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Sonntag, 19. Juli 2026

Morten Paul (Hrsg.): Was war Faschismustheorie?


„Zu fragen, was Faschismustheorie war, heißt, dem vertrackten Verhältnis von Verstehen und Verhindern nachzugehen. […]“ (Umschlagtext)

Der weltweite Aufstieg von Rechtsautoritären, hierzulande ein Rechtsruck bis weit in die Mitte der Gesellschaft – natürlich haben wir zu reden.

Bei allem „Nie wieder“ bleibt die Frage ja immer noch offen, wie wir als Gesellschaft widerstehen können, was jetzt zu tun ist. Schon die aktuelle Debatte um den neuen Song von Danger Dan „Keine Angst“ weist in die Richtung, die auch dieser Sammelband einschlägt: Wir müssen wissen, womit wir es zu tun haben, damit wir wissen, welche Strategien des Widerstands für die Demokratie helfen können. Und vermutlich braucht es mehr als eine davon.

„Der Faschismus ist zurück – und mit ihm die Frage, wie wir ihn verstehen und bekämpfen können. Das Buch nimmt sich dieser Frage auf besondere Weise an. Es richtet den Blick auf die über hundertjährige Geschichte der Faschismustheorie selbst. Statt hektisch eine weitere Deutung anzubieten, beleuchtet es ihre Kontroversen und Brüche, ihre blinden Flecken und vergessenen Einsichten. An diesen Punkten sind die Theorien der Vergangenheit noch heute besonders produktiv. Zu fragen, was Faschismustheorie war, heißt dann nämlich, dem nicht immer einfachen Verhältnis von Verstehen und Verhindern nachzugehen.
Das Buch ‚Was war Faschismustheorie?‘ richtet sich an alle, die über Faschismus nicht nur reden, sondern herausfinden wollen, wie dieses Reden beschaffen sein muss, um zu einem antifaschistischen zu werden.

Mit Beiträgen von Caroline Adler, Luce deLire, Alex Demirović, Frank Engster, Fernando Esposito, Laura Rivas Gagliardi, Stefan Höhne, Mona Leinung, Martin G. Maier, Maria Muhle, Francesca Raimondi, Yanara Schmacks, Philipp Schönthaler, Cecilia Sebastian, Friederike Sigler, Tatjana Söding und Elena Stingl.“ (Verlagstext)

#lesesommer #sachbuch #mortenpaul #verbrecherverlag #politik #zeitgeschichte #theorie #faschismus #debatte #antifaschismus #fcknzs #niewieder #polbil #trainerlife #lesen #leselust #leseratte #bücher #indiebook

Sonntag, 8. März 2026

Veronika Kracher: Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen

 

„Es ist erschreckend, wie omnipräsent Frauenhass in unserer Gesellschaft nach wie vor ist. Was früher in reißerischen Printmedien stattfand, geschieht heute online und in Echtzeit. Ein breites Publikum beteiligt sich begeistert an Hass und Hetze gegen Frauen. Influencer, deren Content ausschließlich aus Angriffen gegen Frauen und queere Menschen besteht, erreichen auf Sozialen Medien ein Millionenpublikum. Digitale Plattformen unterbinden dies nicht, denn hinter dem Hass steckt oft ein System, das gewinnbringende Klicks generiert.

In ‚Bitch Hunt‘ analysiert Veronika Kracher die Funktion digitaler Misogynie, welche Rolle misogyne Kampagnen im rechten Kulturkampf spielen und wie Soziale Medien alltäglichen Frauenhass in einer patriarchalen Gesellschaft verstärken. Letztendlich leiden nicht nur Betroffene unter diesen Dynamiken, sondern auch unsere Demokratie.“ (Umschlagtext)

Internationaler Frauentag! Rosen und Anderes werden verteilt, wohlfeile Reden gehalten – es gibt aber auch Demos, die den Finger in die Wunde legen. Weil der konservative/rechte Rollback sich natürlich auch hier nicht nur gesellschaftlich, sondern für so viele Frauen auch ganz real auswirkt.

Immerhin hat es den Effekt, dass Termine wie dieser, die doch recht lange etwas zu gerade mal pflichtschuldig wahrgenommenen Daten geraten sind, wieder an Relevanz gewinnen.

Und ein bisschen Feiern gehört natürlich auch dazu. Also auf Euch! 😉

„Im Sommer 2022 offenbarte die Hasskampagne gegen die Schauspielerin Amber Heard, wie salonfähig es ist, Opfer häuslicher Gewalt zu verhöhnen und wie omnipräsent Frauenhass in unserer Gesellschaft nach wie vor ist. Was früher in reißerischen Printmedien stattfand, geschieht heute online und in Echtzeit. Ein breites Publikum beteiligt sich begeistert an Hass und Hetze gegen Frauen – stellenweise sogar ungehemmt unter vollem Klarnamen. Influencer, deren Content ausschließlich aus Angriffen gegen Frauen und queere Menschen besteht, erreichen auf Sozialen Medien ein Millionenpublikum. Digitale Plattformen unterbinden diesen, oft gegen Einzelpersonen gerichteten Hass, nicht – ganz im Gegenteil, denn hinter dem Hass steckt oft ein System, das gewinnbringende Klicks generiert.
In ‚Bitch Hunt‘ analysiert Veronika Kracher die Funktion digitaler Misogynie, welche Rolle misogyne Kampagnen im rechten Kulturkampf spielen, und wieso Soziale Medien alltäglichen Frauenhass in einer patriarchalen Gesellschaft derart verstärken. Letztendlich leiden nicht nur Betroffene unter diesen Dynamiken, sondern unsere Demokratie.“ (Verlagstext)

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Mittwoch, 8. Oktober 2025

Maria Kanitz/ Lukas Geck: Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis


„Galt Popmusik einst als Medium der Emanzipation, scheint davon seit dem 07. Oktober nicht mehr viel übrig zu sein. Es werden offene Briefe unterschrieben, die das Massaker der Hamas verharmlosen, beschweigen oder gar leugnen. Es wird zu Boykotten aufgerufen, Konzerte werden zu israelfeindlichen Kundgebungen.
Anhand zahlreicher Beispiele zeigen Maria Kanitz und Lukas Geck, in welchem Ausmaß Antisemitismus im popkulturellen Repertoire verankert ist und wie breit und bereitwillig dieser zelebriert wird.“ (Umschlagtext)

Wenn es jemals so etwas wie einen gesellschaftlichen Kompass gab, der es auch Einzelnen erleichterte, die Welt und was in ihr und um uns herum geschieht zu deuten, dann scheint dessen Eichung in den letzten Jahren ziemlich ramponiert worden zu sein. Sei es vom vielen gebotenen Gebrauch, sei es, dass der Gebrauch nicht mehr so gebräuchlich oder gar missbräuchlich geschieht oder willentlich unterlassen oder sabotiert wird. Sofern dieses Bild vom Kompass nicht als gänzlich naiv zu verwerfen ist.

Leider gibt es unendlich viele Gründe immer wieder genau hinzuschauen und an der Justierung dieses Kompasses zu arbeiten – am besten gemeinsam. Lautes Nachdenken und Analysieren mit Veröffentlichungen gehört dazu. Ich bin also gespannt auf diesen Beitrag.

„Galt Popmusik einst als Medium der Emanzipation, scheint davon seit dem 07. Oktober nicht mehr viel übrig zu sein. Es werden offene Briefe unterschrieben, die das Massaker der Hamas verharmlosen, beschweigen oder gar leugnen. Es wird zu Boykotten aufgerufen, Konzerte werden zu israelfeindlichen Kundgebungen, Musiker:innen inszenieren sich als Freiheitskämpfer:innen.
Maria Kanitz und Lukas Geck nehmen dies zum Anlass, antisemitische Entgleisungen in der Popkultur genauer unter die Lupe zu nehmen. Anhand zahlreicher Beispiele aus den letzten Jahren – etwa Roger Waters, Kanye West oder Macklemoore – zeigen sie, in welchem Ausmaß Antisemistismus ins popkulturelle Repertoire eingesickert ist und wie breit und bereitwillig dieser zelebriert wird.“ (Verlagstext)

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Sonntag, 16. Juni 2024

Marcus Hawel/ Stefan Kalmring (Hrsg.): [Ohn-]Macht überwinden! Politische Bildung in einer zerrissenen Gesellschaft


„Wir leben in schwierigen Zeiten. Eine gesellschaftliche Krise löst die andere ab, und die Krisen überlagern sich mehrfach. Jedoch bieten Krisen auch immer eine Chance, wenn wir den Mut aufbringen, ihnen solidarisch entgegenzutreten, um die Gesellschaft zu etwas Humanerem und ökologisch Nachhaltigerem zu verändern. In ‚[Ohn-]Macht überwinden!‘ versuchen die Autor:innen auszuloten, welchen Beitrag eine kritische politische Bildung auf den verschiedenen Krisenfeldern der Gegenwart leisten kann, und was dafür getan werden sollte, damit dies gut gelingt.

Mit Beiträgen von Riccardo Altieri, Bengi Bitiş, Nina Borst, Friedrich Burschel, g., Rebecca Gotthilf, Marcus Hawel, Bernd Hüttner, Stefan Kalmring, Asia Kubiakowska, Lydia Lierke, Saskia Müller, Julian Niederhauser, Jan Niggemann, Holger Oppenhäuser, Massimo Perinelli, Ines Pohlkamp, Katharina Rhein und Ahmed Shah.“ (Umschlagtext)

Wenn Wahlergebnisse und deren Analysen mal wieder die politische Debatte befeuern oder Politik- oder gar Demokratieverdrossenheit festgestellt wird, ja dann wird auch gern der Wert politischer Bildung festgestellt. Leider bleibt das meist eher auf phrasenhaftem Talkshowniveau und versandet sofort, wenn dafür denn auch Geld zur Verfügung gestellt werden soll.

Bitter ist ja eigentlich, dass erst gesellschaftliche Großkrisen notwendig sind, um den Blick darauf zu lenken, dass unser aller Zusammenleben ja nicht im luftleeren Raum einfach funktioniert. Ich spare mir den ausargumentierten Hinweis, dass dies ja alles schon lange genug bekannt ist. Mindestens denjenigen, die in diesem Bereich tätig sind.

Der Punkt ist, dass Demokratie- und Politikverständnis nun halt nicht einfach vom Himmel fallen. Es braucht also Räume, die grundlegende Funktionsweisen unserer Gesellschaft erfahrbar, erlebbar machen und die inhaltliches und kommunikatives Wissen vermitteln wollen und können. Es ist so banal, dass es schon traurig ist, immer wieder erzählen zu müssen, was selbstverständlich sein sollte.

Und weil das kein Selbstzweck ist, soll damit eben auch Diskursfähigkeit, kritisches Denken und ein Nachdenken über die eigenen Positionen angeregt werden – damit es gerade in Krisenzeiten nicht zum intellektuellen Stillstand kommt und Menschen der Überforderung selbst etwas entgegensetzen können. Von links geschaut bedeutet das auch die Lust und die Fähigkeit über das Hier und Heute hinauszudenken, gesellschaftliche Missstände aufgreifen und lösen zu wollen.

Wenn gute Leute der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein Buch machen, hab ich pauschal schon mal großes Zutrauen, dass die Lektüre lohnen wird. In diesem Sinne freu ich mich auf die Beiträge in diesem Band. 😉

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Sonntag, 21. März 2021

Esther Becker: Wie die Gorillas


 „Zu viert müssen sie mich festhalten. Vielleicht auch zu fünft.“ (Seite 9)

Manchmal schummeln sich Lesegelegenheiten ja auch einfach so auf den Lesestapel und dann auch noch gleich ganz nach oben. Dem Band von Esther Becker ist das gelungen, weil das Buch gleich noch weiter wandern musste. Also hab ich nicht nein gesagt, anderes liegen gelassen und mich auf die Geschichte um Olga, Svenja und die namenlose Ich-Erzählerin eingelassen.

Und weil es so „reingeschummelt“ ist, gibt’s hier auch noch den Umschlagtext, der Vollständigkeit halber:

„‘Svenja und Olga sind Alpha und Omega. Ich bin irgendwas in der Mitte.‘

Seit der Schule sind die drei Mädchen befreundet und helfen einander beim Erwachsenwerden. Sei es, Wodka ins Kinderzimmer zu schmuggeln, ein Medizinstudium gegen den Willen der Eltern zu beginnen oder mit abgebundenen Brüsten wie die Gorillas um die Häuser zu ziehen.

Verspielt, sensibel und mit viel Humor sowie mit der Drastik, der es bedarf, erzählt Esther Becker von Druck, Erwartungen und Rollenzuschreibungen unserer Gesellschaft auf und an Mädchen und Frauen.“ (Umschlagtext)

In eher lose miteinander verwobenen Kapiteln können wir Szenen erleben, die die Mädchen auf ihrem Weg hin zu jungen Frauen prägen – in der einen, wie der anderen Art und Weise. Bevor jemand fragt, ja, es geht natürlich auch um Befindlichkeiten – aber mehr noch um Erwartungen, Zuschreibungen und den Druck, die zusammen bei Menschen gerade in dieser Entwicklungsphase Befindlichkeiten wecken, hervorrufen. Lese ich Befindlichkeiten aber als Reaktion, dann verändert sich dieser komische Beigeschmack, den gerade der Begriff der Befindlichkeitsliteratur schon sehr gesetzt hat.

Der Punkt bei diesem Band ist, dass die Figuren sich natürlich altersgemäß mit sich selbst beschäftigen, die Erzählung aber eben nicht ausblendet, dass die drei nun mal in einer Umwelt aufwachsen, die so ist, wie sie ist. Mädchen sind süß, machen süße Sachen, fühlen sich grundsätzlich zu dick, zu dünn, zu hässlich – weil ihr Tun von außen so gelesen wird. Daraus wird eine Erwartung, die junge Menschen nur zu leicht für sich selbst übernehmen. So entstehen „Mädchen sind so“ und „Jungs sind halt so“.

Esther Becker hat viele schöne sprachliche Bilder gefunden und einen Erzählfluss, der Drastisches unterstreicht, trotzdem den Blick auch auf scheinbar banale Begebenheiten ermöglicht und dabei auch noch richtig gut zu lesen ist. Ihr Tonfall ließ für mich zu, dass ich beim Lesen immer wieder dachte, krasse Geschichte, und trotzdem kurz darauf auch wieder schmunzeln musste. Als Leser ziehe ich davor den Hut, weil diese Leichtigkeit so schwer zu meistern ist.

Da ich mich um genauere Inhaltsangaben auch heute wieder etwas drücke, fasse ich diesen Leseausflug mal für mich so zusammen: Ohne das Drängeln hätte ich die Lektüre sicher noch etwas aufgeschoben, muss das Vorziehen aber wirklich nicht bedauern. Esther Becker schreibt sensibel und kraftvoll. Dieser eher schmale Band lädt zum Innehalten ein, verspricht nicht die epochale Story und bietet dafür Szenen, die ganz unprätentiös einfach wirken.

Kurz und gut: Von Esther Becker würde ich gern mehr und gern auch breiter erzählte Stoffe lesen. Eine lohnenswerte Entdeckung – ganz zwischendurch! 😉

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Mittwoch, 26. Februar 2020

Jan Korte: Die Verantwortung der Linken



Seit einigen Jahren gibt es in der Linken immer wieder Debatten darum, was der richtige Weg sei: Die einen kämpfen für Minderheitenrechte und retten das Klima, die anderen kümmern sich vor allem um ökonomische Fragen. Und zwischen beiden Seiten vergrößert sich der Riss. Jan Korte will wieder ein Gleichgewicht zwischen den kulturellen und sozial-ökonomischen Ansichten der Linken herstellen. Die Linke muss Verantwortung übernehmen - für die ganze Gesellschaft. Denn es gilt: Niemals herabblicken!" (Umschlagtext)

Bei Büchern von Politikern muss man ja etwas vorsichtig sein, zumal wenn sie noch aktiv in der Politik sind. Da ich den Jan Korte mag und den Verbrecher Verlag erst recht, bin ich optimistisch gespannt. 🤓

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Montag, 10. Februar 2020

Eva Berendsen / Katharina Rhein / Tom David Uhlig (Hrsg.): Extrem unbrauchbar. Über Gleichsetzungen von links und rechts



"Rechtspopulistische Strömungen finden auf ihrem Feldzug gegen die Demokratie ein mächtiges b begriffliches Mittel vor: die Extremismustheorie. Im Sprechen über die Gesellschaft hast sich ein Hufeisenmodell durchgesetzt: Eine Mitte der Gesellschaft werde von ihren Rändern bedroht. Islamismus, Rechtsextremismus und Linksextremismus arbeiten daran, die Demokratie zu zerstören. Doch besonders die Gleichsetzung von Rechtsextremismus und Linksextremismus führt oft dazu, ersteren auf Kosten von letzterem zu verharmlosen. Wenn inzwischen in bürgerlichen Debatten selbst der positive Bezug auf das Grundgesetz teilweise als linksradikal diskutiert wird, desavouiert auch dieses Hufeisenmodell endgültig." (Umschlagtext)

Apropos Thüringendebatte - dieser Sammelband passt ja mal wie die Faust aufs Auge. Kemmerichs Wahl und der Tabubruch von FDP und CDU, das bürgerliche Unvermögen machttaktisches Agieren zugunsten der gemeinsamer Verantwortung für die Demokratie hintanzustellen: Als bliebe hier nur die Wahl zwischen der Bedrohung durch das Stellen der Eigentumsfrage auf der einen und Rassismus auf der anderen Seite. Was davon im Zweifelsfall schlimmer sei, die Antwort auf diese Frage birgt offenbar hinreichend selbstzerstörerische Sprengkraft für das bürgerliche Lager. Was, wenn es diese bürgerliche Mitte gar nicht (mehr) gibt?

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Sonntag, 5. Mai 2019

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster



„Als Sandra Anfang der Siebziger geboren wurde, war es Mode, den Kindern kurze Namen zu geben. Leicht auszusprechen, unprätentiös.“ (Seite 5)

Ich folge ja eher selten einem Lektüreplan und greife mir meist, was mich unmittelbar anspricht. Manchmal wird man als Leser*in ja aber auch vom Buch ausgesucht. Ich vermute, ihr wisst, was ich meine.

Nachdem ich gerade noch viele Seiten lang mit Elena Ferrante in Neapel zugebracht hatte, immer irgendwie mit so einem atmosphärischen Gefühl, wie in einem Film aus den Fünfzigern, der in Süditalien spielt, und bei dem die Bilder so eine warme, leicht verwaschene Patina zu haben scheinen, drängelte sich dieser Roman von Anke Stelling in der Lesereihe ganz nach vorn. Das gab eine echt harte Landung in Berlin, im Prenzlauer Berg, quasi in der Nachbarschaft.

Die ersten Seiten von Sandras Bericht waren eine echte Herausforderung, was ich aber gern auf den Kontrast zwischen den beiden Lesewelten schiebe. Plötzlich war nichts mehr verspielt, Gefühle, auch die schweren, kamen nicht mehr so leichtfüßig daher, das Klima war – in jeder Hinsicht – so ungleich rauer als im Neapel von Elena Ferrante.

Sandras Geschichte also. Sandra ist offenbar wenig älter als ich, hat zwei Kinder und einen Mann. Gemeinsam leben sie in einem Mehrgenerationenhaus in Berlin, dass sie mit anderen Familien als großes Gemeinschaftsprojekt gebaut haben. Es hat bodentiefe Fenster, was für die Offenheit stehen sollte, mit der diese Gemeinschaft sich der Welt und eben auch sich selbst präsentiert. So ein echtes „Gutmenschenprojekt“ eben.

Sandras Geschichte ist aber eigentlich gar nicht so recht eine Geschichte, vielmehr eine langes Sinnieren, Lamentieren, Reflektieren und Leiden – während im Grunde kaum etwas passiert, also handlungstechnisch.

Es gibt Treffen mit Freundinnen, Gemeinschaftsaktivitäten im Haus, der Jüngste muss in die Kita gebracht werden und alles steuert ziemlich unvermeidlich auf einen Burnout zu. Wenn ich das gerade selbst noch einmal so lese, merke ich, wie nervig ich Sandras Bericht beim Lesen fand. Ich meine das aber durchaus in einem literarisch guten Sinne. Und ich versuche das zu erklären.

Sandras Mutter dürfte in etwa zu der Generation gehören wie auch Elena in Neapel. Sie hat viel auf sich genommen, um mit Bildung und Haltung der miefig-patriarchalen Welt der Nachkriegszeit und der Aufbaujahre zu entkommen. Ihren Kindern ein anderes Aufwachsen zu ermöglichen, mit Kinderladen und Co, war Teil ihrer eigenen Emanzipation. Mutter zu sein, wie sie es verstand und lebte, war aber zugleich anscheinend das, was sich nicht emanzipatorischer leben und ausfüllen ließ. Selbstaufopferung, damit die Kinder es mal besser haben und besser machen, dieses irgendwie grundkonservative Motto bestimmte dann eben doch ihr Leben.

Es bestimmt aber eben auch Sandras Leben, deren Bericht eine lange Frage ist, was dieses „besser haben“ denn eigentlich sein und wie das gehen soll. Der Burnout ist das anscheinend unausweichliche Scheitern an dieser Mitgift ihrer Mutter.

Beim Lesen drängte sich mir unweigerlich der rote Faden auf, der sich durch meine ja eigentlich zufällige Lektürefolge schlängelte. Hier Elena, die durch Bildung entdecken kann, wie weit sie sich aus den engen Küchen ihres Viertels, dem üblichen Platz für die Frauen, befreien kann. Die aber auch die Grenzen zu spüren bekommt, die ihre Herkunft ihr zieht. Auf der anderen Seite Sandra, die ihre Tochter sein könnte und im Berlin der Jetztzeit eigentlich alles ganz selbstverständlich im Gepäck hat, was sich Elena erst erarbeiten, erkämpfen musste. Sandra bräuchte das Erbe nur anzutreten und es eben besser machen und das „es besser haben“ zu genießen.

Sandras Problem ist, dass ihr genau das nicht gelingt. Und Anke Stellings Text seziert diese eigentliche Nichthandlung Stück für Stück. Der unangenehme Geschmack beim Lesen kam wenigstens für mich auch dadurch zustande, dass ich keine Frau sein muss, um immerhin so manche Szene deutlich mitfühlen zu können. Als nur ein Beispiel will ich das Plenum des Mehrgenerationenhauses nennen, das ja eigentlich der offene Raum für alle sein sollte. Transparenz, fairer Umgang miteinander, das gemeinsame Ringen um gemeinsame Entscheidungen. Sandra leidet daran, dass da dann doch nur Machtfragen auf der Tagesordnung stehen, und zwar nicht im aufklärerischen, emanzipatorischen Sinn.

Überrascht hat mich, dass der Spielraum für die Eroberung gesellschaftlichen Raums für Elena so viel größer wirkt als der von Sandra, die viel mehr gefangen scheint zwischen Kita, Haushalt und Freundinnen, die alle irgendwie auch nur die besseren Mütter und Frauen sein wollen. Was bleibt also von dem: Du sollst es mal besser haben und es besser machen?

Der Roman von Anke Stelling ließ mich da mit vielen Fragen zurück, zum Glück. Er war, glaube ich, auch nicht dazu gedacht, die Antworten gleich mal mitzuliefern. Geschlechtergerechtigkeit ist ganz offenbar keine Sache von nur zwei Generationen, wenn sie mehr sein soll als formale Quoten, wenn sie das „es besser haben“ wirklich lebbar machen will. Offen scheint mir auch die Frage zu sein, auf welche Siege die Töchtergeneration verlassen kann, und welche Kämpfe sie möglicherweise auch selbst noch einmal ausfechten muss.

Kurz und gut: „Klar und unerbittlich, witzig und ironisch“ steht auf dem Backcover, und das ist nicht übertrieben. Dass der Roman auch derbe in die Magengrube boxt, füge ich anerkennend an. Lesen!

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Mittwoch, 13. Juni 2018

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster



"Sandra hat Angst, wie ihre Mutter zu werden. Nichts zu ändern, einfach nur vor sich hin zu leben. Dabei sollte Sandras Generation alles besser machen. Bewusst leben, die Umwelt schützen, die Welt verbessern. Doch Sandra ist müde: Die basisdemokratische Kommunikation in ihrem Mehrgenerationenhaus geht ins Leere, ihre Freundinnen wetteifern immer nur darum, welche den Kindern das gesündeste Bio-Essen vorsetzt. so hat sie sich das mit der besseren Welt nicht vorgestellt." (Umschlagtext)

Das klingt doch deutlich nach einem Roman aus Pankow oder dem Prenzlberg. Vielleicht reicht das Bild aber tatsächlich sehr viel weiter ... das verspricht wenigstens der Verlagstext. ;)

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Donnerstag, 30. März 2017

Susan Hawthorne: Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren



Halt! Stop! Und jetzt den Titel auf dem Cover gleich noch einmal lesen! Richtig, es geht um Bücher, publizieren und unabhängige Verlage.

Nachdem ich auf der #LBM zwei Tage lang fast ausschließlich in der Halle der jungen, kleinen und unabhängigen Verlage unterwegs war, gab es mit einer Veranstaltung im #lcb zu diesem Buch gleich noch eine passende theoretische Fundierung. ^^

Ob kleine Indieverlage nur benachteiligte Marktteilnehmer sind; und ob bei Vielfalt, Unabhängigkeit und geistiger Freiheit vielleicht doch auch der Kapitalismus als System eine Rolle spielen könnte - darauf gibt dieses kleine Manifest einer australischen Autorin hoffentlich Antworten.

In der Diskussion zum Buch im lcb legte zumindest der Berliner Kultursenator Klaus Lederer schon mal pointiert und treffend vor.

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Samstag, 20. August 2016

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Markus Liske/ Manja Präkels (Hrsg.): Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn?



Ein spannender #Sammelband mit Beiträgen über #PEGIDA, #Montagsmahnwachen, sogenannte #Wutbürger, #Querfront und #Aluhutfreunde, die meinen, dass man das jetzt doch mal sagen dürfen müsse. Die Autor_innen schreiben und berichten als aktive und engagierte Bürger_innen und scheuen sich nicht, dabei klare Positionen zu beziehen. Das ergibt eine wohltuende Gesamtschau dessen, was sich seit Monaten in sozialen Netzwerken und auf den Straßen tut. Vielleicht kein Feiertagsbuch aber ein leider viel zu aktuelles und wichtiges. #leseherbst #sachbuch #verbrecherei #politik #zeitgeschehen #markusliske #manjapraekels