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Dienstag, 2. Juni 2026

Naomi Alderman: The Future


„Was wäre, wenn wir die Zukunft ändern könnten?

Die Silicon-Valley-Milliardäre haben einen Plan geschmiedet für den Fall, dass die fortschreitende Zerstörung der Erde in einer großen Katastrophe mündet. Einen Plan, der es ihnen ermöglicht, in Sicherheit und Luxus weiterzuleben, während der Rest der Menschheit im Chaos versinkt. Aber in einem waghalsigen Manöver versucht eine Gruppe von Freunden, diesen Plan zu durchkreuzen – und die Zukunft in eine neue Richtung zu lenken.

Virtuos verwebt Bestsellerautorin Naomi Alderman das Schicksal ihrer Heldinnen und Helden mit der großen Frage, wer eigentlich die Zukunft gestaltet. Ein Roman, der die Art und Weise, wie wir über die Welt nachdenken, für immer verändert.“ (Umschlagtext)

Nach ihrem ersten Roman DIE GABE hab ich mich jetzt lang genug auf das Taschenbuch des neuen gefreut. Here we go.

Immer wieder spannend ist es, wenn fiktive, in einer nahen Zukunft angesiedelte Geschichten ganz offensichtlich im Hier und Heute fußen. Beim Lesen des Umschlagtextes musste ich unweigerlich an ein anderes Buch denken, dass ich hier schon gepostet habe: Douglas Rushkoff – Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind.

Ja klar, mir ist schon klar, dass jede Zukunftsvision unweigerlich ihre Wurzeln in der Zeit hat, in der sie entsteht. Aber diese Art Querverweise zwischen Literatur und Realität machen das Schmökern ja auch erst so richtig spannend. Und unter anderem deswegen bildet Lesen ja auch, gelle. 😊

„Als Martha Einkorn die Sekte ihres Vaters verließ, hätte sie sich nie träumen lassen, dass sie viele Jahre später für Fantail, den größten Social-Media-Konzern der Welt, arbeiten würde. Als persönliche Assistentin des exzentrischen CEOs Lenk Sketlish ist Martha mitten drin in der Welt der Supermächtigen. Im Silicon Valley gilt nur ‚Höher, schneller, weiter‘, die Klimakatastrophe und menschliches Elend kümmern hier kaum jemanden. Und so beschleicht Martha langsam das Gefühl, dass die irren Predigten ihres Vaters über das Ende der Welt realistischer sind, als sie dachte. Zur gleichen Zeit gerät die Survival-Expertin Lai Zhen in einer Shopping Mall in Singapur ins Visier einer Terroristin – als plötzlich eine unbekannte Software auf ihrem Handy auftaucht und ihr das Leben rettet. Wo kommt dieses Programm her? Wer hat es generiert? Und warum hat man es ausgerechnet auf ihrem Telefon installiert? Zhens Neugierde bringt sie erneut in tödliche Gefahr. Als Martha und Zhen schließlich einander begegnen, wird eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, die die Macht der Internetriesen zum Einsturz bringen und unsere Welt für immer verändern könnte.“ (Verlagstext)

(Übersetzung: Barbara Ostrop)

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Samstag, 7. März 2026

Ocatvia E. Butler: Verbunden


„Dies ist die Geschichte von Dana, einer jungen Schwarzen Schriftstellerin, die eines Tages auf unerklärliche Weise in die Vergangenheit versetzt wird: auf eine Sklavenplantage im US-Bundesstaat Maryland des Jahres 1815. Jetzt liest sie nicht nur über die Schrecken der Sklaverei – sie erlebt sie am eigenen Leib. Aber Dana findet sich nicht mit ihrem Schicksal ab.

Eine Reise in die Vergangenheit wird zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart – mit diesem Roman hat Octavia E. Butler der modernen Schwarzen Literatur den Weg bereitet. Bis heute hat das Buch nichts von seiner eindringlichen Kraft verloren.“ (Umschlagtext)

Einen Tag vorm Internationalen Frauentag finde ich diesen Roman von genau dieser Autorin einen wirklich guten Post. Vor allem, weil Science Fiction/ Fantastisches immer noch eher als Männerdomäne wahrgenommen wird, freue ich mich, dass ich die Romane von Butler für mich entdecken konnte.

Die Verbindung von Frau und Schwarz, Feminismus mit Widerstand gegen Rassismus unterstreicht ganz praktisch die Relevanz von Intersektionalität, wenn wir über eine bessere Welt nachdenken und daran bauen wollen. Doch doch, Lesen bildet halt! 😊

‘Der Ärger begann schon lange vor dem 9. Juni 1976, als er mir bewusst wurde, aber der 9 Juni ist der Tag, den ich mir eingeprägt habe. Es war auch der Tag, an dem ich Rufus kennenlernte – der Tag, an dem er mich zum ersten Mal zu sich rief …‘

Im Sommer 1976 wird das Leben von Dana, einer jungen Schwarzen Schriftstellerin, völlig auf den Kopf gestellt. Sie wacht plötzlich in einer ihr fremden Umgebung auf, rettet einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken und bringt ihn zu seinen Eltern, die auf einer Plantage leben. Dort erfährt sie, dass sie sich im Jahre 1815 befindet – in einer Zeit, in der Schwarze Menschen afrikanischer Herkunft von Weißen versklavt wurden. Dana kann wieder in die Gegenwart zurückkehren, aber sie erlebt weitere Sprünge in die Vergangenheit. Und mit jeder dieser Reisen wird es für sie gefährlicher. Sie erfährt den Horror der Sklaverei, der das Leben von Millionen von Menschen geprägt hat. Und sie begreift, dass sie mit der Skavenplantage und ihren Bewohnern auf verhängnisvolle Weise verbunden ist. Sie muss sich entscheiden: sich unterwerfen, um zu überleben, oder Widerstand leisten und alles riskieren.

Mit Verbunden, erstmals 1970 veröffentlicht, hat Octavia E. Butler die amerikanische Literatur neu definiert. Ein so eindringlicher wie mitreißender Roman über das rassistische System der Sklaverei, familiäre Verstrickungen und gesellschaftliche Verantwortung – vom Magazin Atlantic als einer der ‚bedeutendsten Romane der letzten 100 Jahre‘ ausgewählt.“ (Klappentext)

(Übersetzung: Mirjam Nuenning)

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Donnerstag, 20. November 2025

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse


„Marschland ist nicht gleich Sumpf.“ (Seite 11)

Ach, es hätte so schön sein können. Eine idyllische, abgeschiedene Marschlandschaft, also Schwemmland an der Küste North Carolinas. In einer kleinen, wackeligen und verwitterten Hütte lebt eine Familie fernab der nächsten kleinen Stadt. Doch nach und nach verlassen alle Kya, das jüngste Kind: erst die Geschwister, dann die Mutter und schließlich der Vater, vor dem die anderen alle geflohen sind.

In Armut und mit nur gelegentlichen Kontakten zu einem Händler lebt die kleine nun allein und schafft es, mit ihrer besonderen Nähe zur Natur, den Pflanzen und den Tieren, tatsächlich zu überleben. Für die Bewohner der kleinen Stadt ist sie fast ein Geist, das Marschmädchen halt. Dass eine Zehnjährige ohne Familie, ohne Schule oder sonst irgendjemanden mitten im Nichts aufwächst, scheint im North Carolina der 60er Jahre niemanden weiter zu stören. Zu starr sind noch die Trennungen in Weiß und Nichtweiß, in Arm und Reich. Wer sollte sich da um das Gesindel in der Marsch kümmern?

Einen Freund allerdings hat Kya – den etwas älteren Tate. Er weiß, dass sie Federn, Muscheln, alles Mögliche in der Marsch sammelt und legt zunächst einfach nur kleine Geschenke auf einem Baumstamm ab, wo sie sie in jedem Fall findet. Nach und nach nähern sich beide an, werden enge Freunde, die die Liebe zur Landschaft und ihren Bewohnern teilen. Da Kyla nicht mehr als nur einen Tag in der Schule war, bringt Tate ihr Lesen und Schreiben bei, versorgt sie mit Büchern, aus denen sie ihr Wissen über die Welt um sie herum ergänzt und erweitert.

Er ist es schließlich auch, der sie ermuntert, ihre Sammlungen und Zeichnungen dazu in Form von Büchern zu teilen. So wird aus dem Marschmädchen eine bekannte Autorin und Forscherin. Nur mit der Liebe bleibt es so eine Sache. Der, der für sie bestimmt zu sein scheint, braucht einen langen Umweg zu ihr. Der, mit dem sie stattdessen zunächst zusammenkommt, belügt, betrügt und benutzt sie.

Achja, einen Tod, der möglicherweise ein Mordfall ist, gibt es auch noch. Es folgen Ermittlungen, die Kya auf die Anklagebank bringen werden. Dort hängt ihr Leben buchstäblich davon ab, dass die Geschworenen über die engen und engstirnigen sozialen Grenzen dieser Zeit hinwegsehen können.

Es hätte so schön sein können. Die Bilder im Buch zeichnen sich im Kopf ja quasi von selbst. Und doch kann ich dem Hype, den der Roman eine Zeit lang erlebt hat, nicht teilen.

Die Geschichte begleitet die Hauptfigur ab einem Alter von vielleicht acht Jahren bis zu ihrem Tod. Hauptsächlich werden ihre Kindheit, Jugend und die frühen Erwachsenenjahre erzählt. Der Rest wirkt etwas wie drangebastelt. Insgesamt empfand ich die Entwicklung der Figur nicht überzeugend. Zu viel blieb für meinen Geschmack offen, was doch wirklich erzählenswert gewesen wäre. Dass eine Zehnjährige es schafft, sich zu ernähren und zumindest genug Geld zu verdienen, um sich das Allernotwendigste kaufen zu können, das bin ich ja gewillt einfach mal hinzunehmen. Aber gerade ihr Aufwachsen in so viel Einsamkeit, die Erfahrung der Natur in dieser Einsamkeit – das bleibt bei Postkartenkitsch stehen. Und der ist nicht einmal besonders poetisch gelungen.

Natürlich fällt einem Mädchen, das unter solchen Bedingungen und fern von sozialen Einflüssen aufwächst, nichts Besseres ein, als sich dann doch irgendwie an die breite Brust eines Sporthelden der Stadt zu wünschen – auch wenn sie ihm letztlich den Laufpass gibt. Es bleibt beim Versuch die sepiagoldene Vergangenheit so zu beschreiben, wie sie vermutlich nie war.

Selbst die Verhandlung, in der die gesellschaftliche Spaltung dieser Zeit, die Vorurteile, die Gewalt gut hätten verhandelt und gezeigt werden können, bleibt blass, nur auf ein bisschen Effekt hin beschrieben, der dann auch nur klischeehaft ausfällt.

Auch die Dialoge wirkten auf mich unglaublich blutleer. Dazu passt, dass so viel im Buch zwar behauptet aber gar nicht erzählt, gezeigt wird.

In den 90ern, meine ich mich zu erinnern, wurden nach erfolgreichen Filmen immer mal wieder „Romane zum Film“ veröffentlicht. Das waren öfter geringfügig aufbereitete Drehbücher, Merchandise halt. Dieses Buch erinnerte mich stark daran. Schade, wirklich schade. Ich hätte es gern gut gefunden.

Kurz und gut: Nur die Verfilmung schauen geht schneller und lässt mehr Zeit für andere Bücher. Muss man nicht lesen!

(Übersetzung: Ulrike Wasel/ Klaus Timmermann)

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Donnerstag, 20. März 2025

Octavia E. Butler: Wilde Saat


„Doro ist ein Unsterblicher. Er tötet ohne Reue, wenn er von Körper zu Körper springt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Er hat vor nichts und niemandem Angst – bis er der Gestaltwandlerin Anyanwu begegnet, die ihre Heilkräfte nutzt, um den Alterungsprozess aufzuhalten. Vom ersten Moment an begehrt Doro Anyanwu, so sehr er sie auch fürchtet, und sein dreihundert Jahre währendes Werben um sie wird das Schicksal der Menschheit für immer verändern.“ (Umschlagtext)

Nach „Xenogenesis“ brauche ich auf jedem Fall mehr Stoff von Octavia E. Butler. Gesagt, getan. 😉

Sci-Fi bietet ja immer die Möglichkeit, nicht einfach nur eskapistisch zur Unterhaltung einzuladen, sondern eben auch zum Nachdenken über gesellschaftliche Grundfragen anzuregen. Und ich bin sehr gespannt auf die Anregungen, die hoffentlich in diesem Roman stecken.

Ganz abgesehen davon, dass das Cover dieser Ausgabe einfach mal heftig gut geworden ist. 😊

„Doro ist ein Unsterblicher, der die Fähigkeit, menschliche Körper zu übernehmen, meisterhaft beherrscht. Seit tausend Jahren greift er immer wieder in die Geschicke eines kleinen afrikanischen Dorfes ein, um einen perfekten Menschen zu züchten. Doch eines Tages verwüsten Sklavenhändler sein Dorf und nehmen Doros ‚Kinder‘ mit in die neue Welt. Als der Unsterbliche ihnen hinterherreist, macht er eine unglaubliche Entdeckung: Es gibt noch eine zweite Unsterbliche! Anyanwu ist eine Gestaltwandlerin und Heilerin, und sie könnte der Schlüssel zu Doros Zuchtvorhaben sein. Doch die kluge Anyanwu hat ihre eigenen Pläne, und so beginnt ein Jahrhunderte währender Kampf zwischen zwei Halbgöttern, der die Zukunft der gesamten Menschheit für immer verändern wird.“ (Verlagstext)

(Übersetzung: Will Platten)

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Samstag, 15. März 2025

Orson Scott Card: Enders Spiel


„Kann ein Junge die Menschheit retten?

Der junge Ender Wiggin ist ein taktisches und strategisches Genie. Also wird er an die Militärakademie berufen – denn die Menschheit steht vor ihrer Vernichtung durch einen übermächtigen Feind, und Ender soll das verhindern. Aber Enders Ausbildung verläuft anders, als die Militärs es geplant haben. Ganz anders.“ (Umschlagtext)

Natürlich stammen unglaublich viele Stoffe, die wir aus Filmen kennen, ursprünglich aus Büchern, Romanen. Ich bin sicher nicht der Einzige, der oft genug erst einen Film entdeckt und gut findet und dann erst darauf stößt, dass es eine literarische Vorlage gab. […]

Die Vorlage zu „Enders Game“, dem Film, ist fast so alt wie ich. Nachdem ich den Film fantastisch fand, bin ich sehr gespannt, was ich zum Roman sagen werde, der dann jetzt auch seinen Weg zu mir gefunden hat. 😉

„Die Zukunft: Die Menschheit lebt in der ständigen Bedrohung eines Angriffs aus dem Weltall. Die sogenannten ‚Krabbler‘ haben die Erde schon einmal angegriffen und konnten nur mit allergrößter zurückgeschlagen werden. Nun aber scheinen die Aliens ihre Kräfte zu sammeln und zum entscheidenden Schlag auszuholen, der die Menschen vernichten soll. Um dies zu verhindern, wird verzweifelt nach einem strategischen Genie gesucht, das die Krabbler besiegen kann – und in dem jungen hochbegabten Ender Wiggin meint man, dieses Genie gefunden zu haben. Doch niemand ahnt, dass mit Enders Ausbildung auf der Militärschule ein Prozess in Gang gesetzt wird, der die menschliche Zivilisation für immer verändern wird …

Mit Ender Spiel hat Orson Scott Card einen der bedeutendsten Science-Fiction-Romane der letzten Jahre geschrieben – ein packendes Abenteuer, das mit Harrison Ford und Ben Kingsley in den Hauptrollen kongenial verfilmt wurde.“ (Verlagstext)

(Übersetzung: Karl-Ulrich Burgdorf)

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Donnerstag, 13. Februar 2025

Octavia E. Butler: Xenogenesis. Dämmerung – Rituale – Imago


„Am Leben!
Noch immer am Leben.
Wieder am Leben.“ (Seite 7)

Man könnte ja meinen, wenn man ein paar Jahrzehnte viel und regelmäßig liest, hätte man irgendwann alles gesehen. Liebe, Tod, Unsterblichkeit und was auch immer – alles schon mal erzählt, alles schon mal gelesen. Allenfalls tauche mal eine neue Stimme auf, die die gleichen Themen aktueller in modernerem Ton erzählt. Tja.

Das fantastische an Literatur ist aber, dass immer mal wieder eine Stimme im Lesestapel auftaucht, die erst mit Jahren Verzögerung zu einem spricht. Verrückt und fantastisch. Dafür liebe ich Literatur.

Octavia E. Butler ist – wenigstens für mich – genau so eine Stimme. Und ja, Heyne hat mit diesem Band viel richtig gemacht. Zumindest hat es bei mir funktioniert. Das Cover als Eyecatcher, ich greife zu, Klappen- und Verlagstext, bumm gekauft.

Während viele Titel ja eher langsamer auf dem Lesestapel nach oben wandern, war hier der richtige Moment zum Lesen schon recht schnell gekommen. Und es war ein Fest. Sehr schnell mischte sich in meine Begeisterung diese beklemmende Erkenntnis, dass ich dieses Epos leider würde nicht noch einmal zum ersten Mal lesen können. Ok, aber die Begeisterung überwog dann doch – bei weitem!

Jetzt aber mal etwas Butter bei die Fische! 😉

Lilith Iyapo wacht auf. Nicht zum ersten Mal, aber die Erinnerung an vorherige Male ist verschwommen. Der tür- und fensterlose Raum, in dem sie sich befindet, ist aus einem Material, das an nichts erinnert, was sie kennt. Eine Stimme, die sie interviewt oder besser ausfragt, macht deutlich, dass sie auf einem Raumschiff sei. Bei einer fremden Spezies. Dass ihre Welt, die sie kannte, untergegangen ist in einem atomaren Weltkrieg. Das sei 200 Jahre her. Sie sei eine der geretteten Überlebenden.

Im Gegensatz zu anderen Science-Fiction-Stoffen bleiben diese Außerirdischen keine Stimme, kein bildloses Phantom des Grauens. Sie sind echt. Und Lilith wird unter ihnen und mit ihnen zu leben lernen.

Die Oankali, auf deren Schiff sie aufwacht, sind eine Händlerspezies. Sie ziehen durch Weltall und tauschen Gene. Stete genetische Veränderung, Erweiterung, Verbesserung ist ihr Antrieb, ihr Lebenszweck. Und sie sind gut darin. Die Menschen in aller ihrer Widersprüchlichkeit, zur bedingungslosen Liebe fähig, zu wissenschaftlichen Großleistungen und dazu, sich selbst in einem erbarmungslosen Krieg auszurotten, die Menschen erregen das Interesse der Oankali. So sehr, dass sie Überlebende bergen, heilen und erst einmal wegpacken, um sie zu erforschen und in genetischen Austausch mit ihnen zu treten.

Derweil beginnen sie auch damit, die Erde zu heilen, wenigstens in Teilen. Die Menschen sollen in ihr natürliches Habitat zurückkehren. Dabei soll Lilith den Oankali helfen. Zunächst lernt Lilith diese Spezie kennen, lebt bei einer Familie, wird integriert. Im Weiteren soll sie Gruppen zusammenstellen, die willens und in der Lage wären, auf der Erde zu überleben.

Doch Lilith ist bereits mehr als ein Mensch. Über genetische Eingriffe wurde ihre Lebenszeit verlängert, wurde sie widerstandsfähiger, stärker gemacht und mit der Fähigkeit versehen, dass ihr Körper sich selbst heilen kann. Und mehr als das, wurde sie auch in Familienstrukturen der Oankali eingebunden – emotional, sexuell. Sie führt ein doppeltes Leben. Eines, in dem sie die Menschheit, wie sie war, retten will. Ein anderes, in dem sie in einer für die Oankali typischen Beziehung lebt – und später auch Kinder bekommt, die genetisch beides sind: menschlich, aber auch Oankali.

Es geht natürlich nicht einfach gut. Das Misstrauen derer, die aufgeweckt und von Lilith trainiert werden sollen, ist groß. Gegenüber den Oankali sowieso, gegenüber Lilith erst recht. Etlichen gilt sie als Verräterin an ihrer Spezies. Denn die Bedingung, um zurück auf die Erde zu können, ist es unfruchtbar zu sein, keine eigenen Kinder mehr zeugen und gebären zu können. Nur noch Kinder aus Beziehungen mit Oankali sollen geboren werden.

Die Begründung klingt ja zunächst auch plausibel. Denn der Hang der Menschen zu Hierarchien und in der Folge dazu, sich selbst zu vernichten, sei zu stark und fest verankert. Die Oankali zeigen sich bereit zu helfen, zu heilen – also für diejenigen, die das annehmen wollen – ansonsten können die zurückgesiedelten Menschen leben, wie sie wollen. Doch so werden sie unweigerlich aussterben, ohne eigene menschliche Nachkommen.

Worüber diese Menschen nichts wissen, ist die Fähigkeit der Oankali, genetisches Material zu sammeln, zu speichern und zu reproduzieren. Sie bräuchten die wiederaufgeweckten Menschen also nicht. Und auf der Ebene gerät die Umsiedelung der Geretteten zum großangelegten Sozialexperiment.

Es passiert natürlich noch sehr viel mehr auf diesen fast tausend Seiten, die Ende der Achtziger zuerst erschienen. Aber das will ich gar nicht alles verraten, weil es so wahnsinnig viel Lesespaß bereitet.

Vielmehr will ich noch erwähnen, dass nicht nur die Menschen und ihre Reaktionen auf das Angebot und die Anwesenheit der Oankali spannend sind, sondern eben auch die Oankali selbst als Lebensform und kulturelle Spezies geschildert werden. Dazu dienen Kinder, die Lilith in ihrer Oankalibeziehung (an der auch menschliche Männer beteiligt sind) zur Welt bringt. Sie sind, weil sie genetisch gemacht wurden, im Kern Oankali. Aber sie tragen eben auch viel Menschliches in sich, was auch die Oankali als Gesellschaft verändert, entwickelt.

Durch den Roman zieht sich auch die Frage, wie selbstlos die Oankali gegenüber den Menschen eigentlich agieren. Was bedeutet diese Hilfe, dieser Handel für die Oankali? Sagen sie die Wahrheit, verschweigen sie womöglich etwas? Nein nein, das schreibe ich hier natürlich wohlweislich nicht. 😊

Das Worldbuilding in diesem Roman ist also umfassend. Und es ist grandios gelungen. Obwohl Butler mit den Oankali eine Spezies erschaffen hat, die so ganz anders aussieht, handelt und funktioniert wie die Menschheit, findet sie eine perfekte Sprache, um das so fremdartige so greifbar zu beschreiben. Sie leben, diese Oankali, sie sind empfindungsreiche Wesen, die Individuen und Teil eines Kollektivs zugleich sind. Butlers Beschreibungen wirken nie platt, pauschal und klischeehaft, sondern immer originär und originell.

Natürlich dreht sich in diesem Epos ganz viel um Rasse – in dem Fall um die Auseinandersetzung zwischen Menschheit und Oankali. Dabei zeigt die Menschheit in Butlers Version eben auch genau die schlechten Seiten, die sie vor dem Krieg sich selbst jahrhundertelang angetan hat.

Ein zweites nicht weniger aktuelles Thema ist das der Geschlechtlichkeit, Gender also. Die Oankali kennen weiblich und männlich aber eben auch etwas dazwischen. Und ohne das dazwischen gibt es keine Beziehung und auch keine Lust und keine Fortpflanzung. Es sind also immer Dreierbeziehungen. Die neuartigen Familien, die mit Menschen entstehen, sind dann sogar Fünferbeziehungen. Und alle sind die Eltern der Kinder, die geboren werden.

Das kollidiert natürlich aufs Härteste mit heteronormativer Menschlichkeit. Insbesondere die Männer, deren Rolle in Oankalibeziehungen ganz anders ausgestaltet ist, hadern und ringen mit sich und den Oankali um ihre Rolle, ihr Selbstverständnis. Und das ist so ernsthaft, nicht verurteilend und empathisch verstehen wollend geschrieben, dass mir wenigstens das Herz dabei aufging.

Zu guter Letzt ist dieser Roman einfach unglaublich gut erzählt und geschrieben. Bei der Story passt einfach alles. Bedenkenlos würde ich sofort tausend weitere Seiten davon lesen wollen. Aber auch hier: Butler findet den perfekten Bogen, um dann einen Punkt zu setzen.

Apropos: Leider lassen sich ihre Arbeiten nur noch retrospektiv entdecken und genießen, denn diese großartige Erzählerin ist schon 2006 verstorben. Immerhin steht zu hoffen, dass noch einiges Mehr von ihr übersetzt und (wieder) veröffentlicht wird. Zumindest zwei neue Übersetzungen konnte ich schon ausmachen. Yieppieh! 😉

Kurz und gut: Ähem, kein Gerede – einfach lesen. Los!

(Übersetzung: Barbara Heidkamp)

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Donnerstag, 12. Mai 2022

Boris von Heesen: Was Männer kosten. Der hohe Preis des Patriarchats


"Gewalt, Unfälle, Sucht, Diskriminierung und Extremismus - Männer dominieren die Statistiken des Abgrunds: Sie verursachen doppelt so viele Verkehrsunfälle, begehen mit Abstand die meisten Straftaten und belegen deshalb auch 94 Prozent der Plätze in deutschen Gefängnissen. Diese Zahlen stehen nicht nur für Leid und Trauer - sie haben auch ökonomische Folgen: Über 63 Milliarden Euro kosten toxische männliche Verhaltensweisen dieses Land jedes Jahr - mindestens. Die Ursache sind patriarchale Strukturen, die unseren Alltag noch immer prägen. Deshalb müssen wir unsere Gesellschaft endlich von festgefahrenen Rollenmustern befreien. Denn das Patriarchat belastet alle - auch die Männer." (Umschlagtext)

Es gibt ja diejenigen, die schon beim Wort Feminismus mit den Augen rollen. Und natürlich geht es dabei nie nur um "Frauensachen". Ich hoffe sehr, dass dieser Band einen Beitrag dazu liefert, dass auch der männliche Teil der Gesellschaft versteht, wie sehr patriarchale Strukturen einfach allen schaden.

Achja, so ein wenig Kapitalismuskritik darf man dabei auch noch im Hinterkopf haben. 😉

"Wen sehen Sie vor sich, wenn Sie an dicke Autos und illegale Autorennen denken? Wer ist in deutschen Fußballstadien regelmäßig in Schlägereien verwickelt? Wer kommt Ihnen bei Wirtschaftsstraftaten wie dem Dieselskandal, der Wirecard-Pleite oder dem Cum-Ex-Komplex in den Sinn? Wer raucht viel häufiger exzessiv und bevölkert Spielsalons und Wettbüros?
Es sind Männer, die alle diese Bereiche dominieren - das belegen zahlreiche amtliche Statistiken.

Toxische männliche Verhaltensweisen schaden uns allen. Doch nicht 'die Männer' sind dafür verantwortlich, sondern längst überholte Rollenstereotype. Und die kommen uns teuer zu stehen. Deshalb müssen wir die Debatte um das Ungleichgewicht der Geschlechter dringend um eine Dimension erweitern: die monetären Folgen des Patriarchats." (Klappentext)

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Sonntag, 11. Juli 2021

John Lanchester: Die Mauer


(Übersetzung: Dorothee Merkel) 

„Es ist kalt auf der Mauer.“ (Seite 9)

 

Zunächst einmal ist das eine Temperaturfrage. Denn die Mauer ist unüberwindbar hoch und wurde an der Küste entlang rund um die britische Insel herum gebaut. Die Mischung aus deren Höhe, der Nähe zum Ozean und den klimatischen Bedingungen sorgt dafür, dass die Bewacher:innen der Mauer, die auf ihr patrouillieren, nicht zwischen warm und kalt, sondern zwischen verschiedenen Kältegraden unterscheiden.

 

Die Kälte bestimmt aber auch das soziale Klima. Die Verteidiger, wie diejenigen genannt werden, die hier ihren zweijährigen Dienst ableisten, wandeln buchstäblich auf einem schmalen Grad. Ihre Aufgabe ist es, die Mauer gegen die Anderen zu verteidigen, die sie überwinden und ins Landesinnere gelangen wollen. Sie sind verzweifelt genug, es immer wieder zu versuchen. Schaffen es Andere nicht nur über die Mauer sondern auch ins Hinterland, werden ebenso viele Verteidiger nach einem Disziplinarverfahren auf dem Meer ausgesetzt, wie Andere erfolgreich waren. Diese wiederum können zwischen dem Tod oder einem Leben als Dienstling wählen. Die Stimmung auf der Mauer ist also, gelinde gesagt, angespannt.

 

Der Ich-Erzähler ist ein junger Mann, der gerade als Frischling seine zwei Jahre auf der Mauer antritt. Mit ihm erleben wir die einschüchternde Größe des Bollwerks, die Herausforderung der 12-Stunden-Schichten, die Eintönigkeit und die Kleinigkeiten, die bei all dem plötzlich eine ungeahnte Wichtigkeit bekommen. Der Tee und der Snack, den die Köchin den Posten vorbeibringt, das Aufeinandertreffen mit dem Menschen, der in der anderen Schicht auf dem eigenen Posten steht, die zarten Bande des Kontakts, die sich zwischen dick eingepackten und in sich selbst zurückgezogenen Leuten so entstehen.

 

Über die Zeit, in der diese düstere Zukunftsversion spielt, erfahren wir nur so viel, wie für die Geschichte gerade notwendig ist. Nach dem großen Wandel, wie der Umsturz der Welt, wie wir sie kennen, genannt wird, stehen weite Teile der Erde unter Wasser. Diejenigen, deren natürliche Umgebung Schutz bietet, schotten sich ab gegen diejenigen, die nicht so viel Glück hatten und nur hoffen können, irgendwo einen bewohnbaren Flecken Erde zu finden. Die Gesellschaft auf der britischen Insel verbarrikadiert sich hinter der Mauer und wird von einer gesichtslosen Elite regiert, während das einfache Volk nur darauf hoffen kann, sich ein kleines überschaubares Leben aufbauen zu können. Alles ist auf die Abwehr der Anderen eingerichtet. Wer die genau sind, woher sie kommen – das ist egal. Sie sind die Anderen!

 

Der Ich-Erzähler, so viel kann ich verraten, findet sich letztlich eben auf der anderen Seite der Mauer wieder, auf dem Meer ausgesetzt. Den außer Band geratenen Elementen ausgesetzt zu sein ist das eine. Hier schützt aber keine Mauer vor den Anderen. Die Anderen sind die neben dir. Und für alle geht es ohne Pause ums Überleben. Sind Menschen, die so ums Überleben kämpfen müssen per se schlechte Menschen? Können im Schatten einer solchen Mauer Vertrauen und Menschlichkeit überhaupt gedeihen? Welchen Preis sind wir für unseren eigenen Schutz zu zahlen, wenn die Konsequenzen die Anderen tragen müssen? Wie so viele Dystopien enthält auch diese hier hochaktuelle Fragen unserer Zeit.

 

John Lanchester schreibt schnörkellos und stattet seinen Erzähler mit einem enorm guten Auge für Details aus. Auch ohne großen erzählerischen Pomp gelingt die Erzählung sowohl der trostlosen Stunden auf der Mauer als auch der dramatischen Wendungen, die die Schicksale der Charaktere hin und her wirft. Dem Autor gelingt jeder Satz.

 

Kurz und gut: John Lanchester ist für mich eine Entdeckung. Als Strandlektüre taugt es vielleicht nicht für alle gleichermaßen. Lesen!

 

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Dienstag, 13. Oktober 2020

John Lanchester: Die Mauer


 "Großbritannien ist von einer hohen Mauer umgeben. Joseph Kavanagh gehört zu jener Gruppe von jungen Menschen, die sie gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch: Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer - und somit dem sicheren Tod - übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie. Mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Für ein Leben hinter der Mauer sind sie zu allem bereit." (Umschlagtext)

Vor dem Hintergrund von Brexit, Corona und populistisch-autoritären Politiker:innen in Führungspositionen klingt eine derartige dystopische Welt nicht mehr so unwahrscheinlich wie noch einige Jahre zuvor. Just saying.

(Übersetzung: Dorothee Merkel)

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Dienstag, 7. Mai 2019

Naomi Alderman: Die Gabe



„Liebe Naomi,
das verdammte Buch ist fertig. Ich schicke es dir, inklusive aller Fragmente und Zeichnungen, in der Hoffnung, Rat von dir zu erhalten oder zumindest endlich das Echo zu hören, wenn ich diesen Stein von Buch in den Brunnen werfe.“ (Seite XI)

Dem MM fiel einmal auf, dass der größere Teil der Bücher, die ich so lese, offenbar von Männern geschrieben wurden. In den letzten Wochen habe ich das bewusst durchbrochen und Bücher von und über Frauen gelesen. Erst ließ ich mich bereitwillig vom #ferrantefieber anstecken, dann folgten die Schocktherapie mit Anke Stelling und ein futuristischer Ausflug mit Naomi Alderman.

So sehr ich die Entdeckungen genossen habe, hätte vielleicht jemand einen Vorschlag für etwas Tröstliches und trotzdem Emanzipatorisches? Irgendwas, wo es ein Happy End gibt? 😉

In ferner, ich glaube wirklich sehr ferner Zukunft, schreibt ein Neil Adam Armon einen historischen Roman mit dem Titel „Die Gabe“. Ein Briefwechsel zwischen ihm und einer guten Freundin Naomi rahmt diesen Roman und liefert, dass darf ich verraten, einen letzten Kick am Ende des Buches.

Der Kniff ist sicher nicht neu, aber in der überaus gut lesbaren Erzählung von Alderman funktioniert das wunderbar. Und ehe man sich versieht, ist man auch schon mittendrin, in einer Story, die gut hier und heute spielen könnte.

Mit einem Schlag entdecken junge Frauen eine Gabe in sicher. Mit einer einfachen Berührung können sie anderen Menschen Schmerzen zufügen oder sie gar töten. Die Gabe taucht zwar scheinbar plötzlich auf, Alderman lässt uns aber anhand von einigen wiederkehrenden Figuren erleben, wie einzelne Frauen diese neue Kraft entdecken, ausprobieren, daran leiden, scheitern oder sie zu nutzen lernen. Das alles passiert nicht von jetzt auf gleich, woraus die Autorin einen dichten Teppich an unterschiedlichsten Geschichten webt.

Eine Waise, die genügend Leid am eigenen Leib ertragen musste, reißt aus der Pflegefamilie aus und wird zur spirituellen Führerin einer neuen Bewegung von Frauen. Die Tochter aus einer Verbrecherfamilie in London schwingt sich auf, die männliche Dynastie in ihrer Familie zu brechen und scheint mit ihren enormen Kräften unbesiegbar geworden zu sein. Eine Politikerin in den Staaten nutzt die Entwicklung, um sich Stück für Stück die Kariereleiter heraufzuarbeiten und sich dabei ihre eigene Machtbasis auch mittels der neuen Stärke der Frauen auszubauen.

All das wird von einem jungen Journalisten aus dem Niger dokumentiert, der die einzige männliche Hauptrolle in dem Roman spielt. Er ist zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ihm gelingt es, so über die das eruptive Auftreten dieses neuen Phänomens zu berichten, dass nicht nur die Frauen, das neue starke Geschlecht, ihm vertrauen, sondern auch der sich formierende männliche Widerstand.

Da das Phänomen global auftritt, kann Alderman verschiedene Geschichten darüber erzählen, wie Frauen mit einer solchen Macht umgehen könnten, was das für Gesellschaften bedeuten könnte.

Die ehemalige Waise wird zur Hohepriesterin einer Glaubenslehre, in der Gott sich als Frau zeigt. Sie liefert einer alten Gewissheiten entleerten Welt eine Erklärung, und viele brauchen und suchen genau das. Vor allem, da die Wissenschaft dem Phänomen ratlos gegenübersteht.

In der Gangsterwelt Londons werden immer noch Gangstersachen gemacht. Frauen setzen ihre Stärke ein, um ihre Geschäfte abzuwickeln. Männer werden zu Handlangern, den Frauen hoffnungslos unterlegen.

Die Politikerin steigt zur Senatorin auf und hegt das Phänomen ein, indem sie Lager schafft, in denen Frauen und Mädchen ihre Kräfte zielgerichtet einzusetzen lernen. Der militärische Drill dabei dient der Disziplinierung und schafft der Politikerin eine eigene Armee zur Untermauerung und Durchsetzung ihrer Interessen.

Im fernen Moldawien kommt der bisherige Diktator ums Leben. Seine Frau übernimmt das Zepter und errichtet einen ersten Staat der Frauen, in dem Männer in die Rolle gedrängt werden, die Frauen jahrhundertelang innehatten. In diesem entlegenen Winkel der Welt entbrennt ein Kampf zwischen der männerdominierten Vergangenheit und einer frauendominierten Zukunft, der von beiden Seiten erbittert, brutal und erbarmungslos geführt wird.

Der Journalist als Berichterstatter ermöglicht die Perspektive eines Mannes auf das Geschehen, ohne sich der einen oder anderen Seite zuschlagen zu müssen. Gleichwohl erlebt er sowohl das freundliche Gesicht der starken Frauen wie auch rücksichtslose Gewalt. Mit ihm erleben die Leser*innen den ganzen Zwiespalt eines eigentlich gutherzigen Mannes, der qua Geschlecht privilegiert aufwuchs, trotzdem nichts patriarchales an sich hat, sich aber eben auch erst im Verlauf der Geschichte bewusst wird, wie sehr auch er Teil einer so lange gewachsenen gesellschaftlichen Realität war und ist. In ihm und mit ihm erzählt Alderman von altbekannter Erniedrigung und Demütigung, die nun Männer im fernen Moldawien erfahren.

Der historische Roman von Neil Adam Armon endet, ohne dass das Ende der Entwicklung vorweggenommen wird. Erst im abschließenden Briefwechsel in ferner ferner Zukunft wird das historische Ausmaß der Umwälzungen deutlich.

„Die Gabe“ ist spannend und packend erzählt, fast schnörkellos und unterscheidet sich damit deutlich sowohl vom sonnigen Neapel ebenso wie vom rau-desillusionierten Tonfall Anke Stellings. Ich tippe auf eine baldige Verfilmung und wäre da sehr gespannt drauf.

Achja, einen Fehler des Verlags muss ich dann doch noch festhalten. Im Klappentext wird aus dem Journalisten, den ich im Roman als eindeutig männlich kennenlernte, mal eben eine „junge Nigerianerin“. Das ist ein bisschen peinlich. Beim Thema des Buches aber auch fast schon wieder witzig oder gewitzt. ^^

Kurz und gut: Packend, aufrüttelnd, emanzipatorisch und auch noch unterhaltend. Naomi Alderman ist definitiv eine Leseempfehlung!

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