthaben und Rechtbekommen nicht dasselbe ist. Was aber Anderes offenbart dies als ein eigentliches Misstrauen gegenüber unserem eigenen Rechtssystem? Wie blind ist Justitia wirklich, wenn man das System nur gut genug kennen und verstehen muss, um es zu seinen Gunsten auszunutzen – oder sich diese Expertise kaufen kann?

Wenn unser Rechtssystem damit diejenigen begünstigte, die über hinreichend Wissen und Fähigkeiten verfügen, oder über genügend Geld, hätten die ja nun mehr als genug Gründe, dieses System nicht zu verändern. Zugleich dürften sie gerade diejenigen sein, die wenigstens indirekt dieses System beherrschen. Nicht zu vergessen, dass Rechtspfleger*innen jeder Art – Anwälte, Richter*innen etc. – in einem solchen Rechtssystem per se nicht zu den Marginalisierten gehörten.

Wie merkwürdig dürfte ein solches Rechtswesen auf Menschen wirken, die in einer anarchischen Gesellschaft leben, die ihre Angelegenheiten nicht mittels eines Staatswesens organisiert. Nicht das Durchsetzen des Staatswohls stünde für sie im Vordergrund, sondern das harmonische Funktionieren der Gesellschaft selbst. Staatswohl und das Wohl der Gesellschaft fielen in eins; eine Staatselite könnte sich so nur schwer etablieren.

Allen Gedankenspielen zum Trotz würde ich unser Rechtssystem sehr ungern gegen die meisten anderen existierenden Rechtssysteme eintauschen. Überaus spannend und anregend fand ich die Lektüre von Amborns Studie, weil sie ganz unaufgeregt darauf hinweist, dass unsere Realität auch nur eine von vielen ist, dass Gesellschaften sich auch anders entwickelten und dies nicht gleichbedeutend mit Rückständigkeit sein muss. Ganz nebenher rückt Amborn auch das Bild von anarchischen Gesellschaften ein wenig gerade, das eben nicht zwangsläufig Chaos, Willkür und Gewalt bedeuten muss.

Der Band erschien in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ bei Matthes & Seitz, die ich wegen der Auswahl der Titel, dem herrlich ungewöhnlichen Format und der tollen Gestaltung sehr mag.

Kurz: Auch wenn der Stoff sicher nicht jede*n begeistern wird, empfehle ich das Büchlein gern weiter.

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Sonntag, 11. Dezember 2016

Dienstag, 1. November 2016

Hermann Amborn: Das Recht als Hort der Anarchie. Gesellschaften ohne Herrschaft und Staat



Eine Studie über die Möglichkeit des Gelingens von gesellschaftlichem Handeln, Rechtssicherheit und inneren Friedens anhand anarchischer Gemeinschaften in Afrika...

Eines der wunderbaren Dinge, die mir als Leser immer wieder passieren, ist es, dass mich plötzlich Texte förmlich anspringen, deren wie aus dem nichts auftauchende Faszination ich mir nicht erklären kann. Muss ich ja auch gar nicht. Ich kann es einfach geschehen lassen. ^^

Für die Berliner_innen gibt es heute abend übrigens die Chance den Autor bei einer Veranstaltung im Roten Salon der Volksbühne zu erleben. Just saying.

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Mittwoch, 31. August 2016

Michel Butor: Der Zeitplan



„Donnerstag, 1. Mai
Die Lichter wurden zahlreicher.“ (Seite 7)

Beim diesjährigen Indiebook Day stolperte ich über diese Neuauflage von Michel Butors Roman. Der Autor war mir unbekannt, Cover und Klappentext sprachen mich aber sofort an. Erst nach der Lektüre machte ich mich über den Autor schlau und erfuhr, dass ich sein wohl populärstes Buch erwischt hatte, das exemplarisch für den Nouveau Roman als literarische Richtung steht.

Der Nouveau Roman entstand in Frankreich zwischen 1950 und 1970 und verzichtet beim Erzählen auf eine Handlungsorientierung. Figuren, Orte, das Geschehen werden nicht ausgedeutet, ausgeleuchtet sondern schlicht dargestellt. Den Lesern bleibt es überlassen, aus dem Spiel mit Formen und Zeiten Deutungen zu ziehen.

Im „Zeitplan“ reist ein junger Franzose in eine düstere, nordenglische Industriestadt, in der er ein Jahr lang in einer Firma arbeiten wird. Die Stadt ist ihm fremd, die Sprache muss er erst mühsam erlernen. Wie die grau verschmutzten Fassaden bleibt die ganze Atmosphäre der Stadt diffus, wie mit klebrigem Industriestaub verschmiert. Die Menschen erscheinen vor diesem Hintergrund wie Schatten und bleiben nahezu konturlos.

Der Text besteht aus den Tagebucheinträgen von Jaques Revel, dem jungen Franzosen. Mit ihnen versucht er, nachdem seine Zeit in der Stadt schon zur Hälfte vorbei ist, seine Ankunft und sein Leben hier zu rekonstruieren, während ihm sein erzähltes Hier und Jetzt zu engleiten droht. Er will sich erinnern, um seine Angst davor zu bezwingen, sich in dieser Stadt endgültig zu verlieren.

Schreibend versucht er mit seinen Erinnerungen die Gegenwart einzuholen. Je dichter er in seinen Tagebucheinträgen an die erzählerische Jetztzeit herankommt, um so verwobener werden die Zeitebenen. Es verschwimmt immer mehr, was vor Monaten, vor Wochen oder gerade eben erst passiert ist oder womöglich gleich passiert sein wird.

So verstrickt sich Revel in seiner Wahrnehmung der Stadt, seinen Gefühlen zu den wenigen Menschen, die er hier näher kennengelernt hat, und auch in etwas, das er für einen ungelösten Kriminalfall hällt.

Ich muss gestehen, dass die Lektüre ganz sicher keinen Spaß gemacht hat. Vermutlich entspricht dies aber auch genau der Intention dieses literarischen Experiments. Das Recherchieren im Nachgang zum Lesen des Romans hat einiges für mich aufgehellt und erklärt, was ich zunächst nur sehr diffus wahrgenommen hatte. Spannend war es in jedem Fall, mich erst auf den Text einzulassen, und dann erst Hintergründe zum Autor und seinem Werk herauszufinden.

Michel Butor gilt als letzter der Vertreter des Nouveau Roman. Er starb im Alter von 89 Jahren am 24. August 2016.

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