Montag, 30. Dezember 2024

Steffen Mau: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt


„Der Diskurs über Ostdeutschland ist kompliziert und dreht sich im Kreis.“ (Seite 7)

Kommen wir also mal wieder zurück auf den Osten. Bücher zu und über Ostdeutschland tauchen an dieser Stelle ja oft genug auf. Und da die Debatte darüber, was den Osten denn nun beschreibe oder auszeichne, ohnehin mit schöner Regelmäßigkeit aufflammt, muss ich auch kein schlechtes Gewissen wegen Redundanz haben. 😊

Und gern räume ich das Offensichtliche ein, nämlich dass es Stimmen in der Debatte gibt, die mich eher erreichen als andere. Und Steffen Maus Stimme gehört zu eben denen. Was ich an seinen Texten schätze, ist dass sie im Vergleich so viel unaufgeregter daherkommen und schon allein dadurch argumentativ für meinen Geschmack sehr viel stärker wirken (können).

Insofern passt es ganz gut, dass ich eines der Bücher kurz zuvor gelesen hatte, auf das sich auch Mau in diesem schmalen Band bezieht, nämlich Dirk Oschmanns Text über die vermeintlich westdeutsche Erfindung des Ostens. Dass mich dieser Text so gar nicht erreichte, hatte ich hier ja schon berichtet.

Mau dagegen wägt die wechselseitig vorherrschenden Vorurteile gegeneinander ab und stellt eines, wie ich finde, sehr gut heraus: Der Transformationsprozess ist westdeutsch dominiert vorangetrieben worden. Es ist aber mitnichten so, dass die „Ossis“ in dieser Phase ausschließlich passives Objekt gewesen seien. Denn natürlich gestalteten die Menschen im Land auch in dieser Zeit ihr Leben, versuchten zurechtzukommen, fanden Wege – individuell mal erfolgreicher, mal weniger – und prägten eben diese Menschen auch ihr Zusammenleben vor Ort. Geschichten darüber, wie alles kam und vor sich geht, konstituierten sich und prägten und prägen die Wahrnehmung und auch das Handeln der nachgeborenen Generationen.

Das mag dann auch eine Teilerklärung dafür sein, was mir auch immer wieder auffällt, dass jüngere ohne direkten biografischen Bezug zur DDR oft eine sehr viel ausgeprägtere Ostidentität an den Tag legen, als ich das zum Beispiel bei mir selbst (Jahrgang 1975) oder meiner Generation so wahrnehme.

Als einen markanten Unterschied, der sich auch nicht angleichen oder „aufholen“ lässt, stellt Mau heraus, dass es in der DDR nun mal keine mit „1968“ vergleichbare Erfahrung gibt. Bei den tiefgreifenden und bleibenden Prägungen, die diese Generationserfahrung in der alten Bundesrepublik hinterließ, ist unbezweifelbar, dass es Ähnliches im Osten nun nicht gab und geben konnte.

Mir erscheint dieser Punkt gerade für das (Selbst-)Verständnis von Gesellschaft und dem gesellschaftlichen Funktionieren sehr wesentlich zu sein. Einerseits mischen sich natürlich auch im Osten Menschen in ihre Belange vor Ort ein, arbeiten in Vereinen, veranstalten Feste etc. Aber zugleich lässt sich sicher ein gewisser Abstand zu institutionellen Einrichtungen feststellen. Kommunale, Strukturen von Staatlichkeit sind zwar da, aber werden oft sicher nicht als die Garanten von langfristiger Sicherheit wahrgenommen.

Ähnliches mag für die bundesrepublikanische Parteiendemokratie gelten, die vielen nach wie vor als eher übergestülpt gilt, egal wie viele Menschen von vor Ort sich da engagieren oder auch nicht. Folgerichtig plädiert Mau schließlich dafür, im Osten gezielt andere, neue Beteiligungsformen auszuprobieren, um das Vertrauen in gesellschaftliche und staatliche Strukturen aufzubauen, zu stärken.

Im Kern kommt Mau zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede zwischen Ost und West sich weiter halten werden, weil sich hier zwei nicht deckungsgleiche Entwicklungspfade beschritten werden. Es erscheint mir auch sehr kurz gesprungen anzunehmen, dass wenn es den Leuten finanziell nur gut genug gehe, sie das Gleich konsumieren können, daraus folgen müsste, dass dann alles wird wie im Westen. Wie sollte es das, wenn auf dem Weg zum Heute zum Teil so deutlich unterschiedliche Erfahrungen gemacht wurden.

Vielleicht müsste die Frage ja dann nicht mehr lauten, warum die „Ossis“ so anders seien, sondern eher: Was eint dieses größere Deutschland, was verbindet die Menschen und lässt sie sich einander zugehörig empfinden? Und vielleicht sollten alle Demokrat:innen sich zügig daran machen hier Antworten zu finden, bevor es die Populisten von #noafd und BSW schaffen als Einzige zu den Menschen durchzudringen und ihre spaltenden Diskurse weiter zu vertiefen.

Kurz und gut: Muss man kein Ossi für sein. Lesen, unbedingt!

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Sonntag, 29. Dezember 2024

Damien Cuvillier/ Bertrand Galic & Kris: Nacht über Brest. September 1937. Der Spanische Bürgerkrieg landet in der Bretagne


„Sonntag, 29. August 1937, vor der Bucht von Brest …“ (Seite 3)

Da taucht mitten in der Nacht vor dem französischen Brest in der Bretagne ein spanisches U-Boot auf und trägt den Spanischen Bürgerkrieg mit sich.

Dieses Comic Album erzählt eine, mir bis dahin auch unbekannte Episode aus dem Freiheitskampf der Spanischen Republik gegen den Faschisten Franco. Vielleicht zunächst ein paar Worte zu der erzählten Begebenheit.

Das republikanische U-Boot gehörte zu den Kräften, die Waffenlieferungen an Franco aus Italien und Deutschland verhindern sollten. Beschädigt rettet es sich in den Hafen von Brest, um dort repariert zu werden. Das wiederum stellt sich als alles andere als einfach heraus.

Nicht nur Spanien ist gespalten, auch in Frankreich ringen verschiedene Kräfte miteinander. Die einen würden lieber sofort auf Seiten der Spanischen Republik aktiv in den Bürgerkrieg eingreifen, andere zögern und dann gibt es noch diejenigen, die fest an der Seite des Faschisten Franco stehen und sich ein faschistisches Frankreich ersehnen.

Die rechtliche Frage, ob dem U-Boot geholfen werden kann und darf ist offen. Während die spanischen Faschisten ein Kommando zur Übernahme des Bootes auf den Weg schicken, aktivieren sie die Unterstützung von französischen Faschisten vor Ort.

Doch sie sind zum Glück nicht die einzigen, die aktiv werden. Denn auch die Sache der Spanischen Republik hat ihre Unterstützer vor Ort, die alles daransetzen, das Boot zu beschützen und der Republik zu erhalten.

Es entspinnt sich also ein intensives, zähes und gewaltvolles Ringen um das Boot, seine Besatzung, die ebenfalls von Francos Leuten unterwandert ist, das, soviel darf verraten werden, weil es ja leicht nachzulesen ist, zumindest in diesem kurzen historischen Moment für die Republik ausgeht.

Interessant finde ich die Frage, ob das Medium Comic auch solche historischen Momente erzählen kann und was dafür spezifisch ist.

Die Macher dieses Albums haben sich dafür entschieden, diese historische Episode als Story zu erzählen. Es handelt sich also nicht um einen Sachcomic.

Die erzählerischen Möglichkeiten des Mediums unterstützen den dramatischen Moment der Geschichte. Die Grafik fängt die fiebrige Stimmung der Situation ein und baut auch die dicht gesetzten Szenenschnitte ordentlich Spannung auf. So weit, so handwerklich gut.

Der Erzählung ist noch ein mehrseitiges Nachwort des Historikers Patrick Gourlay mit originalem Bildmaterial beigefügt. Das braucht es tatsächlich in diesem Fall auch für die Kontextualisierung und Einordnung der historischen Begebenheit.

Wo das Medium in diesem Fall, zumindest als 64-Seiten-Album dann doch an seine Grenzen stößt, ist die sehr komplexe historische Situation, die aber eben wichtig für das Verständnis der Vorgänge und der Motivation der ganzen handelnden Personen ist. So viele divergierende Interessen, die den Hintergrund ausmachen, sind bildlich/erzählerisch kaum darzustellen und auf so wenigen Seiten unterzubringen.

Die schiere Anzahl an wichtigen Protagonisten ist ein anderer Punkt. Um das wirklich so auserzählen zu können, dass sich die ganze Situation auch ohne Begleitmaterial erschließt, ist nahezu unmöglich – es sei denn, man konzentrierte sich auf ausschließlich eine Perspektive.

So ist der Dreh viel eher, mit einer packend und schnell erzählten Geschichte Interesse daran zu wecken, mehr erfahren zu wollen. Das räumt dem Nachwort und eventuellen weiterführenden Hinweisen einen deutlich größeren Stellenwert ein.

Den Macher:innen dieses Comicprojektes war das offensichtlich bewusst. Zumindest finde ich das Album insgesamt recht gelungen, um in die Zeit und die Vorgänge einzutauchen und noch ein wenig darüber hinaus nachzulesen.

Kurz und gut: Comic kann auch Geschichte. Lesenswert!

(Übersetzung: Mathias Althaler)

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Samstag, 28. Dezember 2024

Mosaik #589


Ich sach ma: Eskapismus.

Am Ende dieses wirklich schrägen Jahres, das die Welt einmal mehr ratloser, verängstigt, verärgert, zorniger und auf viele Arten mehr zurück lässt, scheint heute, nach etlichen trüb-dunstigen Novembertagen im späten Dezember dann auch mal wieder Sonne.

Nehmen wir es mal so hin und vergessen nicht: Es gibt auch bunte Seiten, voller Spaß und hintersinniger und manchmal lehrreicher Narretei. 😉
 

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Freitag, 27. Dezember 2024

Eugen Ruge: Metropol


„Das Russische Staatsarchiv für soziopolitische Geschichte ist ein klobiger 20er-Jahre-Bau, der durchaus an jenen Sarkophag erinnert, den man dem traurig-berühmten Kraftwerk von Tschernobyl verpasst hat.“ (Seite 7)

In diesem Sarkophag – eine fantastische Metapher übrigens – lagert staatliche Erinnerung. Einen Bruchteil davon sichtet der Erzähler, um die Geschichte seiner Großeltern in den späten Dreißiger Jahren in Moskau zu recherchieren.

Der Erzähler ist unschwer als literarisches Alter Ego von Eugen Ruge zu erkennen, der hier nachzeichnet, wie seine Oma und sein Opa als deutsche Kommunisten ins Räderwerk der stalinistischen Säuberungen gerieten und trotzdem an den Kommunismus glauben wollten.

Der Sarkophag von Tschernobyl erscheint mir deswegen eine grandiose Metapher zu sein, weil diese Erinnerungen das Gewalttätige, das Manipulierende, das schockierend Zufällige an den stalinistischen Säuberungen amtlich festhalten. Sowohl für eine Staatsmacht, die sich nach wie vor darauf gründet, als auch für die unzähligen Menschen, die in falscher Loyalität nicht sehen wollten und sich selbst das Hirn verbogen, um nicht sehen zu müssen, können derlei Akten nur hochgradig radioaktiv erscheinen. Denn diese Strahlung muss den Glauben daran, dass das doch schon alles irgendwie richtig gewesen sein muss, porös und löchrig werden lassen.

Eugen Ruge hat aus den Fundstücken über seine Großeltern einen großartigen, schockierenden und klarsichtigen Roman gestrickt und damit die Kaderakten zum Sprechen gebracht, wenngleich anders als von denen gedacht, die sie einmal anlegten und füllten.

Die spätere Großmutter Charlotte und ihr Mann reisen als Mitarbeiter:innen des Nachrichtendienstes der Komintern durch die Sowjetunion, wo sie auf der Flucht vor der Verfolgung in Nazi-Deutschland wie so viele andere Kommunist:innen Unterschlupf fanden. Wie andere vor und nach ihnen sind sie zunächst begeistert von der Heimat der Werktätigen.

Doch als sich, zurück in Moskau, herausstellt, dass einer ihrer Freunde als Verräter verurteilt und hingerichtet wird, wendet sich auch ihr Leben schlagartig. Sie werden umquartiert in das Hotel Metropol, eine Transitstation der Verfolgung, wo Angst, Selbstzweifel, Hoffnung und Denunziation Tür an Tür leben.

In diesem Mikrokosmus treffen immer wieder neue Leute wie Charlotte und ihr Mann ein, ebenso wie unzählige von jetzt auf gleich daraus verschwinden. Alle hoffen, dass es sie nicht trifft, ihre Unschuld bewiesen würde, während wohl die wenigsten in der Lage wären, ihre Schuld überhaupt zu benennen.

Ruge lässt uns erleben, wie die stalinistischen Mechanismen Menschen und Zwischenmenschliches vergiftet haben, was gestern noch wahr war heute verdreht und verknoten konnten, wie Misstrauen gegen alles und jeden selbst das Vertrauen ins sich selbst zerfressen ließen.

Einige Rezensionen, die ich gefunden habe, bezogen das hier Beschriebene auch auf das Aufkommen von Fake News, auf absichtsvoll zur Unkenntlichkeit verdrehte Tatsachen. Ich würde einen Schritt weitergehen und spätestens seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine auch die hybride Art der Kriegführung gegen den Westen insgesamt nennen. Leider finden diese Methoden ihre Erfüllungsgehilfen in insbesondere den Rechtspopulisten, die überall in den westlichen Demokratien ihr unheilvolles Werk tun.

Trotz all dem, was wir aus der Geschichte oder aus Geschichten wie dieser von Eugen Ruges Großeltern lernen könnten, funktionieren diese Methoden immer noch – solange sie nicht klar benannt und der Strahlung aufgedeckter und analysierter Erinnerung ausgesetzt werden.

In diesem Sinne ist Eugen Ruge ein hellsichtiger und weiser Roman gelungen, der obendrein großartig geschrieben ist. Großartig wegen der Worte, die Ruge gefunden hat, als auch wegen der Zeichnung der verschiedenen Charaktere in all ihrer Ambivalenz, Stärke, Ignoranz, Borniertheit, Loyalität und auch Angst.

Dies hier ist die von Rowohlt lizensierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, die ich gern einmal mehr für ihre Gestaltung loben will.

Kurz und gut: Intensiv, dicht, erschütternd und erhellend. Lesen, unbedingt!

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Donnerstag, 26. Dezember 2024

Téa Obreht: Herzland


„Als diese Kerle gestern Nacht runter zur Furt ritten, dachte ich, wir wären erledigt.“ (Seite 9)

Mit elf hielt ich die Geschichten von Old Shatterhand und Winnetou ja noch für realistisch. Als ich dann später erfuhr, dass Karl May sich das alles nur ausgedacht hat, war das dennoch kein großer Bruch. Unausgesprochen und ohne die Worte dafür zu finden, war mir die Macht von großen Mythen schon irgendwie klar – und ich konnte sie immer wieder genießen in ihrer erzählerischen Macht.

Klar, irgendwann war auch ich dann aus dem Westernalter heraus. Andere Themen traten in den Vordergrund. Aber ich kann mich auch gut noch an heiße Sommernächte unterm Dach erinnern, in denen ich die May-Bände, in denen der Ku-Klux-Klan eine Rolle spielte und ich nicht mehr sagen konnte, ob ich vor Hitze oder vor Angst nicht schlafen konnte. In jedem Fall hab ich fast manisch einfach immer weitergelesen, bis mir einfach die Augen zufielen. Das war schon anderer Stoff, nichts mehr von Lagerfeuerromantik und großem Blutsbruderehrenwort.

Es hat lange gebraucht, bis mich Stoffe aus der Siedlungs- und Kolonisierungszeit Nordamerikas wieder ansprachen. Ich glaube, Cormac McCarthy hatte da einen ordentlichen Anteil dran. Und Sebastian Barry, den ich hier auf keinen Fall vergessen darf. Von T.C. Boyle hab ich da auch noch eine Geschichte im Kopf, auf deren Titel ich aber gerade nicht komme.

Diesen Geschichten ist gemein, dass sie nicht von den großen heroischen, bärtig-gewalttätigen aber immer gerechten Typen getragen werden. Ganz andere Charaktere treten hier auf. Es gibt mehr als das reine Gute und das abgrundtief Böse. Ganz normale Menschen treten hier auf, kämpfen ums Überleben, mal gegen die Natur, mal gegen andere Menschen, und wachsen dann auch mal über sich hinaus oder scheitern eben, wie Menschen so scheitern. Das war spannend und mitreißend.

Nun also „Herzland“ von Téa Obreht. Sie entführt uns mit ihrer Geschichte nach Arizona im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Nora Lark, die mit ihrer Familie auf einer kleinen Farm lebt. So mitten im Nichts, viel Natur drumherum, die nächsten Nachbarn einen ordentlichen Ritt weit entfernt, Freiheit und so. Naja, inzwischen bin ich ja schlauer als mit elf. 😉

Auf der Farm fehlt es an Wasser. Alles trocknet aus, inklusive der Menschen. Noras Mann ist seit Tagen verschwunden. Er wollte Wasser besorgen. Inzwischen ist Nora allerdings in großer Sorge, dass er nicht nur kein Wasser bringen wird, sondern ihm womöglich noch etwas zugestoßen sein könnte.

Ihre beiden großen Söhne sind im Streit auf und davon. Nora vermutet, dass sie auf der Suche nach ihrem Vater sind. Und Heißsporne, die sie sind, bringen sie sich womöglich selbst noch in Schwierigkeiten. Sie selbst ist mit ihrem Jüngsten, der Haushaltshilfe und der bettlägerigen Großmutter zurückgeblieben. Und muss zusehen, wie der Wasservorrat Tropfen um Tropfen schwindet. Freiheit hin oder her, aber die Gegend drumherum gibt einfach auch nichts her und auf Regen ist nicht zu hoffen.

Im Verlauf der Geschichte blättert Obreht geschickt auf, dass es hier nicht nur um das individuelle Schicksal einer Frau geht, die sich ihrem Mann mit großen Hoffnungen angeschlossen hat, um sich auf in einem kargen Farmerleben wiederzufinden. Denn Noras Mann ist Herausgeber der kleinen Zeitung ihrer Stadt. Und hier werden handfeste Interessen ausgetragen. So leer die Gegend erscheinen mag, ist sie doch voller Konflikte darüber, wem welches Land gehört, wer seine Vieherden wo weiden kann, welche Stadt über einen Anschluss ans Eisenbahnnetz an Bedeutung und damit auch Reichtum gewinnen wird, wo Behörden sich ansiedeln und Verdienstmöglichkeiten die eigenen Rechnungen bezahlen können.

Kurz, auch hier ist sehr schnell so gar nichts mehr mit der großen Freiheit von allem. Wo jede und jeder nur seines eigenen Glückes Schmied ist, vollkommen unberührt von der Unbill, das organsierte Gesellschaften so mit sich bringen. Land der Freien und Tapferen, nur dem Glück der Einzelnen verpflichtet – nein, es ging auch hier schon ums Haben und Nichthaben, um Macht im Kleinen und im Großen. All die Dinge, die die ersten Siedler vielleicht hofften, hinter sich im alten Europa zurückgelassen zu haben, waren die ganze Zeit dann halt doch im Gepäck, wenn auch mitunter nur in einem anderen Gewand.

Dennoch, und das ist ja das spannende an solchen Geschichten, ist dieser Gründungsmythos, der medial wie politisch nach wie vor hochgehalten, poliert und stolz vor sich hergetragen wird, auch heute noch präsent und real. Selbst Trump erzählt nur eine weitere Variation davon.

Bücher, wie das von Téa Obreht sind mir da lieber. Weil sie ehrlich erzählt und mit großem Herzen. Weil ihre Sprache und ihr Rhythmus die Büsche hinterm Farmhaus rauschen lassen und das trockene Holz knarzen. Weil es zu Herzen geht, wie Nora sich den auf sie einstürmenden Herausforderungen stellt und welch großes Herz sie dabei offenbart.

Vielleicht braucht es Einwanderer wie Téa Obreht, die den amerikanischen Gründungsmythos immer wieder gegen den Strich bürsten und neu erzählen.

Kurz und gut: Einfach eine Woche Urlaub dranhängen und direkt wegschmökern. Lesen, unbedingt!

(Übersetzung: Bernhard Robben)

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Mittwoch, 25. Dezember 2024

Michel Houellebecq: Serotonin


„ES IST EINE KLEINE WEISSE, ovale, teilbare Tablette.“ (Seite 5)

Also meine literarische Serotoninausschüttung wird von Houellebecq-Romanen ja eher nicht angeregt. Es ist eher so ein „nicht-ignorieren-Können“. Aber immerhin, dass der Autor schreiben kann, präzise-lakonisch, wird ja von niemandem bestritten.

Ok, ich versuche es anders. 😉

Du sitzt am Tresen deiner Lieblingskneipe, die sich, weil sie ein Mittelschichtspublikum anziehen will, Bar nennt aber trotzdem leidlich urig ist. Normalerweise sind die Leute hier ganz ok. Man kann sogar mit Fremden ins Gespräch kommen.

Auf den Barhocker neben dir schwingt sich, betont stöhnend, ein Mann, so in den späten Vierzigern vielleicht. Die Kleidung lässt auf die Art Mittelschicht schließen, die es sich leisten kann, absichtsvoll ein wenig zerknittert und abgetragen zu wirken, um zu signalisieren, dass ihr Träger das echte Leben kennt.

Das Kinn leicht stoppelig, melancholisch zerfurchte Stirn, bestellt der Typ bei der Bedienung einen Whiskey, aber nicht den billigen. Die Stimme krächzt dabei ein bisschen heiser und eine Spur erstaunlich zu hoch. So richtige ganze Sätze mit höflichem Tonfall vorgetragen sind nicht zu vernehmen. Hier leidet jemand doch unverhohlen. Aber auf eine Art, bei der sich bei dir sofort das leicht unangenehme Gefühl einstellt, dass er auch will, dass es andere mitbekommen. Nein, nimmst du dir vor, du fragst nicht und willst keines dieser komischen Gespräche an der Backe haben.

Der Typ brabbelt etwas vor sich hin, aber so leicht in deine Richtung. Und instinktiv fragst du „Bitte?“ und tappst genau in die Gesprächsfalle, die du vermeiden wolltest. Jetzt hat er deine Aufmerksamkeit, tut aber weiterhin so, als wolltest du etwas von ihm. Du bist am Haken und weißt genau, dass du zu höflich bist, das einzig Richtige zu tun und das Gespräch zu beenden, bevor es noch richtig in Gang kommen kann.

Aber zu spät. Er steigt ein mit seiner japanischen Frau, die er nach einem FKK-Urlaub verlassen hat – aha, das tut mir leid – und ignoriert geflissentlich, dass du nichtssagend kommentierst. Du kapitulierst fürs Erste, bestellst noch ein Bier und denkst dir, dass es so schlimm nicht werden kann. Nur dieses eine Bier noch.

Und schon entblättert sich ein ganzes gehobenes Mittelschichtsleben neben dir auf dem Barhocker. Gute Ausbildung, gut bezahlter Job, keinerlei größere Ambitionen, ach und Frauen – Frauen sind ein Thema. Erst täuschen sie einen mit Jugendlichkeit, klaren Augen und festen Brüsten, nur um einen dann nur noch zu deprimieren mit ihrem Älter- und faltiger und Saftloserwerden. Hobbys, Träume, Freunde scheint der Typ nicht zu haben, aber ein Leben, dass er nach den Frauen einteilt, die er gehabt zu haben scheint, aber allesamt vergrault hat. So klingt es wenigstens für dich. Auch wenn er da entschieden anderer Sicht ist.

Und überhaupt, das moderne Leben mit all seinen Zumutungen für Männer wie ihn. Frauen mit Ansprüchen scheinen eine solche für ihn zu sein, Schwule sowieso, Gendern könnte noch vorkommen, dabei fährt er immerhin einen Mercedes Geländewagen. Du schaust dir den Typen zwischendurch genauer an und denkst nur: „Du hässlicher Kackvogel, ein Wunder, dass überhaupt jemand was mit dir zu tun haben will!“ Aber er redet einfach weiter, auch nur so halb zu dir hin, weil er davon ausgeht, dass du ihm zuhörst. Hier trägt jemand immerhin die gesamte Last des Lebens auf seinen nicht sonderlich breiten Schultern.

Ach, und einen Freund hat er doch. Bauer, aus adeliger Familie. Der hat immerhin versucht, einen Biohof aufzubauen. Der hat was versucht. Und dann ist ihm die Frau mit Kindern davongerannt, weil es nicht gut genug lief. Und Schuld hat natürlich die globalisierte EU mit ihren Verordnungen. Auf die Barrikaden ist er gegangen. Also buchstäblich und hat sich vor laufender Kamera den Kopf weggeschossen. So weit sind wir schon gekommen. Und ein pädophiler deutscher Ornithologe war da auch noch. Pfui, kann man da nur sagen.

Aus den Medien weißt du, dass die Umfragen für die #noafd immer wieder neue Rekorde hervorbringen. Du fragst dich seit langem, wer diese Leute sind, die sich über alles und jeden aufregen und glauben in allem zu kurz zu kommen und dann diese Politclowns wählen. Naja, da sitzt einer neben dir. Hat lange genug von dem System profitiert, gegen das er hier wettert. Hat als fleischgewordenes Mittelmaß mitgemacht und nicht gemerkt, merken wollen, wie leer sein Leben ist. Und nun trägt er sein Selbstmitleid vor sich her, faselt davon, dass er auch einfach gehen könne. Du bist dir sicher, der geht letztlich nirgendwohin, solange ihm jemand in seinem Frust zuhört, dessen Ursprung er selbst nicht mal benennen könnte. Fast wünschst du ihm, dass es „nur“ eine Depression wäre, gegen die ein paar Tabletten helfen.

Und da schließt sich der Kreis, denn die nimmt er ja schon. Und was hat es ihm gebracht, außer dem Verlust seiner Libido. Nicht mal Ficken macht mehr Spaß.

Zahlen bitte, schnell!

Kurz und gut: Nach dem Festtagsessen ein literarischer Magenbitter. Lesen, naja!

(Übersetzung: Stephan Kleiner)

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Dienstag, 24. Dezember 2024

Nnedi Okorafor: Das Buch des Phönix


„Niemand weiß so recht, wer das Große Buch geschrieben hat.“ (Seite 7)

Nnedi Okorafor zu lesen ist ein herrlicher Rausch. Ihre Sprache bezaubert, obwohl sie kaum unnütze Ornamente oder Zierrat braucht. Ihre Geschichten bersten vor kraftvoller Fantasie.

Phönix ist eine junge Frau, kaum zwei Jahre alt, aber in einem erwachsenen Körper. Sie ist das Ergebnis genetischer Experimente und voller ungeahnter, mächtiger Kräfte. Die sie erschufen, nennen sie voller Stolz ihr Forschungsergebnis und hassen, was sie ist.

Sie lebt im Turm 7 und braucht, um zu erkennen, dass sie nicht beschützt, sondern weggesperrt wird. Dass nicht Fürsorge sie umhegt, sondern Angst vor dem, was sie ist und was sie zu tun in der Lage ist. Sie hat keine Vorstellung von ihren Kräften.

Als sie entdeckt, dass sie nicht allein ist und ihre Neugierde sie zu beängstigenden Antworten führt, bleibt ihr nichts anderes als die Flucht. Als sie gejagt wird, obwohl sie doch nur in Ruhe leben und herausfinden will, wer und was sie ist, bleibt ihr nichts anderes als sich zu wehren.

Aber ihre Schöpfer:innen können nicht nachlassen in ihrer Angst vor dem, was sie da erschufen. So stürzt Phönix sich und die ihren in Taten voller Rache. Eine Rache, die all der Angst der Menschen, die glaubten Herr ihrer Experimente zu sein, Recht gibt. Das ergibt einen episch-blutigen Kampf zwischen Gut und Böse, der die Welt an den Abgrund treiben wird.

All dies ist Geschichte. Denn wir davon, weil ein einsamer Wanderer in einer Wüstenlandschaft eine Höhle voller Computer entdeckt. Und auf einer der Festplatten, die auch nach mehr als zweihundert Jahren noch etwas Strom hat, schlummert eine Datei „Erinnerungsextrakte“.

„Extrakt Nummer fünf, Das Buch des Phönix“ ist die Geschichte von Phönix, ein Märchen aus unserer zukünftigen Vergangenheit. Eine Zukunft voller Technik und Möglichkeiten, die die Menschheit in ihrer unendlichen Hybris zerschlug, so dass von ihr nicht viel mehr als ein Haufen kaum nutzbarer Computerschrott bleiben wird. Eine bittere Erinnerung, weil die wenigen Menschen, die noch leben, kaum noch ermessen können, zu was die Menschheit einmal in der Lage war.

Das ist düster. Das ist eine Warnung. Aber da ist auch die Hoffnung, dass wir es noch besser machen könnten, als es uns so fabelhafte Autor:innen vor Augen halten.

In Bezug auf die Bücher Nnedi Okorafors hab ich das schon einmal geschrieben und wiederhole es gern. Es ist ein großer Verdienst von Cross Cult, ihre Bücher ins Deutsche übersetzt zu haben und uns hier zugänglich zu machen. Ich bin sicher, kämen diese Werke heute in einem großen Publikumsverlag heraus, wären sie auf jeden Fall Bestseller. Und zurecht.

Kurz und gut: Entdeckt Nnedi Okorafor! Lesen, unbedingt!

(Übersetzung: Claudia Kern)

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Montag, 23. Dezember 2024

Johann Chapoutout: Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements – von Hitler bis heute


„Sie sind uns scheinbar völlig fremd und gleichzeitig merkwürdig nahe, fast wie Zeitgenossen. ‚Sie‘ – das sind die kriminellen Nazis, deren Leben und Taten der auf diese Epoche spezialisierte Zeithistoriker erkundet, deren Schriften er liest, deren Werdegang und geistigen Horizont er untersucht.“ (Seite 7)

In dieser kleinen Studie von gerade mal 150 Seiten geht es dem Zeithistoriker Chapoutou darum zu zeigen, wie die unaussprechlichen Gräueltaten der Nazis organisiert wurden und wie die Organisationsprinzipien sich in Managementausbildungen weit nach dem Zweiten Weltkrieg noch wiederfinden konnten.

Zeitsprung.

Wer kennt sie nicht, die Rede von der Leistungsgesellschaft. Leistung, die sich wieder lohnen soll. Und die Anforderungen, die diese Leistungsbereitschaft so mit sich bringt: Selbstoptimierung, Handeln in einem übergeordneten Sinn, Kranksein geht gerade nicht, Härte gegen sich selbst, Selbstausbeutung …

Im Allgemeinen verstehen wir all diese Forderungen an uns als Zeichen des nach wie vor wirkmächtigen neoliberalen Zeitgeistes. Der hat gerade vermittels so vieler Inhalte auf den Social Media Plattformen so richtig dafür gesorgt, dass Chef:innen inzwischen oft genug darauf bauen können, dass Arbeitnehmer:innen tief verinnerlicht haben, dass es ihre Pflicht sei immer und jederzeit auf höchstem Level zu performen.

Wir bilden uns weiter, wenn wir Zeit dafür finden. Wir konditionieren uns auf Wohlverhalten, Gewinnorientierung und Kund:innenzufriedenheit. Wir haben gelernt, dass unsere Körper ebenso unser Kapital sind und joggen, gehen ins Fitnessstudio, futtern Proteine. Noch verrückter ist aber, dass wir in Erfolg oder Nichterfolg, Karriere oder Stagnation ausschließlich unser eigenes Handeln wiedergespiegelt sehen. Als würde all das ausschließlich an unserem Versagen oder Siegen liegen. Als gäbe es keinerlei Rahmenbedingungen, die Dinge befördern oder bremsen können.

Wenn ich Kurzvideos von Teenagern sehe, die von ihrem Business reden, ihre Zeit damit verbringen, ihren Körper zu optimieren, Tipps für noch mehr Selbstoptimierung an Gleichaltrige geben, und dann fällt mir ein solches Buch in die Hände, dann werde ich nachdenklich.

Natürlich sprechen wir auch in den Kontexten, in denen ich selbst unterwegs bin, darüber, wie Arbeiten besser organisiert werden können, darüber, was Kolleg:innen brauchen, um ihre Arbeit besser bewältigen zu können. Und ja, dabei fallen immer auch die üblichen Vokabeln der Effizienz usw.

Skeptisch macht mich dann aber schon sehr schnell, wenn aus gutgemeintem Einsatzwillen für die Sache, für die Firma, für das, was irgendwie über anderem schwebt, Verantwortungen so leichtfertig verschoben werden. Ja, ich bin natürlich für mein eigenes Handeln verantwortlich. Aber wenn klar ist, dass es Kontexte, Rahmenbedingungen gibt, die ich nicht oder nur sehr bedingt beeinflussen kann, wird dann die Rede von der Eigenverantwortung nicht nur Manipulation?

Ok, ok, ich bin jetzt sehr viel weiter als dieser Band von Chapoutout geht. Also zurück zum Text. Denn hier zeigt der Autor auf, wie durch personelle Kontinuitäten auch Organisationsprinzipien und -verständnisse weit über die Zeit des Nationalsozialismus hinausreichten. Oder härter formuliert: Erst wurden mittels solcher Prinzipien die Gräuel der Nazis effizient organisiert und später dann der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder.

Nun bleibt die Frage, ob das tradierte Managementwissen, um das es hier geht, durch diese Vorgeschichte und die Kontinuitäten per se vergiftet sei. Vermutlich kommt es bei den einzelnen Methoden etc. eben auch auf den Kontext an. Denn auch Harmloses lässt sich missbrauchen und als Mittel für Schlimmstes einsetzen.

Was es also offenbar braucht, ist ein individueller Kompass, der erkennen hilft, ob und wofür man sich einspannen lässt. Ob dies tragbar und im eigenen Interesse ist oder eben nicht. Zur Ausbildung eines solchen Kompasses gehört es dann unweigerlich vermutlich auch, sich über solche historischen Zusammenhänge im Klaren zu sein und sie zu benennen.

Ganz abgesehen davon, dass es immer wieder erschütternd ist, welche Verstrickungen selbst nach Jahrzehnten der Forschung noch gefunden werden – allen Versuchen der Verharmlosung des Nationalsozialismus von Neurechten und Co zum Trotz.

Kurz und gut: Kann man allen, die irgendwie mit Management zu tun haben, gut unter den Weihnachtsbaum legen. Lesen!

(Übersetzung: Clemens Klünemann)

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Sonntag, 22. Dezember 2024

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings


„Afrika.
Die durchweichte Zeit.“ (Seite 11)

Da passiert tatsächlich mal etwas in einem Provinzkaff in der Sierra Nevada. Eine Frau stürzt in eine Schlucht. Allerdings deutet viel daraufhin, dass sie aus ihrem von der Straße abgekommenen Wagen geflüchtet ist und der Sturz eher kein Unfall war.

Über das Autokennzeichen findet der örtliche Sheriff Luther Opoku den Weg zu einer einsam und gut verborgen gelegenen Forschungsanlage, die natürlich ordentlich mysteriös erscheint. Sie gehört zu einem Hightechkonzern aus dem Silicon Valey und ehrlich, das schreit doch schon nach abgefahrenen Experimenten und geheimnisvollen Vorgängen.

Und wo heute so viel über KI diskutiert und philosophiert wird, passt dieser Roman von 2018 doch ganz wunderbar. Denn dieser Konzern forscht natürlich an einer KI, die alles an künstlicher Intelligenz in den Schatten stellen soll.

Nun ist das hier kein philosophischer Essay, sondern ein ordentlich handlungsgetriebener Thriller, in dem Schätzing aus seiner Sicht einmal ausbuchstabiert, wohin derlei führen könnte. Ganz praktisch soll diese KI eigentlich die Welt retten und entdeckt dazu auch noch den Zugang zu Parallelwelten.

Und ehe man sich versieht, geht es auch schon um die Frage, ob die Menschheit wohl in der Lage wäre, es endlich mal besser zu machen und unsere Welt aus purem Gewinnstreben nicht einfach nur in Schutt und Asche zu legen, vom Klimawandel mal ganz zu schweigen.

Da wäre es natürlich total praktisch, wenn man aus einer Vielzahl von parallelen Welten das Beste zusammentragen könnte, um unsere Probleme hier zu lösen. Dumm nur, dass der Faktor Mensch als unberechenbare Größe immer noch eine Rolle spielt.

So spiegeln die ganzen Welten unsere eben in so ziemlich jeder Hinsicht. Es gibt sie in harmonischer, kriegerischer, neoliberaler und jeder anderen Ausprägung. Und nicht immer ist davon auszugehen, dass die dort jeweils Einheimischen es gut finden, wenn da jemand reinschneit und Technologien und Wissen klaut – und sei der Zweck noch so gut gemeint.

Nicht überraschend ist es auch, wenn es in anderen Welten ähnliche Bestrebungen gibt – mit womöglich auch nicht so gut gemeinten Intentionen. Und da reden wir noch gar nicht darüber, dass sich auch gut gemeinte Ideen im Hier und Heute mitunter Menschen bedienen, die es nicht unbedingt genauso gut meinen. Oder die plötzlich eigene Bestrebungen entwickeln. Menschen halt.

Tja, und der Provinzsheriff Luther befindet sich plötzlich mittendrin und weiß ganz schnell gar nicht mehr so sicher, welche Welt die Richtige ist und wer er selbst nun ist.

Aber ist das alles dann doch nicht nur reine Unterhaltung? Ich hab das selbst ja mal, ganz jung und sehr idealistisch, auch anders gesehen, aber über die Jahre hab ich entdecken können, dass auch unterhaltende Texte nicht einfach nur die Klischees aus dem Bestsellerbaukasten runterrattern müssen, sondern durchaus mit relevanten Themen verknüpft sein können.

Und dies lässt sich bei Frank Schätzing, auf den ich auch erst mit dem „Schwarm“ aufmerksam geworden bin, durchaus unterstellen. Schreiben und fesselnd erzählen, auch über mehrere hundert Seiten lang, das kann er definitiv. Mit Recht lese ich seine Bücher also immer wieder gern und bin gespannt, was mir da als Nächstes von Schätzing auf den Lesestapel flattern wird.

Kurz und gut: Netflix einfach mal aussetzen. Ruhig lesen, lohnt sich!

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Samstag, 21. Dezember 2024

Steffen Mau: Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert


„Die dramatischen Bilder von der türkisch-griechischen Grenze, die im Frühjahr 2020 über unsere Fernsehschirme flimmerten, waren an Wucht nicht zu überbieten: Busse, die tausende Geflüchtete durch die Türkei an die Grenze brachten, türkische Sicherheitskräfte, die Menschen auf die Grenze zutrieben, dazwischen Elendslager mit zum Trocknen aufgehängter Wäsche, eine griechische Grenzpolizei, die hektisch Betonsperren aufstellte und Stacheldraht ausrollte, aufflackernde Blendgranaten, dazu mannshohe Hochleistungsventilatoren, die Tränengaswolken auf die türkische Seite hinüberbliesen.“ (Seite 9)

Huh, kaum 170 Seiten und gleich am Anfang knallen die wiederhochgeholten Bilder schon böse rein. Dabei bleibt diese kleine Studie Maus sachlich, nüchtern, analytisch – wie man Steffen Mau halt inzwischen kennt.

Grenzen.

Die erste Grenze, an die meine Erinnerung zurückreicht, war die zum kapitalistischen Westen. In der Realität verlief sie vielleicht 40 Kilometer von dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin. Ich wusste, dass es sie gibt. Sie blieb aber, bis ich 14 Jahre alt wurde, rein theoretisch. Im Fernseher konnte ich sehen, was sich dahinter abspielte und dass es da eine Welt gab, die fern meiner eigenen war. Eine Vorstellung davon, wie sie konkret aussieht, hatte ich nicht.

Eine zweite Erinnerung ist, dass es Besucher:innen gab, die offenbar einfach so aus dem Westen zu uns fahren konnten und Geschenke mitbrachten. Sie sprachen wie wir, bis auf den Dialekt natürlich, sie gingen auf zwei Beinen. Aber sie fuhren eines dieser sagenhaften Westautos und, das Wichtigste, sie konnten einfach so über diese so unkonkrete wie für uns undurchdringliche Grenze hin und her fahren.

Meinen ersten eigenen Grenzübertritt erlebte ich mit 11 Jahren. Meine Eltern heirateten heimlich im Urlaub in Bad Schandau an der Elbe, wenige Kilometer vor der Grenze zwischen der DDR und der Tschechoslowakei. Zum Hochzeitsprogramm gehörte ein Ausflug über die Grenze, natürlich in unserem Trabi. Wir mussten lange in einer Autoschlange stehen, bis sehr grimmig dreinschauende Grenzer mit strengem Blick die Ausweise kontrollierten. Einer der Soldaten trug eine Kiste vor dem Bauch, in der er in Karteikarten blätterte und Nummern abglich. Hinterher erfuhr ich, dass Vater Sorge hatte, dass er womöglich auf irgendeiner Liste hätte stehen können, die dafür sorgt, dass er die Grenze nicht hätte passieren dürfen.

Ein paar Jahre später fuhren wir im gleichen Trabi die knapp 40 Kilometer von zuhause in Richtung Westen, um wie alle das Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen. Wieder lange Autoschlangen. Aber diese Grenze blieb so unreal für mich wie zuvor. Nur die Kommentare wie „Hier haben sie gestanden“ und „Bis hierher wären wir noch gekommen“ ließen eine Ahnung aufkommen, dass diese auf der Karte noch nachvollziehbare Linie mal eine echte Grenze war.

Damit trat ich ein in mein persönliches Zeitalter der grenzenlosen Freiheit. Immerhin gab es von nun an unzählige Berichte im Freundes- und Bekanntenkreis darüber, wer jetzt alles wo gewesen sei. Bisher undenkbar zu erreichende Orte rückten plötzlich als mögliche Realität immer näher.

Weitere Jahre später unternahm ich eine einwöchige Autoreise mit einem Freund. Sie führte uns von Thüringen aus nach Straßburg, weiter nach Paris, nach Brügge und Antwerpen. Einfach so. Die einzigen Grenzen, die ich wahrnahm, waren, dass aus dem Geldautomaten mit meiner eigenen Karte ganz anderes Geld kam und auf der Autobahn tatsächlich alle 120 km/h fuhren.

Das unkomplizierte Überqueren von Grenzen war auch in meinem Alltag zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Menschen um mich herum erzählen seither ständig von Reisen hierhin und dorthin. Freunde leben plötzlich in anderen Ländern und ich könnte sie jederzeit besuchen. Aber halt – da ist eine neue Grenze, die sich auftut. Die auch hier spürbar ist. Diese Grenze wird durch das Geld gezogen, das Menschen in sehr unterschiedlichem Ausmaß zur Verfügung steht, um sich dieses selbstverständliche Passieren von Grenzen auch leisten zu können.

Von hier ist es gedanklich kein so großer Schritt mehr dahin, zumindest zu erahnen, dass dieses für uns im reichen Deutschland so vollkommen normale Überqueren von Grenzen für einen Großteil der Menschheit gar nicht so selbstverständlich ist. Womit ich nun tatsächlich auch bei dieser Studie von Steffen Mau angekommen wäre.

Er beschreibt klar und analytisch die Funktionen, die Grenzen heute erfüllen, wie immer mehr Hightech für scheinbar mehr Sicherheit dafür sorgt, dass Grenzen nur für vergleichsweise wenige Menschen tatsächlich so bedeutungslos geworden sind. Für die Mittelstandsfamilie aus einer deutschen Kleinstadt auf ihrem Familienurlaub mag das ein paar lästige aber letztlich unkomplizierte Stunden bedeuten. Aber für diejenigen, die wie die Menschen aus Syrien, um die es im Eingangszitat aus dem Buch geht, ist das ganz offensichtlich deutlich anders.

Grenzen dienen, so die Grundaussage des Buches, heute mehr denn je als Sortiermaschinen. Wer den richtigen Pass hat und genügend Geld zur Verfügung, für den sind Grenzen durchlässiger als für diejenigen, die weder das eine noch das andere vorweisen können.

Die Debatten um Migration, die nun seit Jahren geführt werden, unterstreichen das einmal mehr. Da werden Grenzbefestigungen gefordert, eine Abschottung, die andere draußen halten soll, während wir hier in keinem Fall bereit wären, auf unsere Erholungsreisen zu verzichten. Ich habe gut die empörten Klagen von Bekannten im Ohr über Momente, in denen sie ihr Recht auf unkomplizierte Grenzübertritte deutlich angegriffen fühlten, weil die Grenzregime zum Beispiel von den USA oder Israel auch vor einigen Jahren schon dieses vermeintliche Recht zu unterminieren schienen.

Um eine Ahnung davon zu bekommen, was da um uns herum passiert, welche konkreten Folgen für Menschen politische Debatten an sehr konkreten Grenzen in unserer nur scheinbar so grenzenlosen Welt haben, allein dafür lohnt sich dieser Band. Klar genieße auch ich den Luxus, den richtigen Pass zu besitzen. Aber ich möchte ehrlich gesagt auch nicht vergessen, in welchen Kontexten die damit verbundene Freiheit an Grenzen steht, wenn ich nur ein weniger weiterdenke als bis an den nächsten Pool in einem fernen Land.

Kurz und gut: Weihnachtsurlaub bis über den Jahreswechsel? Da passt dieser Band vorzüglich. Lesen, unbedingt!

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Donnerstag, 19. Dezember 2024

Zoë Beck: Das zerbrochene Fenster


„Ich muss die kaputte Scheibe endlich austauschen.“ (Seite 7)

Ein Mann und eine Frau streiten sich. Sie stößt ihn rückwärts in eine Tür mit Fenster. Er verletzt sich und verschwindet spurlos. Sieben Jahre lang versucht die Frau darüber hinwegzukommen, dass sie wortlos und ohne weitere Erklärung verlassen wurde. Dann geschieht ein Mord und sie steht auf der Polizeiwache und erklärt, ihr verschwundener Freund sei der Mörder.

Das wäre natürlich kein Thriller von Zoë Beck, wenn nicht noch mehr interessante Figuren auftauchten, die Handlung sich über verschiedene Zeitebenen verschachteln würde und es beim banalen who done it bliebe. 😉

Philippa entstammt einer schwerreichen Familie, entscheidet sich aber gegen das Leben als Tochter im Familienunternehmen und geht ihren eigenen Weg – als durchaus erfolgreiche Klavierbauerin; zuletzt mit einer eigenen kleinen Werkstatt in Schottland. Als reichte das nicht aus, ihre Eltern und auch die Geschwister ordentlich auf Trab zu halten, freundet sie sich auch noch mit einem mittellosen Hilfsarbeiter aus der Firma des Vaters an, mit dem sie schließlich zusammen nach Schottland zieht. Eltern und Geschwister spielen aber natürlich auch in der Geschichte weiter eine Rolle.

Sean kommt in Schottland im Gegensatz zu Philippa beruflich kein Stück weiter. Die Beziehung der erfolgreichen (und zumindest potentiell reichen Tochter) und des armen Hilfsarbeiters steht also vor einer harten Probe. Nunja, Sean verschwindet halt nach dem Streit.

Die starke, unabhängige Philippa kämpft sieben lange Jahre damit, keine Antworten zu erhalten. Aber keine Sorge, das ist nicht die Geschichte vom armen Frauchen, das dann doch nur „das schwache Geschlecht“ repräsentiert und sich nichts sehnlicher wünscht, als zurück in den starken Armen … na ihr wisst schon. Philippas Geschichte ist die des nicht Abschließenkönnens; es geht um das erklärungslose Verlassenwerden. Sie bleibt dabei eine starke, unabhängige Frau, auch wenn Depressionen dunkel nach ihr greifen.

Als sie endlich ein irgendwie neues Leben anfangen kann, geschieht dieser Mord. Möglicherweise gibt es nach Jahren die ersten ernsthaften Hinweise auf Sean. Was Philippa dazu bringt, ihn des Mordes zu bezichtigen. Na, das lest ihr mal hübsch selbst.

Vorzüglich finde ich mal wieder das ganze Personal der Story, ich sag mal, typisch normal beschädigte Leute. Die wohlhabenden Geschwister, fürsorglich der eine, tabletten- und shoppingsüchtig die andere. Seans schrullig werdender Vater. Philippas neuer Freund. Der kauzige und von Panikattacken geplagte vielleicht-Erbe eines Medienunternehmens.

Sie alle sind mit vielen Details ausgestattet, ihre Geschichten natürlich irgendwie miteinander verwoben. Und diese Geschichten liefern genügend Stoff für mehr als nur eine Fährte zur Lösung des Mordfalles, um den es ja auch noch geht.

Wie bisher in allen Romanen von Beck, die ich bisher gelesen habe, machen Tempo und Erzählstil einfach Spaß, unterfordern nicht und bleiben eben doch auch kitzelig unterhaltsam.

Kurz und gut: Mal nicht Tatort gucken. Lesen, macht mal! 😉

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Mittwoch, 18. Dezember 2024

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde


„Dieter starb nur wenige Tage vor seinem 65. Geburtstag.“ (Seite 9)

An den Anfang stellt Kowalczuk die Geschichte seines Schwiegervaters, die sicher exemplarisch für viele von dessen Generation stehen kann - in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts geboren und nach dem Krieg vermutlich voller Hunger auf das Leben. Die DDR bot ihm die Möglichkeit für den sozialen Aufstieg, wofür er mitmachte. Angesichts der überbordenden bundesrepublikanischen Konsumrealität zur Wendezeit, die vielen wie ihm die Tränen darüber in die Augen trieb, was bisher unfassbar aber jetzt greifbare Realität geworden war, rafft er sich zusammen und klotzt ran, um sich ein neues, besseres Leben aufzubauen. Doch die Geschichte sieht einmal mehr harte Enttäuschungen vor; darüber was Westdeutschen im Osten vergönnt und Ostdeutschen im Osten verwehrt wurde. Acht Jahre des wiedervereinigten Deutschlands erlebte er noch. Das war dann sein Leben.

Ich vermute, dass die meisten Ostdeutschen solche Geschichten und noch viele mehr kennen. Und sie werden auch nach wie vor noch erzählt und weitergegeben. Ob ihnen eine umfassende Aussagekraft zukommt, das untersucht Kowalczuk mit diesem 2019 erschienenen Essay.

Die Darstellung setzt 1989 mit der „unvorstellbaren Revolution“ ein und berichtet im Folgenden von den großen, bis heute immer wieder aufflammend heiß debattierten Themen: Alternativen zum Beitritt, die ostdeutsche Gesellschaft als zweite Klasse, Treuhand und wirtschaftlicher Ausverkauf, Brüche und Niedergänge im Sozialen und Kulturellen, Elitenwechsel …

Es sind die seit Jahren bekannten und spätestens mit Dirk Oschmanns Buch 2023 wieder einmal durchgekauten Themen. Den Unterschied macht, dass Kowalczuk zwar nicht zimperlich in seinen Einschätzungen ist, aber Ostdeutsche eben nicht per se als Opfer darstellt, die der Geschichte ausschließlich ausgeliefert seien. Auch das Heldenlied der Revolution aller Ostdeutscher stimmt er so nicht an, sondern macht immer wieder deutlich, dass das Mitläufertum, das Abwarten als bewusstes Handeln in der ostdeutschen Gesellschaft vor und nach der Wende mehrheitsfähig war.

Auch hier taugt sicher Kowalczuks Schwiegervater als Beispiel für all diejenigen, die Kompromisse eingingen, ohne zwingend in die erste Reihe zu drängen und nach der Wende lernen mussten, dass auch jetzt eine nicht immer geringe Anpassungsleistung Grundvoraussetzung für ein anständiges Leben war.

An Kowalczuks Texten schätze ich, die pointierte Darstellung sehr. Ich teile nicht jedes Urteil inhaltlich und mitunter auch nicht den harschen Tonfall. Aber er packt als Ostdeutscher die Ostdeutschen nicht in Watte. Damit erweist er, finde ich, Ostdeutschland und den Menschen hier einen größeren Dienst als es Oschmanns Essay vermochte. Aus Kowalczuks Worten spricht für meinen Geschmack damit deutlich, dass er die Menschen hier ernstnimmt und eben nicht zum reinen Objekt von Debatten über sie verkommen lässt.

Ich weiß gar nicht mehr recht, ob dieser Band 2019 tatsächlich zu größeren Debatten geführt hat. Aber für meine fortlaufende Lesetour durch die ostdeutsche Geschichte und Gegenwart ist Kowalczuks Stimme unersetzlich.

Kurz und gut: Macht mitunter Aua, ist aber inspirierend. Lesen, unbedingt!

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Dienstag, 17. Dezember 2024

Marie Darrieussecq: Das Meer von unten

 

„Sie zögerte.
Am Fuß der Treppe schwankte ein Haufen betrunkener Rentner. Sie stellte sich ihren kleinen Körper vor, wie er aufrecht im hohlen Bauch des Schiffes stand, und darunter das unermessliche, gleichgültige Meer. Die Passagiere der Titanic hatten ja auch eine gewisse Zeit gebraucht, um die Zeichen zu deuten. Diese Reise war zu Weihnachten im Sonderangebot gewesen. Vielleicht, weil eines der Kreuzfahrtschiffe ein paar Jahre zuvor gesunken war. Zweiunddreißig Tote. Auch eine Kreuzfahrt barg Risiken.“ (Umschlagtext)

Bei Kreuzfahrten habe ich ja sofort das „Traumschiff“ meiner Kindheit vor Augen und bin ein bisschen angewidert ob der kitschigen Melodie, die sich auch gleich noch dazu in die Ohren schleicht.

Aber wenn plötzlich das Thema Migration in die Urlaubsidylle platzt, dann werde ich neugierig, wie das erzählt wird und wie die Geschichte weitergeht. Spannend ist es natürlich, wenn eigentlich nur ereignislose Erholung vor kitschiger Kulisse geplant war, aber dann plötzlich nach der harten Konfrontation mit der europäischen Grenzrealität im Mittelmehr ein ungeplanter Intensivkurs in Sachen Menschlichkeit und Empathie auf die Tagesordnung drängt.

Ich bin gespannt. 😊

„Strahlende Sonne, blauer Himmel: das Mittelmeer an Weihnachten, vom Deck eines Kreuzfahrtschiffes aus gesehen. An Bord die Psychologin Rose mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern, sie soll sich eine Auszeit gönnen, denn es kostet Kraft, Familie und Beruf zu vereinbaren, und dann steht noch ein Umzug bevor, aus dem hektischen Paris ins beschauliche Clèves.

Mit der Erholung ist es vorbei, als ein Seelenfänger kentert und das luxuriöse Passagierschiff die Überlebenden aufnimmt, nur kurz, bis die Küstenwache eintrifft. Zeit genug für Rose, sich auf das Drama einzulassen und unwillkürlich Verantwortung zu übernehmen, wenigstens für einen der Flüchtlinge, für den jungen Younès, und sei es nur, weil er sie an ihren Sohn erinnert.

Durch ihre spontane Hilfsbereitschaft stellt Rose das Leben ihrer ganzen Familie auf den Kopf. Und sie lernt ihre Heimat aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen, erkundet den Dschungel von Calais und sondiert Herzen, das eigene und das ihrer Mitmenschen.

Ein ungeheuer kluger, bewegender und zeitloser Roman über unsere Gegenwart in ihrer ganzen Komplexität, über die Schwierigkeiten und Schönheiten einer Begegnung mit dem Fremden, vor allem eine literarisch berückende Schule der Empathie, aus der Feder einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen Frankreichs.“ (Klappentext)

(Übersetzung: Patricia Klobusiczky)

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