„Vor und während des Zweiten Weltkrieges waren Amerikaner erstaunt darüber, daß es in ihrer Mitte eine Reihe von Individuen gab, die den Naziführern der zwanziger Jahre in Deutschland verblüffend ähnelten.“ (Seite 9)
Kann sich noch jemand erinnern, wann es anfing, das Nachdenken in Kommentarspalten von Zeitungen und in wichtigen Publikationen, wie wir denn nun umgehen sollten mit den Populisten von rechts (#noafd) – und inzwischen auch von halbrechts (BSW)? Eine Menge Schlaues wurde da schon geäußert. Und es ist ja alles gar nicht so neu und überraschend.
Das zeigt sich in diesem Text, der ursprünglich 1949 veröffentlicht wurde und von einem der vielen schlauen Köpfe, den die Machtergreifung der Nazis zur Emigration zwang. Er gehörte zu den Akademiker:innen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und konnte seine Laufbahn und seine Forschungen später in den USA fortsetzen.
Mit dieser literatursoziologischen Studie zu faschistischen Agitatoren in den USA in der Kriegszeit liegt ein Text vor, der aktueller nicht sein könnte. Tatsächlich ist es erschütternd leicht, beim Lesen zu vergessen, dass er schon 75 Jahre alt ist. Denn vieles, was hier herausgearbeitet wird, kommt uns heute so wohlbekannt vor.
Für die Untersuchung wurden Originaltexte von aktiven Agitatoren der dreißiger und vierziger Jahre zugrunde gelegt, die eine klar faschistische Ausrichtung hatten. Und so wie diese sich offenbar deutlich an den nationalsozialistischen Agitatoren orientierten, erscheinen auch heutige Populisten von rechts und halbrechts wie untote Kopien dieser.
Ob es das Aufwiegeln und Spalten der Gesellschaft ist in die bösen Anderen und sich selbst, das Einfordern von Gefolgschaft und Vertrauen nur in das, was als die eigene Wahrheit ausgegeben wird, das Kennzeichnen politischer Gegner als Feinde des vermeintlichen Volkes sowie deren Pathologisierung und Entmenschlichung, das Propagieren einfachster Lösungen von komplexen Problemlagen, die Selbstviktimisierung und zugleich Heroisierung und und und.
Die Studie bietet keine Antworten darauf, wie sich dieses Phänomens Herr werden ließe. Aber klar wird sehr deutlich: wir können wissen, was da passiert und was diese Möchtegern-Autokraten veranstalten. Klar ist auch, das gleiche Lied etwas leiser zu singen, wie sich konservative und liberale Parteien seit Jahren anschicken, wird das Übel nicht eindämmen. Im Gegenteil. So wird normalisiert und der demokratiefeindliche Sound einfach nur alltäglich. Wohin das führt, haben die letzten Landtagswahlergebnisse eindrücklich vorgeführt.
Das ändert sicher nichts daran, immer wieder im gesellschaftlichen Diskurs klären zu müssen, was wir bereit sind an Meinungen zu ertragen und wo die Grundfesten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ernsthaft bedroht sind. Das schließt die immer wiederkehrende Debatte darüber ein, wie sich eine demokratische Gesellschaft wehren sollte, ohne ihre eigenen Grundüberzeugungen dabei über Bord zu werfen.
Wie notwendig das immer wieder ist, lässt sich in diesem Buch eindrücklich erfahren.
Kurz und gut: Gruselig, wie aktuell dieser 75 Jahre alte Text ist. Lesen, unbedingt!
(Übersetzung: Susanne Hoppmann-Löwenthal)
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