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Freitag, 21. November 2025

David van Reybrouck: Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt


„Indonesien ist der flächenmäßig größte Inselstaat und das viertbevölkerungsreichste Land der Welt. In der deutschen und europäischen Öffentlichkeit sind Geschichte und Gegenwart des pazifischen Archipels jedoch selten Thema. Dabei war Indonesien das erste Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg seine Unabhängigkeit erklärte und damit auch viele andere antikoloniale Bewegungen inspirierte: Nach mehr als drei Jahrhunderten niederländischer Vorherrschaft, dreieinhalb Jahren japanischer Besatzung und vier Jahren Unabhängigkeitskrieg wurde das Land 1949 zum souveränen Staat. Der belgische Historiker und Autor David van Reybrouck legt die moderne Geschichte Indonesiens ausführlich dar. Er zeigt auf, wie die Niederlande seit dem beginnenden 17. Jahrhundert auf dem Archipel immer mehr Fuß fassten, was in die Eroberung, Unterwerfung und wirtschaftliche Ausbeutung großflächiger Gebiete und ihrer Bevölkerung mündete. Der Autor zeigt die Funktionsweise der kolonialen Gesellschaft, ihre hierarchischen Strukturen und deren Bedeutung für Politik, Kultur und Alltag der verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf. Im Zentrum stehen jedoch die Ereignisse der 1940er Jahre: Diese haben nicht nur durch den Zweiten Weltkrieg in Form der gewaltsamen japanischen Besatzung, sondern auch durch den darauffolgenden Dekolonialisierungskrieg blutige und nachhaltige Spuren in der nationalen, aber auch internationalen Geschichte hinterlassen, die das moderne Indonesien bis in die Gegenwart hinein prägen.“ (Umschlagtext)

Die Erkenntnis gilt in der Literatur ebenso wie in Bezug auf Texte zur Geschichte und Gegenwart – obwohl wir auf so viel zugreifen können, bleiben viele Regionen und mit Afrika gleich ein ganzer Kontinent weitgehend im Dunklen. Auf Indonesien trifft das recht sicher ebenso zu. In all den Lesejahren ist mir, wenn ich mich recht entsinne, genau ein Roman aus dieser Region in die Hände gefallen.

Aber ja, in den letzten Jahren hat sich da schon einiges bewegt. Je mehr Weltregionen auch politisch eine Rolle spielen oder wenigstens in der Berichterstattung überhaupt auftauchen, um so eher nehmen wir sie zur Kenntnis.

Und bevor es jemand kritisch anmerkt: Ja, es ist das Buch eines europäischen Historikers. ^^

(Übersetzung: Andreas Ecke)

#leseherbst #sachbuch #davidvanreybrouck #bpb #suhrkamp #indonesien #geschichte #kolonie #unabhängigkeit #polbil #trainerlife #lesen #leselust #leseratte #bücher

Freitag, 15. August 2025

Thomas Biebricher: Mitte/Rechts. Die internationale Krise des Konservatismus


„Stabilitätsorientierter Pragmatismus oder polarisierender Kulturkampf? Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben Mitte-rechts-Parteien, die in der Regel ersteren Kurs verfolgten, die Entwicklung westlicher Demokratien entscheidend geprägt. Das gilt nicht nur für die CDU/CSU in Deutschland, sondern auch etwa für die Tories in Großbritannien, die Christdemokraten in Italien oder republikanische Parteien in Frankreich. Doch seit den 1990er-Jahren sei der gemäßigte Konservatismus international zunehmend in eine Krise geraten, so der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher. Anhand der Beispiele Italiens, Frankreichs und Großbritanniens diskutiert er Gründe und Gestalt dieser Krise, indem er den Wandel des Parteiengefüges der rechten Mitte in diesen Ländern nachzeichnet. So habe die durch Korruptionsskandale bedingt Auflösung der Democrazia Cristiana in Italien ein Vakuum entstehen lassen, in das Berlusconis Forza Italia, aber auch weit rechts stehende Parteien wie die Postfaschisten und die Lega (Nord) vordringen konnten. Die Tories haben vor allem im Zuge des Brexit-Referendums und der darauffolgenden Aushandlung und Umsetzung des EU-Austrittsabkommens eine deutlich destruktive Dynamik offenbart, während die einst mächtigen französischen Republikaner angesichts der zunehmenden Konkurrenz von rechts und links nahezu in Bedeutungslosigkeit versanken. Biebricher sieht in diesen Entwicklungen eine Gefahr, hätten gemäßigt konservative Parteien doch lange Zeit eine wichtige Integrationsfunktion in liberalen Demokratien übernommen, die verloren zu gehen drohe.“ (Umschlagtext)

Was ist nur los mit den Konservativen? Die Frage stellt sich ja schon seit längerem, in Deutschland auf jeden Fall erst recht seit dem mindestens fahrlässigen gemeinsamen Abstimmen im Bundestag mit der #fckafd kurz vor der Bundestagswahl in diesem Jahr.

So erfreulich der darauffolgende Zulauf an neuen Mitgliedern und Wähler:innenstimmen für die Linke war und ist, die Entwicklung, die konservative Parteien europaweit nehmen, wenn es sie denn überhaupt noch gibt, muss uns alle bestürzen. Denn wenn wir Demokratie, wie wir sie kennen, ernstnehmen, brauchen natürlich auch konservative Stimmen in der Gesellschaft eine Vertretung.

Was also kam ins Rutschen, wenn Konservative nicht nur mit rechts und Rechtsextremen flirten, sondern sich auch deren Kulturkampf ergeben und wenigstens zum Teil zum Eigenen machen?

Mal schauen, was der Autor dazu zu sagen hat.

‘Damit alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.‘ Der berühmte Satz aus dem Roman Der Leopard ist so etwas wie das inoffizielle Motto des gemäßigten Konservatismus. Parteien wie die CDU arrangierten sich mit Veränderungen und erwiesen sich als Anker der Stabilität. Heute ist nicht mehr sicher, ob die rechte Mitte hält: Setzen ihre Vertreter weiterhin auf Ausgleich und behutsame Modernisierung? Oder auf polarisierenden Kulturkampf?

In der Bundesrepublik waren die letzten Merkel-Jahre von unionsinternen Richtungsstreits geprägt. Doch nicht zuletzt der Aufstieg Donald Trumps hat gezeigt, dass die Identitätskrise der rechten Mitte kein exklusiv deutsches Phänomen ist: In Italien füllten Berlusconi und radikal rechte Parteien wie Giorgia Melonis Fratelli d’Italia das durch die Implosion der Democrazia Cristiana entstandene Vakuum. In Frankreich spielen die Républicains zwischen Macron und Le Pen kaum noch eine Rolle. Und die Tories versinken nach dem Brexit-Chaos in Unernst und Realitätsverweigerung.

Thomas Biebricher widmet sich dieser internationalen Dimension und zeichnet die turbulenten Entwicklungen seit 1990 nach. Seine Befunde sind auch deshalb brisant, weil sich am gemäßigten Konservatismus die Zukunft der liberalen Demokratie entscheidet.“ (Verlagstext)

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Freitag, 14. Februar 2025

Annika Brockschmidt: Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet


„Demokratie als Gotteslästerung, der Ausschluss von Nicht-Christen aus der Gesellschaft, staatliche Bildung als das Werk des Teufels – was wie krude Vorstellungen aus vormodernen Zeiten klingt, findet sich in Schriften und Predigten einflussreicher christlich-fundamentalistischer Vordenker aus den USA. Und so randständig diese Ansichten auch wirken mögen, haben sie teils doch ihren Weg in den konservativen Mainstream des Landes gefunden. So sind etwa die extrem restriktiven Abtreibungsgesetze mancher Staaten, die Ablehnung staatlicher Schulen oder der Kampf gegen Minderheitenrechte vielfach von diesen Denkweisen geprägt. Darüber hinaus sind etwa eine religiös begründete Relativierung von Sklaverei und Lynchjustiz sowie Vorstellungen von der Dominanz des weißen Mannes anschlussfähig an Positionen der extremen Rechten, wenn nicht gar mit diesen deckungsgleich. Annika Brockschmidt beschreibt die Geschichte der christlichen Rechten, ihre Glaubenssätze, Strategien und ihr Netzwerk aus Organisationen, Think Tanks und Medien.“ (Umschlagtext)

Die Schlagzeilen und Berichte vom Auftritt des amerikanischen Vize-Präsidenten J.D. Vance spülten dieses Buch in meinem Posteingangsstapel nach oben und weckten wilde Fantasien darüber, wie die Realität abgefahrene literarische Dystopien einfach mal mindestens einholt.

Reicht bloße Erschütterung noch aus, um auf solche Entwicklungen zu reagieren? Offen illiberale Extremisten an der Regierung mitten im Herz des demokratischen Westens. Good old Europe eingekeilt zwischen autoritär-illiberal-rechtsextremen Mächten. Langsam gehen uns die schlimmen Superlative aus für eine eigentlich undenkbare und dann doch einfach so passierende Entwicklung. Und langsam mag man ja nicht mal mehr von „schleichend“ sprechen, so viel Getöse wie da veranstaltet wird, Nebelkerzen und Spektakel, um das eine im Hintergrund zu tun, oder aber das Unterlaufen und Zerstören demokratischer Grundfesten ganz ungeniert in aller Öffentlichkeit als große Abrissfete. Von der Umwertung von Begriffen und Geschichte, Verdrehungen und platten Lügen mal ganz abgesehen.

Alter Falter, man möchte brechen. Aber im Ernst, können wir alle gemeinsam dem nicht ein lebensbejahendes lautes Lachen entgegensetzen und dem Spuk damit ein Ende machen? Und es komme mir jetzt niemand mit naiv und so.

#lesewinter #sachbuch #annikabrockschmidt #bpb #rowohlt #politik #zeitgeschichte #usa #christlicherechte #gotteskrieger #extremismus #gesellschaft #demokratie #fanatismus #polbil #lesen #leselust #leseratte #bücher 

Sonntag, 13. Oktober 2024

Alexander Bogner: Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet


„Würde man die Frage gestellt bekommen, in welcher Gesellschaft wir denn heute eigentlich leben, dürfte man mit einiger Sicherheit als Antwort erwarten: in der Wissensgesellschaft.“ (Seite 7)

Es ist doch voll verrückt. Einerseits ist die Rede von der Wissensgesellschaft als Hinweis darauf, dass dank rasant fortschreitender Forschung das Wissen an sich in immer weitere Bereiche erstreckt. Andererseits nimmt die Verunsicherung durch Fake News, alternative Fakten, gefühlte Wahrheiten, Verschwörungserzählungen und populistisches Gewäsch immer mehr zu. Führt also ein Mehr an gesellschaftlichem Wissen zu mehr Verwirrung der Einzelnen?

Alexander Bogners schmaler Band verknüpft diese Entwicklung mit der Frage danach, was dies denn für die Demokratie und fürs Regieren in der Demokratie bedeutet. Seine Antworten mögen manche überraschen, sind aber mindestens recht inspirierend.

Allein zwei Großkrisen in der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart – Corona und der Klimawandel – taugen als gute Beispiele für seine Argumentation. Immerhin ließ und lässt sich da gut erleben, was passiert, wenn die Themen, um die gestritten wird, sich dem Alltagswissen der Menschen so weit entziehen. Mal wieder sind also Expert:innen gefragt. Und ganz schnell entsteht ein Zustand, in dem wir meinen könnten, es müsste doch ausreichen, wenn uns Wissenschaftler:innen sagen, was wir zu tun haben. Das ist so verführerisch wie vereinfachend, weil Gesellschaften natürlich schon sehr viel komplexer funktionieren.

Wäre dem so, dass wir einfach nur auf die Wissenschaft zu hören brauchten, stellte sich sehr wohl die berechtigte Frage, wofür es dann noch demokratische Verfahren und all die Zeit und die Kosten bräuchte, die sie verursachen. Damit wäre der erste bedenkenswerte Punkt gesetzt.

Dies weiterzudenken ist keine Theorie mehr, denn wir erleben ja tagtäglich, wie auch wissenschaftlich fundierte Meinungen diskreditiert werden, in dem nicht nur wissenschaftliche Gegenrede formuliert, sondern alternatives Wissen (alternative Fakten) in Stellung gebracht wird. Für das Publikum ist offenbar schon länger nicht mehr ersichtlich, ob es sich um einen üblichen wissenschaftlichen Disput oder eigentlich manipulierende politische Debatten handelt. All das Wissen scheint uns hier also wenig weiterzuhelfen.

Spannend bei der Lektüre fand ich den Hinweis, dass so viele Debatten als scheinbare Auseinandersetzungen um Wissen geführt werden, obwohl es sich eigentlich um das Ringen um Werte und Weltbilder handelt. Vorgebliche Wissensdebatten verschleiern also geradezu, worum es gerade tatsächlich geht.

Im Fall von Corona bedeutete dies, dass der Streit darüber, welcher wissenschaftlichen Einschätzung wir nun folgen sollten, darin eskalierten, das Wissenschaftler:innen als Expert:innen hochgejazzt und zum Teil gegeneinander aufgebaut wurden, als wenn es nicht eigentlich um die Frage ging, was an Einschränkungen eine demokratische Gesellschaft zu akzeptieren bereit ist und wie mit den Folgen umzugehen sei.

Die Folge all des für Einzelne gar nicht mehr zu überblickenden Wissens wäre also, entweder blindlings die politische Entscheidungsgewalt an Wissenschaftler:innen/Expert:innen abzugeben oder aber jede Erkenntnis so lange mit „alternativem Wissen“ anzugreifen, bis die Menschen bereit sind, nur noch gefühlten Wahrheiten zu vertrauen. Und letzteres wäre zwingend alles andere als noch einen Wissensgesellschaft.

Was schlägt Bogner also vor? Insbesondere für politische Bildung aber auch für unsere Medien wäre der Hinweis, dass die Sphären des Politischen und des Wissens wieder strikter voneinander geschieden sein sollten, besonders bedenkenswert. Gerade hier wird ja nun vermittelt, was denn die Aufgaben und gesellschaftlichen Funktionen des Einen wie des Anderen sind. Und ganz ehrlich, bei zahllosen Unterhaltungen und Debatten mit unterschiedlichsten Menschen lässt sich schon der Eindruck gewinnen, dies sei kein Allgemeinwissen (mehr).

Für die ganzen Debatten darüber, wie die Demokratie noch zu retten sei, erscheint mir dies ein kleiner hilfreicher Mosaikstein zu sein. Wer sich darüber Gedanken macht, wie wir leben wollen und was wir für gut und richtig halten, muss sich natürlich mit dem eigenen Weltbild auseinandersetzen. Für die Meinungsbildung müssen wir auf gemeinsames, gesichertes Wissen zurückgreifen – als Handwerkszeug und eben nicht als Meinungsersatz. Das ist offensichtlich so banal wie grundlegend.

Kurz und gut: Schmaler Band mit ganz viel Anregung. Lesen!

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Dienstag, 30. Juli 2024

Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht

 

„Menschen sind rationale Wesen.“ (Seite 17)

Ich sehe schon das Schmunzeln vieler vor mir, bei diesem Satz. Weil die Alltagswahrnehmung ja oft genug eine andere ist. Wenigstens, was das Handeln der anderen angeht. Das hehre Selbstbild tragen wir aber nicht nur individuell in uns, es findet sich auch als langes Erbe der Aufklärung gesellschaftlich wieder. So weit, so gut.

Spätestens seit dem Aufkommen von Rechtspopulist:innen und deren kommunikativem Handeln und den Folgen daraus für politische Diskurse, streift die Debatte ab und an auch die Frage, wie wir eigentlich politisch kommunizieren. Legt man, wie die Autorin das hier macht, daneben, was Neuro- und Kognitionsforschung so in den letzten Jahren erforschten, bekommt das hehre Selbstbild der aufgeklärten und rationalen Wesen doch einige Schrammen.

Die gute Nachricht ist: Sprache wirkt. Tatsächlich.

In diesem nützlichen und empfehlenswerten Band beschreibt Wehling, wie Sprache dazu beiträgt, dass in unseren Köpfen Deutungsrahmen entstehen, die im Weiteren unsere Weltsicht entscheidend prägen. Sie entstehen schon im frühesten Kindesalter mit dem Spracherwerb, sicherlich auch durch die weiteren Einflüsse, denen wir so tagein tagaus ausgesetzt sind – und werden durch Sprachgebrauch immer wieder aktiviert und verfestigt.

Wunderbar praktisch, mit hohem Wiedererkennungswert, beschreibt die Autorin zahlreiche Debattenbeispiele, die die Ausgangsthese wunderbar illustrieren. Hier ein paar Beispielthemen: Steuern, Sozialleistungen, Abtreibung, Zuwanderung und Asyl.

Vermutlich lässt sich hier schon gut erahnen, welchen Effekt das Buch beschreibt. Steuern sind natürlich eine Last, die drückt und bei Strafe eingetrieben wird und natürlich gemindert gehört. Selten taucht in diesem Frame auf, dass sie unser aller Beitrag zum Gemeinwesen sind.

Sozialleistungen – hier lohnt sich ein Blick auf die aktuelle Debatte ums Bürgergeld – werden selbstverständlich gnädig gewährt und ihre Bezieher:innen argwöhnisch beäugt. Vom Einfordern eines geregelten Anspruchs zum Gefühl dann doch nur zu betteln ist es für Betroffene nicht weit. Die Debatte führen aber die, die unter der Steuer- und Abgabenlast ächzen (siehe einen Absatz weiter oben) und oft genug selbst panische Angst davor haben, ihren Lebensstandard nicht halten zu können. Abzurutschen. Nach unten. Zu denen, die sich nicht genug anstrengen oder, schlimmer noch, gar nicht wollen. Framing eben.

Spannend finde ich, dass gerade aus den (rechts-)populistischen Ecken ja so unglaublich gern gegen das Gendern und alles, was damit in Zusammenhang gebracht wird, gewettert wird. Spannend deswegen, weil es von ebendieser Seite nichts anderes als Framing ist, was dort methodisch betrieben wird. Die Wirkmacht von Sprache (Frames) gezielt nutzen, um der Wirkung von Sprache zu widersprechen. Bei gleichzeitiger Behauptung, selbst unideologisch und nur rational zu handeln. Man möchte sich scheckiglachen, wenn es nicht so kreuzgefährlich wäre.

Und damit wären wir bei der Frage, die dieses Buch ja letztlich angesichts der ausgebreiteten Erkenntnisse und Beispiele stellt: Was bedeutet das für das Funktionieren von Demokratie?

Dieser Band hatte nicht zum Ziel hierfür erschöpfende Antworten zu liefern. Zum Glück gibt es eine breitere Debatte um die Zukunft unserer Demokratie. Angesichts der Angriffe auf das demokratische Selbstverständnis müssen wir viel intensiver klären, was wir darunter eigentlich verstehen wollen, uns diese Einsicht wieder und wieder erarbeiten und reflektieren. Dazu gehört zweifelsohne auch, Wissen, wie das um Frames, in Lehrpläne und Diskurse einfließen zu lassen.

Sprache wirkt, sollte sich doch eigentlich auch eindeutig positiv besetzen und nutzen lassen.

Kurz und gut: Kurz, knackig, informativ und definitiv anregend. Lesen!

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Sonntag, 17. März 2024

Charles King: Schule der Rebellen. Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand


(Übersetzung: Nikolaus de Palézieux)

„Ende August 1925 erreichte das Dampfschiff Sonoma, ein Dreidecker auf Fahrt von San Francisco nach Sidney, einen Hafen, der durch einen erloschenen Vulkan entstanden war.“ (Seite 9)

Es sind schon wilde Zeiten. Also so gesellschaftlich gesehen. Unterhaltungen, selbst unter irgendwie Gleichgesinnten, denen das Herz links schlägt, fühlen sich ganz oft wie harter Kulturkampf an. Es reicht, dass jemand „vegan“ sagt oder gar sowas wie „race, class, gender“. Hui, dann geht’s aber los und ist oft gar nicht mehr so einfach einzufangen. Irgendjemand sagt dann auch noch mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass man ja gar nichts mehr sagen dürfe.

Na, hat das Wiedererkennungswert? Auf die eine oder andere Art? 😉

Wenn man es dann schafft, sich doch nicht anzuschreien und wutentbrannt auseinander zu gehen, lässt sich herausfinden, dass es meist doch einen gemeinsamen Nenner gibt. Zum Beispiel gibt es wenig oder keinen Widerspruch zu der Annahme, dass alle Menschen von Geburt an gleich wertvoll sind, ihnen eine allgemeine Menschenwürde nicht abgesprochen werden soll usw. Geschlechtergerechtigkeit finden wir gut, Rassismus doof, Minderheitenrechte sind Menschenrechte … Worüber genau streiten wir uns dann aber eigentlich? Und warum so erbittert?

Dieser Band von Charles King bietet Wissenschaftsgeschichte, Biografisches und auch Gesellschaftsgeschichte, indem er Franz Boas, einen deutschen Wissenschaftler, der in die USA ging, und einen Kreis von Ethnolog_innen um ihn herum vom späten 19. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein begleitet. Das ist überaus spannend, weil hier der Grundstein für die Erkenntnis gelegt wurde, die heute Allgemeingut ist: race, class, gender sind gesellschaftliche Konstrukte. Gesellschaften sorgen also für Kategorisierungen von Menschen und das ist nicht naturgegeben, sondern eben menschengemacht.

Es braucht ein bisschen in den eingangs beschriebenen Debatten, aber eigentlich ist diese Erkenntnis inzwischen Allgemeingut. King beschreibt, wie dieses Wissen gegen teils heftige Widerstände und unter großem persönlichen Einsatz von einer Reihe Wissenschaftler_innen erarbeitet wurde. Franz Boas dient hier als Ausgangspunkt, drei seiner Schülerinnen werden nicht weniger gewürdigt und auf ihren Wegen begleitet: Ruth Benedict, Margaret Mead und Zora Neale Hurston.

Sie alle behaupteten nicht nur gesellschaftliche Konstruktion sondern lieferten in zahlreichen Studien, Untersuchungen, mittels Feldforschung etc. all das Material, auf dem so viele weitere Generationen von Wissenschaftler_innen aufbauen konnten. King lässt auch die Kontrahenten auftreten, die für die Welt stehen, in der es ein Naturgesetz sein sollte, dass weiße Menschen mehr wert wären als Schwarze, Männer mehr als Frauen, und in der der Platz in der Gesellschaft, an den die Geburt einen Menschen stellt, unveränderlich sei.

Kings Buch beantwortet nicht die Frage, worüber wir uns nun heute eigentlich streiten und warum so bitterlich. Aber ich empfand diesen historischen und intellektuellen Ausflug als ein erdendes Erlebnis. Erdend, weil ein Bezugspunkt beschrieben wird, der auch in aktuellen politischen Debatten einen guten Anker bietet.

Warum sollten die oben erwähnten Debatten nicht dazu führen können, gemeinsam zu überlegen, was womöglich noch gesellschaftliche Konstruktionen sind. Und wenn es eine Gemeinsamkeit dabei gibt, eine solche Konstruktion falsch zu finden, warum sollte dann kein gemeinsamer Blick auf mögliche Lösungen und Schritte in eine bessere Richtung denkbar und sprechbar sein?

Kings Text ist durchaus anspruchsvoll aber trotzdem gut lesbar, auch wenn man nicht tief in den Debatten steckt, aber genügend Neugierde mitbringt. Für mich eine lohnende Entdeckung.

Kurz und gut: Wissenschaftsgeschichte, Biografie und Bild einer wilden Zeit – alles in Einem. Lesen!

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Sonntag, 27. August 2023

Philipp Staab: Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit


„Die Verbreitung digitaler Technologien verändert unsere Wirtschaftsweise ebenso grundlegend wie unser Alltagsleben. Wie der Soziologe Philipp Staab darlegt, bringt dieser Wandel nicht nur einen weiteren Schub in der Rationalisierung der Güterproduktion mit sich, der bestimmte Tätigkeiten überflüssig macht und andere hervorbringt. Vielmehr verändere sich die Funktionsweise des Kapitalismus selbst: Bei den großen Digitalkonzernen, die mittlerweile führende Industrieunternehmen in ihrem Wert hinter sich gelassen haben, stehe nicht mehr die Produktion knapper Güter für einen marktwirtschaftlichen Wettbewerb im Zentrum. Worum es gehe, sei die Erschaffung und der Besitz von Märkten selbst. Wer über Plattformen verfügt, könne die Regeln und Bedingungen des Zugangs bestimmen und daraus enormen Gewinn schlagen. Staab analysiert die politische und ökonomische Logik hinter den Strategien und Praktiken der führenden Unternehmen des kommerziellen Internets und zeigt deren historische Wurzeln auf. Dabei hat er nicht nur die amerikanischen Tech-Riesen im Blick, sondern beschäftigt sich auch mit dem digitalen Kapitalismus chinesischer Prägung.“ (Umschlagtext)

Vor etwas über acht Jahren hab ich begonnen, meine Lektüren und Bücherstapel in Posts zu kommentieren. Obwohl das Ganze immer als „Projekt für mich“ gedacht war, bei dem ich andere mitlesen lassen möchte, war unausgesprochen von Anfang an klar, dass ich soziale Medien dafür nutzen würde. Nur mittels dieser Plattformen wäre es möglich, wenigstens ein bisschen Publikum an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Alternative Wege dazu habe ich keine gesehen.

Nun, acht Jahre später ist das nicht viel anders. Eher scheint es so, als wenn, wenigstens für Normal-Nutzer, eigentlich alle Zugänge nur noch über soziale Medien zu haben wären. Du willst etwas verkaufen, eine Dienstleistung anbieten, User für deine App oder Website finden – Plattformen sind der Zugang. Und damit ist auch klar, dass der Zugang immer nur zu den jeweiligen Bedingungen dieser Plattformen zu haben ist.

Auch wenn sich dieser Band der digitalen Wirtschaft widmet, ist schon klar, dass die Konsequenzen natürlich weit über die Wirtschaft hinausweisen und auch wieder zurück. So wie industrielle Nahrungsmittelproduktion dafür gesorgt hat, dass Menschen sich gar nicht mehr vorstellen können, wie die Sachen eigentlich hergestellt werden, so entzieht sich für viele, insbesondere die Jüngeren, auch die reale Wirtschaft mit ihren konkreten Arbeiten immer mehr der Vorstellungswelt. Und dabei bleibt es einfach Kapitalismus, nur in noch bunter und interaktiver.

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Mittwoch, 26. Juli 2023

Michael Seemann: Die Macht der Plattformen. Politik in Zeiten der Internetgiganten


„Facebook, Youtube, Airbnb, Netflix, Google, Tinder: Sie alle sind Online-Plattformen. Sie eint, dass sie digitale Infrastrukturen zum wechselseitigen Austausch bereitstellen, kurzum: Sie schaffen Verbindungen. Besitzerinnen von Ferienwohnungen verbinden sich mit Reisenden, Webvideoproduzenten mit Zuschauerinnen, Singles mit anderen Singles. Der Kulturwissenschaftler Michael Seemann liefert die theoretische Grundlage für das Phänomen der digitalen Plattformen, deren Gesellschaftsmodelle und Strategien sich grundlegend von denen konventioneller Unternehmen unterscheiden. Seemann widmet sich der Geschichte des Aufstiegs wichtiger Internetgiganten, skizziert ihren Kampf um Einfluss, charakterisiert ihre Macht und beleuchtet aktuelle Souveränitätskonflikte mit dem Staat. So stünden wir heute beispielsweise vor der paradoxen Situation, dass wir von Plattformen verlangen, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, etwa beim Thema Hate Speech, während wir gleichzeitig ihre zunehmende Macht beklagen.“ (Umschlagtext)

So hilflos, wie wir seit geraumer Zeit die offenbar unbeherrschbaren Effekte von Plattformen auf unser Konsumverhalten, unsere Diskurse, unsere Kommunikations- und Beziehungsgeflechte zur Kenntnis nehmen, so sehr festigt sich die Einschätzung, dass wir dem, was wir als Menschheit hier in die Welt gesetzt haben, noch lange nicht wirklich gewachsen sind. Tja, da müssen wir wohl sehr schnell noch allerhand lernen – und das Gelernte vielleicht mal nicht nur für höhere Börsenkurse einsetzen.

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Dienstag, 18. Juli 2023

Philip Manow: (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Ein Essay


„Krisendiagnosen begleiten die Geschichte moderner Demokratien seit ihren Anfängen, häufen sich aber zunehmend. Woraus resultiert die wahrgenommene Bedrohung der Demokratie? Der Politikwissenschaftler Philip Manow sieht sie als Ausdruck einer paradoxen Gleichzeitigkeit von Demokratisierungs- und Entdemokratisierungstendenzen. So sei Demokratie einerseits als Legitimationsprinzip politischer Herrschaft inzwischen unabdingbar und habe sukzessive weitere Personengruppen in ihre Beteiligungsräume einbezogen. Zugleich aber seien durch neue Medientechnologien die Barrieren für die Teilnahme an der öffentlichen Willensbildung radikal gesenkt worden. Hierin sieht Manow entdemokratisierende Effekte: Wurde die politische Meinungsbildung im 20. Jahrhundert wesentlich durch professionelle Medien und Parteiapparate eingehegt und geformt, sei nun ein tiefgreifender Wandel zu beobachten, der es polarisierenden Stimmen einfacher mache, sich Gehör und Einfluss zu verschaffen. Dies berge die Gefahr, aus demokratischen Gegnern, die gemeinsame Spielregeln achten, unversöhnliche Feinde zu machen. Des Weiteren beschneide, so Manows Befund, die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen auf supranationale Institutionen zunehmend die Handlungsspielräume kollektiver Selbstbestimmung.“ (Umschlagtext)

Das große Versprechen von immer mehr politischer Teilhabe scheint direkt in die Selbstabschaffung der Demokratie durch ihre inneren Feinde zu führen. Anstelle von mehr sachlicher, informierter Debatte mit allen sind scheinbar nur die destruktiven Stimmen lauter und lauter geworden, die demokratische Spielregeln und Notwendigkeiten miesmachen und immer weiter aushöhlen.

Ja haben wir eigentlich gar nichts gelernt, mag man sich da fragen. Was passiert, wenn wir vergessen, dass all die gesellschaftlichen Fortschritte, die wir im Alltag erleben und als naturgegeben hinnehmen, dass jeder einzelne dieser Fortschritte bitter und hart erkämpft werden musste?

Es ist ja nicht so, dass wir das letztlich nicht alle wüssten: Demokratie muss fortlaufend gepflegt, hinterfragt und verteidigt werden. Ich bin immer wieder gespannt auf Bücher rund um dieses Thema, weil die Frage „Was tun?“ mit der Erkenntnis halt auch noch nicht beantwortet ist. Und vermutlich braucht es auch immer wieder mal neue oder zumindest verschiedene Antworten zu verschiedenen Zeiten.

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Sonntag, 9. Juli 2023

Charles King: Schule der Rebellen. Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand


„Es ist heute eine Grundvoraussetzung der Kulturanthropologie, dass Kategorien wie Race und Gender nicht naturgegeben, sondern gesellschaftliche Konstrukte sind. Auch emanzipatorische Initiativen wie feministische, LGBTQ- und antirassistische Bewegungen beruhen auf dieser Annahme. In der stark rassenideologisch geprägten US-amerikanischen Gesellschaft und Wissenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts erregte der Ethnologe Franz Boas mit seiner These der Gleichberechtigung der Kulturen und Geschlechter die Gemüter. Der Historiker Charles King zeichnet die revolutionären Thesen wie auch den biografischen Werdegang des aus Deutschland stammenden Begründers des Kulturrelativismus und drei seiner Schülerinnen nach: Ruth Benedict, Margaret Mead und Zora Neale Hurston. Ihre Vorgehensweise unterschied sich radikal vom wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Konsens ihrer Zeit. Offen, weniger hierarchisch und stärker von Migrantinnen und Migranten und Frauen geprägt als andere Wissenschaften, versuchten sie als einiger der ersten Ethnologen, ihre Theorien durch empirische Studien zu belegen. So beleuchtet King zugleich ein Stück Gesellschaftsgeschichte, denn Boas und seine Schule begründeten das Fundament, auf dem eine offene, moderne US-amerikanische Gesellschaft beruht.“ (Umschlagtext)

Wenn das Wort Gender in der Debatte auftaucht, spaltet sich die debattierende Runde ja gern schlagartig. Und weil dann ideologische Verbissenheit fix der gegenseitige Vorwurf ist, lohnt es sich ja, mal zu schauen, wie Begriffe, die heute so sehr polarisieren eigentlich entstanden sind. Ob es bei einer Versachlichung von Debatten helfen kann? Ich hoffe darauf, wie auf ein Stück mehr an Erkenntnis.

(Übersetzung: Nikolaus de Palézieux)

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Sonntag, 16. April 2023

Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte


„Krieg hat viele Gesichter. Seinen ganz unterschiedlichen Formen auf der Nord- und Südhalbkugel, etwa als Angriffs- oder Guerillakrieg, Staaten- und Stellvertreterkrieg, Grenz- und Rohstoffkrieg steht eine geradezu stereotyp scheinende Legitimation der Gefahrenabwehr gegenüber – unabhängig davon, wo die Konflikte ausgetragen wurden und ob die Bedrohung auch tatsächlich existierte. Gregor Schöllgen nimmt die Russische Revolution 1917 zum Ausgangspunkt seiner Analyse. Er arbeitet die Motive der Kampfhandlungen zwischen Defensive, Prävention und Offensive und ihre Folgen, Genozid und Ökozid, Flucht und Vertreibung, heraus und zeigt das Konfliktpotential, das stetig wachsende transnationale Vernetzungen und Interdependenzen mit Blick auf natürliche Ressourcen, Umweltgefahren und nukleare Bewaffnung bergen. Schöllgen untersucht zudem die Rolle der wieder erstarkenden Nationalstaaten für den Fortbestand – oder auch die Krise und den Reformbedarf – bestehender politischer Ordnungen, insbesondere der Europäischen Union.“ (Umschlagtext)

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat uns in Europa die brennende Realität und Aktualität von Krieg unmissverständlich zurück ins Bewusstsein gebracht. Dass zumindest für den größten Teil von Europa jetzt schon so viele Jahrzehnte Frieden herrschte, ist leider eher die historische Ausnahme. Daran erinnert zu werden, macht vielen Menschen Angst.

Wissen kann gegen Angst helfen und gibt uns die Möglichkeit, neue, andere und bessere Wege finden zu können. Ich bin gespannt, ob dieser Band dazu einen Beitrag liefern kann.

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Freitag, 24. März 2023

Christoph Möllers: Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik


„Ein einheitliches Konzept des Liberalismus existiert nicht, ebenso wenig ein einheitlicher Freiheitsbegriff. Die liberale Theorie ist vieldeutig und komplex, und sie steckt voller Widersprüche. Wie können diese Widersprüche in der politischen Praxis aufgelöst werden? Der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers untersucht das Verhältnis der Liberalismen zur Politik und entwickelt daraus ein aus der Mechanik entlehntes Konzept der Freiheitsgrade. Laut Möllers könne Freiheit auf verschiedene Arten praktiziert werden, ohne dass dabei die liberale Denkweise aufgegeben würde. Durch die Linse liberaler Theorien beobachtet und diskutiert Möllers zahlreiche Themen wie das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft oder das zwischen Gesundheitsprävention und Freiheitsidealismus in Pandemiezeiten. Keineswegs will der Autor dies als Ratgeber für politisches Handeln verstanden wissen, im Gegenteil: Zur Freiheit, so Möllers, gehören Spielräume und unterschiedliche Orientierungen.“ (Umschlagtext)

Freie Fahrt für freie Bürger, Freiheit versus Maske gegen Corona, der freie Westen … Gefühlt ist in den letzten Jahren unglaublich oft von Freiheit die Rede, wird in ihrem Namen demonstriert und auch gepöbelt. Vor diesen Hintergründen scheint mir ein Blick auf liberale Freiheitsbegriffe oder -grade spannend zu sein – um mal nicht nur darauf zu schauen, wie (Rechts-)Populisten den Begriff zu kapern, zu besetzen und umzudeuten versuchen.

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Freitag, 17. März 2023

Philipp Ther: Das andere Ende der Geschichte. Über die große Transformation


„Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sollten Marktwirtschaft und liberale Demokratie weltweit friedliche Kooperation und ein Leben im Wohlstand fördern. Groß angelegte Konflikte, so eine weit verbreitete Meinung, seien nun nicht mehr zu befürchten. Doch kam es anders: Nicht nur in den Transformationsstaaten Mittelost- und Osteuropas ließ das Wohlstandsversprechen vielerorts auf sich warten. Auch im Westen wich das jahrzehntelang gültige Aufstiegsversprechen der Angst vor sozialem Abstieg. Finanz- und Eurokrise, der Erfolg rechtspopulistischer Parteien und neue Konflikte zwischen Weltmächten haben das Vertrauen in den befriedenden Charakter von Marktwirtschaft und liberaler Demokratie weiter geschwächt. In mehreren Essays setzt sich Philipp Ther mit den Veränderungsprozessen seit den 1990er-Jahren auseinander. Mit einem Fokus insbesondere auf die USA, Deutschland und Italien zeichnet er nach, wie ähnliche, aber auch sehr eigene Dynamiken die jüngere Zeitgeschichte dieser Länder geprägt haben und die jeweilige politische Situation bis in die Gegenwart hinein bestimmen.“ (Umschlagtext)

Nach den bereits viel besprochenen Enttäuschungen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks rücken immer mehr die Abstiegsängste im eigentlich wohlhabenden Westen in den Blick. Die Dynamiken, die sich wirtschaftlich und politisch regional und global daraus ergeben, sind Thema der fünf Essays in diesem Band, der ursprünglich bei Suhrkamp erschienen ist.

Und weil das Krisenknäuel eh nur größer zu werden scheint, lohnt sich doch da auch ein Blick drauf beziehungsweise hinein, also in dieses Büchlein. 😊

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Montag, 6. Februar 2023

Andreas Speit: Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus


„Im Zuge der Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie offenbarten sich Allianzen, die vorher von Vielen nicht für möglich gehalten wurden. Protagonisten des extrem rechten Spektrums besuchten dieselben Demonstrationen wie Menschen aus alternativen Milieus. Dies verweist auf einen Umstand, den Andreas Speit anhand zahlreicher Beispiele herausarbeitet und vertieft: Auch in Teilen vermeintlich alternativer Szenen existieren Gesellschaftsentwürfe, denen problematische Weltbilder zugrunde liegen und die zumindest anschlussfähig an autoritäres Denken sind. So zeige ein genauer Blick etwa auf Anthroposophie, Alternativmedizin, neue Spiritualität oder auch auf den militanten Tierrechts- und Umweltaktivismus, dass bisweilen auf völkische oder menschenfeindliche Vorstellungen rekurriert werde, die mit freiheitlich-demokratischen Vorstellungen unvereinbar seien.“ (Umschlagtext)

Die Verwunderung, von der hier die Rede ist, war ja tatsächlich unglaublich greifbar – zum Beispiel bei den großen Corona-Protesten in Berlin aber auch anderswo. Journalist:innen ebenso wie Politiker:innen taten und tun sich schwer mit einer Einordnung und den Schlussfolgerungen zum Umgang mit diesem Phänomen.

Von Andreas Speit hatte ich schon seine Arbeit über die Reichsbürgerszene auf meinem Lesestapel. Insofern habe ich keine Sorge, dass hier ein „Hufeisen“ konstruiert werden soll, wo keines ist. Ich freue mich auf eine profunde Analyse eines Autors, der nun schon lange mit zahlreichen Arbeiten in diesem Themenbereich bekannt ist.

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Montag, 30. Mai 2022

Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht

"Sprache bestimmt unser Denken und Handeln - viel mehr, als uns das bewusst ist. Mit dem Spracherwerb formen sich im Gehirn kognitive Deutungsrahmen, so genannte Frames - umso mehr und umso nachhaltiger, je häufiger sie durch Sprache aktiviert werden. Welche Konsequenzen hat dies für den politischen Diskurs, für das Denken und Handeln in der Politik? Elisabeth Wehling zeigt anhand zahlreicher Erkenntnisse der modernen Neuro- und Kognitionsforschung, wie über Sprache und die jeweils adressierten Frames Assoziationen geweckt, Meinungen gelenkt und Handlungen bestimmt werden können: So müssen beispielsweise im geläufigen Jargon Steuern aufgebracht, nicht etwa beigetragen werden, und ihre Lasten drücken uns, statt dass wir sie als Grundlage staatlichen Gemeinwohlhandelns begreifen. Ein bewussterer und klügerer Umgang mit der Sprache, so Elisabeth Wehling, sei eine der Grundvoraussetzungen für konstruktive Auseinandersetzungen in den zahlreichen politischen Debatten unserer Zeit." (Umschlagtext)

Warum ist Kommunikation eigentlich kein Schulfach? ^^ Im Ernst, wir setzen immer voraus, dass es reicht, die Sprache zu sprechen. Ohne mehr Wissen darum, wie Kommunikation funktioniert, verliert Sprache doch viel von der emanzipatorischen Kraft, die ihr eigentlich auch innewohnt. Ich sags ja nur. 🤓

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Mittwoch, 4. Mai 2022

Alexander Bogner: Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet


"Für Antworten auf politische Streitfragen sind wissenschaftliche Erkenntnisse unverzichtbar. nur auf Basis belastbarer Faktenlässt sich sachlich über Umweltpolitik, Digitalisierung, Einwanderungspolitik oder Maßnahmen der Pandemiebekämpfung diskutieren. In diesem Kontext macht der Soziologe Alexander Bogner auf einen problematischen Aspekt des Verhältnisses von Politik und Wissenschaft aufmerksam: die Epistemisierung des Politischen. Diese stehe für die verbreitete Vorstellung, dass sich hinter politischen Kontroversen lediglich Sachfragen verbergen, auf die uns die Wissenschaft die jeweils eine richtige Antwort liefern könne. Bogner kritisiert, dass in aktuellen gesellschaftlichen Konflikten häufig nicht mehr unterschiedliche Interessen und Weltbilder im Mittelpunkt stünden, sondern Messwerte und Studien oder Experten und Laienexperten. Dies verschleiere, dass zum Beispiel hinter dem Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie oder den Klimawandel auch zutiefst politische Auseinandersetzungen stecken." (Umschlagtext)

Ich schätze mal, vor der Lektüre, dass der Autor nicht wie Corona-Leugner:innen es gern machen eine Diktatur der Epidemiologen mit seiner Kritik meint. Zumindest teile ich das zunächst unbestimmte Gefühl, dass sich manche Politiker:innen auch mal hinter Wissenschaft verstecken, wo sie eigentlich politisch Farbe bekennen müssten. Kontext, ich sags ja immer wieder. 🤓

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Mittwoch, 2. März 2022

Ivan Krastev/ Stephen Holmes: Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung


"Als die Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre zusammenbrach, glaubten viele Beobachter, die liberale Demokratie sei fortan auch in Osteuropa ein konkurrenzloses Modell. Durch die Erfolge autoritärer und illiberaler Akteure in den vergangenen Jahren wird jedoch deutlich, dass sich diese Prognose nicht bestätigt hat. Ivan Krastev und Stephen Holmes zeichnen nach, wie das westliche Modell seine Strahlkraft in den ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes verloren hat und warum ein Großteil der Bevölkerung eine Politik des Nationalismus und der Abschottung zu befürworten scheint, die sie auch als Abwehr westlicher Bevormundung und Zurücksetzung begreift. Die Autoren deuten die versuchte Übernahme des liberalen Modells in Osteuropa als einen Akt der 'Nachahmung', der letztlich zu einem Entfremdungsprozess geführt und Gefühle von Minderwertigkeit und Unzulänglichkeit hinterlassen habe. Hierzu hätten demographische Prozesse wie die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen ebenso beigetragen wie ökonomische Transformationsprozesse, Korruption und wachsende soziale Ungleichheit, aber auch der sogenannte Krieg gegen den Terror oder die globale Finanzkrise, durch die das westliche Modell massiv an Vertrauen eingebüßt habe." (Umschlagtext)

Wie viele andere in den Sozialen Medien auch hadere ich mit der Frage, was sich noch posten ließe - angesichts des Krieges in Europa. Weil ich an die Macht der Worte und der Sprache glaube und glauben möchte, entscheide ich mich, weiterhin Bücher zu posten wie bisher auch. Denn wenn die Waffen (hoffentlich bald) endlich schweigen, werden wir Worte brauchen!

Das Buch von Krastev und Holmes erschien bereits 2019 und bezieht sich auf den osteuropäischen Transformationsraum, der eben bis in die frühen 90er Jahre noch zum Warschauer Pakt gehörte. Das ergibt sicher keine eindimensionalen Antworten auf den Krieg in der Ukraine aber Kontext, wenn wir darüber sprechen, wie Europa (und auch Russland) aus dieser Zäsur herauskommen könnten.

(Übersetzung: Karin Schuler)

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