„Am Leben!
Noch immer am Leben.
Wieder am Leben.“ (Seite 7)
Man könnte ja meinen, wenn man ein
paar Jahrzehnte viel und regelmäßig liest, hätte man irgendwann alles gesehen.
Liebe, Tod, Unsterblichkeit und was auch immer – alles schon mal erzählt, alles
schon mal gelesen. Allenfalls tauche mal eine neue Stimme auf, die die gleichen
Themen aktueller in modernerem Ton erzählt. Tja.
Das fantastische an Literatur ist
aber, dass immer mal wieder eine Stimme im Lesestapel auftaucht, die erst mit
Jahren Verzögerung zu einem spricht. Verrückt und fantastisch. Dafür liebe ich
Literatur.
Octavia E. Butler ist – wenigstens für
mich – genau so eine Stimme. Und ja, Heyne hat mit diesem Band viel richtig
gemacht. Zumindest hat es bei mir funktioniert. Das Cover als Eyecatcher, ich
greife zu, Klappen- und Verlagstext, bumm gekauft.
Während viele
Titel ja eher langsamer auf dem Lesestapel nach oben wandern, war hier der richtige
Moment zum Lesen schon recht schnell gekommen. Und es war ein Fest. Sehr schnell
mischte sich in meine Begeisterung diese beklemmende Erkenntnis, dass ich dieses
Epos leider würde nicht noch einmal zum ersten Mal lesen können. Ok, aber die Begeisterung
überwog dann doch – bei weitem!
Jetzt aber
mal etwas Butter bei die Fische! 😉
Lilith Iyapo
wacht auf. Nicht zum ersten Mal, aber die Erinnerung an vorherige Male ist
verschwommen. Der tür- und fensterlose Raum, in dem sie sich befindet, ist aus
einem Material, das an nichts erinnert, was sie kennt. Eine Stimme, die sie
interviewt oder besser ausfragt, macht deutlich, dass sie auf einem Raumschiff
sei. Bei einer fremden Spezies. Dass ihre Welt, die sie kannte, untergegangen
ist in einem atomaren Weltkrieg. Das sei 200 Jahre her. Sie sei eine der geretteten
Überlebenden.
Im Gegensatz
zu anderen Science-Fiction-Stoffen bleiben diese Außerirdischen keine Stimme,
kein bildloses Phantom des Grauens. Sie sind echt. Und Lilith wird unter ihnen und
mit ihnen zu leben lernen.
Die Oankali,
auf deren Schiff sie aufwacht, sind eine Händlerspezies. Sie ziehen durch
Weltall und tauschen Gene. Stete genetische Veränderung, Erweiterung,
Verbesserung ist ihr Antrieb, ihr Lebenszweck. Und sie sind gut darin. Die Menschen
in aller ihrer Widersprüchlichkeit, zur bedingungslosen Liebe fähig, zu
wissenschaftlichen Großleistungen und dazu, sich selbst in einem erbarmungslosen
Krieg auszurotten, die Menschen erregen das Interesse der Oankali. So sehr,
dass sie Überlebende bergen, heilen und erst einmal wegpacken, um sie zu
erforschen und in genetischen Austausch mit ihnen zu treten.
Derweil
beginnen sie auch damit, die Erde zu heilen, wenigstens in Teilen. Die Menschen
sollen in ihr natürliches Habitat zurückkehren. Dabei soll Lilith den Oankali
helfen. Zunächst lernt Lilith diese Spezie kennen, lebt bei einer Familie, wird
integriert. Im Weiteren soll sie Gruppen zusammenstellen, die willens und in
der Lage wären, auf der Erde zu überleben.
Doch Lilith
ist bereits mehr als ein Mensch. Über genetische Eingriffe wurde ihre
Lebenszeit verlängert, wurde sie widerstandsfähiger, stärker gemacht und mit
der Fähigkeit versehen, dass ihr Körper sich selbst heilen kann. Und mehr als
das, wurde sie auch in Familienstrukturen der Oankali eingebunden – emotional,
sexuell. Sie führt ein doppeltes Leben. Eines, in dem sie die Menschheit, wie
sie war, retten will. Ein anderes, in dem sie in einer für die Oankali typischen
Beziehung lebt – und später auch Kinder bekommt, die genetisch beides sind:
menschlich, aber auch Oankali.
Es geht
natürlich nicht einfach gut. Das Misstrauen derer, die aufgeweckt und von
Lilith trainiert werden sollen, ist groß. Gegenüber den Oankali sowieso, gegenüber
Lilith erst recht. Etlichen gilt sie als Verräterin an ihrer Spezies. Denn die
Bedingung, um zurück auf die Erde zu können, ist es unfruchtbar zu sein, keine
eigenen Kinder mehr zeugen und gebären zu können. Nur noch Kinder aus Beziehungen
mit Oankali sollen geboren werden.
Die
Begründung klingt ja zunächst auch plausibel. Denn der Hang der Menschen zu
Hierarchien und in der Folge dazu, sich selbst zu vernichten, sei zu stark und
fest verankert. Die Oankali zeigen sich bereit zu helfen, zu heilen – also für
diejenigen, die das annehmen wollen – ansonsten können die zurückgesiedelten Menschen
leben, wie sie wollen. Doch so werden sie unweigerlich aussterben, ohne eigene menschliche
Nachkommen.
Worüber
diese Menschen nichts wissen, ist die Fähigkeit der Oankali, genetisches
Material zu sammeln, zu speichern und zu reproduzieren. Sie bräuchten die
wiederaufgeweckten Menschen also nicht. Und auf der Ebene gerät die Umsiedelung
der Geretteten zum großangelegten Sozialexperiment.
Es passiert
natürlich noch sehr viel mehr auf diesen fast tausend Seiten, die Ende der
Achtziger zuerst erschienen. Aber das will ich gar nicht alles verraten, weil es
so wahnsinnig viel Lesespaß bereitet.
Vielmehr
will ich noch erwähnen, dass nicht nur die Menschen und ihre Reaktionen auf das
Angebot und die Anwesenheit der Oankali spannend sind, sondern eben auch die Oankali
selbst als Lebensform und kulturelle Spezies geschildert werden. Dazu dienen Kinder,
die Lilith in ihrer Oankalibeziehung (an der auch menschliche Männer beteiligt
sind) zur Welt bringt. Sie sind, weil sie genetisch gemacht wurden, im Kern
Oankali. Aber sie tragen eben auch viel Menschliches in sich, was auch die Oankali
als Gesellschaft verändert, entwickelt.
Durch den
Roman zieht sich auch die Frage, wie selbstlos die Oankali gegenüber den Menschen
eigentlich agieren. Was bedeutet diese Hilfe, dieser Handel für die Oankali?
Sagen sie die Wahrheit, verschweigen sie womöglich etwas? Nein nein, das
schreibe ich hier natürlich wohlweislich nicht. 😊
Das
Worldbuilding in diesem Roman ist also umfassend. Und es ist grandios gelungen.
Obwohl Butler mit den Oankali eine Spezies erschaffen hat, die so ganz anders
aussieht, handelt und funktioniert wie die Menschheit, findet sie eine perfekte
Sprache, um das so fremdartige so greifbar zu beschreiben. Sie leben, diese
Oankali, sie sind empfindungsreiche Wesen, die Individuen und Teil eines
Kollektivs zugleich sind. Butlers Beschreibungen wirken nie platt, pauschal und
klischeehaft, sondern immer originär und originell.
Natürlich
dreht sich in diesem Epos ganz viel um Rasse – in dem Fall um die
Auseinandersetzung zwischen Menschheit und Oankali. Dabei zeigt die Menschheit
in Butlers Version eben auch genau die schlechten Seiten, die sie vor dem Krieg
sich selbst jahrhundertelang angetan hat.
Ein zweites
nicht weniger aktuelles Thema ist das der Geschlechtlichkeit, Gender also. Die
Oankali kennen weiblich und männlich aber eben auch etwas dazwischen. Und ohne
das dazwischen gibt es keine Beziehung und auch keine Lust und keine Fortpflanzung.
Es sind also immer Dreierbeziehungen. Die neuartigen Familien, die mit Menschen
entstehen, sind dann sogar Fünferbeziehungen. Und alle sind die Eltern der
Kinder, die geboren werden.
Das
kollidiert natürlich aufs Härteste mit heteronormativer Menschlichkeit. Insbesondere
die Männer, deren Rolle in Oankalibeziehungen ganz anders ausgestaltet ist,
hadern und ringen mit sich und den Oankali um ihre Rolle, ihr
Selbstverständnis. Und das ist so ernsthaft, nicht verurteilend und empathisch
verstehen wollend geschrieben, dass mir wenigstens das Herz dabei aufging.
Zu guter Letzt
ist dieser Roman einfach unglaublich gut erzählt und geschrieben. Bei der Story
passt einfach alles. Bedenkenlos würde ich sofort tausend weitere Seiten davon
lesen wollen. Aber auch hier: Butler findet den perfekten Bogen, um dann einen
Punkt zu setzen.
Apropos:
Leider lassen sich ihre Arbeiten nur noch retrospektiv entdecken und genießen,
denn diese großartige Erzählerin ist schon 2006 verstorben. Immerhin steht zu
hoffen, dass noch einiges Mehr von ihr übersetzt und (wieder) veröffentlicht
wird. Zumindest zwei neue Übersetzungen konnte ich schon ausmachen. Yieppieh! 😉
Kurz und gut: Ähem, kein Gerede – einfach lesen. Los!
(Übersetzung: Barbara Heidkamp)
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